Mischabel: die Kamm-Route

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Pierre Vittoz, Yaounde ( Kamerun )

Die Piste breitet ihr rotes Band vor die Räder des Wagens. Gegen die Regenfluten ist ihre Oberfläche mit Laterit-Erde gepanzert und wirkt wie der Rücken einer Schlange. Das Fahren bietet keine Schwierigkeiten; Fahrrillen sind selten und die Schlammfurchen von weitem sichtbar. Aber man fährt und fährt und hat doch das Gefühl, nicht vorwärts zu kommen. Der gewaltige Tropenwald bildet zwei grüne Mauern, die uns einschliessen. Man fühlt sich bedrückt, beengt von der Grosse dieser Kapokbäume, der Üppigkeit dieser tausendästigen Schirmakazien. Jeden Augenblick, bei jeder Biegung hemmt die Masse der Blätter, des Unterholzes, der riesigen Stämme den Blick, sperrt den Durchgang, ausser längs des Strasseneinschnittes.

Der Blick war begrenzt durch enorme, verwitterte Wände; der Boden war von ihren Trümmern übersät. Sie behinderten den Marsch nicht, ja sie bildeten geradezu einen Kiesweg über das Eis, wo wir sorglos, die Nase in der Luft, voranschritten. Doch schien es uns, wir seien eingeschlossen in einen steinernen Wald. Schon weiter unten hatten wir den Wuchs der Felsen, die Knospen aus Schiefer, das Spriessen aus Gneis bestaunt; es war, als hätte das Gestein pflanzliches Leben bekommen oder als übernähme das sonst ruhende Reich der Mineralien eine aktive Rolle in der Schöpfung. Und jetzt marschierten wir den trostlosen, schmutzigen Wänden auf der Westseite des Alphubels entlang. Welch vielgestaltiges Gebirge, dieser Alphubel! Schon lange war uns der schimmernde Skihang oberhalb Saas bekannt. Noch vorgestern hatten wir die herrliche Wanderung über seine Schneegrate genossen. Und heute nun entdeckten wir die Kehrseite, den missratenen, schmählichen Teil, den verrufenen Vetter, von dem man in der guten Gesellschaft nicht gerne spricht. Vor uns traf der Blick auf ein anderes Hindernis: den Teufelsgrat. Zwar hatten wir vorgehabt, die Zinne dieses berühmten Grates zu beschreiten; aber das hier ist ja eine gräuliche, pestfleckige, verschmutzte Gefängniswand. Nein danke! Wenn der Teufel nicht reizender aussähe, wäre er gewiss nicht sehr gefährlich!

Strahlender Himmel über uns; um so schroffer war der Gegensatz zwischen diesen Bergtrümmern und unserer Stimmung. Wir waren in den Ferien. Eine Woche lang hatten wir zu tun gehabt mit Kletter- und Rettungsdemonstrationen in der Umgebung der Täschhütte, hatten die Grate des Rimpfischhorns und der Nachbarberge durchmessen mit Anfängern zusammen, deren Schritt sicherer und deren Mut tapferer zu machen unsere Aufgabe war. Heute früh stiegen mit unseren Schülern unsere Sorgen zu Tal, und wir fünf Bergvagabunden strebten leichten Sinnes anderen Gipfeln entgegen. Ein paar Geröllhaufen würden mit ihrem Anblick unsere Freude sicherlich nicht trüben.

Angenehme Überraschung: Zum erstenmal dehnt sich der Blick über mehrere hundert Meter. Wir befinden uns auf einer Anhöhe, und der lichte Baumbestand lässt den Wald sehen. Seit einiger Zeit ist die Strasse weniger schlammig. Wir nähern uns der Savanne. Dann und wann lichtet sich der Wald schon etwas; man fühlt sich nicht mehr beklommen vor den wie zu Battaillonen aufgeschlossenen Bäumen; jeder steht jetzt vielmehr für sich, kann sich entfalten und seine Ausgewogenheit zeigen. Dieses üppige Blätterkleid gehört dem Mangobaum; jene Schwingerarme sind die Äste des Iroko, eines der härtesten Hölzer; Palmenfächer lassen erraten, dass im Grase sich Hütten ducken. Wir fühlen uns gewissermassen befreit. Wer das ganze Jahr von der schwülen Feuchtigkeit der Wälder eingehüllt ist wie wir, der empfindet jedesmal den Augenblick herrlich, wenn er die Savanne erreicht, die freie Luft, die Weite.

Aus unserem Steinkerker waren wir über einige Platten herausgetreten und fanden uns unvermittelt in einer Gletscherschlucht.Auf immer noch festem Schnee schlenderten wir zwischen den Spalten umher und kosteten die Veränderung aus: Statt einer verwitterten Wand präsentierte uns der Alphubel nun eine Eiskaskade, die in der Mittagssonne glitzerte. Die Prunkstrasse des Gletschers führte in sanfter Steigung zum Triumphbogen des Mischabeljochs. Unser Marschrhythmus klang aus in einen Spaziergang, der um so gemächlicher war, als wir ja die letzten Schritte des heutigen Tages taten.

Zwanzig Meter über dem Pass erwartete uns das Biwak, eine einförmige Aluminiumbude, die durch dünne Krampen und eine Leiter auf einem Steinbett festgehalten wurde. Ich glaubte das schon einmal gesehen zu haben... im Schimmer der gleichen Sonne... Die Assoziation verdichtete sich: sagenhafte Photos, welche die Astronauten geknipst hatten von der Mond-fähre, wie sie hoch auf ihren im Boden des Meeres der Stürme steckenden Metallbeinen hockte. Hier war allerdings der Standort viel schöner, gelehnt an den gelben und roten Fels, gegenüber den bläulichen Eistürmen und den reinen Linien der grossen Gipfel. Eingebettet im Halbkreis des Passes, schimmerten die Feegletscher, und die Bäche blinkten uns zu mit ihren beweglichen Spiegeln.

« Niemand? » « Nein; Platz genug. » « Nimm die Büchse. Komm, wir suchen Wasser in den Felsen. » Die Sonne und die Dunstschleier wärmten uns die Haut und luden zum Sonnenbad ein, und bald war einer von uns nur noch mit Schuhen bekleidet. Der Nachmittag verging mit Herumliegen, Haselnüsse Knacken und mit ein-silbigem Austauschen von Erinnerungen und Plänen, die mit den Graten zusammenhingen, welche unsere Blicke liebkosten. Seltsame Ferien, aus der Feuchtigkeit des Äquators hier alte Freunde zu treffen und mit ihnen auf viertausend Meter herumzustrolchen!

Die Biwakschachtel war eines der Ziele des Ausflugs, und sie wurde nach allen Gesichtspunkten betrachtet. Trotz ihrem abgerundeten Aluminium und den undurchsichtigen Fenstern entzückte uns das Innere: Mit ihrem Tisch und den Hockern, ihren acht Schlaflagern und den neuen Decken war sie eher eine kleine Hütte als ein Biwak. Wir nahmen sie in Beschlag mit einer Begeisterung, die mich an die Zeiten der Lauben und Baumhütten meiner Kindheit erinnerte. Nicht einmal die paar Utensilien und das Pfännchen für unser Rechaud fehlten, um unser kleines Traum-Nachtessen zu vervollkommnen.

Ein Motorengeräusch wurde hörbar aus Richtung Zermatt und wuchs in kürzester Zeit zu einem Helikoptergetöse an. Die Maschine landete auf den fünf ebenen Quadratmetern des Passes, und ein Führer sprang heraus:

« Wer seid ihr? Und woher kommt ihr fünf? » « Von unten, von der Täschhülte. Und wir sind Waadtländer... » « Habt ihr drei Zürcher gesehen? » « Nein, aber im Hüttenbuch haben sich drei Mann eingetragen. » « Da haben wir 's. Sie haben also vorgestern früh das Biwak verlassen und wollten das Täschhorn überqueren. » Augenblicke später stieg die Alouette dem grossen Grat entlang hoch, verschwand hinter einem Ausläufer, sank in einem Couloir gegen Saas Fee hinunter, verlor sich im Dunst, folgte einem Bergschrund, in den eine Spur führte, stieg wieder zum Dom der Mischabel auf, kehrte zurück, tauchte zur Täschalp hinab, kam noch einmal wieder. Und die ganze Zeit tönte das schwere Tak-tak der Maschine und das Schnattern ihres Propellers. Der packende Bericht von Young kam mir in den Sinn, der während zehn Stunden die Flügel des Todes um seine Mannschaft schwirren fühlte in der Südflanke des Täschhorns. Wo mochte die Seilschaft sein, die seit drei Schönwettertagen auf einer klassischen Route verschollen war; in welchem dieser endlosen, zerklüfteten Gebirgshänge lag sie zerschmettert?

Als die Nacht anbrach, zerstreute sich die Niedergeschlagenheit, die das Erscheinen des Helikopters und die Seilschaft in Bergnot verursacht hatten, mit einem Schlag: Vier fröhliche Kerle aus Bulle hielten ihren Einzug im Biwak, das sofort viel kleiner schien. In einem Anfall von Höflichkeit hatte unser Rechaud ihnen bereits Tee heiss gemacht, was uns übrigens im Austausch diverse zur Verbesserung des Tees und der Stimmung geeignete aromatische Wässerlein einbrachte.

Die Strasse hat die offene Ebene verlassen und bohrt sich ins Dickicht. Das Auto holpert auf tonigem Boden abwärts. Auf einmal werden die Bäume zahlreicher, und die Luft ist schwer von feuchten, erdigen, süsslichen Gerüchen. Wir kommen in eine der typischen Wald-schJüfte der Savanne, wo sich der Fluss aus den wuchernden Pflanzen, die er nährt, einen beidseitigen Wall bildet. Und da ist auch der Fluss; i io er schenkt uns nun einen Augenblick der Ruhe und unterbricht die Strassenreise.Vorsichtig fahre ich den Wagen über Planken, die stärker schwanken als die Leiter des Mischabelbiwaks, auf die Fähre. Und dann überlassen wir uns, gemütlich auf den Balken sitzend, die als Reling dienen, ganz der Geschicklichkeit der Fährleute. Langsam gleitet die Fähre an ihrem Drahtseil und entfernt sich vom Ufer. Der Urwald ist so dicht und einförmig, dass er wirkt wie zwei Staumauern aus Laub, die das Wasser einfassen und halten. Man kommt sich vor wie eine Ameise auf einem von einem Mähder geschnittenen Weg zwischen zwei riesigen Gras-mahden. Nach den Stössen und dem Blechlärm auf der Strasse ist es ein Genuss, sich von dem ruhigen Wasser tragen zu lassen, auf der kaum bewegten, kaum durch unsere Überfahrt erregten Fläche hinzugleiten.

Wir dösten noch, während die Freiburger schon auf den Nebel schimpften, frühstückten, sich ausrüsteten, über den während der Nacht gefallenen Schnee fluchten, das Täschhorn aufgaben und unverrichteterdinge gegen Saas Fee abstiegen. Ich hatte gerade noch Zeit, sie zu überreden, unseren Spuren Richtung Alphubel zu folgen.

Uns andere sah die Stunde der Komödianten und Taugenichtse die Aluminiumtreppe heruntersteigen und uns in der Sonne räkeln. Ein Morgen wie im Theater, während der Reif schmolz und der Nebel sich teilte mit jener sicheren, wohlberechneten Langsamkeit, mit welcher die klassischsten Vorhänge aufgehen. Wie die Scheinwerfer der Rampe und der oberen Beleuchtungskästen warf die Sonne über die Felskuben ein grelles, irreales Licht. Berger, Favre und mein Sohn reichten sich die Enden eines Seils; sie vertrauten darauf, dass ihre Jugend und ihre Kniekehlen die Langsamkeit einer Dreierseilschaft kompensieren würden. Rasch entführte ich Gardiol in die ersten Aufschwünge des Mischabelgrates, um wenigstens einen leichten Vorsprung zu haben.

Der Südostgrat des Täschhorns bietet keine Klettertour im modernen Sinn; er ist vielmehr eine zyklopische Strasse von unvergleichlicher Grossartigkeit, wo Auge und Geist, frei von Wegschwierigkeiten, nach Belieben die Berge einzeln bestimmen und die Abgründe überfliegen können. Rechts breitet sich die Ostflanke der Mischabel aus, die in einem einzigen Aufschwung von Saas Fee aus über Böschungen, Moränen, Gletscherzungen, Eisbrüche, Firne und Rinnen bis zur Gipfelreihe von Täschhorn, Dom und Lenzspitze ansteigt; der Hang ist eindrücklich wegen seiner Gleichmässigkeit und seiner himalajischen Ausmasse, aber er reizt einen nicht, seine labilen Schneefelder und seine brüchigen Felsen zu begehen. Links ist, noch abweisender, der Abgrund der Südflanke mit ihrem schwärzlichen, verschachtelten Fels, beherrscht von dem ungeheuren Gipfelkubus. Wie nur haben die Brüder Lochmatter 1906 schon und ohne Haken es wagen können, diese vertikale Masse zu besteigen? In ihrer Bescheidenheit äusserten sie nur, man könne unmöglich schwierigere Felsen bezwingen. Kaum zu glauben, dass sie eines Schneetages lebend zurückgekommen sind. Aber dass sie überhaupt die Kühnheit hatten, es zu versuchen...

Der Schnee auf den Steinen schien bei unserem Näherkommen zu schmelzen; er behinderte uns gar nicht. Auch die Schneepassagen waren gutartig, und ich zog meine Spur mühelos sowohl auf der Krete als auch in der linken Flanke, welche die Sonne noch nicht aufgeweicht hatte. War das wirklich der gleiche Grat, auf dem ich in einem schlechten Sommer sieben Stunden lang von Sims zu Sims gekrochen war? Heute gab uns der Berg die Ehre mit seinem Garten und seinem Wachtturm. Wir konnten überall durchgehen, alles besichtigen. Und unsere Blicke tauchten nach links in die Verliese der Südflanke, tauchten nach rechts dreitausend Meter tief bis in die Gräben von Saas Grund - aus Freude am Sehen, aus Lust auch, die Luft zu durchdringen; denn die Luft war wahrnehmbar, verstofflicht durch einen m feinen Dunst, welcher dem Licht einen Leib verlieh.

Ndikinimeki ist nicht irgendein Dorf in Kamerun. Es besitzt eine Tankstelle, und sein Gasthaus hat einen Kühlschrank. Zwei Gründe für eine Haltepause. Ein Genuss, die Beine aus dem Wagen zu strecken und ihre Muskeln spielen zu lassen. Köstlich, etwas Flüssiges zwischen den Lippen zu fühlen, wo der rote Savannenstaub haftet. Das Dorf ist nicht arm, aber hässlich und ohne Charakter. Die Strasse verbindet es mit den Städten, wo seine Bananen und sein Kakao Absatz finden. Aber die Verbindung ist zum Zentrum geworden. Die Hütten, aus Abfallholz verfertigt, reihen sich an dem staubigen Band der Strasse auf. Die Männer streiten um den Preis eines Taxis. Frauen tragen Maniok und Jams in Emailschüsseln. Kinder rollen einen alten Pneu vor sich her. Der Tankwart bewegt mit lächeln-der Energie den altertümlichen Hebel seiner Benzinsäule. Wir tauschen verwunderte Blicke mit zwei Buben - sie auf unsere Strassenkarte schielend, wir rätselratend, wie sie es fertigbrachten, ein Velo ganz aus Holz zu basteln.

Der Gipfel bestand aus einer scharfen Schnee-krete; sie schien zwei Welten zu trennen: jene der Morgensonne, der erwärmten Felsen, der Sanftheit von Saas — und die Welt des Schattens, des Eises, der Herbheit von Randa. Wir hatten die besten Plätze besetzt und liessen die Beine in der Sonne baumeln. Favre trieb die Ferienlagermen-talität auf die Spitze, indem er uns einen dampfenden Kaffee braute, während ich Erinnerungen aufwärmte an eine Blitztour über das Weissmies-Lagginhorn—Fletschhorn-Massiv. Doch während unserer ganzen Siesta wurden unterhalb unseres Platzes Köpfe von struppigen Wilden sichtbar: durchfrorene Seilschaften, auf dem normalen Weg in Schatten und Eis aufgestiegen, die sich auf dem Gipfel ernsthaft die Hände schüttelten, einen Blick über die schmale Kante warfen, den Abgrund von Saas Grund sowie unsere abgründige 1 Mischabelgruppe, von der Weisshornhütte aus gesehen. Im Hintergrund links: Nadelhorn und Lenzspitze; weiter vorne: Dom und Täschhorn Sorglosigkeit zur Kenntnis nahmen und wieder im frostigen Abstieg verschwanden.

Statt ihnen zu folgen, steuerten wir dem Dom zu. Ich trottete los Richtung Domjoch, überzeugt, nur einige Minuten Kiesweg vor mir zu haben. Doch zu meiner Überraschung und Freude verengte sich der Grat bald und präsentierte eine Reihe kleiner Steinplatten: Gleichgewichtsübung im Spiel zwischen den auf die schiefe Fläche gestemmten Sohlen und den an den Plattenrand geklammerten Händen. Beim Umgehen eines Gendarms war sogar ein Spreizschritt über eine Rutschbahn in der Ostflanke nötig. Kurze Schneepassagen und Simsquerun-gen erhöhten den Reiz dieses Abschnittes und stellten in diesem an Klettermöglichkeiten armen Massiv eine Überraschung dar.

Das Domjoch entsprach noch mehr unserem Geschmack: Es ist ein dreissig Meter langer Eisdamm, welcher die zwei Berge verbindet. Sein Rücken und die nach rechts geneigte Fläche waren von der Sonne zerfressen; ich wählte die linke Seite. Zuerst ein paar Riesenschritte auf im Schnee eingelassenen Steinen; dann mit dem Pickel gehauene Stufen wie in Glas; endlich eingeritzte Kerben für die Hände und ein Kraftstück, um mit einem Hüftschwung auf einen sanfteren Schneerücken zu gelangen.

Der Schnee war nun klebrig und schwer. Es hiess aufpassen, dass nicht plötzlich eine Seite der Krete unter unserem Gewicht abbrach, und so bewegten wir uns einer nach dem anderen rittlings über den Grat. Hier konnte man erstmals auf unserer Tour frische Spuren von Füssen und Knien erkennen. War es die Zürcher Seilschaft? Wahrscheinlich. Also, wenn sie hier durchgekommen waren, so hatten sie es sicher überstanden, und man suchte sie irrtümlicherweise.

Wagen und Menschen haben neue Energie, und wir sind wieder auf der Piste. Kaum hat man die Pflanzungen verlassen, glaubt man durch den Himmel zu fahren. Um den Morast zur Regenzeit zu vermeiden, folgt die Piste stets den Berg- kreten, den erhöhten Flächen, den Kuppen. Aus diesem Grunde nennt man sie Kamm-Route. Ringsum erstrecken sich unter uns Ebenen mit hohem Gras und kümmerlichen Bäumen, soweit das Auge reicht. Junge Leute haben ein Buschfeuer angezündet. Die Flammen breiten sich nach allen Seiten und erzeugen einen gelbroten Rauch, während das Elefantengras knattert wie Gewehrschüsse. Die jungen Leute springen selbst wie die Flammen; sie freuen sich wie Kinder an dem Feuer und daran, mit Steinen nach einem Hasen zu werfen, den der Brand aufgescheucht hat. Staubiger Dunst hängt über dem ausgetrockneten Land. Endlos ist die Strasse. Dies sind die glühenden Stunden, in denen man die Grosse Afrikas körperlich zu spüren glaubt. In der Hitze verschwimmen die seltenen Konturen. Aus der Ferne erkennt man nicht, was Hügel, was Rauch, Wolke oder Spiegelung ist. Man folgt der Piste, das Auge offen, das Hirn fast berauscht von Weite - den Mund jedoch verschlossen über dem Durst, der Leib eingeschrumpft im heissen Staub, die Erinnerung gefangen in ihren Träumen.

Meine Erinnerungen an die Besteigung des Dom sind undeutlich. Der aufgeweichte Schnee, der morsche und problemlose Fels boten nichts Bemerkenswertes. Ich bekam Durst und begann nach Wassergerinnseln auszuschauen; doch das war illusorisch. Die Hitze war so intensiv wie das Licht, und in den Tiefen rauschten ohne Unterlass die Schmelzwasser über Felsen und altes Eis. Ein rotgelber Schönwetterdunst war bis zu uns heraufgestiegen. Er verbarg die Abgünde zur Linken und zur Rechten, und wir fanden uns allein mit den rissigen Buckeln des Berges. Wir warteten auf unsere drei Gefährten; sie sollten diese Einsamkeit aufheben. Von Zeit zu Zeit erschien zwischen den Dunstschwaden eine wilde Pyramide, wie sie keine Photo je zeigt: das Täschhorn mit der Eisschramme seiner Nordflanke, eingerahmt von der Abdachung des Teufelsgrates und dem Abschnitt, über den wir eben abgestiegen waren.

Mischabel, vom Weisshorn-Nordgrat aus: Dom, Täschhorn, Alphubel und Rimpfischhorn.

Photo: Kinette Hurni, Lausanne Um Kraft zu sparen und die Gratwanderung, die sich dem Ende näherte, zu verlängern, bewegten wir uns einer nach dem andern durch den bröckelnden Fels. Ich spürte die Müdigkeit einer Kurswoche. Aber auch das dunstgefilterte Sonnenlicht, die Unendlichkeit des Horizontes, wo selbst das Matterhorn und das Weisshorn klein wurden, die Freude, in dieses Zentralwallis zurückgekehrt zu sein nach so vielen Sommern, das alles liess Träume wach werden in mir, die schwebten zwischen Bergen, Freunden, Jahren und Kontinenten.

Aber die Bergsteigerei besteht weniger aus Erinnerungen als aus Plänen. Ans Gipfelkreuz des Dom gelehnt, warteten wir, bis ein weiterer Kaffee warm wurde; einer Französin und ihrem Führer schenkten wir gerade nur so viel Aufmerksamkeit, um zu vernehmen, dass die Zürcher, die drei Tage gebraucht hatten, um das Gebirge zu überqueren, endlich wieder aufgetaucht waren - und schon wendeten sich unsere Blicke zum Weisshorn und seiner ungeheuren weissen Flanke:

« Man sieht die beiden Bänder, welche den Ostgrat schneiden. Das untere führt direkt zum Fuss der Wand. » « Der grosse Schneevorsprung ist ganz hässlich der Sonne ausgesetzt. Man müsste wohl sehr früh dort sein. » « Letztes Jahr soll die Spitze der Eisbrüche stark nach rechts gewichen sein. » « Wir werden brüllen vor Freude wenn wir auf den Gipfelhängen herumstolpern! » Der Geist war vorausgeeilt; der Leib hatte nur noch zu folgen, den Rucksack umzuhängen, über den pulverigen Schnee des Dom zu Tale zu streben, das kleine Festijoch zu überschreiten, auf dem schmutzigen Eis zu gleiten, die Moränen und den Domhüttenweg hinter sich zu bringen, literweise Bouillon zu schlürfen, hinabzutauchen in die felsigen Hänge, die Weiden, die Lärchen, bis zum Wildbach und einen neuen Traum unserer unersättlichen Leidenschaft zu verfolgen.

Eine klassische Überschreitung Eine Wanderung ohne Entdeckungen und Gefahren. Es ist die em deutsch Art Besteigung, von der man nicht spricht, von der man keine Photos bewahrt - denn die Weite ist kein Gesprächsthema, die Unendlichkeit ergibt keine Photo. Menschen des Hochgebirges und der Wüste haben es schwer mitzuteilen, was sie erleben; denn ihr Alltag ist durchwoben von Unendlichkeit, von Ewigkeit. Ja selbst ihr Leib hat sich dem Verlangen ihrer Träume unterwerfen, sich Entbehrungen aussetzen, sich abhärten müssen.

Der Tag zieht sich hin. Der Weg wird auch morgen noch lang sein; aber jeder Tag hat genug von seiner eigenen Sonne, seinem eigenen Staub. Lass uns bei der nächsten Siedlung haltmachen und die Gastfreundschaft eines unbekannten Kollegen in Anspruch nehmen, der dort der Diener aller ist. Unsere Leiber werden Dusche und Bett bekommen; wir werden plaudern können von unserer gemeinsamen Liebe zu Afrika und seinen Bewohnern; wir werden schweigen können, und keiner wird sich gedrängt fühlen, die Gesprächspausen auszufüllen, und im Schweigen wird durchschimmern, dass wir die Einsamkeit kennen, dass wir die Ferne, die Bewegung und die Freiheit schätzen.

Übersetzung W. Derungs

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