Mont Pourri

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VON RODOLPHE ZELLWEGER, NEUCHÂTEL

Mit 4 Bildern ( 26-29 ) « Der Ski war einstmals ein herrliches Mittel zur Flucht aus dem Alltag und zur Rückkehr zur ursprünglichen Natur - der echte Skilauf, und nicht dieser entartete Sport, den heute die von der Mode, dem Konformismus und der Gewinnsucht der Unternehmer verführte Menge im Leerlauf ausübt. » « Eine der schönsten Skitouren, die sich in den Alpen ausführen lassen. Die eindrückliche Umgebung, der alpine Rahmen und die Steilheit der Hänge tragen zu einer unvergesslichen Tour bei »; so schrieben Philippe und Claude Traynard in ihrem Buch « Alpes et neige, 101 sommets à ski»1.

Wir bringen hier einige kurze Abschnitte aus dem Ablauf dieser herrlichen Tour, die unsere Wintertätigkeit 1967 abschloss:

Nancroix-en-Tarentaise2: An einem Samstagnachmittag in der Auberge du Sapin versammelt, geniessen wir, etwa dreihundert Kilometer von Neuchâtel entfernt, die berauschende Fremdartigkeit der Umgebung und deren einheimische Spezialitäten ( Rohschinken und Omeletten ). Draussen ein grauer Himmel mit einer tiefliegenden Wolkendecke; drinnen jedoch eine fröhliche Stimmung an der Tafelrunde. Tatsächlich: unsere Höhenmesser fallen mit dem Schwinden unserer französischen Franken! Es besteht kein Zweifel: morgen wird es schön werden, und unser Tourenchef wird uns sicher einen Kredit gewähren! Ein Hoch auf die subventionierten Touren!

1 Arthaud, 1965.

2 Michelinkarte 74, Blatt 18. Karten 1:20000: Moûtiers 4-Tignes I.

Beim Weiler Les Lanches überschreiten wir den Ponturin und nehmen den Weg zum Refuge du Mont Pourri in Angriff. Drei Stunden Marsch in tiefem Schweigen und unter rieselndem Regen! Das Gebiet, das sich uns öffnet, befindet sich am Eingang des Nationalparkes der Vanoise, einer Schutzzone, die 1963 geschaffen wurde und an den italienischen Nationalpark des Gran Paradiso grenzt. Wenig oder keine Fauna und Flora; Schieferfelsen, die an diejenigen des Oberlandes erinnern. Die Alphütten sind ziemlich zahlreich, aber meist zerfallen ( Les Loyes, Le Plan-des-Ecuries, La Sévolière ).

Auf etwa 2300 Meter schnallen wir die Ski an und gewinnen das Refuge Francisque-Regaud ( 2436 m ) nach einer langen Querung des Hanges am Rande des Nebels. An der mit Blech verkleideten Eingangstüre lesen wir folgendes Bekenntnis, das ein enttäuschter Älpler ablegt: « Die Berge sind schön, aber nicht für den Hirten! » - Im Innern der Hütte herrscht eine « Nationalpark»-Ordnung, das heisst, jeder, der die Hütte verliess, hat sie in unverändertem Zustand belassen! Aber der urwüchsige Zustand erinnert hier kaum an die Wonnen des Gartens Eden! Keine Schlange, aber Vorsicht vor Ratten! Der Brennstoff fehlt, und die auf dem Tisch zurückgelassenen Speisereste stellen ein Stilleben dar, das der Naturalistenschule Ehre machen würde. Der Benjamin unserer Gruppe denkt an seine Biwaks, während sich der Veteran in Decken einhüllt. Zwei andere Kameraden ziehen einen nützlichen Schluss aus der Situation: der eine zieht seinen Kocher, der andere zwei Flaschen Rotwein aus seinem Sack. Weder Lieder noch Jass! Um 8 Uhr legen wir uns auf die Pritschen.

Tagwache um 3.30 Uhr. Es ist sehr schön, bei scharfer Kälte. Ein guter Tag bricht an! Der unsichtbare und kaum mehr als zwei Kilometer entfernte Gipfel erhebt sich auf fast 3800 Meter, etwa 1350 Meter über die Hütte. Wir steigen im Zickzack die Hänge empor, deren Steilheit an die Doldenhorn-flanke erinnert. Die Pullover werden bald ausgezogen! Wir verlassen uns auf unsere Harscheisen und unsere Arme und packen unverzüglich die mächtige Moräne an, die zum Glacier de Geay führt. Die Neigung ist so stark, dass wir nach etwa hundert Schritten, sowie sich die erste Kehre aufdrängt, nur noch das Dach der Hütte sehen. Während der ersten Viertelstunde strengt sich ein jeder an, um dem Vordermann zu folgen; doch bald zieht sich die Kolonne in die Länge, und der Abstand zwischen dem ersten und dem letzten wird immer grösser. Aber das ist nicht wichtig! Nur weiter, immer weiter!

Nach Ablauf einer Stunde treffen wir uns auf einem Absatz, verschnaufen und stärken uns, bevor wir den Gletscher in Angriff nehmen, aufeinanderfolgende Wände von wahren Eiskatarakten, die von Absatz zu Absatz stürzen, aber trotzdem doch mit Ski befahrbar sind. Die Gletscheroberfläche ist hart, und ein jeder rückt so vor, dass er entweder die Ski kantet oder mit nach oben gerichteten Skispitzen und nach unten eingesteckten Stöcken verzweifelt Halt auf der Gletscheroberfläche sucht. Eine Stunde später, als wir uns dem Punkt 3397 nähern, erreichen wir einen neuen Absatz. « Von dort an », sagt der Führer, « wird die Tour erst alpin. Nach Überschreitung des Bergschrundes folgt man einem ausgedehnten Nordhang, der zur Schulter des Pourri führt. Die Route verläuft zwischen sehr steilen Hängen, die vom Gipfel ausgehen, und dem eindrücklichen Riegel von Eisbrüchen. » Kurz gesagt, die Tour verdiene drei Sterne, das heisse, höchste Auszeichnung, erklärt der Leiter. Mit unauffälliger Autorität übernimmt er die Führung der Gruppe; er setzt sich an die Spitze der Kolonne, fasst die begehbarste Stelle des Bergschrundes ins Auge, die er zu Fuss überschreitet; dann zeichnet er von dort aus eine gleichmässige Spur in den unberührten, stabilen Pulverschnee und führt eine von jetzt an disziplinierte Mannschaft zum Gipfel empor. Durch die Autorität des Leiters im Selbstvertrauen gestärkt und entzückt von der Schönheit der Umgebung, steigen wir unter grosser Anstrengung die vierzehn immer engeren Kehren dieses schwindelerregenden Hanges empor.

Die Sonne erreicht uns auf der Schulter, und wir erkennen im Hintergrund den Gipfel. Der Grat, der uns zu ihm hinaufführt und den wir in zwanzig Minuten zurücklegen, lässt uns Zeit, das Ziel unserer prächtigen Besteigung in vollen Zügen zu geniessen. Die vollkommen klare Sicht erstreckt sich sehr weit: im Norden und Osten, in über hundert Kilometer Entfernung, erkennen wir sehr gut den Mont Blanc und den Gran Paradiso und zwischen diesen zwei markanten Punkten die charakteristischen Gruppen der fernen Walliser Alpenkette, deren Anordnung durch die Wirkung der Perspektive eigenartig verschoben ist. Im Süden aber und über der Pointe de la Grande Casse, unserem benachbarten Gipfel, erheben sich unzählige Gipfel bis in unsichtbare Ferne. Nach Westen fällt der Blick zuerst längs den Windungen unserer Spur in den « Treppenschacht » hinunter, durch den wir aufgestiegen sind, und ruht dann auf dem satten Grün der Täler. Die Touristenstation von Val d' Isère zu unsern Füssen, unter einem « Spinngewebe » von Seilbahnen, scheint schon im Sommerschlaf zu liegen. Als letzte « Überlebende » des Winters, die sich auf die Höhen zurückgezogen haben, freunden wir uns mit einer Gruppe beiderlei Geschlechts aus Grenoble an. Unser « Beauftragter für internationale Beziehungen » lässt die Bemerkung fallen, es sei der einzige Fehler des Mont Blanc, dass er nicht zur Schweiz gehöre. Der spontanen Offenheit der Eidgenossen mit schelmischer Naivität begegnend, widerspricht eines der tapferen Franzosenmädchen ( in Anorak-Nachthemd anstatt Minijupe ) und gesteht treuherzig, sie habe geglaubt, unser Land sei aus dem Versailler Vertrag hervorgegangen. So bieten die Grenobler als Gegenleistung ihres Unterrichts in lokaler Geographie den Söhnen der ältesten Demokratie der Welt Gelegenheit, Schulmeister zu spielen, und lassen sich durch eine Zusammenfassung der Schweizer Geschichte von Tell bis General Guisan belehren. Auf diese Weise gestaltet sich die Gipfelkonferenz für beide Teile bereichernd.

Wieder auf die Schulter zurückgekehrt, macht jeder seine Ski bereit - in Wirklichkeit handelt es sich um diese endlosen Vorbereitungen, welche immer dem Verlassen eines Gipfels vorausgehen. Dann startet man zur Abfahrt. Zuerst wird vorsichtig das Gelände der kurzen Anlaufpiste abgetastet; dann löst sich einer nach dem andern vom Rand des Hanges, stösst hinunter und verschwindet. Schwebende, seiltänzerische Fahrt! In jeder Kehre geht 's unvermittelt eine Stufe hinunter. Eine Wolke von aufgewirbelten Schneekristallen verschlägt uns den Atem. Im Flug setzen wir über den Bergschrund, bevor wir in unbeschreiblicher Begeisterung dreihundert Meter weiter unten, einem Dohlenschwarm gleich, auf dem betonharten Gletscher landen.

Zweite Etappe: Veränderte Landschaft und Fahrweise! Wir führen vorsichtige Traversierungen zwischen den Eisbrüchen aus. Seitliches Abrutschen, Durchschlängeln im Bereich der Aufstiegsroute, Schussfahrt über die letzte Spalte, endlich Halt mit einem Christiania am Fuss der Aiguille du Saint-Esprit.

Der letzte und dritte Gang des « Menüs » steht uns noch bevor: das Dessert! Nach Wahl: « Soft-, ice oder Eiscrème », harte Hänge oder aufgeweichte Mulden, « Salon»-Skifahrt oder unvorhergesehenes Kunterbunt. Jeder beendet den « Genuss » nach seiner Art, indem er die Moräne im Nonstop hinter sich bringt ( oder verschlingt ) oder sie in kleinen « Portionen » geniesst. Gerade an der Stelle, wo der Frühlingsschnee sich in « Pflüder » zu verwandeln droht, versperrt uns die Hütte den Weg. Wir verbringen darin eine wohlverdiente Siesta-Stunde, bevor wir gemütlich auf dem Talweg absteigen.

Ist uns die Landschaft in der Ungewissheit des Vorabends düster erschienen, so bezaubert uns jetzt ihre liebliche Anmut um so mehr. Auf dem ganzen Rückweg umweht uns der sanfte Gutwetterwind, und das Gemurmel der Quellen, der Rinnsale und Wildbäche begleitet uns. An der Schneegrenze, dann bei den ersten Lärchenbeständen verweilen wir, wenden uns nochmals zurück, um vom Mont Pourri Abschied zu nehmen, und grüssen in Gedanken alle Gipfel der Tarentaise, die wir kaum wiedersehen werden. Ihre Namen aber rufen Erinnerungen wach und lassen uns von ihnen träumen: Tsanteleina, Grande Sassière, Grand Bec de Pralognan, Grand Pic de la Lauzière, Sommet de Bellecôte, Mont du Vallon - und jenes ideale Zweigespann, bei dem sich Fels und Schnee in vollendeter Harmonie verbinden: die Pointes d' Acheboc et d' Ormelune!

( Übersetzung: Jakob Meier )

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