Mauerläufer

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Von Willy Zeller.

Rauchschwarze Regenwolken hangen an den Wänden. Ekligkalt schleppen sie sich den Gräten nach, hocken breit auf der Firnkuppe und schlurfen schleichend über die Zacken. Leichenstille lastet auf dem Hüttchen, in dem uns der niederpatschende Schlackschnee den ganzen Tag festgehalten. Nun reisst im Westen eine schwefelgelbe Wolkennaht und lockt uns in den herben Abendwind. Stumm sitzen wir auf dem wackligen Bänklein, staunen in den Himmel und sinnen an Gewesenes und Kommendes. Da klatscht plötzlich ein nasser Lappen an die schussjähe Wand zur Rechten. Oder ist 's ein Vogel? Zuckend entfaltet sich ein Paar schiefertrüber Schwingen. Staunend gewahren wir ein herrliches Farbenspiel: Schwarz, weiss, blutend rot flackert es auf. Schattengleich huscht der Mauerläufer felsan, weiss nichts von Erdenschwere und Gebundenheit, geht nur stumm seinen ungewöhnlichen Jagdpfad und taucht wieder und wieder seinen schimmernden Ebenholzschnabel in die tiefen Ritzen, die kältestarre Insekten bergen. Und schon lässt er sich fallen, wirbelt in toller Vermessenheit durch den fauchenden Nachtwind, breitet blitzschnell die lodernden Schwingen und ist verschwunden.

Fürwahr, man braucht nicht leidenschaftlicher Zunftornithologe zu sein, um staunend ob des Mauerläufers Schönheit stille zu stehen. Wohl sind die trostlos nackten Felseinöden ganz besonders dazu geschaffen, seine leuchtende Farbenpracht zu heben. Mag sein, dass auch das in kurzen Intervallen wiederholte Aufleuchten der schwarz und roten, kreidigweiss betropften Schwingen sein Kleid adelt. Wer je den herrlichen Vogel in Sonnenglast oder Eisluft sah, wird seiner nie vergessen können.

Öde, am liebsten völlig vegetationslose Steilwände sind es, von denen das Vorkommen des Mauerläufers abhängt. Das stempelt ihn zum hochalpinen Vogel; doch nicht ausnahmslos. Wenn ich ihn an glühenden Mitt-sommertagen auch mehrfach über der Dreitausendergrenze traf ( Zermatter Breithorn bei 3200 m, Bernina bei 3300 m ), so zählen andererseits Brutvorkommen in erstaunlich tiefen Lagen zu den nicht allzu seltenen Erscheinungen. Aus früheren Jahren sind mir beispielsweise Brutplätze bekannt aus St. Maurice bei 500 m, oberhalb Brienz bei 650 m, aus der Viamala bei Thusis bei 800 m. Der vergangene Sommer bot mir Gelegenheit, in der Aareschlucht bei 650 m einem Mauerläuferpaar beim Füttern der Jungen lange zuzusehen. Das Nest lag in einer fast völlig senkrechten, grifflosen Wand an einer Stelle, wo ein scharfer Riss durch eine Abknickung zu einer kleinen Höhle erweitert war. Oftmals ist das Brutvorkommen übrigens auch vom Jura behauptet, doch meines Wissens nie einwandfrei festgestellt worden. Wenn schon sich aber tiefliegende Brutplätze feststellen lassen, so wird es sich, zumal bei solchen unter der Tausendergrenze, immer um Ausnahmen handeln.

Mauerläufer. Nach einer Zeichnung von W. Zeller.

Doch ist der Mauerläufer als hochalpiner Vogel mit rein insektlicher Nahrung zu weiten Wanderungen während des Winters gezwungen. Selbst in kürzer andauernden Schlechtwetterperioden steigt er herab, klettert an den rauhen Alphütten- und Kirchturmmauern herum und weist — auffällig genug — seine blutende Symphonie in Schwarz und Rot. Persönliche Sommer-beobachtungen* bei schlechtem Wetter oder vor Wettersturz haben ihn mir z.B. in Sertig, am Kirchturm von Latsch bei Bergün, am Grimselhospiz gezeigt. So ist der Vogel in einigen Tälern Graubündens direkt als « Schlechtwetter-zeiger » bekannt. Der Spätherbst treibt ihn an die voralpinen Steilabstürze, die bittern Winterstürme jagen ihn vom Schlossturm zur Stadtmauer und zum Kirchturm, bis ihn an frostklirrenden Januartagen erstaunte Städter in nächster Umgebung haben. Fast alljährlich werden z.B. Winterbeobachtungen aus Biel, Solothurn, Aarau gemeldet.

Es ist manchmal fast unbegreiflich, welche Wände der Mauerläufer angeht. Wenn für das menschliche Auge auch nicht die geringste Unebenheit sichtbar ist, so huscht er wie eine Maus daran empor, während ein ruckweises halbes Öffnen der Flügel die Zehenarbeit unterstützt. Der Anflug geschieht nach Art der Baumläufer, in deren Familie er ja auch gehört, immer unten; ein Abwärtsklettern ist für ihn aus physischen Gründen ausgeschlossen.

Sowohl Naumann ( Vögel Mitteleuropas, Bd. 2 ) wie auch Brehm ( Tierleben, Bd. 9 ) bezeichnen den Mauerläufer als reinen Felsenvogel, der nach ihrer Ansicht nie auf Bäume gehe. Doch haben seither sichere Beobachtungen zuverlässiger Ornithologen diese Auffassung korrigiert. Wenn auch nur ganz ausnahmeweise, so wird unser Vogel doch hie und da an Nadelbäumen, besonders rauhborkigen Lärchen beobachtet. Es mag mehr Zufallserscheinung sein, denn der erste Blick zeigt die Gewagtheit solchen Unterfangens: Im Felsengrau verschwimmt die mausfarbene Oberseite des Gefieders, das warme Rotbraun der Lärchenstämme unterstreicht sie. Weshalb nicht Tannen oder Arven als ausnahmsweiser Sitzplatz erkoren werden, liegt auf der Hand: Letztere bieten mit ihrem dichten Geäst bei weitem nicht dieselben Anflugs-möglichkeiten wie die Lärchen mit ihrem lichten Gefieder. Noch mehr: Schon einige Male habe ich den Mauerläufer in wilden Geröllhalden auf der Erde sitzen sehen. Die neueste diesbezügliche Beobachtung bei der Martinsmaadhütte ( 2007 m ) ob Elm war direkt frappant: Die deutlich sichtbare, aber unzugängliche Bruthöhle lag im Riss einer unter etwa 70 Grad abschiessenden Kalkwand. Von dort aus flog der Mauerläufer — es war während vier Stunden nur einer der Vögel sichtbar — stets etwa 100 m zu einer gegenüberliegenden, sanftgeneigten Matte, wo er, ein seltsamer Anblick, im Blumenteppich nach Insekten jagte. Zeitweise verschwand der Vogel völlig im üppig treibenden Grase. So erstaunlich und, wie es scheint, noch wenig bekannt solche Erscheinungen sind, so werden sie doch durch die Tatsache erhärtet, dass die Nester des Mauerläufers oft mit Haaren, meist solchen von Mäusen, ausgepolstert sind, die er doch wohl kaum an steilen Felswänden zusammensuchen dürfte. Der gewissenhafte Beobachter Alb. Hess berichtet sogar von einem im Juli 1915 bei Zermatt aufgeschreckten Mauerläufer, der ein Sandbad nahm. Der ausnahmsweise Anflug an Hochalpenbäume lässt sich vielleicht mit der Tatsache erklären, dass die Lieblingsjagdgebiete unseres Vogels nicht in der völlig vegetationslosen Bergeinöde liegen, sondern lieber dort, wo eine kahle Felswand aus lichtem Bergwald steigt. Die im Sommersonnenglast gleissenden Felsflanken locken Tausende von Insekten aus den umliegenden Baumgruppen zur Sonnenruhe und tragen so ungewollt den Nahrungs-bedürfnissen des Mauerläufers Rechnung. Speziell an so gelegenen Stellen kann man mit ziemlicher Aussicht auf Erfolg nach unserem Vogel Ausschau halten.

Das Nest, dessen Standort meist weit leichter zu erraten ist, als es selbst zu finden, da es fast ausnahmslos in auch für den raffinierten Kletterer unzugänglichen Wänden angelegt wird, ist auffällig gross und leicht gebaut und birgt in einer Hülle aus Moos, Samenwolle von Zwergweiden und feinen Fasern ein Bettchen aus Haaren. Ende Mai oder Anfang Juni liegen darin vier trübweisse, schwarzbraun überpunktete Eier. Über die Aufzucht der Jungen ist noch verhältnismässig wenig bekannt. Man muss schon recht viel Glück haben, eine ganze Familie beisammen zu sehen. Nach eigenen, allerdings nur spärlichen Beobachtungen werden die Kleinen auch dann noch geätzt, wenn sie schon recht flugtüchtig sind. Sie locken die Eltern mit hellen Pfeif-lauten, die etwas an den Ruf kleiner Kücken nach der verlorenen Mutter erinnern. Entsprechend der Lage der Brutorte reicht die Zeit nur zu einer Brut. Langandauernde Bergwinter verzögern sie oft beträchtlich, habe ich doch noch spät im August gefütterte Junge gesehen.

Eine eigenartige Tatsache gibt zu denken. Wintermeldungen über beobachtete Mauerläufer aus dem Voralpengebiet sind bei weitem nicht mehr so alltäglich wie noch vor einigen Jahren. Und dies trotz der zunehmenden Zahl tüchtiger Beobachter. Nimmt der Mauerläuferbestand ab? Die Gründe zu einer solchen Abnahme könnten sicher nicht in einer Überhandnahme seiner Feinde liegen, als die nur Falken und Sperber in Betracht kommen können. Wenn diesen herrlichen Raubrittergestalten in den Alpen auch nicht im selben sinnlosen Mass nachgestellt wird wie im Mittelland, so sind sie doch auch dort ihres Lebens nicht mehr sicher. So sollte man eher eine Zunahme des Mauerläufers erwarten. Oder bedingt die allmähliche Ausmerzung vorab der beiden genannten Raubvögel vielleicht doch, wie bei so manchen anderen Tieren, eine langsame Degeneration auch des Mauerläufers, da die kranken, nicht voll lebensfähigen Tiere nicht mehr im selben Masse der gefiederten Gesund-heitspolizei zum Opfer fallen wie ehedem? Wer weiss es! Seien wenigstens wir Bergbegeisterten uns der Verantwortung bewusst, die wir auch unseren gefiederten Bergkameraden gegenüber tragen, und suchen wir sie zu schützen vor der Schiesslust krankhaft veranlagter Vogelbalgästheten, soviel in unserer Macht liegt.

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