Mount Shasta und Shastina

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Ähnlich wie wir unter den Alpen gewöhnlich die Berge der Schweiz und der Mont Blanc-Gruppe verstehen, so denken wir meistens ohne weiteres an die Rocky Mountains von Kanada, wenn von den Bergen Nord-Amerikas die Rede ist. Die Berge der Westküste der Vereinigten Staaten sind uns Schweizern verhältnismässig wenig bekannt. Und doch finden wir in den Weststaaten, in California, Oregon und Washington eine ganze Anzahl Berge, die nicht bioss ihrer Höhe, sondern noch vielmehr ihrer Schönheit wegen ganz entschieden bergsteigerisches Interesse verdienen.

Bergsteigen, wie wir es in der Schweiz auffassen, steckt an der Küste des pazifischen Ozeans noch zum grössten Teil in den Kinderschuhen und ist auch, der Natur der Gegend entsprechend, grundverschieden von europäischem Bergsteigen. Eine entscheidende Rolle spielt vor allem die ungeheure Ausdehnung des Gebietes. Die riesigen Strecken, die man zurücklegen muss, um nur von den Küstenstädten an den Fuss der Berge zu gelangen, kommen einem Schweizer Bergsteiger fast schmerzlich zum Bewusstsein und machen ihm von Anfang an klar, dass er in Amerika einen bedeutend grössern Massstab anlegen muss, sofern er das nicht vorher schon eingesehen hat. Sodann wird der Mangel an geeigneten Hütten empfunden, was für die allermeisten Fahrten die Organisation und das Mitführen eines Packzuges notwend'g macht. Dieser Umstand verteuert nicht nur eine Bergfahrt ausserordent¾h, sondern hindert den Bergsteiger auch im freien, raschen Vorrücken und bindet ihn an ein festes Standlager. Ein Waldgürtel, von dessen Ausgedehntheit und Undurchdringlichkeit man sich keinen Begriff machen kann, wenn man nur schweizerische Verhältnisse kennt, bietet ein weiteres Hindernis. Wenige Meilen von der Eisenbahn''nie entfernt, hören menschliche Ansiedelungen fast vollständig auf; die bestehenden topographischen Karten sind äusserst mangelhaft, verglichen mit unserm Siegfriedatlas oder der Barbey-Imfeld-Karte des Mont Blanc. All diese Umstände erschweren Bergfahrten an der Westküste von Amerika ausserordentlich.

Wohl gibt es eine Reihe von Vereinigungen, wie der Sierra Club in California, die Mazamas in Oregon und die Mountaineers in Washington, welche alle mit andern gleichartigen Organisationen und Hand in Hand mit der Regierung ihren nicht unwesentlichen Teil zur Erschliessung und Erforschung der Berge beitragen.

Aber teils zufolge der erwähnten Schwierigkeiten, welche die Teilnahme einer möglichst grossen Anzahl Bergsteiger an einer Bergfahrt wünschenswert erscheinen lassen ( wenn schon Packpferde mitgeführt werden müssen, ist es billiger und vorteilhafter, dies für eine Karawane von 30 und mehr Personen zu tun als nur für 3 ), teils aber auch, weil der Amerikaner in der Regel grosse Gese^schaften liebt, ich möchte dieses Bedürfnis nach Gesellschaft fast Herdentrieb nennen, nehmen diese allsommerlich ver- 19 anstalteten Ausflüge den Charakter von « Sektionsturen » im grössten Massstabe an. So erfreulich es nun auch ist, wenn erfahrene Bergsteiger und Pfadfinder einer ganzen Menge Männlein und Weiblein behilflich sind, Gebirgsgegenden zu besuchen, wozu diese selbständig niemals fähig wären, so schliessen solche Massenwanderungen doch einerseits ernsthafte bergsteigerische Unternehmungen aus und lassen es anderseits auch nicht empfehlenswert erscheinen, da und dort Hütten als Stützpunkte zu bauen, welche ja doch solchen gewaltigen Anforderungen niemals gerecht werden könnten.

Schweizer trifft man hier draussen im « Wilden Westen » wohl bisweilen, aber wenn sie auch früher in den heimatlichen Alpen die Eisaxt schwangen oder den Ski im winterlichen Bergland tummelten, da drüben im verschärften Kampf ums tägliche Brot werden Bergsteigen und Skifahren mehr als je zum beinahe unerschwinglichen Luxus, und gar bald sind die schimmernden Gipfel vergessen in der rastlosen Hetze nach dem allmächtigen Dollar.

Meine letzte Bergfahrt in der alten Heimat war im Neuschnee halbwegs stecken geblieben, was in mir das Gefühl eines unvollkommenen Abschlusses meiner Tätigkeit als Bergsteiger hinterliess. Deshalb sah ich denn mit gespanntesten Erwartungen den Erlebnissen und Abenteuern entgegen, die meiner in den Bergen der Neuen Welt warteten. Doch vorerst nahm mich meine Arbeit so vollständig in Anspruch, dass ich oft monatelang nicht mal zur Stadt hinaus kam und bis auf einige kleinere Skifahrten in der Sierra Nevada keine Zeit zum Bergsteigen fand.

Erst im Juni 1924 bot sich eine Gelegenheit, meine ersten Erfahrungen in amerikanischen Bergfahrten zu sammeln.

Im Norden Kaliforniens erhebt sich ein Viertausender, der Mount Shasia, 4304 m, der zwar noch zu der Sierra Nevada gerechnet wird, aber weder mit dieser noch mit den nördlichen Bergen der Cascades-Kette einen sichtbaren Zusammenhang hat.

Als ich San Francisco verliess, wusste ich kaum, wo der Berg stand. Ein Bild, das ich in Eisenbahnhallen gesehen hatte, eine Karte im Massstabe 1: 625,000, aus dem Jahre 1884 stammend, die Versicherung eines Patienten, dass er zwar selber nie dort oben gewesen sei, aber sicher keine grossen Schwierigkeiten für mich beständen, den Weg zu finden, sowie die Notiz aus einem Reisehandbuch: « Führer und Reitpferde erhältlich in Sisson », waren so ziemlich alles, was ich an Auskunft auftreiben konnte. O nein, mein einziger Freund in San Francisco warnte mich, dass es dort oben jetzt schon scheusslich heiss sein werde. Wie sich später erwies, war das die zuverlässigste Auskunft von allen.

Bergsteiger mit Hakennägeln und Tricounis in ihren Schuhen sind in kalifornischen Eisenbahnzügen immer noch eine Seltenheit und erwecken grösstes Aufsehen. Die Hitze drückte unerträglich während der Fahrt durch das schattenlose Sacramentotal, und ich war froh, als ich nach lßstündiger Fahrt am nächsten Tage gegen Abend in Sisson anlangte. Hier beging ich meinen ersten und ausschlaggebenden Fehler: Ich fuhr auf einer Nebenbahn nach dem Holzfällerdorf Mc Cloud, im Osten des Berges. Anfangs war die Fahrt geradezu herrlich. Ein kühler Wind wehte durch die offenen Fenster und Türen herein, der Zug kletterte, mächtig pustend und vielversprechend, die bloss mit dichtestem Unterholz bewachsenen Hänge hinan, immer dem Berge sich nähernd, der jetzt als mächtige Pyramide vor uns aufstand. Ich war bereits vollständig überzeugt, dass ich wirklich der Bergsteiger sei mit der angeborenen Witterung für Aufstiegsmöglichkeiten und dass ich alle jene Gaben auf mir vereinige, die nach den modernen Bergsteiger-handbüchern den wahren Edelalpinisten ausmachen.

Der Berg selber, eine hohe zweigipfelige Gestalt, war zwar schmutzigbraun in der Farbe, und die paar Gletscherchen erbärmlich klein und ausgetrocknet, aber es war doch ein Viertausender und sollte zudem mein erster « Ausseralpiner » sein. Doch Hochmut kommt immer noch vor dem Fall, auch hier in Amerika. Nie werde ich jene Spitzkehre vergessen, an welcher der Zug anhielt und dann langsam, aber sicher anfing auf der andern Seite des Berges hinabzurutschen, immer weiter vom Berge weg, immer tiefer in die hochragenden dunklen Tannenwälder hinab. Endlich erreichten wir Mc Cloud, die Endstation. Im einzigen Hotel erhielt ich zwar ein einfaches Mahl, aber für Auskunft wies man mich zum Förster. Dieser gab mir bereitwillig und äusserst liebenswürdig Antwort auf meine Fragen, aber alles, was ich erfuhr, war, dass kein Pfad durch die Wälder führe, dass der Mount Shasta seines Wissens nie von hier aus bestiegen werde und dass ich besser nach Sisson zurückkehre und von dort aufsteige. Er gab mir auch zu verstehen, dass ich kaum durch den dichten Wald vordringen könne. Und dass er überdies dachte, ich sei sicher verrückt, das war ihm leicht anzusehen. Ich blutiges « Grünhorn » schlug den wohlgemeinten Rat in den Wind, und im letzten Abendlicht verliess ich trotzig das Dorf Mc Cloud auf einem Wege, den ich bloss wählte, weil er fürs erste schnurgerade gegen den Gipfel des Mount Shasta hin im Hochwalde verschwand. Die letzten menschlichen Wesen, die ich erblickte, waren zwei kleine Negermädchen, denen das krause Haar in einem allerliebsten Schöpfchen bolzgerade emporragte, und die mir mit grossen, erstaunten Augen nachsahen, als ich rüstig ausschreitend im Walde verschwand. Erst viel später erinnerten mich diese Kinder an die sprichwörtliche schwarze Katze, die einem daheim gelegentlich über den Weg läuft und etwas Gutes bedeutet.

Es ist immer wieder ein wundersames Gefühl, durch den nachtdunklen Wald zu wandern, im fremden Lande und als Einleitung zu einer unbekannten Bergfahrt wird es zum Erlebnis. Oh du wundervolle, milde Nacht! Erst hatte ich einen guten Weg, der aber bald zum schmalen Weglein und noch später zum undeutlichen Pfade wurde. Oft scheuchte mein beinahe lautloses Vordringen Wild in unmittelbarer Nähe auf, welches dann in wilder Flucht das Gehölz durchbrach, nicht ahnend, dass der einsame und harmlose Wanderer mindestens ebenso erschrocken war. Es mochte etwa elf Uhr sein, als ich endlich in eine kleine Lichtung gelangte, aus welcher ich keinen Ausgang mehr finden konnte. Es war stockdunkel, und alle meine Versuche, eine Fortsetzung des Pfades zu finden, blieben erfolglos. Obgleich ich mir vorgenommen hatte, bis an die Waldgrenze hinauf vorzudringen und dort zu biwakieren, sah ich bald das Fruchtlose meines Vorhabens ein und beschloss, hier die Nacht zuzubringen. Es wa^ übrigens ein herrliches Plätzchen. Der Boden trocken und weich wie ein Daunenbett. Durch die weit ausladenden Äste der Tannen schimmerten Sterne. Ein sanfter Wind strich leise durch die Wipfel, und seine Musik wiegte mich bald in tiefen, ruhigen Schlaf. Aber das Schönste waren doch die ersten Morgenstunden, während welchen ich auf dem Rücken lag, den Kopf auf dem Rucksack, in den blassen Himmel hinaufguckte und halb wachend, halb träumend den Tag abwartete.

Als das erste fable Licht durch die hohen Tannen herabschimmerte, versuchte ich mir ein Bild von meiner Lage zu machen. Vorerst: vom Berge selber sah ich nichts. Das beunruhigte mich nun keineswegs, da ich noch ziemlich genau zu wissen glaubte, wo der Mount Shasta stand. Ich befand mich in einem kleinen Tälchen, das ausgefüllt war mit über mannshohem, fast undurchdringlichem Unterholz.B.mgs umschloss mich hoher, schöner Tannenwald. Keinen Pfad, auch nicht die leiseste Andeutung, dass hier vor mir ein menschliches Wesen durchgedrungen war, konnte ich entdecken. Doch unverdrossen begann ich um halbfünf Uhr meinen weitern Aufstieg. Er war einfach genug: Ich hatte nichts weiter zu tun, als mir mit Händen und Füssen und mit dem ganzen Gewicht meines Körpers einen Weg zu bahnen. Ich machte erschreckend geringen Fortschritt, trotzdem ich mich in eine wahre Wut arbeitete. Was sorgte ich mich um Schürfungen und Beulen, was kümmerte mich der riesige Dreiangel, den ich in meinen Strumpf riss. Hinauf wollte ich, auf den Berg! Um Mittag befand ich mich am obern Ende des ersten Tälchens und damit am Anfang eines zweiten, das nicht besser aussah als das erste. Stundenlanges Schneestampfen geht sicherlich auf die Nerven, aber es ist noch lange nicht so stumpfsinnig wie Klettern und Kriechen im kalifornischen Urwald. Einmal, im Laufe des Nachmittags, gelangte ich auf eine Art Rippe, wo ich für etwa hundert Meter über morsche Lavablöcke ein leichteres und schnelleres Fortkommen fand. Doch nachher wurden Gestrüpp und Unterholz nur um so dichter und widerspenstiger. Aber Berner haben harte Schädel, und bis zum Abend legte ich doch ein gehöriges Stück Weges hinter mich. Als die Nacht hereinbrach, fand ich ein kleines Bächlein, das willkommenen Trank bot. An seinem Ufer bezog ich mein zweites Freilager. Mein Gefährte war ein zierliches Eichhörnchen, das mir die mitgebrachten spanischen Nüsschen aus der Hand naschte und auch sonst äusserst zutraulich wurde. Dass auch Ameisen und Mücken während der Nacht recht zutraulich geworden waren, fand ich am nächsten Morgen rasch heraus. Ich war sehr müde und schlief bis um sechs Uhr. Ein Bad im frischen Wasser des Bächleins und ein währschaftes Frühstück erfrischten mich vollends, und gegen sieben Uhr nahm ich meinen Vormarsch wieder auf. Bald nachher entdeckte ich auch den Berg wieder. Im Laufe des gestrigen Tages war ich in der Hitze des Kampfes unmerklich, aber nichtsdestoweniger beträchtlich nach Westen abgewichen und befand mich jetzt an den Südabhängen des Mount Shasta. Gegen Mittag gelangte ich jedoch unerwartet auf einen recht guten Weg, der zwar schwach anstieg, aber doch ein besseres Fortkommen versprach. Ihm vertraute ich mich an. Der Windungen waren viele, der groben Steine noch mehr. Der Schuh drückte, und der eine Fuss schmerzte immer lästiger. Heiss brannte die Sonne hernieder. Nicht mal das Rauchen einer Pfeife brachte rechten Genuss. Verkohlte, kahle Stämme, traurige Zeugen eines wütenden Waldbrandes, waren für Stunden meine stummen Begleiter. Endlich im spätem Nachmittag nahm mich der Hochwald wieder auf. Eine lange Rast war notwendig geworden. Der Fuss schmerzte fast unerträglich. Weitere Rasten folgten. Ich wusste nicht recht, was scheusslicher war, ob der brennende Durst oder die Blase am Fuss. Doch weiter, weiter.

Als der Abend hereinbrach, war ich bis zur Waldgrenze vorgedrungen. Wohl stand der Berg wieder vor mir. Eine leichte Wolke strich über seine höchsten Kämme, rosig leuchtend in der Abendsonne. So nahe schien der Gipfel — und doch so hoch, so uneu'eichbar ferne für mich.

Das dritte Freilager dünkte mich ha^t. Der Vorrat an Früchten war aufgezehrt, Wasser fehlte, meinen letzten Ferientag musste ich zur Rückkehr benützen, kurz und gut, ich war froh, als dei1 Morgen herauf-dämmerte. Hinkend und besiegt kroch ich den langen Weg ins Tal hinab, erreichte die Eisenbahni;nie und folgte ihr nach Sisson. Kurz vor Sisson kreuzte ein Weg die Bahnlinie und ein Wegweiser lachte mir höhnisch ins Gesicht: « Mount Shasta Trail, Horse camp 8 Miles. » Ein müder, staubiger, lahmer, besiegter Gipfelstürmer rückte im Laufe des Nachmittags in Sisson ein.

Das also war der Mount Shasta, auf den man von Süden zu Pferde hinaufreitet! Aber ich wusste jetzt, wo der Berg stand.

In ein makelloses Schneegewand gehüllt, begrüsste uns der Mouut Shasta, a's am Neujahrstage 1925 mein Gefährte, Dr. Eloesser, und ich in Sisson dem Eisenbahnzug entstiegen. Der Hüttenwart des Mount Shasta-Lodge erwartete uns und zeigte sich gerne bereit, uns bis zur Hütte hinauf zu begleiten. Allerdings hatte er für unsere Ski nur geringes Verständnis. Bald nach unserer Ankunft sassen wir in einem Fordautomobil, das uns bis zur Schneegrenze bringen sollte. Es war gewiss kein elegantes Vehikel, d' eser Fordwagen, aber \^e er den fürchterlich holprigen Weg hinter sich brachte, das nötigte uns doch grösste Bewunderung für die Leistungsfähigkeit dieser Maschine ab. Am Dreimeilenwegweiser, heute gleichzeitig die Schneegrenze bezeichnend, sagten wir dem trefflichen Wagenlenker Lebewohl, schulterten die Säcke und Ski und begannen zu Fuss den Aufstieg. Ein guter Weg führte massig ansteigend durch lichten Hochwald. Ein Waldbrand hatte vor Jahren in dieser Gegend fürchter¾h gehaust. Der Hochwald erholt sich nur schwer, und die schwarzen Baumleichen sind traurige Zeugen der Verheerung. Das ganze Gelände wird nach einem Brand rasch von dichtestem Unterholz überwachsen, dessen Undurchdringlichkeit ich im letzten Jahre zur Genüge ausgekostet hatte.

Nach einer Meile rüstigen Marsches wurde die Schneeschicht dicker, und ich beschloss, die Ski anzulegen. Mac, der Hüttenwart, billigte mein Vorgehen nicht recht, da seiner Ansicht nach der Weg zu « erocked » und zu steil war zum Skilaufen. Der gute Mann erlitt einen gelinden Shock, als ich ihn auf dem übrigens gut angelegten und massig steilen Weg nicht bloss einholte, sondern auch anstandslos an ihm vorüberschlurfte. Als ich mich das letztemal nach ihm umsah, stand er da, den verwetterten Strohhut im Nacken, und kraute sein Haar, mit einer unglaublichen Verblüfftheit im runzeligen Gesicht.

Meine Gefährten blieben rasch zurück, ein herrlicher Tannenwald nahm mich jetzt auf, und bald war ich mutterseelenallein. Die Sonne sandte rosige Strahlen zwischen den Stämmen hindurch, und dort, wo die Tannen dichter standen, breiteten sich tiefblaue Schatten. Durch die Wipfel schimmerte der lichte Abendhimmel. Langsam setzte ich Ski vor Ski, stieg den Weg hinan in gleichmässigem Rhythmus, fast mühelos, die Stöcke unterm Arm tragend, behaglich meine Pfeife schmauchend. Schon lange nicht mehr war mir die Welt so schön vorgekommen. Langsam dunkelte es ein. Steileres Wegstück, schneearm und vereist, zwang mich, von meinen Stöcken reichlich Gebrauch zu machen, dann gelangte ich auf einen Rücken, wo der Blick frei über eine Schlucht und den dunklen Wald der Gegenseite schweifte und hinauf zum schneebedeckten, schimmernden Gipfel. Da setzte ich mich zur Rast nieder. Aber nachdem ich eine Pfeife geraucht und eine neue gestopft hatte und immer noch nichts von meinen Gefährten bemerkte, setzte ich den Aufstieg wieder fort. Der Weg war nicht zu verfehlen, trotzdem jetzt reichlich Schnee lag, da am Vormittag zwei andere Bergsteiger auf kanadischen Schneereifen zur Hütte emporgestiegen waren.

Kurz nach halbsechs Uhr abends, nach Erledigung des Siebenmeilen-zeichens, kam ich in ein offenes Tälchen mit feinstem Pulverschnee und beschloss, mir hier mit Skifahren die Zeit zu vertreiben, bis meine Gefährten aufgeholt hätten. Aber als nach einer halben Stunde das Tälchen von meinen Schwüngen und Schussfahrten ganz aufgeackert war und die Genossen sich immer noch nicht zeigten, wurde ich etwas besorgt um ihr Verweilen und beschloss, ihnen entgegenzugehen. Es war eine herrliche Fahrt: bald im schimmernden Mondlicht, bald durch tiefe Schatten glitt ich sanft und pfeilschnell talwärts. Fast bedauerte ich es, als ich nun meine Kameraden hörte und mit einem stäubenden Schwung vor ihnen Halt machte. Mac, der keine Ski besass, sank tief ein, und Eloesser glitt auf seinen Ski bei jedem Schritt vorwärts wieder zwei Schritte bergab. Es war beinahe ein Wunder, dass die beiden es überhaupt so weit gebracht hatten. Nun setzten wir uns alle drei wieder in Bewegung. Der Fortschritt war nur langsam, aber endlich gegen halbneun Uhr sassen wir alle drei am prasselnden Kaminfeuer der Mount Shastahütte.

Nach einem kräftigen Mahle und einem gemütlichen Plauderstündchen breiteten wir die Schlafsäcke nahe am offenen Feuer aus und legten uns nieder. Die Nacht verlief ruhig, abgesehen von den Monologen, welche Mac in seinen Schnarchpausen zum besten gab. Mac, der Hüttenwart, ist schon tags eine recht wunderliche Figur. Er hüllt seine lange, hagere Gestalt in blaue Überkleider, trägt Sommer und Winter denselben verwetterten Strohhut und hat von der Poesie seiner deutschen Heimat den Erlkönig, die beiden Grenadiere und einige « Herzbrecherlein » in die Neue Welt hinüber-gerettet. Um seine Hütte ist er äusserst beorgt, und für den Mount Shasta hegt er die tiefsten Gefühle. Dass er daneben trotz seiner sechzig Lenze noch eine blühende, leider gar nicht salonfähige Phantasie entwickeln kann, bewies er uns während dieser Nacht in dem Mount Shasta-Lodge.

Die beiden andern Männer, die ausser uns so malerisch um das Kaminfeuer lagerten, waren jene Bergsteiger, die vor einem Jahre dem Mount Shasta die erste Winterbesteigung abgetrotzt hatten. Grimmige Kälte, schlechtes Wetter und ein wütender Sturmwind hatten manchen ihrer frühern Versuche zu Schanden gemacht, und auch ihr endlicher Sieg am 22. Februar 1924 schien kein leichter gewesen zu sein. Aber alle diese Mühen und Anstrengungen verhinderten sie nicht, von neuem anzusetzen. Da sie die Unzulänglichkeit ihrer Ausrüstung bei ihren Versuchen eingesehen hatten, in San Francisco aber weder Pickel noch Steigeisen erhältlich waren, so machten sie sich die nötige Ausrüstung selber. Ich wünsche, ich könnte diese selbstgemachten Steigeisen dem Schweizer Alpinen Museum verschaffen, aber das eine Paar liegt irgendwo am Mount Shasta verloren, und das andere Paar erwies sich als ein so vollständiger Erfolg, dass sein Besitzer es nicht für viel Geld weggeben würde. Auch Pickel hatten diese Männer hergestellt, zwar sahen sie mir nicht sehr vertrauenerweckend aus und recht bizarr in ihrer Form, aber was ihnen an Eleganz abging, das ersetzten sie vollständig durch ihre Länge. Sie erinnerten mich sehr an die Hacke, die mein Vater daheim im Keller stehen hat für Gartenarbeiten. Einige Worte muss ich noch über die Fussbekleidung sagen: Der eine dieser Bergsteiger hat zum Nachteile seiner Zehen die winterliche Kälte kennen gelernt, wenn er auch nicht in der Lage des Mont Blanc-Führers war, der, wie in einer der letzten Nummern der „ Alpina " erzählt wurde, seine Zehen in der Hosentasche klappernd herum-trägt. Aber er war auch gar nicht geneigt, solche Tricklein je auszuführen. Zur Vorsorge hatte er dieses Mal bis zu den Knien reichende Filzstiefel mitgebracht und ausserdem hohe Gummischuhe, die mit Erfolg Nässe und Kälte von seinen Füssen fernhielten. Als allerdings seine selb st verfertigten Steigeisen versagten und in hüpfenden Sprüngen den vereisten Hang hinabkollerten, da brachte ihn das Suchen nach Stand zum Schwitzen, und er sprach nachher die Überzeugung aus, dass Gummischuhe im Hochgebirge nur unter ganz bedingten Umständen ihren Wert bewahren.

Der nächste Tag, der 2. Januar, brach wolkenlos und klar an. Mac, der Hüttenwart, liess es sich nicht nehmen, für die Herren Bergsteiger das Frühstück zu bereiten. Aber es dauerte geraume Weile, bis wir unsern Kaffee erhielten und aufbrechen konnten.

.'Es war strahlender Tag, als wir alle vier, die beiden San Franciscaner auf kanadischen Schneereifen, Eloesser und ich auf Ski, um 7 Uhr den Aufstieg antraten. Vorerst stiegen wir in ein breites Tal hinein. Der Schnee war schlecht, windverweht und bruchharstig, und die Schneereifen-männer waren wohl ein wenig im Vorteil. Eloesser hatte grosse Schwierigkeiten mit der Bindung, und je steiler das Gelände wurde, um so langsamer kam er voran. Manches Mal holte ich die Schneereifenmänner wieder ein, aber während meines Wartens gewannen sie immer grössere Abstände, und als ich sie zuletzt sah, waren sie bereits hoch oben im riesigen Schneetal.

Der Schnee war nun vollständig vereist und versprach bessern Fortschritt zu Fuss. Wir schulterten denn bald mal unsere Ski, und am obern Ende einer steilen Mulde, etwa 2( J m höher als die Stelle, wo die beiden Amerikaner ihre Schneereifen zurückgelassen hatten, beschlossen wir, unsere Ski ebenfalls der Ruhe zu übergeben. Ich hatte meine Steigeisen mit, und deshalb war für mich der folgende Aufstieg sehr leicht. Nicht so für meinen Gefährten, der mit ungenügend genagelten Schuhen phantastische Tänze am steilen Hang ausführte. Wir querten nun den steilen Kessel nach rechts ( Osten ), wo wir die beiden Amerikaner einer couloirähnlichen Rinne zustreben sahen, die zum Südgrat des Shasta führte. Wir holten bald auf und vernahmen, dass das eine Paar Steigeisen gebrochen und d'.e steile Rinne hinab-gekollert war. Der vormalige Besitzer erlebte in seinen Gummischuhen, was er drastisch « the hell of a time » nannte. Da auch mein Gefährte sich recht unsicher fühlte, schlug ich vor, das Seil anzulegen und Stufen zu hacken für die ganze Länge des Couloirs. Beide waren einverstanden. Ich stieg zu dem Amerikaner ab, rollte das Seil auf und seilte ihn an. Wie ich mich aber nach meinem Gefährten umsah, war der bereits über alle Berge. Das nicht ganz zwar, aber doch schon bedeutend höher oben, und mit einer Behendigkeit, welche ich ihm nach meinen Erfahrungen vom Vorabend und von diesem Morgen nie zugetraut hätte, kletterte er flink und schnell über den steilen Hang empor. Unsere Zurufe schien er schon gar nicht mehr zu hören. Mein neuer Seilgefährte war ziemlich erschöpft, und alle zehn Schritte wurde ein Halt notwendig. Ich schürfte kleine Tritte mit meinem Pickel, und in halber Höhe etwa, dicht unter einer roten Felsstufe, die den ganzen Hang unterbricht, erreichten wir die Stufen unserer Vorgänger. Der Schnee wurde wieder von einer recht guten Beschaffenheit, und mein Seilgefäbrte, dem mein Tempo nicht behagte, bat mich, allein weiterzugehen. Also rollten wir das Seil zusammen und ich stieg allein weiter. Der Amerikaner stapfte langsam nach.

Jetzt betrat ich ö{e engste Stelle der Rinne, eine kleine Kletterei folgte, und über die nachfolgende, steile Flanke betrat ich den Südgrat. Von Eloesser sah ich nichts, während der andere Amerikaner langsam, langsam den nächsten Gratbuckel h'nanstieg.

Der Südgrat führt als ein ziemlich breiter Rücken mit mehreren Höckern zu einer kleinen Ebene, wo der Südwestg/at sich mit ihm vereinigt. Der Schnee war ähnlich beschaffen wie der, den ich am Mount Rainier angetroffen, bloss waren die Eiszapfen nicht so hoch und eigentlich Kabisköpfen ganz ähnlich. Ein fürchterlicher Wind brauste über den Grat. Nach wenigen Minuten mühsamen Anstieges begriff ich, weshalb dieser Rücken « miseryhill » genannt wird. Obschon er absolut keine Schwierigkeiten bot, so musste doch jeder einzelne Schritt dem atemraubenden, Mark und Bein durchdringenden Winde abgetrotzt werden. Langsam, aber stetig arbeitete ich mich empor. Bald überholte ich den Amei-kaner. Von der Nordwestkante der oben erwähnten kleinen Ebene hatte ich einen famosen Blick auf den bedeutend niedrigeren Westgipfel, den Shastina. Dieser Krater sah aus wie eine Zuckertorte. Ein Nebelmeer wogte über der Tiefebene, und der brandschwarze Qualm der Sägemühle von Heed war das einzige Zeichen menschlicher Ansiedlungen in der Tiefe.

Ein neuer Buckel musste erklommen werden. Von seinem Scheitel sah ich endlich den Durchbrenner wieder. Ein kleines Tälchen führte von meinem Standpunkte hinüber zum mehrtürmigen Gipfel, der ein recht wildes Aussehen hatte. Die vielleicht 20 m hohen Felsen waren vollständig mit Eis und Schnee bepflastert, und es schien kaum möglich, von dieser Seite her den höchsten Gipfelpunkt zu ersteigen. Etwa 8—10 Meter unter dem Gipfel sah ich Eloesser. Er war eben im Begriffe, sich langsam emporzuarbeiten. Ich beeilte mich, die kurze Strecke bis zu ihm zurückzulegen. Aber wie ich nach wenigen hastigen Schritten wieder zum Gipfel hinaufsah, da deutete nur mehr eine Spur die Anwesenheit meines Gefährten an. Und jetzt kam er hinter einer Ecke hervor und strebte dem Grunde des Tälchens zu. Kurz unterhalb des Gipfels begegneten wir einander. Der Wind war viel zu heftig, um uns gegenseitig verständlich zu machen. Wir suchten Schutz hinter einem nahen Block, und dort wollte mir mein Gefährte zureden, den Gipfel in Ruhe zu lassen und mit ihm abzusteigen. Nichts lag mir nun ferner als das, und da die Kälte meinem Freunde bedeutend schlimmer zusetzte als mir, zog er es vor, ohne mich umzukehren. Ich verzehrte erst ein kaltes Butterbrot, das mir der Wind mit Eiskristallen versüsste, bevor ich den Windschutz verliess und zum letzten Sturm ansetzte. Am Ende der Spur meines Vorgängers angelangt, sah ich schnell ein, dass die letzten paar Meter über die senkrechte, eisgepanzerte Wand ganz erhebliche Schwierigkeiten boten, und begriff meinen Freund recht gut, dass er auf dieses Wagestück verzichtet hatte. Aber ich sagte mir auch, dass die Allerweltsturisten, die im Sommer in Horden den Gipfel besteigen, sicherlich einen einfachem Weg nehmen müssten. Also kletterte ich wieder einige Meter hinab, querte dann längs der Gipfelwand nach Norden und kam zu einem Couloir, durch welches ich in kürzester Zeit auf den Scheitel des Mount Shasta gelangte, 1410.

Der Mount Shasta ist 4304 m hoch und ausser dem Shastina ( 3870 m ), seinem Westgipfel, hat er weit und breit keinen Nachbar von nur annähernd dieser Höhe. Wie der Mount Rainier im Staate Washington, so ist auch der Mount Shasta ein alter Vulkan. Von drei Seiten hat er eine nahezu ideal kegelförmige Gestalt, während im Westen ein Ausläufer einen zweiten Gipfel formt. Die Aussicht ist, der Höhe entsprechend, eine sehr ausgedehnte. Die waldigen Höhen um das Sacramentotal und um seine Nebentäler herum ragten aus dem Nebelmeer heraus wie Inseln aus der See. Die Ebene von Weed war ebenfalls in wogende Nebelmassen gehüllt, und nur im Norden ragte ein Schneeberg von ansehnlicher Höhe empor. Ich konnte weder seinen Namen noch seine Höhe feststellen. Aber wenn auch eine Aussicht, wie man sie von irgendeinem Viertausender in den Alpen geniesst, hier ganz fehlte, so entzückte mich dafür der riesige dreieckige Schatten, den der Gipfel auf die wenigstens 2000 m tiefer liegenden Höhenzüge und Wälder warf.

Auf dem Gipfel war es beinahe windstill, in angenehmem Gegensatz zu dem Sturmwind, der den Aufstieg so sauer gemacht hatte. So war denn der Genuss der Gipfelrast und der Gipfelpfeife ein völlig ungetrübter.

Amerikafahrer ziehen ja meistens aus in der Hoffnung, ihr Glück zu machen in der Neuen Welt. Auch ich bin in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

20 Wie ich nun so allein auf dem Viertausender sass, fern von der alten, schönen Heimat, da fühlte ich mich doch frei von allen Sorgen. Was kümmerte es mich, dass ich zurzeit stellenlos war und arm an materiellen Gütern, alle diese Sorgen waren in der Tiefe zurückgeblieben! Ich wusste nur, dass diese Gipfelrast mit zum Schönsten, zum Glücke gehört, das mir Amerika geben kann. Da erhob ich mich und rief hinaus in die weite Welt zu meinen Füssen: « Heil dem neuen Jahre! » Nach fast halbstündiger Rast machte ich mich auf und besuchte noch alle die andern Gipfeltürme im Norden und im Westen. Der erste der beiden San Franciscaner war eben am Fusse des Hauptgipfels angelangt, als ich vom Nordwestturm in den kleinen Kessel hinabstieg. Etwa 50—70 m unterhalb des Gipfels befinden sich heisse Schwefelquellen. Der Gipfel muss früher einmal einen regelrechten Krater gebildet haben. Die heutigen Gipfelfelsen stellen den Überrest des Kraterrandes dar, und die Schwefelquellen befinden sich im Boden des Tälchens, das den Kratergrund bildet. Mancherorts war der Schnee geschmolzen, und durch Felsspalten strömten Dampfwolken hervor. An vielen Stellen brodelte siedend heisses Wasser aus der Erde, das, abgekühlt, einen recht angenehmen mineralwasserartigen Geschmack hatte. Aus dem Erdinnern drang fortwährend ein seltsames Geräusch. Natürlich erregten diese Zeichen vulkanischen Lebens mein Interesse im höchsten Grade. Aber wenn ich mir recht überlege, so ist es bloss natürlich, dass der Mount Shasta Rauch im Kopf hat. Er würde ja sonst seine Nationalität verleugnen.

Bald nach dem Verlassen der Quellen begegnete ich dem zweiten der Amerikaner, während der erste unterdessen den Gipfel erreicht hatte. Der Abstieg über den breiten Grat war einfach genug und, weil ich jetzt den Wind im Rücken hatte, auch mühelos und angenehm. Mit Hilfe meiner Steigeisen konnte ich auch das steile Couloir und die folgenden, nicht minder steilen Hänge mit grösster Schnelligkeit und Sicherheit hinabsteigen. Eine Stunde nach Verlassen des Gipfels langte ich wieder bei meinen Ski an, wo Eloesser sich eben zum Aufbruch anschickte. Ich sah keinen Grund zur Eile und gestattete mir eine längere Rast. Die Abfahrt wurde ganz und gar unerfreulich. Ich habe selten schlechtere Schneeverhältnisse angetroffen, und es scheint mir das Allerbeste, den Schleier der Verschwiegenheit über dieses Kapitel zu breiten. Um fünf Uhr abends, kurz nach Eloesser, betrat ich die Hütte.

Ein wundervoller Sonnenuntergang bildete den würdigen Schluss des Tages. Gegen acht Uhr rückten auch die Schneereifenmänner endlich an, und bis spät in die Nacht hinein sassen wir um das prasselnde Feuer herum, assen, tranken, rauchten und plauderten. Das war die zweite Winterbesteigung des Mount Shasta.

Am nächsten Morgen verliessen wir die Hütte um 9 Uhr 15. Ich ging gleich von Anfang an meine eigenen Wege. Leicht ansteigend, querte ich die Südabhänge des Shasta in westlicher Richtung. Meine Gefährten, die sich viel tiefer hielten, verlor ich bald aus den Augen. Ein dreiviertelstündiger Aufstieg brachte mich auf einen flachen Rücken, wo der Wind mit bissiger Kälte über mich herfiel.

Von diesem Rücken stieg ich in ein enges, schluchtartiges Tälchen hinab und watete durch tiefen Schnee in seinem Grunde empor, bis ich durch eine schmale Felspforte am obern Ende auf eine geräumige, ganz ebene Terrasse gelangte.Von hier aus lag mein Weg klar vor mir. Eine anfangs breite, allmählich aber enger und steiler werdende Mulde führte hinauf in den Sattel zwischen Mount Shasta und Shastina. Braunrote Felsen begrenzen dieses Tal auf der Shastaseite. Sonst war alles tief in blendend weissen Schnee gehüllt und überwölbt vom blauen Himmel. Ich schlurfte auf meinen Ski über die Ebene hinweg und begann gemächlich den Aufstieg. Da der Schnee auf einmal wieder hart wurde, schnallte ich die Steigeisen unter die Ski und kam auf diese Weise gut voran. Je höher ich aber stieg, desto beträchtlicher wurde die Wärme im Grunde dieses windgeschützten Tales. Eine Rast wird mir nicht schaden, dachte ich und entschuldigte mich vor mir selber noch mit der Ausrede, bei dieser Gelegenheit nach meinen Gefährten ausschauen zu wollen. Die waren und blieben aber unsichtbar. Ich weiss nicht, wie lange ich, auf dem Rucksack sitzend, meine Pfeife schmauchte und mich behaglich der Sonnenwärme hingab. Aber während dieser Zeit quollen hinter meinem Rücken Nebel empor. Als ich weiterzog und das Wolkenkäpplein auf dem Shastagipfel gewahrte, da fand ich das zuerst ganz hübsch und dem Gipfel recht bekömmlich. Aber nun ballten sich dichte, drohende Schwaden auch überm Shastina zusammen. Da merkte ich, dass es galt, mit dem Wetter um die Wette zu laufen. Kräftig schritt ich aus. Doch schon erhob sich der Wind mit heftigster Gewalt, der Nebel sank mit unheimlicher Schnelligkeit. Als ich den Sattel erreichte, war alles in graue Nebel gehüllt. Es schneite, und der Wind wurde zum wütenden Sturm. Schnell versorgte ich die Ski zwischen zwei Felsen und beschwerte sie zur Vorsicht noch mit einem dritten Felsblock. Den einen Skistock bohrte ich tief in den Schnee und befestigte mein farbiges Taschentuch an seinem obern Ende. Diese flatternde Fahne sollte mir helfen, bei meiner Rückkehr das Skilager wieder zu finden.

Dann begann ich den steilen Schneehang zum Shastina hinanzusteigen. Der Schnee war sehr schlecht, und ich sank bis über die Knie ein. Das sonst so verhasste Schneestampfen empfand ich an diesem besondern Tag als gar nicht so langweilig. Der Herrgott zog die stärksten Register seiner gewaltigen Orgeln, und als mich der heulende, pfeifende Wind mit einer Schneewehe nach der andern überschüttete, klang es wie das Brausen einer machtvollen, herrlichen Symphonie an mein Ohr.

Ist es nicht eigentümlich, wie gerade solche Stunden gleichsam schlummernde Kräfte in uns wachrufen! „ Und wenn der Wind noch zehnmal grimmiger heult, ich weiss, dass ich zum Gipfel steigen will und kannl " Schon allein dieses Kraftgefühl, dieses Bewusstwerden, dass auch wir moderne Menschen noch ganz gewaltiger Anstrengungen fähig sind ( auch ohne Aussicht auf klingenden Lohn ), dieses Erleben unser selbst in dem leidenschaftlichen Aufruhr eines Sturmes hebt Bergsteigen heraus über jeglichen Sport.

Was nützt es, wofür steigen wir auf die Berge? Ist nicht das Bezwingen eines Berges im winterlichen Schneesturm, wo nicht einmal eine schöne Aussicht die Mühen des Aufstieges lohnt, nutzlos, mehr noch — blödsinnig?

Nirgends mehr als im materialistischen Amerika, wo jede Minute mit Geld gewertet wird, ist mir so recht bewusst geworden, dass gerade die allerschönsten Dinge meistens die nutzlosesten sind. Und heute, wo für mich das Bergsteigen nicht mehr eine wöchentliche Gewohnheit ist wie so manches Jahr daheim, da wird 's zum auserlesenen Genuss. Und ein Sturm wie der heutige kann mich nicht abhalten, mein vorgesetztes Ziel zu erreichen, sondern er gibt diesem seltenen Tag erst recht die richtige Würze.

Endlich erreichte ich den Kraterrand. Ich folgte den Felsen für eine Weile nach links und nach rechts, um mich zu vergewissern, dass ich tatsächlich auf dem Shasiina, 3870 m, angelangt war. Auf einem Felsblock hielt ich kurze Rast. Es schneite immer heftiger, und ich musste an den Abstieg denken. Ich folgte meiner Aufstiegspur, aber nach wenigen Metern schon verlor ich sie, da meine Fussstapfen bereits vom Neuschnee zugedeckt waren. Nun galt es, den Sattel und die Ski zu finden. Wenn ich mich so hinabbewegte, dass ich die Bergseite immer rechts von mir hatte, so musste ich früher oder später in die enge Mulde gelangen, durch welche ich aufgestiegen war. Mit Hilfe der auffälligen Lavafelsen, die ich mir beim Aufstieg gemerkt hatte, wollte ich mich dann wohl wieder zurechtfinden können. So schritt ich denn unverdrossen bergab. Der Nebel war scheusslich dicht, und es schneite so nachhaltig, dass ich keinen Schritt weit sah. Ich musste mich förmlich zwingen, den rechten Kurs einzuhalten. Endlich, nach einer Stunde, gerade als ich unruhig zu werden begann, tauchte eine schwarze Masse vor mir auf, die Lavafelsen. Ich befand mich etwa siebzig Meter unterhalb des Sattels und hatte weiter nichts zu tun, als wieder hinaufzusteigen zu meinem Skilager. Schon hörte ich meine Taschentuchfahne im Winde knattern und, nur mehr ein paar Schritte entfernt, tauchte das rote Tuch aus dem Nebel hervor. Die Ski waren schnell unter dem Schnee hervorgeholt, aber bevor ich sie anlegte, eilte ich rasch einige Meter hinab in die Talmulde, wo ich einigermassen vor dem Sturmwinde geschützt war.

Erst fuhr ich ganz vorsichtig stemmend talwärts. Der neue Schnee erleichterte die Abfahrt wesentlich, ich wurde frecher und wagte einige flotte Schussfahrten. Alles ging fein und glatt, bis ich in der untern Hälfte des Tälchens wieder in das Bereich des Windes kam. Da wechselte leichter Neuschnee mit Bruchharst und einer steinharten, eisigen Kruste ab. Und der Nebel verhinderte jeden Ausblick. Deshalb gab es auch einige recht rassige Kopfstürze, und über eine völlig unerwartete vereiste Stufe im Hang rutschte ich auf allen möglichen andern Flächen, nur nicht auf meinen Ski hinab. Ich folgte dem Tälchen in seiner ganzen Länge. Da der Nebel sich etwas hob, bekam ich im untern Teil eine recht hübsche Abfahrt. Jetzt hatte ich auch schon die untere Grenze der Wolken erreicht, und nur ein steiler, felsendurchsetzter Hang trennte mich noch von der Waldgrenze. Da entdeckte ich die Stufen meiner Gefährten, die hier beim Herannahen des Unwetters umgekehrt waren. Über eine felsige Rippe trug ich die Ski hinab. In den obern Waldteilen fand ich Pulverschnee und querte in angenehmer Schlussfahrt hinüber zur Hütte. Es fing eben wieder an zu schneien, als ich die Hütte erreichte, 1530.

Meine Gefährten waren bereits etwas besorgt um mich gewesen. Am warmen Feuer tauschten wir unsere Erlebnisse aus, während draussen ein wütender Schneesturm um die Hütte heulte.

Am 4. Januar war das Wetter immer noch schlecht, und wir beschlossen, den Abstieg ins Tal anzutreten. Der Schnee war nass und schwer, aber dennoch wurde die Schneegrenze bald erreicht. Nicht gering war mein Erstaunen, als dort unten mit einemmal Mac, der Hüttenwart, aus dem Gebüsch auftauchte, angetan mit funkelnagelneuer Überhose, aber auch unterm alten Strohhut ein sonntägliches Schmunzeln im Gesicht. Er war so begierig, zu vernehmen, ob wir wirklich den Gipfel erreicht hätten, dass er es sich nicht hatte nehmen lassen, von Sisson uns entgegenzukommen Auf allerlei Abkürzungen, in einem fort munter plaudernd, führte mich Mac nach Sisson hinab.

Die nächste Nacht wiegte mich wieder das Schütteln des Eisenbahnzuges in Schlaf auf meinem Pullman-Bett.Hans Launer

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