Mount-Everest-Expedition einmal anders

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Werner Altherr, Kilchberg ( ZH )

Die Entstehung der Karte des Mount Everest Blick vom Everestgebiet gegen Süden Vorbereitung 1982-1984 Zahlreiche Hürden Die Erstellung einer topographischen Karte 1:50000 ist heute in der Schweiz Routine mit eingespielten und bewährten technischen Abläufen. Ganz anders war dies, als Bradford Washburn 1982 nach seiner Pensionierung als Direktor des Boston Museum of Science seinen Jugendtraum verwirklichen wollte: die Erstellung einer Karte rund um den höchsten Berg der Welt in der Qualität und mit dem Aussehen unserer Gebirgsblätter 1:50000.

Für uns Kartenmacher war dies eine Herausforderung wie für einen Alpinisten die Erstbesteigung eines Himalayariesen und, wie dort, verbunden mit vielen offenen Fragen und noch ungelösten Problemen, so unter anderem:

- Wie bekommt man -was bis dahin noch niemandem gelungen war — von China und Nepal eine Bewilligung, um über dem Dach der Welt eine Fläche von ca.

1100 km2 mit photographischen Aufnahmen aus einer Höhe von rund 11 000 m abzudecken? ( Ohne Senkrechtaufnahmen lässt sich keine genaue Karte herstellen.Wie löst man die vielen technischen Probleme - z.B. die Navigation im Aufnahmegebiet - ohne entsprechende Kartengrundlagen? Was für ein Flugzeug eignet sich für eine solche Aufgabe am besten?

- Welche Windturbulenzen erwarten unser Flugzeug in den geplanten Flughöhen von 9000-11 000 m ü. M. in einem Gebiet, das für seine extremen Windverhältnisse bekannt ist?

- Wie kommt man zu den notwendigen geodätischen Grundlagen?

- Wer übernimmt die Kosten für die ganze kostspielige ( Expedition ) usw.?

Die nächsten Schritte Nach drei, zum Teil mehrmonatigen Reisen und wochenlangen Verhandlungen mit den chinesischen und nepalesischen Amtsstellen reiste Bradford Washburn Mitte 1984 endlich mit der Flugbewilligung beider Länder von Kathmandu nach Boston zurück. Die Frist für die Befliegung war - wie bei Gipfel-bewilligungen - unwiderruflich festgelegt und endete am 31.12.1984!

1 Kurt Keller, der Navigator und Kameraoperateur, mit den Space-Shuttle-Vergrösserun-gen 1:100000 kurz vor dem Everestflug Bereits seit 1982 wurde bei der Swissair Photo + Vermessungen AG als Projektleiterin der ( Expedition ) auch an den technischen und operationeilen Problemen gearbeitet und nach Lösungen gesucht. So waren im Juli 1984 theoretisch alle Produktionsschritte vom Flug bis zur fertigen Karte fixiert, die Terminpläne erstellt und das notwendige technische Material bereit.

Als Flugzeug, das als Plattform für den Einbau der Vermessungskamera ( Bildformat 23 x 23 cm ) geeignet war, drängte sich der Learjet auf. Ein Flugzeug, das mit seiner Gipfelhöhe von über 14000 m ü. M. auch die geforderte Flughöhe für unsere höchsten Aufnahmen aus 11 500 m ü. M. meistern sollte.

Vom zu befliegenden Gebiet waren keine genügend genauen Karten vorhanden, die es der Flugzeugcrew erlaubt hätten, darauf die geplanten Aufnahme-Fluglinien einzutragen, um das Flugzeug visuell genau über diese Linien zu steuern. Auch hier mussten neue Wege gesucht werden. Ein flugzeuginternes ( Global Navigation System ) sollte, mit dem Autopiloten gekoppelt, diese Aufgabe übernehmen. In flachen, nur einige hundert Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Ge- Barbara und Brad Washburn vor ihrem Gepäckberg in Kathmandu bieten war dieses System schon mehrmals mit Erfolg eingesetzt worden, noch nie jedoch in so grossen Höhen, wie dies im Himalaya, verbunden mit den bekannten extremen Windverhältnissen, nötig war.

Hilfe aus dem Weltraum In dieser Situation kamen uns die Welt-raumorganisationen NASA und ESA zu Hilfe. Wir erfuhren 1982, dass auf einem der nächsten Weltraumflüge im Space Shuttle eine Vermessungskamera der ESA mitgeführt wurde, um über einigen Gebieten der Erde Senkrechtaufnahmen im Massstab 1:800000 zu erstellen. Bradford Washburn erreichte das fast Unmögliche: Es wurde uns zugesichert, dass auf der geplanten Mission während eines Orbits über dem östlichen Himalaya Aufnahmen gemacht würden. Am 28. November 1983 erfolgte der Start der Columbia, und einige Tage später erfuhren wir, dass die Aufnahmen mit Erfolg durchgeführt worden waren. Die daraus erstellten Vergrösserungen im Massstab 1:100000 waren nun für den Navigator an der Vermessungskamera eine ideale Grundlage, um die Genauigkeit des flugzeuginternen Navigations-systems über dem Everest zu kontrollieren und wenn nötig korrigierend einzuwirken ( Abb.1 ).

Operation in Nepal Die Zeit drängt Im Oktober 1984 reiste Bradford Washburn als Vorhut nach Kathmandu. Das persönliche Gepäck von Brad für die

Noch war das genaue Datum des Learjet-Einsatzes nicht fixiert, da es zuerst die Schneesituation im Everestgebiet abzuklären galt. Denn die Flugaufnahmen mussten bei kleinstmöglicher Schneebedeckung durchgeführt werden, weil die geplante detaillierte Darstellung der Bodenbedeckung ( Fels-, Schnee-, Gletscher-, Vegetationsgrenzen ) dem ( Sommerkleid ) des Everest entsprechen sollte. 1984 hatte ein langer, erst im Abklingen befindlicher Monsun dem Himalaya grosse Schneemengen gebracht. So wurde festgelegt, erst Mitte Dezember in Zürich zu mobilisieren, d.h. den Learjet nach Kloten zu bringen, die Kamera einzubauen, Testflüge durchzuführen und alles weitere in die Wege zu leiten. Dabei waren wir uns mit steigender Nervosität bewusst, dass sich das Damoklesschwert der rasch ablaufenden Bewilli-gungsfrist ( 31.12.84 ) immer tiefer senkte.

Der grosse Tag Fast ohne Probleme in der Testphase starteten wir am 15. Dezember in Zürich und erreichten über Nikosia, Dubai und Karachi am 16. Dezember Kathmandu. Am 20.12. war dann der grosse Tag: Start um 11.50 Uhr, 12.10 über dem Everest und um 15.20 Uhr wieder Landung in Kathmandu ( Abb. 3/4/5 ).

Nach der zweijährigen Vorbereitungsphase waren jetzt nur noch knapp 4 Std. notwendig, um alle Flugaufnahmen zu erstellen, die eine Kartenherstellung erst ermöglichen.

Vier Stunden, die in keiner Weise mit den Mühsalen einer tage-und wochenlangen Everestbesteigung zu vergleichen sind. Aber auch wir kämpften, bei wolkenlosem Himmel und — 50 °, wenn auch im geheizten Learjet, Das am Learjet-Rumpf angebrachte Camera-door mit einem Element, dem schon viele Expeditionen ihren Tribut zollen mussten: dem Sturm.

Unsere Flughöhe lag genau im zu dieser Jahreszeit sehr tiefen Jetstream. Mit ca. 240 km/h brauste er von Westen über den Himalaya und brachte die Flugzeugcrew beim Bestreben, den Learjet genau über die geplanten Fluglinien zu führen, arg ins Schwitzen. In tieferen Flughöhen waren die Turbulenzen teilweise so gross und die Schläge aufs Flugzeug so stark, dass wir schleunigst grössere Höhen aufsuchen mussten.

Sofort nach der Landung wurden die Filme durch unsere Leute im Labor des H. M. Survey Department in Kathmandu entwickelt und auch die ersten Kontrollkopien erstellt ( Abb. 6 ).

Photogrammetrische Auswertung 1:10000 mit 20 m Höhenkurven Kartenerstellung in der Schweiz Die Grundlagen Alle weiteren Arbeiten wurden nun als schweizerisches Teamwork abgewickelt.

Zuerst bestimmte das Photogrammetrische Institut der ETH Zürich unter der Leitung von Prof. Grün auf Grund der Bilder der Space-Shuttle-Mission vom November 1983 die x- und y-Koordinaten sowie die dazugehörigen Höhen der notwendigen Passpunkte ( Abb.7 ).

Auswertung und Herstellung - eine seh weizerische Präzisionsarbeit Diese Passpunkte wurden von der Swissair Photo + Vermessungen AG benötigt, um Auswertung 1:10000 in Direktgravur A A'k A A A~ i. 4. kk— A A *J X A A A A A A A 1 A A Mt.

Everest a A A A AA- A A A A Lhotse A i A k A " L * A A A A 0 1 10 1 1 20 30 km > i Verteilung der aus den Bildern der Space-Shuttle-Mission ermittelten Passpunkte mittels einer Aerotriangulation über die 110 Aufnahmen des Learjetfluges die endgültigen geodätischen Grundlagen für die photogrammetrische Auswertung zu erarbeiten. Die Auswertung wurde, von der gleichen Firma, nicht im Kartenmassstab 1:50000 sondern im Massstab 1:10000 mit einer Äquidistanz von 20 m durchgeführt; Kartenfläche 3,60x2,60 m ( Abb.9 ).

Auf der Abbildung 8 ist ersichtlich, mit welchem Detailreichtum diese photogrammetrische Auswertung erstellt wurde. Aus dem Kurvenbild sind die kleinsten Rinnen, Überhänge, Rippen usw. identifizierbar. Auch der genauen Abgrenzung z.B. der Fels ( F)-, Gletscher/Firn ( G)-, Geröll-auf-Glet-scher ( EG)-Flächen wurde grosse Beachtung geschenkt. Allein für diese Arbeit waren über 3000 Arbeitsstunden erforderlich.

10 Redaktion im Massstab 1:20000 als Grundlage für die kartographische Bearbeitung 1:50000 Der Massstab 1:10000 wurde gewählt, um gleichzeitig mit dem Kartenprojekt 1:50000 eine sehr detaillierte Grundlage für zukünftige wissenschaftliche Arbeiten im Everestgebiet zu erhalten. Es ist geplant ( sofern sich ein Geldgeber findet ), das ganze Gebiet in 12 Blättern 1:10000 zu veröffentlichen.

Die Originalauswertung wurde in den Zwischenmassstab 1:20000 reduziert, worauf das Bundesamt für Landestopographie in Aktion trat. Nur dieses Amt war in der Lage, die Forderung unseres Auftraggebers zu erfüllen, eine Everestkarte à la Schweizerische Landeskarte 1:50000 zu erstellen. Unter der Leitung seines Direktors Francis Jeanrichard wurde 1986 die kartographische Bearbeitung der Karte in Angriff genommen.

Zuerst wurde die detaillierte Auswertung im Massstab 1:20000 redaktionell bearbeitet und generalisiert. Erst von diesen Redak- tionsblättern ( Abb. 10 ) erstellte man Reduktionen im Massstab 1:50000, die den Kartographen als Grundlage für die Gravur der diversen Kartenelemente dienten. Als Prunkstücke müssen auch bei dieser Karte die weltweit einmalige Felsdarstellung und die Relief-Schummerung speziell erwähnt werden. Vor allem Kenner des Gebietes werden feststellen, dass die filigrane Felsdarstellung sehr genau die wirklichen Formen der Grate, Rippen, Rinnen, Wände usw. wiedergibt, optisch unterstützt durch das sehr schöne, dreidimensional wirkende Relief ( Abb. 11a ).

Nach mehreren tausend Arbeitsstunden waren termingerecht am 22. August 1988 alle Druckunterlagen bereit. Der Druck erfolgte in den USA durch die NGS in einer Auflage von 11 Mio. Exemplaren, die dem Novemberheft des Geographie Magazine als Höhepunkt des 100jährigen Jubiläums der National Geographie Society beigelegt wurde.

Im Oktober 1988, nach 4jähriger Arbeit, konnten Bradford Washburn und der Schreibende dem König von Nepal das erste Exemplar der Karte überreichen.

Ein gelungenes Werk Eine einmalige ( Expedition ), durchgeführt von begeisterten Teams verschiedener Firmen und Institutionen, fand damit ihren vorläufigen Abschluss. Der Initiative der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschungen ( SSAF ) und Bradford Washburn ( Boston Museum of Science ) ist es zu verdanken, dass diese beiden Institutionen nun von der National Geographie Society das weitere Verwendungsrecht für die Karte er- Blick aus dem Learjet von Tibet aus gegen den Mount Everest ( ganz rechts ) halten haben. Damit wurde auch der Weg frei, für die nun in der Schweiz gedruckte 2. Auflage eine neue interessante Rückseite zu bearbeiten. .'Ich bin überzeugt, dass diese und alle noch folgenden Auflagen dieser einmaligen Karte den zukünftigen Expeditionen bei der Planung und am Berg gute Dienste leisten werden. Aber auch alle andern, die Trekker, die Freunde schöner Karten, die Himalaya-Enthusiasten usw., wird sie sicher begeistern, und sie wird in ihrer Kartensammlung einen speziellen Platz einnehmen.

Zum Schluss gebührt der National Geographie Society ( NGS ) ein ganz besonderer Dank, dass sie sich aus Anlass ihres 10Ojähri-gen Jubiläums von der Idee, vom Dach der Welt eine ( Schweizer Karte ) erstellen zu lassen, begeistern liess und die hohen Kosten für dieses Projekt nicht scheute.

1 Vgl. den Beitrag ( Die neue Mount-Everest-Karte ist da!> im MB 5/91, S.198 Der Mount Everest

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