Moderne Kletterei an der Aiguille du Midi

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Michel Piola, Genf

April 1981: Während im Mittelland der Frühling bereits lockend herannaht, rüsten sich die Wintersportorte zum Empfang der letzten Be-sucherwelle über die bevorstehenden Ostertage.

In Chamonix haben Hotels und Gondelbahnen die ( Besetzt>-Schilder herausgehängt, desgleichen die Unterkünfte entlang der Haute-Route. Mitten in der buntschillernden Menge, die sich im Kampf um einen Platz zu den Schaltern der Seilbahn auf die Aiguille du Midi drängt, treiben auch wir, Pierre-Alain Steiner und ich, dahin. Dabei haben wir reichlich Zeit, in Gedanken nochmals den Inhalt unserer Säcke durchzugehen, um das immer drohende Gespenst des Vergessenhabens zu verscheuchen.

Endlich überzeugt, schmunzeln wir beim Gedanken an das für die Jahreszeit eher ungewöhnliche Material, das sich hinter dem unauffälligen Segeltuch unserer Rucksäcke verbirgt: Bohrhaken, , Kletterfinken usw

Unser Ziel hat ja auch gar nichts gemeinsam mit der klassischen Vallée-Blanche-Abfahrt. Für einmal lassen wir die obligaten Klettertage in der Provence; und unseren Bergführer-pflichten, Skitouristen über die grossen Alpenrouten zu lotsen, werden wir später nachkommen. Wir haben nämlich beschlossen, während unserer Osterferien eine neue Kletterroute in der Südwand der Aiguille du Midi zu versuchen.

Im Verlauf des Winters habe ich mich, anhand von Bildmaterial, eingehend mit dieser herrlichen Granitwand befasst und bin dabei auf eine mögliche Aufstiegsroute gestossen, die zwischen den klassischen Führen von Ba-quet/Rébuffat 1956 und Bron/Bozon/Conta-mine/Juge/Labrunie 1957 verläuft.

Da die erwähnten Seilschaften den beiden einzigen natürlichen Rissystemen gefolgt sind, wollen wir den dazwischenliegenden Plattenschild direkt überwinden. Für die Sicherung im kompakten Fels sehen wir grosskalibrige Bohrhaken ( mit einem Durchmesser von 8 oder 10 mm ) vor, ein in den Voralpen durchaus gängiges Verfahren, das sich im Mont-Blanc-Gebiet aber noch nicht eingebürgert hat.

Manchem mag diese Methode unästhetisch und wenig sportlich erscheinen. Er möge aber bedenken, welch enormer psychischer Einsatz notwendig ist ( entsprechend dem oft prekären Standort auf kleinsten Trittchen !), um als Vorauskletternder Bohrhaken zur Sicherung anzubringen und sich dabei weitgehend und kompromisslos frei fortzubewegen.

Man wird aber zur Überzeugung gelangen, dass diese Technik neue Möglichkeiten eröffnet, nicht zuletzt in den Alpen, die oft etwas voreilig für gänzlich erschlossen gehalten werden.

Angesichts der sich uns nun stellenden schwierigen Aufgabe sind Bewegung und Denken des Vorauskletternden auf das einzige Ziel gerichtet, Zentimeter um Zentimeter weiterzukommen. Die vielfältigen Eindrücke, welche die einzigartige Fels- und Eislandschaft um uns herum vermittelt, bleiben somit dem Nachsteigenden vorbehalten.

Wer unsere Seilschaft beobachten will, muss sich mit Geduld wappnen, benötigen wir doch manchmal bis zu fünf Stunden für eine einzige Länge. Der Fels ist nämlich extrem hart, und Bohrlöcher lassen sich nur mit grösster Mühe schlagen. So kommt es, dass sich die zahlreichen Skifahrer unten wohl fragen, was hier vorgeht, ihrer Meinung mit Worten und Gesten unmissverständlich Ausdruck verleihen und im übrigen rasch des langweiligen Schauspiels überdrüssig werden.

Anders ist freilich die Reaktion, wenn einer von uns einen unfreiwilligen und spektakulären Sturz tut: Sofort ertönen lautstarke Kommentare, unterlegt, wie uns scheint, von einem Schuss gespannter Erregung. Als Akteure in dieser modernen Auflage der antiken Spiele auf Leben und Tod befriedigen wir offenbar die geheimen Wünsche und Erwartungen unseres Publikums.

Mitte Nachmittag verlässt uns die Sonne. Wir seilen deshalb zu unserem Skidepot am Wandfuss ab und steigen wieder zur Aiguille du Midi auf, wo wir unser Biwak in den eiskalten Gängen der Seilbahnstation einrichten, ein tatsächlich wenig lieblicher Ort.

Tags darauf setzen wir unseren Aufstieg in prächtigem, steilem Granit fort und kehren im Verlauf des Abends in unsere heimischen Gefilde zurück, zufrieden mit den... drei Seillängen, die wir in zwei Tagen aufreibender Kletterei geschafft haben.

Am 23. April nutzen wir einen schönen, warmen Tag und führen die Route zu Ende. Wir taufen sie Monsieur de Mesmaeker. Am nächsten Morgen liegen 30 cm Neuschnee, ein letztes Aufbäumen des bereits kraftlosen Winters.

Im Sommer setzen wir unsere Suche an anderen Gipfeln des Massivs fort, müssen aber bald erkennen, dass die vermeintliche

Während Gaetano und Romain Vogler die Südwestseite links der Mazeaud-Route erkunden, gelingt uns doch noch eine zweite Kletterei in der Südwand der Aiguille du Midi, diesmal zusammen mit Gérard Hopfgartner.

Diese zweite Route, Jules de chez Smith en face, verläuft am Pfeiler rechts der Contamine und ist wohl in die Kategorie Variante einzureihen.

Der berechtigte Wunsch eines jeden Erstbegehers ist es, von anderen gefolgt zu werden. Wir allerdings dachten nicht im entferntesten daran, dass diese Route eine besondere Anziehungskraft ausüben könnte, selbst wenn wir die verschiedenen günstigen Faktoren in Betracht zogen, etwa den bequemen Anmarschweg oder die vorhandenen Haken.

Und doch, zur fünfzehnten Wiederholung von Monsieur de Mesmaeker ( schon vor Ablauf eines Jahres ) kam sehr bald die rein zufällige Zweitbegehung von Jules de chez Smith en face durch Roger Baxter-Jones und Dominique Radigue... und dies sogar noch am selben Tag, als uns der Durchstieg gelang!

Aus dem Französischen übersetzt von Ch. Rohr, Bern Nächste Doppelseite: In der ersten Seillänge von

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