Nebel und Schnee im Cevedale-massiv

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Pierre Schommer, Zürich

Es mag etwas verwegen erscheinen, von « gewöhnlichen » Skitouren aus dem vergangenen Osterurlaub ganze Druckseiten füllen zu wollen, handelt es sich doch weder um tollkühne Erstbesteigungen im Himalaya oder in den Anden noch um verwegene erste Winterbesteigungen an einer Nord- oder Südwand noch um berühmte Routen irgendwo zwischen Zermatt und St. Moritz oder besonders ausgetüftelte Rundtouren. Nein, es ist ganz einfach das Bedürfnis, erlebnisreiche Stunden in den Bergen nachzuerleben und den Leser -hoffentlich nicht zu seinem Leidwesen - wenigstens in Gedanken erleben zu lassen.

Es begann anfangs März mit Ruedis Telephon; er wollte wissen, ob ich an Ostern schon etwas vorhätte. Gerade grübelte ich im Büro an einem unerledigten Problem; draussen aber kam der Frühling unter einer warmen Märzsonne zum Erwachen, so dass es mir leicht fiel, Ruedi zuzusagen.

Damit begann aber auch schon die Qual der Wahl. In den nächsten Wochen wurden deshalb etliche Telephonate zwischen Chur und Zürich abgehalten. Es fielen jeweils die für uns beinahe schon traditionellen Vorschläge, wie « Wallis mit Monte Rosa », « Berner Oberland mit Finsteraarhorn », « Fornogebiet mit seinen klingenden Bergnamen » und « Valle di Campo ». Wir hatten uns sozusagen für vorletzteres entschieden, als sich uns Hanspeter anschloss und — wie ich eine Woche früher- vom « Adamello » zu schwärmen begann. Wer nun aber glaubt, wir seien an Ostern tatsächlich dorthin gefahren, ist schlecht beraten; denn wir gingen ins Cevedale, und das kam so: Mit Mühe hatte ich Ruedi vom Adamello überzeugen können, hatte Karten vom Gebiet gekauft - dazu aber auch jene vom Cevedale-gebiet ( für ein anderes Jahr... ), und da gab es verlockende Gletscher, die mein Skifahrerherz so jubilieren liessen, dass ich kurzum Hanspeter mitteilte, wir würden an Ostern eben ins Cevedale fahren. Er rümpfte zwar die Nase, und Ruedi schien am Telephon ebenfalls nicht besonders begeistert, so dass man den Entscheid eher als unde-mokratisch bezeichnen müsste. Selbstverständlich kannte niemand von uns das Gebiet genauer.

Gründonnerstag: Unterdessen haben sich uns noch Dieter, Detlev und Lutz angeschlossen, so dass wir am Donnerstag zu sechst ins Cevedale fahren. Von Zürich aus ist es immerhin eine Vier-pässefahrt ( für Geographieignoranten: Kerenzerberg, Lenzerheide, Julier und der ins Veltlin führende ). Dieter beweist uns mit häufigem inter-mittierendem Bremsen sein technisches Wissen und Können, was aber uns Mitfahrern zusehends schlechter bekommt. Nach langer Fahrt sind wir in Tirano. Zwar ist das nicht unser Ziel, doch ein Markt auf dem südländischen Dorfplatz lockt zum Besuch. Dieter befolgt meinen Aufruf anzuhalten. Ruedi ist beinahe entsetzt, Hanspeter ganz und gar nicht einverstanden ( er denkt an den noch bevorstehenden Hüttenanstieg ). Dieter hält meinen Aufruf aber für einen Scherz; doch'97 unterdessen bin ich schon ausgestiegen. Mit zum Teil sauer-lächelnder Miene stehen wir bald alle um die Marktstände herum. Nun, ich hätte das nicht erzählt, hätten wir uns da nicht einen bunten Blumenstrauss erstanden, bestehend aus drei Tulpen, deren Konsistenz unzweifelhaft auf Plastik schliessen lässt. Dafür sind die Blätter am Stiel beliebig verschiebbar. Was hier einen Ästheten schockieren würde, kann uns nur recht sein. In der Tat würden diese künstlichen Gebilde, auf den Rucksack geschnallt, Kälte, Schnee, Sonne und Nebel des Hochgebirges weit besser durchhalten als ihre Naturschwestern.

Doch dann geht es weiter im VW. Nach Bormio wird das Tal merklich enger und rauher; in Santa Caterina biegen wir links an der Kirche vorbei ab. Von da führt eine schmale, aber um so steilere Strasse das Val dei Forni hinauf. Die Steigung bringt schon hier Dieter zum Schwitzen, wird er doch gezwungen, in den ersten Gang hin-unterzuschalten, was in diesem Veteran von einem Auto keine einfache Sache mehr ist. Um fünf Uhr abends etwa ist dann die Fahrt zu Ende, was soviel heisst, wie Skischuhe anziehen, Rucksack fertig packen — Steigeisen im Auto lassen. Dann führt uns ein zweistündiger Marsch in das Rifugio Luigi Pizzini. Es ist kein besonderer Anstieg, sieht man doch schon nach dem ersten Viertel der Wegstrecke zuhinterst im schnurgeraden Val di Cedec die Pizzinihütte, zu der eine ebenfalls schnurgerade Telephonleitung ( allerdings mit romantisch krummen Masten ) führt. Auch das wiederholte Abzählen der verbleibenden Telephonstangen verkürzt den eintönigen Aufstieg nicht. Dazu kommt unsere Trägheit von der stundenlangen Autofahrt.

Aber wenn man schon dem Hüttenanstieg trotz seiner Mühelosigkeit keinen Lorbeerkranz winden kann, so verdient es dafür die Pizzinihütte um so mehr. Am Donnerstagabend ist sie nur schwach besetzt, gemütlich und sauber. Ein freundlicher italienischer Hüttenwart empfängt uns, und wie ich in die Hütte eintrete, sitzen einige Österreicher vor vollen Spaghettitellern, so dass auch mir sogleich klar wird, aus was sich mein Nachtessen zusammensetzen wird. Gleichzeitig tauchen in meinem Kopf glanzvolle Erinnerungen an eine frühere Ötztaler Rundtour und an die gastfreundlichen Österreicher Hütten auf.

Karfreitag: Am Freitag steht der Monte Cevedale ( 3778 m ) auf dem Programm. Bei der Tagwache um halb sechs Uhr ist der Himmel klar blau. Eine Stunde später stehen wir alle bereit vor der Hütte. Nebeneinander und hintereinander marschierend, ziehen wir los, obwohl jetzt eine Nebelfahne von der Königsspitze bis zum Cevedale herüber-hängt, während der Monte Pasquale und die Punta San Matteo weiter im Süden in der ersten Morgensonne glänzen. Wir freuen uns. Wie oft haben wir vom Palü, Kesch und vielen andern herübergeschaut, dem melodischen Wort « Ort-ler-Cevedale » nachsinnend, uns insgeheim danach sehnend und von den sagenhaften Skitouren träumend, die es dort geben sollte. Nun sind wir dabei, es selber erfahren zu dürfen.

Auf dem Gletscher bläst ein beissend kalter Ostwind, der mich zu häufigem Anhalten veranlasst, um mir von Hanspeter die Finger wieder warmreiben zu lassen. Weiter oben geraten wir etwas zu weit links und dabei in immer steilere und pickelharte Hänge. Unter uns aber gähnen weitgeöffnete « Briefkästen », die vor allem unsere « Nachhut » verunsichern, die über keine Harsteisen verfügt. Wie Hanspeter und Ruedi nach früheren Touren, werden auch sie wohl bald solche anschaffen. Würde mir eine Provision auf Harsteisen gewährt, ich hätte bestimmt einen gesicherten Nebenverdienst! Mittlerweile ziehen unsere Nachzügler ihre Ski ab, gehen zu Fuss, bis sie mal wieder tief einsinken und es von neuem mit den Brettern versuchen. So gelangen wir nicht ohne Anstrengung auf den Grat, der von der Casatihütte herkommt, tauchen aber gleichzeitig in stockdicken Nebel. Zum Glück treffen wir da auch eine Aufstiegsspur, so dass wir trotzdem ohne Orientierungsschwierigkeiten den Gipfel 198, finden, wenn uns auch der Gipfelhang wegen eines zweifelhaft eingeschneiten Schrundes und wegen seiner Steilheit und Härte noch zu schaffen gibt. Der Ehrgeiz hat es uns nicht zugelassen, wie die andern weiter unten ein Skidepot einzurichten. Den Gipfel erkennen wir nur daran, dass es auf allen Seiten hinunterzugehen scheint, denn der Nebel verwehrt eine Sicht auch auf die nächste Umgebung. Dafür hat sich der Wind gelegt, und während ein leichter Schneefall einsetzt, brennt gleichzeitig die Sonne durch den Nebel hindurch.

Trotz der guten Schneeverhältnisse erlaubt die Abfahrt auf der ersten Strecke kein beliebiges Schwingen, denn des Nebels wegen müssen wir peinlich genau der Aufstiegsspur folgen, um einerseits die Abfahrt vom Kamm aus nicht zu verfehlen und um anderseits nicht über einen Abbruch hinaus- oder in einen Spalt hineinzufahren. Nach längerem zaghaft-vorsichtigem Abtasten des Geländes mit den Skispitzen kommen wir endlich aus dem Nebel hinaus. Nun geht es über rassig steile Hänge hinunter; vergessen ist das « Schrägabrutschen » in der « Waschküche ». Noch einige Zwischenhake, um Sonnenöl einzu-streichen, zu wachsen, auf die zu warten, die im letzten Hange einen unfreiwilligen Halt eingeschaltet haben, oder auch nur um etwas zu schwatzen - dann gelangen wir gut gelaunt zurück zur Pizzinihütte.

Am nächsten Tag wollten wir auf die Punta San Matteo; doch unterdessen hat man uns vom Gran Zebru ( Königsspitze ) erzählt, und der lässt uns seither keine Ruhe mehr. Damit wird unser altes Streitlied wieder einmal angestimmt: Es handelt von den Steigeisen, die wir in den Autos gelassen haben. Nach langem Hin und Her und dem Abwägen verschiedener Alternativpro-gramme, nach fremden Ratschlägen, die an Eindeutigkeit zu wünschen übrig lassen, entschliessen sich Hanspeter und ich, sie jetzt noch zu holen. Wir fahren hinunter. Träumhafter Frühlingsschnee in den steileren Hängen entschädigt uns für die langen flachen Strecken. Zwanzig Minuten vor den Autos errichten wir ein Ski- und Hemdendepot und holen die Eisen zu Fuss. Trotz eines sich zunehmend bemerkbar machenden Durstes haben wir den Rückmarsch nach anderthalb Stunden hinter uns - entlang der unendlichen Telephonleitung.

Karsamstag: Am Samstagmorgen um fünf Uhr schneit es; doch eine Stunde später hellt es auf, und noch einmal sechzig Minuten später marschieren wir los. Diesmal geht es von der Hütte in nördlicher Richtung bis unterhalb des Königjo-ches, wohin uns eine eher fahle Morgensonne begleitet. Hier, etwa auf 3200 Meter, errichten wir das Ski- und zum Teil auch das Rucksackdepot. Dann geht es ein enges, sehr steiles Couloir hinauf, wobei wir uns im Spuren ablösen. Ich komme mir eher wie ein Fussballer vor, da das Treten der Stufen mit den Schuhspitzen der Tätigkeit eines Stürmers auf dem Fussballplatz nicht unähnlich sein muss, wenn auch hier keine Zuschauer zu finden sind. Wir bleiben links nahe an den Felsen, wo der Schnee teilweise weich ist, der Hang aber auch steiler bleibt, an die 45 Grad. Weiteroben gelangen wir auf den etwas flacheren Grat, der dann in einen jäheren Gipfelhang einmündet. Unterwegs stossen wir auf eine verrostete Seilwinde und auf eine alte Telephonstange, die wohl noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen. Ich mag nicht daran denken. Der Aufstieg soll laut Führer für « Schwindlige » nicht ratsam sein; wir bleiben dieser Sorge enthoben, da wir vom Skidepot an im Nebel gingen und vom Abgrund und den angeblich überhängenden Gletschern nichts zu sehen ist. Auf dem Gipfel steht ein massives Holzkreuz. Sonst ist nichts zu sehen. Statt Matterhorn und Mont Blanc zu photographieren, die man nach den Angaben des Führers von hier aus sehen kann, machen wir als Ersatz Aufnahmen von unseren unverwelkten Plastiktulpen, die wir zusammen mit Pickel und Lawinenschaufel in den Schnee stecken. Ruedi wendet sich entrüstet ab. Dann machen wir uns an den Abstieg. Ruedi ist schon etwa zehn Meter vom Gipfel weg, als der Nebel plötzlich aufreisst. Wir rufen Ruedi zurück; auch er soll den Tiefblick aufdie Pizzinihütte geniessen. Links erhaschen wir noch einen Blick zur Casatihütte, für mehr reicht diese kurze Aufhellung nicht. Dann geht es endgültig hinunter. Wir haben die Steigeisen angezogen, was den Abstieg erleichtert, obwohl es auch ohne ginge. Unvergleichbar schneller sind wir wieder bei den Ski unten. Trotz des sich verschlechternden Wetters steigen wir von hier aus noch zum Sattel links des Pale Colle Rosse hinauf, um von dort eine rassige Fahrt zur Hütte hinunter zu geniessen.

Am Nachmittag schneit es. Wir verbringen geruhsame Stunden in der Hütte mit den üblichen Tätigkeiten, wie Schlafen, Jassen, Veltlinertrin-ken, Spaghettiessen, ohne uns jedoch- zu Ruedis Leidwesen - rasieren zu können. Dafür habe ich Zeit, an diesem Bericht zu basteln.

1, Ostersonntag: Um fünf Uhr morgens schneit es immer noch, so dass wir die Tagwache um eine Stunde verschieben. Dann allerdings scheint schon die Sonne auf den Gipfel der Punta San Matteo, unser Tagesziel. Gedenkt man des heutigen Tages, so lässt sich nur sagen « nomen est omen », allerdings wäre in nächster Nähe auch ein Monte Pasquale zu besteigen... Um sieben fahren wir mit Sack und Pack von der Hütte ab, das Val di Cedec hinunter. 20 Zentimeter frischer Pulverschnee von der letzten Nacht verleitet zum Schwingen nach Lust und Laune, verdeckt aber auch zugleich alle Steine. Unten im Tal biegen wir links ab und traversieren mit Fellen diverse Steilhänge, mehr auf Kuhwegen und Geröll als auf Schnee gleitend. Doch was tut 's, wenn man Höhe sparen kann! Nach zwei Stunden sind wir in der Brancahütte, wo wir die Steigeisen, allenfalls den Pyjama und Ähnliches deponieren und sechs Schlafplätze für die nächste Nacht reservieren. Dann ziehen wir weiter.

Der Aufstieg zum San Matteo ist landschaftlich reizvoll. Nach einem Aufstieg auf einer Seitenmoräne gelangt man auf den Gletscher, der vorerst t Blick von der Brancahütte zum Bärenpass. Nach rechts verläuft der Aufstieg zur Punta San Matteo 2Im Aufstieg zum Pallon della Mare 3Blick von der Pizzinihütte zur Königsspitze ( rechts ) und zum Pale Rosse ( links ) recht flach weit nach hinten führt. Der frische Schnee glitzert in der Morgensonne. Rechts, links und vor uns gewaltige Eisabbrüche. Ein gutes'Dutzend Österreicher und Italiener haben eine gute, wenn auch eher zu steile Spur angelegt, auf der wir in Einerkolonne mit Abständen unter dem Monte Giumella hindurch aufsteigen, allerdings mit abnehmendem Tempo, da auch für uns die Luft immer dünner wird. Unter dem Aufschwung zum Gipfelgrat haben unsere « Vorgänger » ein Skidepot errichtet. Da ich mir vom Fahren über diesen Hang hinunter trotz oder gerade wegen dessen Steilheit etwas verspreche, schultern wir kurzum die Ski und steigen in den ausgezeichneten Stufen weiter hinauf. Auf dem Übergang zum Rücken, der auf den Gipfel führt, dringt beinahe Blankeis durch, zudem scheint er stark verschrundet zu sein. Eine Stunde später erreichen wir aber glücklich den Gipfel. Die Aussicht ist nach unseren Massstäben der letzten Tage grossartig. Wir erkennen im Westen Bernina, Disgrazia und Adamello, im Osten Weisskogel, Similaun und andere Ötztaler Berühmtheiten; im Süden muss es gegen die Dolomiten gehen. Eine brennende Sonne und eine allgemeine Müdigkeit animieren uns zu einer längeren Gipfelrast trotz plagendem Durst; doch nach einer guten Stunde beginnt Detlev die Ski zu wachsen und bestimmt damit den allgemeinen Aufbruch. Knapp fahrlässig, das heisst unangeseilt, fahren wir den Gipfelrücken hinunter. Hanspeter photographiert einmal mehr unsere geschlängelten Abfahrtsspuren. Den Steilhang zum Skidepot der andern bewältigen wir im « Einzelsprung », der Stabilität des Neuschnees nicht ganz trauend. Auf der Gletscherterrasse am Fuss der Giumella und bis ans Ende des Gletschers fahren wir sodann diszipliniert in Einerkolonne. Trotzdem überholen wir unterwegs die Gruppe, die uns am Morgen die Aufstiegsspur gelegt hat. Weiter unten gibt es ab und zu einen Halt, nicht mehr, um zu verschnaufen, sondern um den San Matteo in der Sonne und vor balligen weissen Wolken zu bestaunen. Vom Tal heraufzieht uns ein dunkler Wolkenhaufen entgegen, und als wir die Moräne hinuntersausen, stossen wir abrupt aus der Sonne in eine kompakte Nebel- und Schneemauer hinein. Innert einer Minute erleben wir einen Wetterwechsel von brennender Aprilsonne in einen heftigen Schneewirbel, und das starke Schneetreiben bis zur Brancahütte kühlt unsere verbrannten Gesichter und Arme angenehm ab.

Die Hütte selbst ist unfreundlicher als die Pizzinihütte, nach der wir uns schon bald zurücksehnen. Sollen wir deshalb die zwei Marschstunden auf uns nehmen und dorthin zurückkehren? Wir sind offenbar um eine Idee zu schlaff und lassen es bleiben. So müssen wir uns mit kleinsten Mineral-wasser- und Bierflaschen begnügen, was aber immer noch besser ist als das gierige Schnee-Essen oben aufdem San Matteo.

Ostermontag: Montagabend. Ich sitze im Zug zwischen Sargans und Zürich, auf der Rückfahrt vom Cevedale. Draussen regnet es in Strömen, während mein Gesicht noch von der Sonne brennt. In meinem Bericht aber fehlt noch alles, was wir heute erlebten:

Es begann mit einem strahlend blauen Tag um fünf Uhr früh in der Brancahütte. Um sechs verliessen wir sie. Jeder die Ski hinter dem andern schiebend, stiegen wir zuerst wie gestern über die Moräne auf, hielten dann aber links, statt auf den Gletscher zu gehen, und zogen weiter ein steiles Schneecouloir hinauf, das noch ganz im Schatten lag. Die einen schulterten die Ski, Ruedi und ich hatten sie mitsamt den Harsteisen untergeschnallt, doch machte auch uns die Steilheit und Schneehärte zu schaffen. Über 3000 Meter wurde es dann wieder angenehm flacher. Links von uns mahnten Steinmauern und Stacheldraht relikthaft an vergangene Zeiten aus dem Ersten Weltkrieg, als diese Höhen nicht zum Vergnügen erstiegen wurden. Dass an andern Weltenden auch heute Menschen aufeinander schiessen, konnte ich kaum verstehen, und es stimmte mich sehr nachdenklich. Trotzdem ging 1 4Im Aufstieg zur Punta San Matteo. Im Hintergrund die Giumella 5Im Aufstieg zum Cevedale. Blick zum Monte Pasquale Photos Pierre Schommer, Zürich es in gleichmässigen Schritten weiter, nach einem Steilhang links an Abbruchen vorbei, dann über eine letzte Gletscherfläche nach rechts und auf den Gipfel des Palon della Mare. Zum letztenmal standen wir auf über 3700 Meter Höhe. Heute konnten wir ein überwältigendes Panorama in uns aufnehmen: Bernina, Adamello, Ötztaler Alpen mit Weisskogel, Dolomiten und noch viele andere. Überall waren Leute unterwegs, eine ganze Gruppe in unserer Aufstiegsspur, andere in Richtung Matteo oder Tresero. Auf dem Gipfel blies ein heftiger Nordwind, der mächtige Schneewirbel vom Grat wegfegte. So trafen wir noch einmal andere Wetterverhältnisse an: Nach kaltem Wind und Nebel am Cevedale Nebel und Windstille am Gran Zebru, nach brennender Sonne am San Matteo gab es heute morgen heftigen kalten Wind bei klarblauem Himmel. Die Gipfelrast blieb entsprechend kurz. Nach traditionellem Händedruck und Photographieren liessen wir zum letztenmal den « Trueber Bueb » erklingen, obwohl Dieter und ich im Aufstieg Mireille Ma-thieus « La Paloma adieu » zu Ehren des Gipfelna-mens gesummt hatten. Dann fuhren wir hinunter. Der Pulverschnee war von den gestrigen Besuchern verfahren und hatte sich ausserdem in Bruchharst verwandelt. Erst weiter unten, oberhalb des Schneecouloirs, fanden wir an stark sonnenexponierten Hängen Sulzschnee.

In der Brancahütte sammelten wir alle unsere Effekten, löschten noch einmal den Durst und fuhren trotz des zum Verweilen lockenden Wetters über die Moräne hinaus ins Tal hinunter. Mit den Autos ging es dann vom Schnee hinaus in eine warme Frühlingslandschaft. Der Schnee verarmte am Wegrand zu kläglichen Resten. Bald waren die Wiesen voller Krokusse. In Bormio vereinigten wir alle unsere Liren und gönnten uns damit ein ausgiebiges italienisches Essen mit drei Gängen, Dessert und Kaffee.

Damit wäre der Bericht abgeschlossen, vortäuschend, dass wir trotz nicht von Anfang an idealer Witterung nie zum Rückzug blasen mussten. Dass es zu guter Letzt doch noch dazu kam, hängt mit V der beinahe abenteuerlichen Rückfahrt zusammen. Von Bormio fuhren wir über den Passo di Foscagno ins Livigno hinüber, von da nach Zernez und auf die Flüela hinauf. Unterdessen hatte sich der Himmel bedeckt und im Engadin dichter Schneefall eingesetzt. Drei Kilometer vor der Passhöhe trafen wir auf eine stehende Autokolonne. Gerüchte sprachen sich herum, dass Schneeverwehungen Autos blockierten und ein Durchkommen verunmöglichten. Unterdessen war ein Schneesturm aufgekommen, der nicht gerade zum Verweilen ausserhalb des Autos verlockte, es aber auch im Auto kalt werden liess. Autos vor uns kehrten um. Während einer kurzen Aufhellungen erblickten wir vor uns, soweit man sah, nur stehende Wagen. Nach weiterem Werweissen kehrten auch wir um, fuhren zurück nach Zernez, das ganze Engadin hinauf und über den Julier, der trotz andauernden Schneefalles gut befahrbar war. Unser Ärger aber blieb, denn warum stand in Susch die Strassentafel auf « Flüela offen », während diese seit mindestens drei Viertelstunden schon nicht mehr passierbar war? ( Auf unserer Rückfahrt durch Susch war die Tafel auf « Schneepneu obligatorisch » umgestellt worden, was aber bei einer blockierten Strasse auch nicht mehr viel nützt. ) Dabei ist wenigstens uns wieder einmal klar geworden, dass unsere ( zu hoch ?) entwickelte Zivilisation auch ihre Tücken hat. Damit wäre ich aber auch am Ende dieses Berichtes von den « célèbres alpinistes suisses », wie wir uns insgeheim auf jedem bezwungenen Gipfel nicht ohne ein verschmitztes hochmütiges Lächeln bezeichnet haben, angelangt.

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