Mont Maudit über den Tour Ronde-Grat

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über den Tour Ronde-Grat

Mil 2 Bildern.Von Carl E. Weber.

Am 21. Juli 1938 erkläre ich meinem Führer Evariste Croux aus Courmayeur, dass wir den Mont Maudit über den Tour Ronde-Grat besteigen wollen. Seine Freude ist gross, denn es fehlte ihm bisher an Gelegenheit, diese Bergfahrt auszuführen.

4 Uhr nachmittags verlassen wir die Torinohütte, um unser Nachtlager, das Bivouac Borgno-Alberico am Col de la Fourche de 1a Brenva 3682 m, aufzusuchen. Die glühende Sonne und das tiefe Einsinken im weichen Schnee bestimmen unser Tempo auf dem endlosen Géantgletscher. Beim Bergschrund unterhalb der Wand, die zum Col de la Fourche hinaufführt, machen wir Halt und warten bis der Schnee, jetzt im Schatten, etwas angezogen hat. Wir bestaunen den kühnen Aufschwung der Aiguilles du Diable und erforschen unsern Weg von morgen. Dann überschreiten wir den Schrund und steigen steil, ja sehr steil hinauf zur Fourche. Hinter dem rechten Gabel-zacken finden wir unser Lager, einem Adlerhorst gleich, hoch über schwindelerregenden Tiefen. Gegenüber erblicken wir die Aiguille Noire de Peutéret, die Dames Anglaises, die vielbegehrte Aiguille Blanche de Peutéret und die mächtige Brenvaflanke des Mont Blanc mit seinen, beiden Gipfeln. Dann kommt das Güssfeldtcouloir, das die Wunder dieser gigantischen Bergwelt zur Grausamkeit gestaltet. Das Bivouac liessen nämlich die Eltern Borgno und Alberico erbauen, im Gedenken an ihre Söhne, die am 17. August 1934, morgens um 2 Uhr, von einer wuchtigen Lawine in dieser gewaltigen Rinne zu Tal gefegt wurden. Es folgen zur rechten Seite der Tour Ronde-Grat, der von unserer Stätte hinauf zum Mont Maudit führt, und weiter hinten der Mont Blanc du Tacul mit seinen Aiguilles du Diable, die jetzt wie Geisterfinger in die Dämmerung greifen.

Nach unserem Nachtessen, das zur Hauptsache aus einer währschaften Schweizersuppe besteht, schlafen wir herrlich auf Sprungfedermatratzen, unter langen, warmen Decken bis 3 Uhr morgens. Für Frühstück, Räumungsarbeiten, Steigeisenanziehen und Anseilen benötigen wir wenig Zeit. Knapp vor 4 Uhr wollen wir das fassähnliche Gebäude verlassen, als Gepolter und Stimmen hörbar werden. Die Ankömmlinge, zwei Schweizer: Hans örtli aus Basel mit seinem Führer Alexander Taugwalder aus Zermatt, müssen die Torinohütte frühzeitig verlassen haben. Sie erklären, dass auch sie den Mont Maudit über den sehr selten begangenen Tour Ronde-Grat besteigen und sich uns anschliessen wollen. Somit sind die besten Voraussetzungen für das Gelingen vorhanden.

Weit drüben im Osten erwacht der junge Tag und die Sterne verblassen. Es ist ordentlich kühl, ein Zeichen, dass das Wetter wenigstens heute gut bleiben wird.

Die Alpen — 1939 — Les Alpes.30 Vorerst verfolgen wir den horizontalen, beidseitig jäh abfallenden Schneegrat bis zum eigentlichen Aufbau des Berges. Dort versperrt ein glatter Felsabsatz den Weg. In der fast senkrechten, leicht vereisten Wand steigen wir gegen den Géantgletscher ungefähr 50 Meter ab, queren brüchiges Gestein und arbeiten uns in einer steilen Schneemulde wieder empor. Es folgen leichte Felsen, ein kurzes Band nach rechts, und dann führt uns ein breites verschneites Couloir wieder hinauf zum Grat. Den langen, messerscharfen, stark verwächteten Schneegrat, der wie eine Himmelsleiter emporstrebt, begehen wir meistens auf der Brenvaseite bis zum 70 Meter hohen Turm, der früheren Partien schon viel Zeitaufwand gekostet hat. Seine westliche Umgehung ist unmöglich, probieren wir es also östlich. Die Wand dürfte 75° Neigung haben. Auf hartem Eis liegen etwa 10 cm Pulverschnee — also Vorsicht! Croux, ein Eisspezialist ersten Ranges, meistert die Sache vortrefflich. Mit zwei bis drei Pickelschlägen sitzt, je nach Notwendigkeit, eine kleinere oder grössere Stufe, und nach zwanzig Meter Quergang findet er auch schon den gewünschten Sicherungsstein. Nochmals eine gleiche Seillänge und die heikle Traverse ist beendet. Wir befinden uns auf einer Felsrippe, die hinter dem Turm auf den kleinen Gratsattel führt. Für die Umgehung benötigen wir kaum drei Viertelstunden, und sie ist einer Überschreitung gewiss vorzuziehen, um so mehr, als gute Sicherungsmöglichkeiten vorhanden sind 1 ). Nun klettern wir in solidem Gestein, uns zumeist an den Grat haltend, steil aufwärts bis zu einer kleinen Kanzel, wo wieder Schnee beginnt. Hier auf ca. 4250 m Höhe halten wir wohlverdiente Rast.

Plötzlich, hoch oben in der Brenvaflanke, löst sich ein Eisblock, zerschlägt sich, nimmt Schnee mit, Massen von Schnee, die tosend, zischend und fauchend als gewaltiger Lawinenstrom durch das Güssfeldtcouloir zum Brenvagletscher stürzen. Unwillkürlich muss man an Borgno und Alberico denken, die immer noch dort unten begraben liegen. Doch hier oben darf man nicht dem Tode nachsinnen, sondern soll sich freuen an den Wundern dieser erhabenen Gebirgswelt.

Bezaubernd ragen die Grandes Jorasses in den wolkenlosen Himmel und weiter hinten sehen wir den Grand Combin, das Weisshorn, Matterhorn, die ganze Monte Rosa-Kette und noch viele unserer lieben Schweizerberge.

Croux mahnt, dass der Gipfel noch höher liege. Nach kurzer Firnkante erreichen wir eine mit Felsen durchzogene Schneerinne, die uns rasch auf die sogenannte Schulter 4336 m führt. Von hier gehen wir, vorerst fünfzig Meter auf blankem Eis steil absteigend, noch ungefähr eine Stunde in tiefem Pulverschnee dem Grat entlang hinauf zu dem kleinen Felsturm und betreten seinen Gipfel um 9 % Uhr morgens. Wir sind auf dem Mont Maudit 4465 m. « Mais il n'a pas du tout été maudit », bemerkt Croux, und wir alle verstehen nicht, weshalb ein solch wunderbarer Berg diesen hässlichen Namen erhalten hat.

Auf unserem Rückweg machen wir einen Abstecher auf den Mont Blanc du Tacul 4248 m. Wir betrachten von seinem Gipfel nochmals den Tour Ronde-Grat vom Col de la Fourche de 1a Brenva bis hinauf zum Gipfel des Mont Maudit und sind uns einig, dass wir heute eine der schönsten Besteigungen in den Alpen ausgeführt haben.

Der Abstieg zum Col du Midi 3544 m ist leicht. Wer aber den riesigen Géantgletscher kennt, den wir nun in sengender Mittagshitze begehen müssen, begreift, dass wir die Torinohütte vollständig ausgetrocknet erreichen. Um 4 Uhr nachmittags betreten wir die Schwelle dieser heimeligen Gaststätte.

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