Mit Ski im Ponteglias-Tödi-Gebiet

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Mit 4 Bildern. Von Toni E. Müller.

Zur Zeit der Gründung des Schweizer Alpenclubs besass dieses Gebiet einen guten Namen in Bergsteigerkreisen, allen war es bekannt und wurde von verschiedenen Alpinisten und Gelehrten kreuz und quer durchforscht. Leider hat das Interesse an diesem Gebiet stark nachgelassen, zu Unrecht, denn diese Berge bieten infolge ihrer Eigenart — bedingt durch die komplizierten geologischen Verhältnisse — sehr viele und abwechslungsreiche Turenmöglichkeiten vom Einfachsten bis zum Schwierigsten.

Ich wollte nun dieses Gebiet auch von der Seite des Skifahrers kennen lernen, ebenfalls den Tödi von dieser Seite anpacken und hoffte, dabei der an Ostern alle Skigebiete überschwemmenden Menschenflut auszuweichen. Noch ein weiterer Grund bestärkte mich in meinem Vorhaben, ein Ausspruch von Fr. Weber im Jahrbuch 1907, worin er schreibt: « Im Abstieg über den Pontegliasgletscher bedauerten wir lebhaft, die Ski nicht bei uns zu haben. » Da sollte man als eingefleischter Skialpinist nicht neugierig werden? Gleich zum voraus möchte ich bekennen: Es war grossartig, unsere Neugierde wurde mehr als belohnt, denn diese Bergfahrt hat uns so viel Schönes geboten, wie wir nie zu träumen wagten.

Nun sitzen wir vor dem kleinen C. Heim am Pontegliasgletscher in der Mittagssonne, verzehren das einfache Mahl und schauen dabei mit blinzelnden Augen in die neue Welt vor uns. In vier Stunden haben wir den Hüttenaufstieg von Truns aus erledigt, ein Aufstieg ganz nach meinem Geschmack: mit kurzer Horizontaldistanz, dafür um so mehr Höhenabstand. Allerdings, bei der kleinsten Lawinengefahr ist an diesen Aufstieg niemals zu denken, denn da hinauf darf man nur im Frühling und bei Verhältnissen, wie wir sie im Jahre 1938 hatten. Der Aufstieg geschah genau auf dem Sommerweg durch das steile Val Ponteglias auf die Pontegliasalp, wo wir die Ski anschnallten. Dann querten wir bis unter die mächtige Felswand, auf der man als winzigen Punkt die Pontegliashütte erblickt. Diese Felsstufe wurde in den rechtsseitigen steilen und gefährlichen Hängen, die in einer Flucht vom Cavestrau herunterschiessen, in mühsamem Gang überwunden.

Jetzt aber sind wir oben, voll ehrlicher Freude über den wider Erwarten gut gelungenen Aufstieg, der uns lange Zeit als schwerer Albdruck auf dem Gewissen lag. Noch ist unser heutiges Pensum nicht erledigt, steht doch ein Gipfel in der Nähe — der Piz Posta Bialla — der, sein Name sagt es ja, ein dankbarer Aussichtspunkt sein soll und von dem wir einen guten Einblick in unser Gebiet zu erhalten hoffen. Mit leichtem Gepäck steigen wir über die Steilhänge zum kleinen Gletscher hinauf, dabei immer die gegenüberstehenden Brigelserhörner und den Bifertenstock bewundernd, die, je höher wir kommen, um so packendere Formen annehmen. Unter dem Gipfelaufbau rammen wir die Ski ordentlich ein und gewinnen durch ein Schneecouloir und weiter oben über blockige Felsen den Verbindungsgrat Nord-Südgipfel und über diesen in anregender, luftiger Kletterei den höchsten Punkt 3070 m. Die Belohnung ist nicht zu beschreiben. Auf den warmen, rauhen Granitplatten setzen wir uns hin, und über uns kommt ein neues Erleben.

Um 4 Uhr fahren wir über den teilweise mit Windangeln verzierten Gletscher zu den Steilhängen, über die hinabzuschwingen für jeden Könner ein grosser Genuss sein wird. Leider hatte sich der Sulzschnee in den Schattenhängen schon zum Bruchharsch verwandelt, doch durften wir heute ja ein so grosses Gipfelglück geniessen, dass auch dieser Schnee unserer Freude keinen Abbruch tun konnte. Nach einer halben Stunde betraten wir wieder unsere Klause. Wer aber das Glück hat, im Sulzschnee in diesen Steilhängen zu schwelgen, der wird die Abfahrt in weniger als der halben Zeit bewältigen.

Herrlicher Mondschein überflutet mit klarem Silberlicht die noch schlafende Erde, wie wir uns von den Lagern erheben, ringsherum eine Ruhe und Majestät, wie sie eben nur das Hochgebirge bieten kann. Um halb 6 Uhr schliesst der Letzte die Türe, still und verlassen liegt das kleine Hüttlein nun wieder in der weiten, einsamen Landschaft. Hab Dank, lieber S.A.C., dass du uns mit der Erstellung deiner schönen Bergheime ermöglichst, alle die herrlichen Fahrten durchzuführen. Was wir Bergsteiger wünschen, sind keine Riesenbauten mit allem Comfort, nein gerade das Gegenteil, einfache Stützpunkte und Unterkünfte sollen es sein.

Schweigsam zieht die Kolonne über den Pontegliasgletscher, kein Wort ist zu hören, nur das Klirren der schleifenden Ski auf dem glasigen Harsch unterbricht die Stille. Eigenartig schön ist dieser Erdenwinkel: Erhabenheit und Grosse liegt über dem einsamen Kessel, vielleicht auch ein wenig bedrückend für uns unscheinbare Menschlein durch die Wucht und Steilheit, mit der die Granitplattenschüsse aus dem flachen Gletscher in die Höhe streben. Im letzten Steilhang unter dem Pontegliaspass treten wir in das erwärmende, belebende Sonnenlicht, während über dem Passeinschnitt neue Bergspitzen auftauchen, eine neue Welt sich öffnet. Ein Gipfel beherrscht nach Westen die Aussicht: der Oberalpstock, der mit seinen in der Morgensonne leuchtenden Firnfeldern auf uns Skifahrer grossen Eindruck macht. Gen Osten das Gegenteil: die Kletterberge der Brigelserhörner, die mit ihren noch im Schatten liegenden Flanken kalt und überaus kühn in das reine Blau des Morgenhimmels hinaufstossen.

Die erste Abfahrt beginnt. Über bockharten Harsch fegen wir kratzend den grossen Steilhang zum Gliemsgletscher hinunter, der eine mit rassigen, kurzen Schwüngen, der andere gemächlicher mit Spitzkehren, je nach Können und Mut. Der nun folgende Aufstieg über den Gliemsgletscher bringt den seelischen und körperlichen Ausgleich zu der hinter uns liegenden Abfahrt. Dort Schatten, Aufregung und Tempo; hier Sonne, Ruhe und gleichmässiges Aufsteigen über die wellige Gletscherfläche, vorbei an schönen Eisbrüchen. Der im Sommer weitklaffende Bergschrund unter der Gliemspforte hat sein gähnendes Maul geschlossen, nur die dunklere Schneefärbung bringt die elegante Linie, die den ganzen Hang durchreiset, zum Ausdruck. Die Ski vertauschen wir mit den Steigeisen, mit deren Hilfe wir die Gliemspforte ohne Schwierigkeiten bald ereichen. Neue Aussichten überraschen uns. Darin liegt ja auch ein grosser Teil des Reizes dieser Fahrt: in der immerwährend wechselnden Landschaft mit immer andern Bildern. Der erste Blick gilt natürlich unserm Tödi, dem wir nun endlich gegenüberstehen. Wie so ganz anders erscheint dieser mächtige Geselle von hier aus! Wir sind fast ein wenig enttäuscht. Gewöhnlich sehen wir seine Ost- oder Nordflanke, mit denen er als klotziger, dominierender Bergriese immer wieder auffällt; nun aber liegt die Südseite vor uns, die des Skifahrers, mit den bis zum Gipfel hinaufreichenden Firnfeldern, die ihm ein zahmes Aussehen verleihen. Weit unten entdecken wir auf dem Bifertengletscher die anrückenden Partien von der Fridolinshütte her.

Oberhalb mächtiger Schrunde queren wir fast horizontal um den Stockgron herum auf den Bifertenfirn. Der folgende Teil bis zur Grathöhe des Tödi hinauf ist recht eintönig und mühsam. Unbarmherzig brennt die heisse Frühlingssonne auf uns nieder, eine Backofenhitze schwelt in diesem Südhang, so dass die Glieder schwer wie Blei werden. Doch kurz unterhalb der Grathöhe entfacht der Nordwind mit seinem erfrischenden Atem neuen Auftrieb, und bald stehen wir auf der Gratkante, wo die Ski abgelegt werden. Über den harmlosen Schneegrat eilen wir in einigen Minuten vollends zur höchsten Spitze des Tödi hinauf, auf den Piz Rusein 3623 m. Die Uhr zeigt genau 11 Uhr. Dass der Tödi ein Aussichtsberg erster Klasse ist, das weiss jeder. Was wir da oben aber alles sehen, übertrifft unsere Erwartungen ganz gewaltig. Vom Ortler bis zum Mont Blanc reicht die Sicht, es ist direkt eine Arbeit, wenigstens die markantesten Gipfel zu benennen. Eindrucksvoll sind auch die Ausblicke in die nähere Umgebung, besonders aber die Tiefblicke auf den Hüfifirn und ins Val Rusein hinunter. Nach und nach treffen auch die « Fridoliner » ein, die unsere Vermutung, die Fridolinshütte werde sicherlich besetzt sein, bestätigten.

Bald ist die grosse Firnmulde mit schwarzen Punkten übersät, die mit Schwüngen und Schüssen unheimlich rasch in die Tiefe gleiten. Was soll ich schreiben über die Genüsse und Eindrücke, die uns so eine Abfahrt immer wieder bietet? Alle Lobeshymnen sind nicht imstande, sie zu schildern, denn jede Abfahrt packt uns aufs neue, keine ist der andern gleich, aber jede hat uns viel zu bieten.

Unterhalb des Pontegliaspasses kleben wir in der heissen Nachmittagssonne unsere Felle auf die Ski und erklimmen in gemächlichem Tempo den Pass wieder. Ein paar Minuten später — um halb 4 Uhr — schnallen wir schon die Ski vor der Hütte ab, wirklich freudetrunken, denn das letzte Stück bildete den schönsten Teil der ganzen Abfahrt.

Ostern bricht mit herrlicher Schönheit an. Helles Sonnengeriesel leuchtet schon an den obersten Zacken, Gipfeln und Wänden, wie wir — diesmal nur zu dritt — wiederum über den Pontegliasgletscher hinaufziehen bis unter die obere Frisallücke, wo die Ski im Schutze der Felsen des Piz Frisai abgelegt und die Steigeisen angeschnallt werden. Der Schnee hat die richtige Härte. Prächtig packen die Eisen, so dass die obere Frisallücke 3182 m schon um 830 Uhr — zweidreiviertel Stunden nach dem Aufbruch — erreicht ist.

Während wir einige Süssigkeiten verzehren, wird gleichzeitig die neue, im grellsten Sonnenlicht badende Landschaft studiert.

Der Bifertenstock 3426 m, das heutige Ziel, steht aber noch hoch über uns. Über den obern Frisalgletscher queren wir zum Hängegletscher in der Südwand hinüber und ohne Schwierigkeiten auf denselben hinauf. Das Tempo hat sich stark verlangsamt, denn gar heiss brennt die Sonne auf diese Firnwand, wo kein kühlendes Lüftchen Erfrischung bringt. Die Spurarbeit in dem stark erweichten Schnee wird immer anstrengender, zu allem Überfluss stossen wir noch auf Wassereis, dort wo im Sommer Felsen zum obern Firnfeld hinauf leiten. Klirrend fährt der Pickel ins Eis, sorgfältige Sicherung wird nötig. Doch wie alles im Leben geht auch dies vorbei, und endlich stehen wir auf dem Gipfeldach, wo alle Mühen ihr Ende finden. Was noch folgt, ist ein richtiger Osterbummel: den Pickel unterm Arm, ein kühlendes Lüftchen um das erhitzte Gesicht, so ziehen wir über das mächtige Dach und betreten die Spitze um II20 Uhr.

Der Bifertenstock bietet nicht die umfassende Rundsicht wie der Tödi, dafür ist seine nähere Umgebung mit den Brigelserhörnern, dem Tödi, Urlaun, Piz Posta Bialla um so interessanter, nicht minder der Tiefblick auf Biferten-und Pontegliasgletscher hinunter. Gross ist die Freude, als wir unsere beiden zurückgebliebenen Kameraden als winzige Punkte auf dem Pontegliasgletscher unten entdecken, doch lange braucht es, bis unsere Rufe von ihnen gehört werden.

Um 330 Uhr stehen wir wieder bei den lieben Brettern unten, die wir bisher so wenig benützen konnten. Der Abstieg — eine grosse Schinderei — erfolgt auf dem Anstiegsweg. Ganz kritisch ist der Steilhang von der obern Frisallücke hinunter, da sich der schöne Harsch in einen rutschigen Brei verwandelt hat, so dass gute Sicherung nötig wird. Dazu pfeifen noch Stein-und Eisbrocken von der Südwestwand herunter, uns zu grösster Eile anspornend. Doch nun hebt ja wieder das Skifahren an, und alle Müdigkeit ist vergessen, verschwunden. Beim Abbruch gleiten wir vorsichtig um die grossen Spalten herum, dann aber gibt es kein Halten mehr: in unheimlicher Schussfahrt, die uns das Wasser in die Augen treibt, jagen wir auf den Gletscherboden hinunter, dabei verführen die flatternden Hosen einen Krach wie die schlagenden Räder eines Schnellzuges. Weiter geht die Jagd. In kurzer Zeit ist die Hütte erreicht, wo uns die beiden Kameraden, zur Feier des Tages fein säuberlich rasiert, empfangen und sofort mit Tee « überschütten ».

Gegen Abend fängt das Wetter etwas zu « mudern » an. Leichte Nebel steigen auf, es liegt etwas in der Luft, das auf einen Wetterumschlag hindeutet. Doch bis zum folgenden Morgen kann sich alles wieder geändert haben. Wie ich am Ostermontag den Kopf durch das Fenster strecke, hat sich richtig alles geändert, aber leider zum Schlechten, denn dicker Nebel verhüllt die gestern so sonnige Landschaft. Eilen hat nun keinen Sinn. Da ich den vorgesehenen Abgang ins Val Rusein nur bei gutem Wetter unternehmen will, bleibt uns nichts anderes übrig, als nach Truns abzusteigen. Da der Nebel einfach nicht weichen will, reissen wir die aufgeklebten Felle wieder von den Ski. Doch kaum sind sie weg, reut es uns mächtig, es wird vor- geschlagen, wenigstens den Versuch zu unternehmen, zum Nebel hinaus zu kommen. Also Felle wieder aufkleben, Hütte in tadellosen Zustand bringen, und 815 Uhr — reichlich spät — verlassen wir endlich das uns so vertraut und lieb gewordene Bergheim.

Unser Optimismus wird belohnt, denn noch unterhalb des Ponteglias-passes tauchen die ersten blauen Löcher auf, und plötzlich ist die ganze Landschaft wieder lebendig, lichterfüllt, lebenspendend, hinter uns aber geht der Kampf zwischen Sonne und Nebel hartnäckig weiter. Nach anderthalb Stunden stehen wir zum drittenmal auf dem Pontegliaspass. Richtung Oberalpstock strahlendes Sonnenland, während vom Bifertenstock und den Brigelserhörnern nur hie und da ein Spitzchen aus fantastisch scheinender Höhe herauslugt. Turi und ich wollen noch versuchen, den Piz Urlaun zu erreichen, versprechen aber den Kameraden, spätestens um 12 Uhr wieder zurück zu sein, damit der Zug in Somvix auch sicher erreicht wird.

Über den Rötidolomit-Felsriegel kommen wir trotz Vereisung schnell hinauf, aber in den folgenden Schneehängen sinken wir schon so tief in den allzu weich gewordenen Schnee, dass das Tempo rasch langsamer wird. Und auf ca. 3200 m zeigt uns ein Blick auf die Uhr, dass es höchste Zeit zur Umkehr ist. Schweren Herzens verzichten wir auf den nahen Gipfel und streben rasch wieder zu den wartenden Kameraden hinunter.

Punkt 12 Uhr können wir denn auch abfahren, zuerst über den schon bekannten Steilhang zum Gliemsgletscher und dann über flotte Hänge im schönsten Sulzschnee auf die grosse, fast ebene Hochfläche des Val Gliems hinunter. In schwachem Gefälle nun dem engen Talausgang zu, in dessen Einschnitt die formschönen Cambriales auftauchen. Es folgt eine lebhafte, abwechslungsreiche Fahrt dem Bacheinschnitt entlang, durch allerhand Engen, unter den Brettern immer das Rauschen des Baches und keinen Moment sicher, nicht plötzlich mit beiden Füssen darin zu stehen. Die Felswand, die das letzte Hindernis darstellt, um ins Val Rusein zu gelangen, können wir ganz links überlisten. Auf den grossen Hängen unter dem Piz Gliems legen wir die Ski wieder an. Auch diese Stelle ist grosser Lawinengefahr ausgesetzt und darf nur bei ganz sichern Verhältnissen begangen werden. Über die hartgefrorenen Hänge sausen wir, immer rechts haltend, wieder zum Bacheinschnitt hinüber, wo die Fahrt im schönsten Sulzschnee abgestoppt wird. Die nun folgende letzte Abfahrt auf den Talboden gleicht einem Riesenslalom um Felsen und Sträucher herum und endet mit schönem Schuss zum plätschernden Bach hinunter. Zufrieden schauen wir zurück, voll Freude über den geglückten Übergang, zum letztenmal grüsst der Tödi mit seiner gewaltigen Westwand zu uns herab.

Trotz dem schneearmen Frühling können wir bis 1100 m hinunter fahren, da das Alpweglein, das grösstenteils durch Wald führt, noch tief im Schnee begraben liegt. Nun Ski ab, und ohne Rast eilen wir tiefer, durch herrlichen, von Harzduft erfüllten Tann. Insekten summen in der Luft, und am freien Wegbord grüssen uns die ersten Frühlingsblumen.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.

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