Monte-Viso-Nordwand (Canalone Coolidge)

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Ruth Steinmann-Hess. Zürich

Canalone Coolidge Bilder wy und wS Berühmte Eistouren wie die Palavicini-Rinne am Grossglockner, das Marinelli-Couloir am Monte Rosa oder die Brenva-Flanke im Mont-Blanc-Massiv lassen das Herz jedes begeisterten Eisgehers höher schlagen.

Da auch ich zum Stamme dieser nimmersatten Eismenschen gehöre, erfüllt es mich jedesmal mit Freude, wenn ich wieder eine geglückte Tour in mein Büchlein einschreiben kann; ich meine eine, « die man einfach gemacht haben muss ».

Allerdings: blättere ich in meinen alpinen Aufzeichnungen, so häuft sich darin zwar die Zahl der begangenen Wände, aber von eingangs erwähnten « Standardanstiegen » finden sich nur wenige dabei. Natürlich hat das seinen besonderen Grund: Erich Vanis, mein « alpiner » Begleiter und Lehrmeister, von uns Freunden scherzhaft « Maestro del gelato » genannt, schrieb 1964 sein erstes Buch über die Eiswände. Natürlich hatte er die darin beschriebenen Touren alle längst gemacht.

In Vorbereitung befindet sich jetzt sein zweites Buch, für das wir neue, weniger bekannte Ziele suchen, wobei wir sozusagen Rosinen aus dem grossen « Kuchen der Berg- und Eiswelt » heraus-picken. Ein herrliches Unterfangen, das mich auf geographischem Gebiet schon etliche Male in Verlegenheit gebracht hat. Wo liegt zum Beispiel der Monte Viso?

Der Monviso, wie der ganze Gebirgsstock auch genannt wird, erhebt sich als ein scheinbar selbständiges Massiv am Westrand der Poebene.Von Turin aus über Pinerolo fahrend, erreichten wir bei Cavour den Bergfuss und gelangten auf der gewundenen, schmalen Strasse nach Piano del Re ( 2020 m ), dem Ausgangsort für die Besteigung des Berges. Mit geschlossenen Fensterläden liegt das Ristorante noch im Winterschlaf, und dies Mitte Juli und obwohl unzählige gefüllte Plastik-Abfall-säcke vom kürzlich hier stationierten Militärlager zeugen. Dabei ist Piano del Re ein beliebtes Ausflugsziel der Turiner, die vor der drückenden Hitze der Ebene hierher fliehen.

Als munteres sprudelndes Bächlein sucht sich der junge Po über Wiesen seinen Weg, um etwas weiter unten in Schluchten und Felsen seine zunehmende Kraft zu beweisen.

Über den Alpwiesen erhebt sich die Nordseite des Monte Viso in den blauen Himmel. Durch die I200 Meter hohe Wand zieht ein schmales Eiscouloir in mehr oder weniger direkter Linie zum Gipfel ( 3841 m ). B. Coolidge und Almer haben diesen Eisanstieg bereits im Jahre 1881 erstbegangen, und ersterem zu Ehren wird er eben « Coolidge-Rinne » genannt.

Mit wie gewöhnlich schweren Rucksäcken am Buckel steigen wir vorerst Richtung Quintino-Sella-Hütte aufwärts. Bereits nach einer Stunde, beim Lago di Chiavetto, verlassen wir den Weg, denn das Biwak, das unsere heutige Etappe beendet, steht in direkter Fortsetzung des Sees, auf dem untersten, östlichen Felssporn neben dem Coolidge-Couloir. Die mühsame Moräne umgehend, halten wir uns erst rechts, um auf ihrer Höhe wieder nach links zu schwenken und bald den steiler werdenden Schneehang emporzustap-fen und auch schon die Randkluft der Eiswand zu übersteigen.

Nach etwa too Meter Eis gelangen wir über wenige Meter Fels zum ovalen Blechhüttchen, das vier, notfalls sechs Bergsteigern Platz bietet. Heute teilen Piero und Luis, zwei Turiner Alpinisten, das Enge Revier mit uns. Gestikulierend und wortreich beklagt sich letzterer beim Aufstehen über seinen Freund und Erich, die beide im Duett klangvoll geschnarcht hätten. Jetzt wird Kaffee gekocht, eine Handvoll Biskuits einverleibt; dann folgt das Anschnallen der Zwölfzacker an die Schuhe... Da hören wir auf einmal, ziemlich überrascht, das « Krack, Krack » fremder Steigeisen näherkommen. Der Lichtkegel einer Stirnlampe blendet uns entgegen, und bald steht der Alleingänger vor uns. Fragen—Lachen—Ant-worten in einer klangvollen, mir leider nur schwer verständlichen Sprache... und dann die ehrfurchtsvolle, flüsternde Übersetzung Pieros, der uns « un des plus grands alpinistes, Robi Bianco », vorstellt. Die freudige Begrüssung durch die Turiner und Robis Erklärung, er habe im Dunkeln das Biwak nicht gefunden und wenige Meter weiter unten geschlafen, lassen jetzt auch uns in die allgemeine Heiterkeit einstimmen.

Um drei Uhr verlassen wir zu fünft die Unterkunft und steigen gute 300 Meter unangeseilt im Eis der Rinne höher. Der Schnee ist nicht durchgefroren; um so besseren Halt finden Pickel und Steigeisen auf der Unterlage.

Gegen 4.30 Uhr beginnen die ersten Schwierigkeiten, diesmal in Form einer Wasserrinne, die ihr Bett teilweise unter das Eis gefressen hat und recht heikel zu queren ist. 30 Meter über Fels bringen uns zurück in die Rinne, die sich weiter oben auf ein terrassenartiges Band ( etwa 400 ) verbreitert. Gegen sieben Uhr finden wir am linken Abbruchrand der Terrasse einen guten Frühstücksplatz. Robi lässt diese Pause aus und ist bald nur noch als kleiner Punkt sichtbar, um schliesslich unseren Blicken ganz zu entschwinden.

Der rechte ( westliche ), obere Wandteil wird von bizarren, scharfkantigen Felsabbrüchen gesäumt, wie ich sie, so weit im Süden, niemals erwartet hätte. 1949 haben E. Bano und M. Riva auch durch diese Felsen einen Anstieg gefunden.

Bereits klettert die Sonne über die obersten Grate und treibt uns in der Nordwand zu schnellem Anstieg an, Meter um Meter, Seillänge um Seillänge, untermalt vom melodiösen Seilkom-mando der hinter uns steigenden Turiner. Zu unserem Leidwesen erreichen uns bald die ersten Sonnenstrahlen, und fast gleichzeitig brennt die Sonne unbarmherzig auf uns nieder; es wird beinahe unerträglich heiss! Unser anfänglich flottes Tempo wird zusehends langsamer. Keuchend und schwitzend steigen wir von Standplatz zu Standplatz, ja ein zusätzlicher Halt drängt sich geradezu auf, wobei wir uns eines der modernen « Elektrolyt-Getränke » brauen, welche in andern Sportarten wahre Wunder wirken sollen... Was auch immer uns geholfen haben mag -jedenfalls rücken wir um eine volle Seillänge weiter vor!

Als Folge der zu warmen Witterung und der zusätzlichen Sonneneinstrahlung beginnt der durchwässerte Schnee überall zu rieseln. Ganze Bäche fahren durch Lawinenzüge links und rechts von uns nieder; selbst die Firnanker finden im Uferlosen keinen Halt mehr. Hoch oben auf dem Grat liegt Robi und dirigiert uns nun rechts in die Felsen hinaus, was wir in Anbetracht der heiklen Situation auch für das Richtige halten.

Zwei kitzlige Seillängen auf einem völlig aufgeweichten Gratrücken bringen uns in die schützenden Felsen rechter Hand. Kaum aber sind wir um die nächste Felskante gestiegen, empfängt uns auf der Nordwestseite ein ungeahnt heftiger, kalter Wind, der uns bis auf die Haut erschauern lässt. Mit klammen Fingern ziehen wir uns auf einem ausgesetzten Standplatz die Windjacke über.

Wurden wir eben noch in infernaler Hitze geschmort, so glauben wir uns jetzt über den Polarkreis versetzt. Durch das Getöse des Windes höre ich Wortfetzen der nachfolgenden Italiener: « Wenn wir je aus dieser Wand hinauskommen... » Das scheint mir aber doch etwas allzu schnell die Flinte ins Korn geworfen, und so versuche ich es mit dem Trost: « Wenn es gar nicht anders geht, so biwakieren wir halt auf der windgeschützten Seite... » Die entsetzten Augen meines Gegenübers zeigen, dass mein Vorschlag nicht die erwünschte Wirkung gezeitigt hat.

Einige Seillängen steigen wir nun mit klammen Fingern im kalten Fels höher. Dieser ist gutgriffig und von mittlerer Schwierigkeit. Nur die Sicherungsmöglichkeiten sind dürftig und lassen uns die Ausgesetztheit des Anstiegs deutlich werden. Dazwischen sind einige Firngrate und Rinnen zu ersteigen, die hier auf der Luvseite tadellose Eisbedingungen bieten. Nach und nach legt sich der Felsgrat zurück und führt über ein letztes, kurzes Stück im steilen Eis direkt auf den Gipfel des Monte Viso.

Das eiserne Gipfelkreuz steckt jetzt noch, Mitte Juli, bis oberhalb des Querbalkens im Schnee begraben.

Im Windschatten wartet Robi und kocht für seine Landsmänner Tee. Auch wir schmelzen ein letztes Mal Schnee auf dem kleinen Kocher und brauen uns ein Stärkungsgetränk, bevor es auf den Abstieg durch die 800 Meter hohe, mit Nassschnee bedeckte Südwand und über den Passo delle Sagnette zum Rifugio Quintino Sella geht.

Bewundernd gedenke ich der Erstbegeher des « Canalone Coolidge », die bereits am Ende des letzten Jahrhunderts mit Hanfseil, Pickel und Zehnzacker ( oder waren es sogar Achtzacker ?) Eisanstiege mit einer Neigung von bis zu 50 Grad eröffneten.

Abermals trage ich eine Eistour in mein Notizbüchlein ein; wieder ist es zwar keine der bekannten Wände. Aber hat sie uns deshalb weniger Bergerlebnis, weniger Abenteuer geboten? Ich glaube nicht.

Kartenmaterial: Italienische Karte des Istituto Geografico Turino, 1150000, Blatt 6, Monviso.

Führer: Itinerari Alpini ( Monviso ) von Severino Bessone und Felice Burdini, CAI 1971.

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