Nachtstück

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Später Nachmittag.

Die sinkende Sonne streift gütig über die funkelnden Berggrate, baut lange Schatten auf die Eisfelder und schmückt das Bergdorf mit einem letzten, weichen Licht. Der heisse Tag, der die harte Fron der Arbeit getragen, rüstet sich zum Abschiednehmen. Die Menschen auf den Feldern schaffen lässiger und denken an den Feierabend. Durch die behagliche Friedlichkeit von Dorf und Landschaft eilt ruhelos eine alte Frau zur Kirche. Sie lässt mit eins die Sonne und den Farbenjubel des Bergsommertages hinter sich. Totenhaft still ist der halbdunkle Raum. Die ausserweltliche Feierlichkeit des gotischen Kirchenschiffes legt sich schwer auf die Eintretende. Aus einer dämmerigen Ecke spricht eine beschwörende Stimme eintönige Worte. Das ewige Licht flackert ein wenig. Der gekreuzigte Christus an der Wand lächelt tröstend. Wahrlich ein Ort, von dem man glauben könnte, er liesse kein Erdenleid unbeachtet. Doch die alte Frau findet auch hier keine Ruhe, sie schluchzt und ballt die Faust. Niemand kann der Friedlosen ihren Sohn wiedergeben, der in den Bergen den Tod gefunden hat. Seit einer Woche schon sucht man den verschwundenen Wanderer vergebens.

Über der kleinen Hütte hoch am Grate liegt der Abendschatten. Die reisige Sonne hat hier keine Gewalt mehr. Weit dehnt sich das Land dem Blicke aus: Die Täler, die sich gemach in der Ferne verlieren, die Berge, die zu allen Seiten ihre Kämme und Wände in den blassblauen Himmel heben. An den starken Felskanten hin fliesst noch das volle Licht. Aber der Tag rüstet sich allerorten zum Gehen und verlässt die Erde sanft und wolkenlos. In der Hütte sitzt der Vater. Er hat den Kopf in die Hände gestützt und brütet vor sich hin. Schon acht Tage sucht er nach seinem Sohne und kann ihn nicht finden. Er weiss es längst, dass sein Kind tot ist, aber er muss wenigstens den Leichnam den Bergen entreissen. Was bleibt für heute? Das Tagewerk ist getan. Der Vater und die Führer rasten. Sie werden morgen weitersuchen. Der alte Mann will es so, obwohl er selbst nicht mehr an einen Erfolg glauben kann.

In einer andern Hütte am selben Berge klingt Jauchzen. Ein Jüngling und ein Mädchen haben den langen und beschwerlichen Weg vom Tale bis hierher hinter sich gebracht. Die Mühsal des Anstieges ist schon vergessen, die Akkorde der Seele klingen heller und reiner. Berge und Leben werden diesen Menschen zu beglückender Musik. Weil sie die Berge lieben, weil sie einander lieben. Morgen werden sie auf dem hohen Gipfel stehen, den sie jetzt neugierig von unten betrachten. Frohes, unbesorgtes Glück der Jugend wohnt in ihnen. Keine Frage und kein Zweifel erwacht, ob sie morgen die Spitze erreichen oder ob sie in den Abgrund gerissen werden.

Auf einem Felsvorsprung mitten im unzugänglichen Abgrunde liegt der Tote im kühlen Bergschatten. Es ist, als ob er schliefe. In seinen Zügen steht ein schmerzliches Wissen. Vor kaum einer Woche war der junge Mensch vom vereisten Grate abgeglitten und durch die Wände gestürzt. Rasch und leicht musste ihn der Tod aus blühendem Dasein entführt haben. Steine sausen durch die abgründige Wand. Schmelzwasser tröpfelt von den Felsen. Ein Adler streift in langem Fluge den Wänden entlang. Sonst ist Stille. Getrennt von allem, was Leben heisst, liegt der Verunglückte, niemand wird ihn finden, niemand ihn auch nur sehen können in alle Ewigkeit. Die abendliche Klarheit der Schneegipfel aber weiss nichts mehr von dem Toten.

Über den Bergen leuchtet der Himmel makellos in seliger Heiterkeit. Nichts mag ihn bedrücken, jede Erdenschwere wird zu lächerlichem Alp vor dem befreienden Luftmeere. Und die gläubigen Menschen der Erde weisen dem Toten einen Platz an in jenem lichten Reiche über ihnen, das sie die Ewigkeit nennen.

Dämmerung.

Die Sonne hat Abschied genommen von Dorf und Tal, hat die Perlen und Kränze auf den Gräbern des Friedhofs verlassen. Der Pfarrer schreitet sinnend durch den Acker Gottes und liest auf ein paar Kreuzen die Namen längst verstorbener Menschen, die er nie gekannt. Es ist Feierabend. Auf der Strasse stehen die Männer in Gruppen und plaudern. Aus den Hütten steigt friedlicher Rauch kerzengerade in die Luft. Die Welt legt sich müde zum Schlafe. Die Menschen spannen sich aus dem Joch des Tages und denken vielleicht für wenige Augenblicke nach über das Leben und seine vielen Unbegreiflichkeiten. Das Kirchenschiff ist finster geworden. Die bemalten Scheiben halten den letzten Glanz des Tages ab. Die Mutter kniet und weint noch immer fassungslos. Sie kann den Tod nicht verstehen. Kein Lebender kann es. Stets war es so und wird in alle Ewigkeit so bleiben.

Der Vater steht regungslos vor der Dämmerung. Er sieht, wie sich in der Tiefe die Lichter des Heimatdorfes mählich entzünden. Er fühlt in dieser Stunde die ganze erbarmungslose Härte des Seins. Er weiss, dass die Leute dort unten weiterleben wie vordem, dass nur für eine kleine, verschwindende Anzahl von Menschen der Tod seines Sohnes schmerzliche Bedeutung hat. Er sieht diesen Tod im Weltgeschehen verhallen, sich einordnen in das ewig Werdende und Vergehende. Er beisst die Zähne aufeinander und spürt doch zugleich, dass alles so sein muss. Im Angesicht dieser farblos heraufziehenden Nacht, die so unabänderlich gleichmütig jeden Tag beschliesst, erfasst ihn eine tiefe Hoffnungslosigkeit. Er ist nicht mehr der Ungestüme des Lichts, der alles zwingen kann, nein, er ist der Zweifelnde, er ist alt. Er ahnt seinen von einem unergründlichen Geschicke vorgezeichneten Weg, der gleichermassen einmündet in die Ewigkeit wie der aller Menschen-brüder.

In der andern Hüte ruhen zwei Glückliche von ihren kurzen Strapazen aus. Das Feuer flackert im dämmerigen Raume. Die Suppe brodelt im Topf. Eine gute Wärme erfüllt die kleine Stube. Die beiden jungen Menschen treten vor die Landschaft. Der Jüngling erlebt erschüttert die Schönheit der Gebirge. Das Mädchen freut sich über seinen Beschützer. Sinnverwirrend wirkt das Nahewissen eines geliebten Menschen, und der leichte Kuss ist nur ein Symbol für diese beglückend gefühlte Einheit im Kampfe des Lebens.

Bei einer Felskante mitten im Abgrunde ruht der Verunglückte. Die Stille des Abends liegt über der Wand. Die Heiterkeit der Stunde ist erschütternd. Aber für den Toten steht die Zeit still. Er hat sie überwunden. Er liegt hingegeben dem Raume; er muss weder denken noch kämpfen. Die Steine fallen nicht mehr durch die Felsrinne, das Tropfen des Wassers ist eingeschlafen im abendlichen Schatten, und der Adler hat längst seinen schützenden Horst aufgesucht.

Über der abgründigen Wand steht der Himmel in metallener Klarheit. Die Sterne tauchen langsam aus der Unendlichkeit des Raumes in die Sicht der Zeit.

Neun Uhr.

Im Dorfe klingt die Betglocke durch die Nacht. Der Pfarrer betritt würdevoll die Kirche. Leute strömen nach und füllen den kleinen Raum. Immer noch kniet und schluchzt eine Mutter. Der Priester liest die Messe für ihren toten Sohn. Vom vielen Kerzengeflacker ist das Kirchenschiff matt erleuchtet. Weihevoll spricht der Diener Gottes. Aber die Mutter kann keinen Trost finden, weder in den Worten des Pfarrers noch in der Feierlichkeit des Ortes. Sie denkt: « Was kann dieser Mann mir sagen wollen Er hat keinen Sohn verloren. » Die Hütte steht schwarz in der Nacht. Dem Vater wird dieser Abend lange. Er hört die Glocken vom Tale heraufklingen und weiss, dass sie seinem Sohne gelten. Er ballt die Fäuste: « Noch einmal suche ich Dich morgen! » Und er denkt dabei voll Schmerz an die Frau, die seines Kindes Mutter ist.

In der andern Hütte haben sich zwei frohe Menschen zum Schlafe niedergelegt. Sie hören das Glockengeläute durch die Holzwände dringen, und dieser vertraute Laut aus den Tälern macht sie glücklich. Sie fürchten nun nicht mehr die schwarze Nacht, die so unbegreiflich fremd vor der Türe wartet. Sie fühlen sich durch ein unsichtbares Band noch immer dem Menschengeschlechte verbunden, und dieses Bewusstsein macht sie stark.

In der finstern Wand ist der Tote kaum mehr zu erkennen. Er scheint seinen gebrochenen Körper in die schützende Erde geschmiegt zu haben. Die Kälte schleicht lässig um ihn her. Die Wassertropfen in seinen Haaren frieren, und der Schöpfer ergötzt sich daran, einen wunderbar klaren Eiskristall über der blutigen Stirn zu formen. Der Abgrund schläft still im Raume.

Über den Bergen steht der Himmel voller Sterne. Meteore durchlaufen das weite Gewölbe. Bis über die Gipfel hinaus steigen die Tonskalen der Dorf-glocken in die immer dünner werdende Luft. Das All nimmt die Klänge gütig und gleichmütig hin und lässt sie eingehen in sein Reich, das weder Anfang kennt noch Ende.

Mitternacht.

Glückseliges Dunkel. Das Dorf liegt in tiefer Ruhe. Kaum ein Licht brennt mehr. Die Nacht wiegt die Menschen in bewusstlosen Schlummer, Vorbote einer Zeit, da niemand von den jetzt Lebenden sich mehr in Sorge und Unrast durch seine Tage kämpfen muss. Von der Kirche hallen zwölf bestimmte, starke Schläge. Eng angeschmiegt liegt der Friedhof. Die Perlen der Grabkreuze klingeln leicht im Nachtwinde. Eine Frau wacht noch immer.

Sie hat keinen Trost gefunden bei der Kirche und bei den frommen Worten, Nun ist sie allein in ihrer Kammer. Sie ist stiller geworden und sucht Trost bei Gott. Nicht mehr auf Umwegen mit Litaneien, Kerzen und Heiligenbildern. Sie steht vor dem Urschöpfer und spricht mit ihm. Aber sie hadert nicht mehr so stark wie am Tage. Sie sieht draussen die Nacht hingehen, und sie erlebt diese Finsternis und ihre Rätsel, die ebenso schwere Dinge sind wie der Tod ihres Sohnes.

Die Hütte liegt wie ein kleiner Schatten am unendlich grossen Berge. Sie lehnt sich an die lautlose Stille der Bergnacht und will vergessen sein von den Menschen. Unruhig wälzt sich der Vater auf dem harten Lager, bald schlummert er, bald aber wacht er jäh erschreckt durch ein urweltliches Geräusch der Nacht wieder auf. Er spürt fast körperlich das fremde Draussen, das er nicht bezwingen und nicht durchleuchten kann. Er unterliegt vor ihm wie vor seinem toten Sohne. Er zittert vor dem undurchdringlichen Zukunftsdunkel seines eigenen Lebens und spürt das unergründbare Geheimnis, das am Rande jedes Geschehens wartet.

In der andern Hütte schlummern sorglos zwei Menschen. Sie kümmert nicht die Finsternis und ihre Rätsel, sie denken nicht an den Tod. Er liegt ihnen noch so fern. Sie lächeln im Schlafe und träumen vom Glück dieser Erde.

Beim Toten hält reglos Wache die Nachtseele der Welt. Vergebens suchen die Sterne einen Weg zu seinem weissen Antlitz. Die Massigkeit des Berges deckt alles. Die Wand ist ruhig, der Abgrund hat sich mit Finsternis ausgefüllt und scheint nicht mehr so unbesieglich drohend wie im Lichte des Tages.

In eherner Ruhe wacht das Himmelsgewölbe. Die Sterne wandern ohne Besinnen ihre auf ewig vorgezeichnete Bahn.

Morgengrauen.

Im Dorfe bimmelt das Glöckchen zur Frühmette. Haustüren werden aufgestossen. Zeitig schon blicken die Menschen in den Tag. Ziegen rennen durch die Strässchen. Ein Hirtenbube ruft sie schmeichelnd zum Futtergang. So erwacht hier unten der Morgen. Die Mutter aber schläft. Von allem Schmerz und Leid ist sie hinweggenommen zum Frieden. Am Kruzifix nickt milde der gemarterte Christus. Eben schwingt sich der allererste Sonnenstrahl zum fernsten, höchsten Gipfel.

In der Hütte ist alles zum Aufbruch bereit. Die Seile sind gerollt, die Steigeisen auf den Rucksack geschnallt und die Pickel zur Hand. Schweigsam tritt der Vater mit den Führern vor die Türe. Ihn fesselt heute die Schönheit der Gebirge nicht. Er will kämpfen, er will den Bergen sein Kind entreissen. Er hat Geduld und Vertrauen wiedergefunden mit dem neuen Morgen. Dort schimmert die Wand, die er durchforschen will. Aber es ist nicht die abgründige des Toten.

Aus der andern Hütte steigt fröhlich wirbelnder Rauch. Zwei lachende Menschen sitzen um den Tisch und schlürfen ihren Morgenkaffee. Durch das Fenster blickt ihr Berg. Vor der Hütte wartet ihr Berg. Sie jauchzen ihm zu, wie sie langsam und gemessen aufwärtssteigen. Dann schweigen sie plötzlich, weil das Licht der Sonne einen funkelnden, roten Glanz um die weisse Spitze legt.

Der Tote starrt unbeweglich und gleichmütig dem neuen Tag entgegen. In dieser Frühstunde schweigt die furchtbare Wand noch. Ihr Fuss ist in Nachtschatten gehüllt, aber der Abgrund entschleiert sich langsam.

Über den Bergen steht ein diamanten klarer Himmel. Wolkenlos schön wird der Tag.

Die Sonne.

Das Dorf ist geschäftig. Die Menschen müssen von neuem ihren Tag leben. Sie ringen dem Felde ein karges Erträgnis ab, sie weiden ihr Vieh. Sie arbeiten für einen kurzen Feierabend oder um ihrer Kinder willen und diese wiederum, wenn ihre Zeit gekommen ist, für fernere Geschlechter. Da ist kein Ende. Nach dem Sinn aber fragt keiner, weil des Lebens unerbittliches Muss hinter ihm steht. Die Mutter beginnt den neuen Tag still und gefasst. Sie hat den Frieden gefunden.

In den Bergen sucht ein Vater sein Kind. Er schreit den Namen in die Winde. Es ist vergebens. Er wird seinen Sohn nie finden; das fühlt er heute. Aber ist es nicht gleichgültig, ob die Berge sein Kind der Ewigkeit entgegenhalten oder ein kleiner Sarg?

In den Bergen leuchtet die Sonne den Liebenden auf ihrem Weg zu einem hohen Gipfel. Sie haben schon viel Tiefe unter sich gebracht. Ein feiner, kantiger Firngrat schwingt sich vor ihnen bis zur Spitze auf. Ist dieses Wandern nicht das höchste und reinste Glück der Welt, dieses Am-Wege-Sein und auf etwas Wundervolles hoffen?

Die Sonne hat den Toten gefunden. Sie weckt ihn nicht, aber sie breitet einen leisen Schimmer über sein starres, gemartertes Antlitz. Einen Eissplitter löst sie aus den Haaren. Er zerspringt mit leichtem Klang an einem Fels. Es scheint, als ob der Tote über diese Bewegung in seiner Nähe lächle. So wird nun dieser Mensch frei im Raume liegen in alle Ewigkeit. Er wird langsam vergehen. Die Winde werden kommen und seinen Staub, diesen letzten körperlichen Beweis seines einmaligen Seins, verwischen und in die Luft hinausstreuen. Für immer wird er unter den Bergen weilen, die er so sehr geliebt hat. Aber bevor noch sein letzter irdischer Überrest zerfällt, ist er schon lange vergessen von den Menschen. Jetzt erwacht die ungeheure Wand. Der Steinschlag fällt, der Firnschnee schmilzt. Alles wird Bewegung. Alles geht seinen unabänderlichen Gang.

Über die abgründigen Wände hinaus erheben sich die funkelnden Spitzen in ruhvoller Einsamkeit. Nichts ist mehr um sie als der Gesang der Winde. Keines Menschen Untergang kann ihre Klarheit zerstören. Stumm und glitzernd stehen sie mit dem Himmel in der Ewigkeit.Alfred Graber

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