Mensch und Natur

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Paul Ulber, Zürich

Nach einem massig steilen Anstieg habe ich den sanftgewölbten Berggipfel erreicht. Die Herbstsonne strahlt milde von einem wolkenlosen Himmel. Ich lege den Rucksack beiseite und lasse mich am Felsgestein auf ein Rasenpolster nieder. In herbstlicher Stille neigt der Mensch zur Besinnlichkeit.

Ohne Absicht tasten meine Finger nach einem Stein. Ich lasse ihn spielerisch von einer Hand in die andere gleiten. Seine einstmals scharfen Kanten sind von Wind und Wetter rundgeschliffen. Ich betrachte ihn von allen Seiten, und plötzlich ist mir, als ob mir aus ihm Gedanken entgegen-strömten. Ich schaue weit in die Runde. Alles, was mein Blick erfasst, das Gesicht unseres geliebten Alpenlandes, ist ein Reich der Steine und Kristalle - das Mineralreich. Tief in Gedanken versunken, lasse ich eine Hand voll schwarzer Erde durch die Finger rieseln. Dann lege ich den Stein beiseite, dessen Entstehungsprozess in weltferne Zeiten zurückweist.

Ich breche einen Grashalm zu meinen Füssen und drehe ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Durch ihn spricht sich mir die ganze Pflanzenwelt aus. Hier werden physische Stoffe durch bildende Kräfte ins Reich des Lebendigen emporgehoben. Um Klarheit zu erlangen, stelle ich mir ein Samenkorn vor, dem man ein zweites, ein aus Plastik oder Kunststoff nachgeformtes, zum Verwechseln ähnliches, hinzufügt, so dass man das echte vom künstlichen nicht mehr unterscheiden kann. Senkt man beide in die Erde, so wird doch nur das eine davon aufgehen, Blüten und Früchte treiben. Und diese lebenspendende Kraft, die im Samenkorn veranlagt ist und es keimen und wachsen lässt, unterscheidet die Pflanze vom leblosen Mineral. Zu dem Zeitpunkt, wo das Leben die Pflanze verlässt und nur noch anorganische Kräfte auf sie wirken, zerfällt sie. Zum ersten Male in meinem Leben erscheint mir ein einfacher Grashalm, der noch immer zwischen meinen Fingern ruht, wie ein Wunder. Und ein neues Bild steht plötzlich vor meinem geistigen Auge: die Tierwelt. Wie oft schon habe ich aus sicherem Versteck das drollige Spiel junger Gemsen beobachtet, in dem jede Bewegung die reinste Lebensfreude zum Ausdruck brachte. Ja, das ist es, was das Tier über die Pflanze erhebt: ein Leben voller Empfindungen, ein Seelenleben, auf einer zwar niederen, dunklen BewusstseinsstufeGemeint sind hier alle höher entwickelten Tierarten, da die niederen Tiere, Einzeller und andere, ein noch pflanzenähnliches Dasein führen. ) Diesen drei Reichen der Natur gegenüber steht nun der Mensch, der zu all dem, was das Tier schon besitzt, ein Ich sein eigen nennen kann, einen Geistträger, und der damit nicht nur ein Bewusstsein hat, sondern ein Ich-Bewusstsein. Der ichbewusste Menschengeist macht sich das Mineralreich, das Pflanzenreich und das Tierreich un-tertan. Könnte das nicht zur Überheblichkeit führen, ihn mit Geringschätzung auf die drei Reiche der Natur herabblicken lassen? Dieser Gefahr jedoch wirken viele Erscheinungen der Natur entgegen. Schon die Tatsache allein, dass die drei Naturreiche durch eine Gesetzmässigkeit in schönster Harmonie miteinander verbunden sind, muss uns nachdenklich stimmen. Und wenn wir erst tiefer in die Natur eindringen, werden uns Erkenntnisse zuteil, die uns beglücken und zugleich bescheiden werden lassen. Die Bienen z.B. oder auch die Ameisen sind in Ausführung ihrer Tätigkeit so weisheitsvoll organisiert, wie es kein von Menschengeist geschaffenes Staatsgebilde sein könnte. Da nun aber das Tier kein Ich-Bewusst-sein besitzt, weder Gedanken entwickeln noch kombinieren kann, müssen es göttliche Kräfte sein, die Weisheit ins Naturreich hineinstrahlen.

Wieder nehme ich den Stein auf, den ich am Anfang meiner Betrachtungen in den Händen hielt. Steht das Stoffliche meines Körpers nicht in Verwandtschaft, in einer Wesensgleichheit mit ihm und der ganzen MineralweltUnd die Gräser zu meinen Füssen, die durch eine pulsierende Lebenskraft ihre Form erhalten haben? Ist es nicht dieselbe Kraft, die auch den Menschen durchpulst, die das Blut durch die Adern zirkulieren lässt und ein ständig sich um- und neubilden-des Lebensgewebe schafftUnd wie wir Menschen, so haben auch die Tiere eine Seele, ein Empfindungsvermögen, leben Triebe aus, empfinden Freude und Leid. Der Unterschied liegt lediglich in ihrer Beschaffenheit. Die menschliche Seele ist vom Ich-Bewusstsein durchdrungen und befindet sich in der Entwicklung zur Be-wusstseinsseele.

Der Mensch ist also unmittelbar mit den Reichen der Natur verwandt. Den Mineralien gleich, hat er seinen Leib aus Stoffen der Natur, den Pflanzen ähnlich wächst er und pflanzt er sich fort, und den Tieren gleich nimmt er die Gegenstände der Aussenwelt wahr, die auf Grund ihrer Eindrücke innerliches Empfinden hervorrufen.

Wenn wir nun diese Erkenntnisse in uns wirken lassen, werden wir die Natur wirklich lieben können; den Menschen werden wir achten und den ordnenden, übersinnlichen Mächten, die mit Weisheit die Geschehnisse der Natur lenken, tiefste Ehrfurcht entgegenbringen. Es wird uns ein Bedürfnis sein, schützend die Hand zu erheben über die Reiche der Natur, die ja unmittelbar zu uns gehören, denn wir tragen sie lebendig in uns.

Fast habe ich vergessen, dass ich auf einem Berggipfel der Voralpen sitze. Zwei Wanderer kommen auf schmalem Wege unterhalb des Gipfels vorbei. Sie winken herauf und wenden sich talwärts. Ich habe Zeit, wende mich der Sonne zu und tauche erneut in die Flut der Gedanken. Wie ist es nun aber mit der Natur als GanzemWie kommt es, dass dem Menschen beim Erleben der Natur in ihrer Gesamtheit neue Kräfte zufliessenWie ist es möglich, dass ein seelisch Kranker inmitten der Natur gesunden kannUm darauf eine befriedigende Antwort zu finden, ist es nötig, die Taten der Natur mit den Taten der Menschen zu vergleichen, die, beide miteinander vereint, dem Weltgeschehen Form und Inhalt geben. Da den Taten der Menschen ein moralisches Empfinden vorausgeht, unterliegen sie dem Einfluss von Gut und Böse. Bei der Natur jedoch muss eine moralische Welt ausgeschlossen werden. Es geschieht alles unter dem Gesetz der Notwendigkeit und deshalb jenseits von Gut und Böse. Wenn sich nun der Mensch in die Werke der Natur vertieft, findet er Harmonie, Unantastbarkeit, Objektivität, und vielleicht spürt er sogar einen Hauch von der Allgegenwart Gottes. Und das ist es, was die menschliche Seele beruhigt, erfrischt und mit neuen Kräften versieht.

Dem Naturgeschehen steht nun der Mensch gegenüber. Er begnügt sich aber nicht mit dem Anschauen allein. Er versucht mit Hilfe seiner Denkkraft die Gesetze der Natur zu erforschen und ins Ursprüngliche vorzustossen: ein Weg vom Sein zur Idee. Ein geradezu klassisches Beispiel dafür gibt uns Goethe mit seiner Meta-morphosenlehre. Er findet durch seine Denkkraft von all den vielen Pflanzenarten zum Mutterwesen, der Urpflanze, also von der Sin-neserscheinung zur Idee. Und diese Tat des Menschen entspricht der Würde seines Menschseins. Darum ist es unsere Pflicht, die geistigen Anlagen, die uns gegeben sind, zu entwickeln, um ins Ideelle vorzustossen, das der Sinnes-wahrnehmung zugrunde liegt. Dann erst werden wir die äusseren Erscheinungen der Natur ganz verstehen.

Ein kühler Wind weht vom Hochgebirge her. Es wird Zeit für mich; denn die Sonne neigt sich schon dem Horizonte zu. Frohgestimmt steige ich mit beschwingten Schritten talwärts und glücklich über die reiche Erkenntnis, die mir an diesem sonnigenHerbsttage zuteil geworden ist.

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