Muttnerhorn im Winter

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Von Gregor Eisenring.

Kein Allerweltsberg, ein Höhengrat nur meiner engern Heimat, den der liebe Gott als nördlichen Ausläufer des Piz Curvér als einen weitausschauenden Beobachtungsposten zwischen die Viamala- und die Schynschlucht hineingestellt hat, eine Kuppe von 2400 m, die ihrer lohnenden Aussicht und Abfahrt wegen den Skifahrer lockt. Von einer solchen Winterbergfahrt möchte ich einige Eindrücke festhalten.

Das Muttnerhorn hat ein doppeltes Antlitz, ein sanftes gegen das Oberhalbstein, ein wildromantisches gegen Thusis und das Schamsertal.

Von Solis an der Albulalinie der Bhäüschen Bahn schlängelt der Weg nach dem stillen Weiler Ober-Solis. Wie von einem Balkon schaut seine malerische Kapelle ins freundliche Domleschgertal hinaus. Durch ein tiefes Tobel erreicht man in mancherlei Windungen das kleine Dörfchen Mutten, 1470 m. Seine gestaffelte Siedelungsform verleiht der romantischen Gegend ihr besonderes Gepräge. Es ist eine von deutschen Waisern bewohnte Gemeinde mitten in romanischem Gebiet. Der Name mag vielleicht vom Romanischen ( Muotta oder Motta = Haufen, Hügel ) kommen. Etwas über 100 Menschen wohnen hier das ganze Jahr und teilen an steiler Scholle das harte Los des Gebirgsbauern. In der heimeligen Wirtsstube der Familie Buchli geniessen wir Gastfreundschaft.

Morgens 7 Uhr. Das schönste Wetter ist uns beschieden. Die Skier werden geschultert. Der Schnee stöhnt unter den Schuhen, und die Fussknöchel beginnen sich wohlig zu dehnen. Hie und da überquert eine Fuchs- oder Hasenspur den Schnee und verliert sich im weiten Gelände. Der Wegrand ist da und dort von verschneiten Holzblöcken flankiert. Lärchenzweige wippen, und silbrige Wölklein schweben hernieder; Muttnerstaffel. Eine Gruppe Sommer-ställe in tiefster Einsamkeit. Mit jedem Schritt wird die Fernsicht grösser und der Ausblick schöner. Weiss in Weiss, majestätisch stehen die Berge vor dem trunkenen Auge. 8 Uhr. Wir sind in Ober-Mutten, 1868 m. Alles still, menschenleer. Es ist nur im Sommer bewohnt. An den Holzkänneln der Dächer hangen leuchtende Eiszäpfchen. Sogar das Kirchlein besteht ganz aus Holz. Auf seinem Schindeldach steht kein Turm. Kaum würde äusserlich die geweihte Stätte als solche erkannt, wenn nicht die zwei Glöcklein, die im Sommer zur Predigt laden, offen unterm Dachvorsprung hingen. Die Glockenseile sind jedem preisgegeben. Ich erinnere mich, wie wir Knaben einmal daran zupften, und als der helle Silberton erklang, liefen wir auf und davon, so schnell die jungen Beine zu tragen vermochten. Der Volksmund behauptete nämlich, dass nicht nur die Kirche, sondern auch die Glocken von Ober-Mutten aus Holz seien, worüber wir uns an Ort und Stelle überzeugen wollten. 0 schöne Bubenzeit, wie schnell hast du dich umgewandelt in den reifen Ernst des Lebens 1 Schon leuchtet die Sonne über alle Spitzen und spendet einen willkommenen, warmen Hauch. Rasch werden die Seehundsfelle befestigt. Und schon zieht die Einerkolonne im hellen Morgenglanze über den Sattel, Richtung Muttneralp. Höllentiefunten im schwarzen Schatten liegt Rongellen, die kleine Poststation an der Splügenstrasse, zwischen dem Verlornen Loch und der Viamalaschlucht. Ich schicke einen missglückten Jauchzer an den breiten Hang des Heinzenbergs hinüber. Weit herum hocken dort viele schlaftrunkene Hütten im weissen Gelände wie schwarze Raben. Hoch übertürmen den gleichmässigen Grat des Heinzenbergs die scharfen Zacken der Safierberge. Rechtshinten stehen Tödi, Hausstock und Segnes, und im Norden sticht der dunkle, schneelose Zahn der Ringelspitze in die Himmelsbläue.

Herrliche Wintersonne, du bist Balsam! Das Atmen in dieser kühl-trockenen Luft wird zum Genuss. Schweigsam, aber leichten Mutes tippeln wir aufwärts. In den untern Muttnerbergen reckt sich ein Trüppchen Gemsen an schneefreiem, gesonntem Plätzchen und sucht die schmale Winterkost. 9 Uhr. Die Muttneralp ist erreicht. Kein Muhen, kein Herdengeläute, kein frohes Jauchzen ertönt. Vermummten Gestalten gleich tauchen die tief im Schnee vergrabenen Alphütten auf, und nur das stille Weben der Berggeister ist spürbar auf der verlassenen Alp. Inzwischen ist die Sonne hinter dem Muttnerhorn verschwunden. Flugs sind wir drinnen im grossen Schärmenraum, der Schutz vor Kälte bietet. Aber nur kurze Rast, dann Aufstieg. Der Schnee ist weich, und in immer kleineren Windungen streben wir dem Gipfel und der Sonne entgegen.

11 Uhr. Muttnerhorn. Welche Pracht offenbart das kleine Stück Bergwelt dem bretterbewehrten Wanderer! Sonnenschein auf Berg und Tal, blen-VII9 dende Reinheit um und um. Dieser Tiefblick in die anmutigen Täler Domleschg und Schams, in die Rofflaschlucht, in den Rheinwald und hinüber ins Albulatal. Mit halbgeschlossenen Augen schlürft jeder die herbe Schönheit. Ah, wie prangt dieBeverinflanke ins Schams hinunter! Es ist windstill. Mit den Skiern bauen wir Bänke in den Schnee und bereiten dann das Mahl. Man isst, man trinkt, man schaut und ist glücklich.

Ich nehme mir Zeit, meine Gedanken zu einer Betrachtung zu sammeln und vergleiche die Bilder des Sommers mit denen des Winters. Beide sind gleichschön, ist das Ergebnis.

Zusammenpacken, bereitmachenGanz militärisch ertönen die Worte. Punkt 1 Uhr soll gestartet werden.

Schon sitzen die gewachsten Bretter fest, schon ist der Rucksack an den Leib geschnürt. LosDen ersten Hang hinunter, das ist fein. Auf der andern Seite wieder bergan. Nun gleiten wir, teilweise über eisharte Krusten, dann wieder durch den schönsten Pulverschnee, zwischen Stürviseralp und dem einsamen Wallfahrtsort Ziteil hinunter gegen die Alp Munter. Unter die Windjacke fährt ein prickelndes Grumseln. Frostiges Vergnügen! Der Schnee liegt metertief, und wehe dem, der darin baden will! Er lässt seine Opfer nicht so schnell los. Der kleine Bach hat sich zur Ruhe begeben. Man hört nur hie und da ein dumpfes Gemurmel; im tiefen Eis und Schnee plant er wohl neue Bubenstreiche auf die Zeit seiner Erlösung.

Vor unsern Augen liegt das Tal der Julia, das Oberhalbstein, breit und weiss hingebettet. Die ersten Fahrer verschwinden für einen Augenblick in einem toten Winkel und erscheinen wieder weit unten als kleine, fliegende Punkte. Die vielen Schwünge an steilem Hang und in scharfer Fahrt erfordern Atmung und Herzarbeit. Also ein kurzer Halt. Wir möchten doch auch die Fahrer sehen, die noch oben sind. Hei, in herrlich-höllischem Tempo schiessen sie hinunter, an uns vorbei. Wenn das kein Genuss istMan erkennt sie kaum in ihrer gebeugten Haltung. Wie abgeschossene Pfeile fliegen sie daher... Eine Schneewolke! Im Staube zappeln die dunkeln Streifen der Bretter himmelwärts. Der Fahrer windet und wälzt sich. Das Genick hat er glücklicherweise nicht gebrochen. Unbehindert nimmt die rassige Abfahrt ihren Fortgang. Vielleicht passen alle ein bisschen mehr auf. Eine schöne, reizvolle Talfahrt durch übersichtliches und offenes Gelände. Der Weitblick engt sich von Stufe zu Stufe. Etwas mehr Skilauftechnik erfordert die ausgedehnte Waldpartie zwischen den Alpen Munter und Stürvis, jedoch ohne den Genuss zu mindern. Wie tragisch bewegte Gestalten stehen sie da, die mächtigen Tannen. Wurzelstöcke verwehren fuchtelnden Armen gebieterisch den Weg. Doch der sichere Fahrer findet rasch entschlossen die Durchfahrt. Und nun folgt ein sanftes, ausgeglichenes Abwärtsgleiten über ideales Skiland. Bei scheidender Sonne gewinnen wir Mons im Oberhalbstein. Nach kurzem Aufenthalt folgt das letzte Stück Abfahrt durch Wiesen, Hänge und Wald. Mit Stemmbogen auf der hart-geschlittelten Strasse erreichen wir in der abendlichen Kühle Tiefenkastei, wo uns die säubern und geheizten Wagen der Rhätischen Bahn aufnehmen und nach Thusis führen.

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