Matterhornflug

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Von Hans Kempf.

Wir werten das Dasein nach unseren Erlebnissen. Den einen dünkt das schon eine ausserordentliche Sache, wenn er ein paar Schritte abseits des gewohnten Weges geht. Der andere kann sich damit nicht abfinden und erklimmt Berge oder durchfährt die Lüfte. Auch bei mir stellte sich die alte Flugsehnsucht ein. Die Erfüllung meines Wunsches kam unverhofft. Pilot Cartier 1 ), einer der gewiegtesten Alpenflieger, sollte mich über das Hoch- l ) Max Cartier, Fliegerhauptmann, stürzte am 24. Januar 1928 bei einem Fluge zu Tode.

gebirge steuern; denn dahin ging mein Verlangen. Und zwar sollte mich der Flug demjenigen Berge entgegentragen, dessen Gestalt von allen Gipfeln der Alpen die Seele am tiefsten packt: das Matterhorn! Kaum ein anderer Berg gewinnt solche Macht über uns. Die düstere Dämonie umklammert uns mit ihren Fangarmen, ehe wir uns dessen versehen. Das hat noch jeder Alpinist erfahren, der in Zermatt dem Berge gegenüberstand. Ist es die seltsame Form, die uns derart fasziniert? Ist es die tragische Besteigungsgeschichte, die den Berg so rätselhaft erscheinen lässt und uns in Versuchung bringt, in das Geheimnis einzudringen? Wer mag es wissen? Wir fühlen nur, dass wir der magischen Kraft des Berges unterliegen, sei es in der Nähe oder in der Ferne; denn sie ist überall wirksam.

Das Gebirge hängte leichte Nebelflaggen aus, als wir nachmittags 3 1/2 Uhr von der Thunerallmend abflogen. Sollten sie sich verdichten, wäre der Flug nutzlos. Der Nebel ist ein allzu gefährlicher Irreführer des Fliegers. Wir hofften jedoch auf Lichtung in den höheren Lagen. Als wir beim Niesen ins Kandertal einbogen, flatterten die grauen Fetzen wild in der Luft herum, als wäre da oben grosser Wäschetag. Lange Strähnen umstrickten das Flugzeug, zerfaserten in den Flügelverstrebungen, rankten sich an den Berglehnen zu dünnen Girlanden. In rassiger Steigung überhöhten wir das Nebel-gestöber und gelangten in klare Regionen hinauf. Hier war die Lufthülle durchsichtig wie Glas, wie sie sich eben nur im Herbst oder in hellen Wintertagen zu solcher Klarheit kristallisiert. Gleichmässiger Stirnwind, von keinen widrigen Böen durchkreuzt, versprach guten Flug. Unermüdlich prusteten die Ventile. Um ihren Gleichtakt war der Scintillazünder treu besorgt, ebenso treu wie bei Mittelholzers Flug über die Meere, über Afrikas Savannen und Urwälder. Wir nahmen Richtung Gemmi. Alteis und Balmhorn, das wuchtige Zwillingsgebilde der westlichen Berner Alpen, kam in nahe Sicht. Über die hochgeschwungene, weisse Spitze des Dolden hornes glitten die Blicke zur Blümlisalp hinüber, wo sie mit der Abendsonne über den schmalgeschnittenen Firnengrat wandelten. Wildstrubel, Wildhorn und weiter westlich die Diablerets verflachten zu breitgewalzten Schneefeldern. Sie gemahnten an die Schilderungen Ledens über die Eiswüsten Kiwatins. Besonders die weitgedehnte Plaine morte. Diesen Eindruck der Verflachung hob ein anderes Gebilde schon in der nächsten Minute wieder auf. Herrlich gegliedert im Aufbau, zur Pyramide sich zuspitzend, ohne jegliche anlehnende Stütze, seiner bezwingenden Macht und Eigenheit bewusst, rief das Bietschhorn die Hoheit des Gebirges wieder ins Bewusstsein. Nun schossen wir ins Rhonetal hinaus. Einem grellen Blitzstrahle gleich zuckte die abendlichtbeglänzte Rhone im Zickzack talaus dem Genfersee entgegen. In jener Richtung verwehrten den Blicken das Weiterschweifen zwei himmelhohe Eisbastionen. Grand Combin und Mont Blanc waren es, an denen sich das westliche Berggewirre staute. Und in der östlichen Ferne: war 's die Bernina, war 's der Ortler, die dort das unabsehbare Gipfelgedränge überwuchteten? Zog das Unbestimmte die Augen immer wieder an und gab es ihnen verschwommene Rätsel auf: vor den Erscheinungen in der Nähe musste es jetzt aus dem Kreise der Betrachtung gänzlich verschwinden.

Die Riesen von Zermatt drängten sich gebieterisch vor, hatten wir doch Kurs zwischen den beiden gewaltigen Bergflanken des Nikolai- und Saasertales. Weder die Zermatter- noch die Gornergratbahn, noch irgendeine berühmte Gipfelschau vermögen uns das zu offenbaren, was wir im Flugzeuge bei einem Hochgebirgsfluge erleben. Ja, es sind erschütternde Vorgänge, welche die bewegte Seele bis ins Innerste aufwühlen. Wir fühlen, wie sich ein Wunder an uns vollzieht, da wir im Nu über die Gipfel dahinschweben, die wir einst in stundenlanger Mühe Schritt um Schritt erkämpften. Wir halten Rückschau in vergangene Besteigungstage. Gestalten von Freunden erscheinen, die unsere Gefährten waren und mit denen wir die Gefahren gemeinsam teilten. Hier haben wir in bangen Stunden eine steinschlaggefährdete Rinne gequert, dort die Zacken der Steigeisen in die Firnenrücken gedrückt, an abschüssigem Eishang Stufe um Stufe geschlagen, haben uns durch das Spaltengewirr zerrissener Gletscher getastet, zerbrechliche Schneebrücken begangen und, wenn es nicht anders ging, die Mäuler klaffender Schründe übersprungen. Wir sind an zerscharteten Felsrippen emporgeklettert und haben in zerklüfteten Wänden die Pfade nach den Gipfeln gesucht. Die Abenteuer blieben nicht aus. Waren sie überstanden, bewahrten wir die Erinnerung daran als unvergängliches Gut. Eilschnell ging mir das alles durch das Hirn. Die Raschheit des Fluges lernt rasches Schauen, rasches Erfassen der Dinge auf dem fortwährend sich drehenden Bilderbogen. So mussten sich die Augen sputen, wollten sie das, was sich zur Linken und zur Rechten zeigte, einigermassen lückenlos aufnehmen. Dem majestätischen Weisshorn war die Einleitung zu der grossen Schau vorbehalten. Gegenüber thronte die Mischabelgruppe mit dem Dom als Kulmination. Zwischen den schroffen Felsenhecken strahlten im weichen Nachmittagsglanze wundersame Firnengärten. Dann traten das bizarre Zinalrothorn, das zweigehörnte Gabelhorn und die steile Dent Blanche in den erhabenen Kreis der Zermatter Berggewaltigen, Monte Rosa und Lyskamm verbanden sich zu einer ungeheuren Masse von Eis und Schnee. Aber meine Gedanken waren in der Hauptsache doch auf die eine, markanteste Gestalt in diesem Gipfelringe gerichtet: das Matterhorn! Halb scheu, halb neugierig suchte ich nach dem wunderlichen Felsenphantom. Da erschien es plötzlich wie ein Gesicht zwischen dem Flügelgestänge. Die Spitze wuchs, stand frei in der Luft: ein ergreifendes Geschehnis! Ich hätte dem Motor Schweigen gebieten mögen. Seine sieghaften Fanfaren liessen sich jedoch nicht dämpfen, sie brausten ungeschwächt um das mächtige Berghaupt, das sich leicht vornüber neigte, als würde es den ehernen Weisen lauschen. Nach Jahrtausenden ungestörter Gipfeleinsamkeit, unterbrochen nur vom Dröhnen der Gewitter, hallte in seinen Wänden das Lied der Neuzeit. Aber es weckte kein freudiges Echo. Von tiefen Wetterwunden zernarbt, zerschartet von Blitzhieben, reckte es sich finster, abweisend, unheildrohend. Adlergleich umkreisten wir die ins Schreckhafte niederstürzenden Flühe. Ein Schauer rüttelte mich. Dann aber regte sich doch der menschliche Stolz, der gleiche Stolz, der den Bergsteiger beseelt, wenn er das ersehnte Ziel, den Gipfel, erreicht hat. Ich schaute mich um. In Sprungnähe, so schien es, bog der gefürchtete Zmuttgrat in den Gipfelnacken ein. Der schmale Schneescheitel lockte gleissnerisch. Der Pic Tyndall, der höchste Ruhepunkt in dem langen, beschwerlichen Aufstieg von Breuil her, liess die Manen der schicksalschweren Besteigungsgeschichte erscheinen. Auf dieser plattigen First stand Tyndall hoffnungsfroh, da er sich so nahe dem Ziele sah. Da kam ihm sein Landsmann Whimper von der Zermatterseite zuvor, wobei sich an der Schulter die furchtbare Katastrophe ereignete, die die endliche Besiegung des Gipfels so dunkel überschattete. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit jenen Ereignissen verstrichen. Über die Besteigungsschwierigkeiten der Berge haben sich die Ansichten geändert, die Kenntnisse ihrer Gefahren sind uns zu eigen geworden. Und dennoch hat das Matterhorn von seinem mystischen Nimbus auch heute noch nichts verloren. Noch heute zwingt es uns in seinen Bann. Noch heute löst es im menschlichen Herzen Staunen, Entsetzen, Bewunderung aus!

Schon warf das Matterhorn seinen Schatten in den Talgrund hinab, als Pilot Cartier zum Heimflug wendete. Wir hatten jetzt Rückenwind, schössen noch einmal so schnell dahin wie im Herfluge. Die ganze erhabene Gipfelgesellschaft stand Spalier, und der Motor sang stolz das Paradelied. Allmählich stieg das Licht von den Bergen herunter. Die Dunstschicht im Westen verdichtete sich, wurde zum wildbewegten Meere, dessen Schaum-kämme gierig über die sinkende Sonne herfielen, um sich mit dem Rest des Strahlengoldes zu schmücken. Nichts mehr war um uns als Himmel, als Nebelmeer, als ungeheure Öde des Raumes. Da verwirklichte sich in mir das Bild Hodlers « Blick in die Unendlichkeit ». Weit draussen auf der letzten Felsenspitze sah ich mich stehen, ringsum vom Nebel umbrandet, vor den Blicken eine endlos gedehnte Ferne. Dort lag das Land der Sehnsucht, das wir in besonderen Stunden still erschauen, es aber niemals erreichen, weil es vor unserem Näherkommen stets in neue Weiten zurückweicht.

Über dem Thunersee angekommen, senkte sich das Flugzeug in steilen Spiralen zur Tiefe. Dabei kam mir zum Bewusstsein, dass die Erde ein Kugelgefäss ist. Als ich über Bord schaute, verschob sich der Boden und alles was darauf stand himmelwärts, während die Berge in stürzender Schräge den Horizont überschnitten. Es vollzog sich der gleiche Vorgang wie bei einem schief gehaltenen Wasserglase, wo der Inhalt sich ganz auf die eine Seite legt. Wie muss erst dem Sturzflieger die Welt im Hirn herumkugeln bei seinen Luftpurzelbäumen! Ein bisschen bekam ich 's zu kosten, und dieses Bisschen genügte mir. Heil landeten wir auf der bereits eindämmernden Allmend.

Die Alpen waren schon in ihre weiten Schlafsäcke geschlüpft, nur die höchsten Häupter lugten noch heraus. Der Tag eines grossen Erlebnisses vollzog seine letzte Schwingung. Es begann zu dunkeln. In mir aber glomm ein wundersames Licht, das Licht, das ich in den fernen Höhen gesehen, und mitten darin stand ernst und einsam das Matterhorn!

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