Mount Garibaldi (Brit.-Kol.)

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René Widmer-Lanz, Grüt/ZH

Im Herbst 1959 hatte ich Ray Martin auf einem Flug zum Snowcap Lake im Garibaldi Provincial Park von Britisch-Kolumbien kennengelernt. Zusammen mit dem Parkchef Cliff Fenner und Tim Trail, einem Kajak-Kameraden, waren wir anschliessend auf einen unbenannten Gipfel südlich dieses Sees gestiegen, den wir als dritte Seilschaft erreichten. Das konnten wir den Aufzeichnungen in einer Filmbüchse entnehmen, die wir im Steinmannli fanden.

Auf dem Rückweg flogen wir an den eisgepanzerten Flanken des Mount Garibaldi vorbei und schalteten einen Zwischenhalt auf dem gleichnamigen See ein, um die obligate Tasse Tee ( meine Kameraden waren Engländer ) mit den Park Rangers ( Parkhüter ) in ihrer Blockhütte am Taylor Creek zu trinken. Diese Gegend sollte ich später noch viel besser kennenlernen, am Mount Garibaldi mir aber die Zähne ausbeissen.

Während eines mehrtägigen Aufenthaltes im folgenden Winter auf den Black Tusk Meadows, dem Mount Garibaldi gegenüber, reifte in Ray und mir der Entschluss, im kommenden Frühjahr eine Besteigung mit Ski zu versuchen. Vom Black Tusk, dem Wahrzeichen der Gegend, und vom Panorama Ridge aus hatten wir seine Nordseite beobachten können, und da hofften wir einen Weg zu finden, denn « Clubführer » gab es keine.

Im April 1960 war es soweit. Nach einer schnellen Fahrt dem Howe Sound entlang trafen wir, vollausgerüstet mit Ski, Seil und Biwakmaterial samt Proviant, in Squamish ein. In diesem Howe Sound führte einst das Schiff der englischen Flotte Vermessungen durch, und von ihm aus blickte der wachhabende Offizier eines Morgens überrascht in die gleissende Pracht eines Schneeberges über den bewaldeten Kuppen des Küstengebirges. Er war derart beeindruckt von der Schönheit des Bildes, das sich ihm darbot, dass er dem Berg den Namen Giuseppe Garibaldi gab, der zu jener Mount Garibaldi im Winter Atwell Peak und Mount Garibaldi, vom Garibaldi Neve aus gesehen Mount Garibaldi im Winter Ballon Dome, Mount Garibaldi, Atwell Peak, Diamond Head Photos Archiv René Widmer, Grüt Zeit - es war im Jahre i 1860 - mit seinen Kriegstaten für die Einigung Italiens ganz England in Begeisterung versetzt hatte.

Doch zurück nach Squamish. Von hier aus führte eine Helikoptergesellschaft Passagierflüge nach dem Diamond Head Chalet aus, einem primitiven, aber heimeligen Hotelbetrieb, von dem aus wir unsere Besteigung starten wollten. Wir hatten Glück: Ray war früher Flieger bei der RAF und der RCAF gewesen und ist jetzt Ver-kehrspilot für die Air Canada; so stand er schnell auf derselben Wellenlänge wie der Helikopterpilot, und dieser war bald bereit, uns zum gleichen Flugpreis gleich auf dem Garibaldi Neve abzuladen, anstatt uns nur zum Diamond Head Chalet zu transportieren. Dafür kamen wir erst als letzte an die Reihe, doch würde dieser Zeitverlust mehr als nur eingeholt sein durch die Verkürzung des Anmarsches. Leider war aber die Sicht wegen des Nebels so flach, dass wir nicht auf dem Schneefeld landen konnten. Nach einem Flug rund um unsern Gipfel herum wurden wir - wie alle andern -neben Old Millies Blockhütte abgesetzt. Nach einem Teller warmer Suppe aus Millies Küche zogen wir los über die tiefverschneiten Matten an den Elfin Lakes vorbei und in sicherem Abstand von den Lawinenhängen des Columnar Peak zum Saddle westlich der Gargoyles hinauf. Hier wurden wir von einem Ehepaar aufgehalten, das mit uns in Squamish unten auf den Helikopter gewartet hatte. Der Mann war so beeindruckt von der Grosse unserer Rucksäcke, dass er auf seine Schokolade verzichtete und uns die Tafel entgegenstreckte. Und als wir ihnen unsere Absicht bekanntgegeben hatten, wollte die Frau nicht zurückstehen und gab uns ihre Schokolade noch obendrein. Nachdem wir die Wächte überwunden hatten, fuhren wir mit zahlreichen Stürzen -unsere Lasten waren anhänglich geworden - gegen den Ring Creek hinunter und stiegen darauf an seiner westlichen Seite aufwärts. Wir kamen aber nicht weit und mussten umkehren, um nicht in die steilen Hänge unter dem Diamond Head zu gelangen. Nachdem wir die uns von Othar ( dem Erbauer des Diamond Head Chalet ) genannte Schneebrücke gefunden und überquert hatten, konnten wir endlich den letzten Aufstieg zum Opal Cone unter die Felle nehmen. Die Rucksackriemen schnitten uns schon ordentlich in die Schultern ein, als wir gegen Abend eine geeignete Stelle in der weiten Fläche des Garibaldi Neve gefunden hatten, wo wir das Zelt aufschlagen konnten. Zum Nachtessen gab es eine Handvoll Irish Stew ( Gemüsesuppe mit Erbsen und viel Fleisch ), das sich Ray von einer Stewardess hatte dickko-chen lassen ( bei Piloten ist das so üblich ), gemischt mit zwei Handvoll Schnee und über dem Benzinkocher erwärmt. Darauf schlüpften wir in die Schlafsäcke.

Am nächsten Tag erwachten wir im dichten Nebel. Nach einem steifen Porridge ( schon die alten Eidgenossen pflegten mit dem Bauch voll Haferbrei « reiszulaufen » ) krochen wir ins Freie und reckten unsere starren Glieder. Da sich der Nebel stellenweise auflöste, zogen wir zur Great Divide hinüber, um unsere Umgebung kennenzulernen und einen Weg für die auf morgen geplante Besteigung zu suchen. Der Nebel hatte sich mittlerweile noch mehr gelockert und gab uns den Blick frei auf den Garibaldi Lake, die Lake Range und auf den Black Tusk, dessen Zahn den Horizont scharf durchschnitt. Mit seiner Schneekappe sah er aus wie ein glasierter Gugelhopf, der zu lange im Ofen geblieben ist. Früh kehrten wir zum Zelt zurück. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne benützten wir zum Schmelzen von Schnee auf einer schräg aufgespannten schwarzen Windjacke, um unseren - zum Ge-wichtsparen - knapp bemessenen Benzinvorrat zu schonen. Wieder- eine Handvoll Irish Stew -und dann warfen wir uns « ins Stroh ».

Wie am Vortag, so erwachten wir auch am nächsten Morgen im Nebel, der sich aber bald zu lichten begann. Wir schulterten die Säcke und zogen unsere Spuren in den während der Nacht gefallenen Schnee auf der gestern festgelegten Route, um den Garibaldi von Norden her anzugehen. Bald marschierten wir im hellen Sonnen- schein, dann wieder in so dichtem Nebel, dass wir den Kompass zur Einhaltung der Richtung zu Hilfe nehmen mussten. Schon hatten wir die Nordflanke erreicht und begannen darin aufzusteigen, als sich der Nebel schloss und es zu schneien anfing. Immer dichter fielen die Flocken, und bald steckten wir fusstief im Neuschnee, gerade unter dem steilen Schneehang, der auf direktem Weg an den Gipfelgrat führt. Jetzt wurde es ungemütlich. Wir kehrten um und brachten uns vorerst im Sattel zwischen dem Ziel und dem sogenannten Tent in Sicherheit. Als es zu schneien aufhörte und sich der Nebel hob, konnten wir an den steileren Halden bereits die gezackten Abrissflächen von kleineren Schneebrettern sehen. Damit war unsere Route nicht mehr begehbar, und da die Zeit schon zu weit fortgeschritten war, konnten wir den Berg auch nicht mehr von einer andern Seite her angehen. Wie wir nämlich nach unserer Rückkehr in die Diamond Head Lodge erfuhren, hatte es nur bei uns geschneit. Die Südseite des Mount Garibaldi lag den ganzen Tag über im Sonnenschein. Item, die Sonne hatte nun den Nebel vollends vertrieben, und so stiegen wir zum Tent hinauf, um unsere « top-bottle » wenn schon nicht auf dem Gipfel, so doch wenigstens auf einem Punkt zu leeren, von dem aus es nach allen Seiten hinunterging -womit wir uns strafbar machten, denn das Gesetz verbietet den Genuss von Alkohol ausserhalb von Wirtschaften oder der eigenen Wohnung. Es war aber ganz sicher kein « Mountie » ( RCMP königliche kanadische berittene Polizei ) in der Nähe, und wir kehrten unbehelligt zu unserem Zelt und unserem Irish Stew zurück.

Leider war damit unsere Zeit abgelaufen; nach einem letzten Porridge am nächsten Morgen kehrten wir auf dem gleichen Weg, auf dem wir vor drei Tagen gekommen waren, zurück zur Hütte an den Elfin Lakes. Nun hatte Old Millie Zeit für uns, denn wir waren die einzigen Gäste. Nachdem wir uns abwechslungsweise am Sodbrunnen vollgepumpt hatten - wir waren vollständig « dehydrated » -, liessen wir ein ausgie- biges Essen mit viel Salat auffahren. Den Rest unseres Irish Stew hatten wir den Whisky Jacks gegeben; das sind Vögel von der Grosse einer Amsel und mit der Frechheit von zwei Spatzen. « Whisky Jack » kommt dabei dem indianischen Wortlaut für die Bezeichnung dieses Tieres so nahe, wie der weisse Mann das Wort nachzuahmen imstande war.

Am Tage darauf wanderten wir bei strahlendem Wetter zufrieden, wenn auch nicht befriedigt, nach Squamish hinunter, mit jedem Schritt ein Stück mehr in den Frühling hinein.

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Mittlerweile war ich Park Ranger in den Black Tusk Meadows geworden. Jeden Tag hatte ich den Gipfel, der uns im Frühjahr nach Hause geschickt hatte, vor Augen, wenn er sich im unwahrscheinlich tiefblauen Wasser des Garibaldi Lake spiegelte, nicht weit von unserer Blockhütte entfernt. Im September i960 fand sich endlich wieder eine Gelegenheit, einen neuen Angriff zu wagen, nachdem ich den ganzen Sommer über mit Freunden oder meinem « Pardner Ranger » auf fast allen Gipfeln der Lake Range umhergeturnt war.

Ray war zu Fuss zu uns auf die Meadows heraufgestiegen, eine Flasche Bordeaux als « top-bottle » im Rucksack. Mit unserem Patrouillen-boot überquerten wir den See und gingen in der Table Bay an Land. Nachdem wir das Boot genügend hoch auf den Strand hinaufgezogen hatten, marschierten wir zum Sentinel Glacier, stiegen in den Pass westlich der Glacier Pikes - an denen wir den Sommer über skigefahren waren - hinauf und wandten uns dann zum Warren Glacier, wo wir auf etwa 6500 ft. das Zelt aufstellten. Blutigrot ging die Sonne hinter der Tantalus Range unter, um uns nach einer kalten Nacht goldgelb wieder zu wecken. Unser Gipfel schien in Griffnähe über uns, so nah, dass wir nur schnell ein paar Bissen in den Mund stopften und loszogen, in der Annahme, zum Mittagessen bereits wieder im Biwak zu sein. In der Fallirne stiegen wir das steile Firn- feld hinauf, in dem wir das letzte Mal zur Umkehr genötigt worden waren. Bald aber zwangen uns riesige Spalten, die wir von unten nicht gesehen hatten, zu Umwegen, und schliesslich wurde der Hang so steil, dass wir Stufen schlagen mussten. Es ging schon gegen Mittag, als wir einen Übergang über den Bergschrund gefunden hatten und am Fels standen. Tief unter uns lag « mein » Park, dann öffnete sich das Land weit gegen Norden und Osten, bis es im Dunst verschwand. Unten im Tal des Cheakamus lag in der Ferne ein Rauchschleier; dort musste ein Waldbrand wüten. Im Westen wurde unser Blick vom weitausladenden Mount Tantalus aufgehalten; im Süden vor uns aber erhob sich, nur noch etwa 50 Meter höher, das Ziel. Allein, auch diesmal sollte es uns nicht gelingen! Der Mount Garibaldi besteht aus einem Teilstück des Kraterrandes eines alten Vulkans. Sein Fels - es ist also Lava -fühlt sich an wie stark verwitterter Sandstein: Die Griffe zerfielen uns in den Händen. Wir hätten den ganzen Grataufschwung abtragen müssen, um hinaufzugelangen.

Im August 1965 haben wir unser Ziel aber doch noch erreicht! Diesmal war ich als Tourist nach Kanada gekommen. Gutverpackt hatte ich eine Flasche Montibeux von Martigny bis nach Vancouver gebracht, ungeachtet all des Durstes, der mich auf dem Trans Canada Highway vom Atlantik zum Pazifik geplagt hatte.

Fast alles war noch wie früher: Old Millie in der Diamond Head Lodge wünschte uns - bei einem Teller Suppe - viel Glück, worauf wir zum Opal Cone hinaufstiegen. Allerdings war in der Zwischenzeit ein neuer Weg ins Tal des Ring Creek gebaut worden, der uns den Auf- und Abstieg über den Saddle östlich der Gargoyles ersparte. Dort, wo wir vor fünfeinhalb Jahren gezeltet hatten, war der Gletscher ausgeapert. Wir stiegen noch etwas hinauf und richteten uns auf etwa 5800 ft. für die Nacht ein. Das Wetter war unsicher, doch versuchten wir es am nächsten Morgen dessenungeachtet. Da uns die Nordseite zweimal abgewiesen hatte, wandten wir uns diesmal vom Garibaldi Neve aus direkt gegen Westen, durch die Eisbrüche hindurch auf das Plateau hinauf, das — als eigentlicher Krater — von Mount Garibaldi, Atwell Peak und Dalton Dome umrahmt wird. Nachdem das Spaltengewirr hinter uns lag, gelangten wir ziemlich leicht - diesmal hatten wir Steigeisen dabei - auf dieses Plateau hinauf und anschliessend an die südliche Flanke des Garibaldi. Auf dieser Seite war der Fels besser als an der Nordwand, an welcher wir gescheitert waren, obwohl er natürlich auch hier aus Lava besteht. Doch noch lagen nicht alle Hindernisse hinter uns. Plötzlich hüllte sich der Gipfel in Nebel, als ob er Rauchgranaten speie. Als sich das Gebräu endlich verzog - so schnell hatten wir uns nicht vertreiben lassen -, jagte uns ein heftiges Gewitter in Deckung. Aber kaum waren die letzten Tropfen gefallen, sprangen wir auf und über einen « Scherbenhaufen » auf ein kleines Couloir zu, das wir während des Regens entdeckt hatten. Jetzt dauerte es nicht mehr lange, bis wir den Gipfel erreicht hatten. Schweigend nahm jeder einen Schluck aus der « top-bottle »; lange war es her - es war der Beginn unserer Freundschaft - seit unserem ersten Versuch am « old » Garibaldi.

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