Neuer Durchstieg am Salbitschyn-Westgrat

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Von Heinrich Dändliker

Mit 2 Bildern ( 82, 83 ) ( Basel ) Kein Berg in den Alpen weist schönere, markantere und nach allen Richtungen der Windrose weisende Klettergrate auf, wie der Salbitschyn. Ein Berg voller Eigenwilligkeit und Eigenart des Charakters in souveräner Einmaligkeit. Ein erregender Berg — dort, wo er bei seinen Gendarmen, Obelisken und Riesentürmen in höchster Form zum ureigensten Salbitschyn wird. Granit, harter, solider Granit! Aus ihm springen Fluchten und Ba- stionen zum Urner Himmel. In gefährlicher Schönheit blicken die geheimnisvollen Türme auf uns nieder, starr, zwingend und aufreizend. Am Nord-, Ost-, Süd- und Westgrat überfällt uns der Berg schon mit bestimmten Phantasien — und seine steinerne Ansicht erzählt von unbegangenen und neuen Möglichkeiten. Aber: « Wir werden kommen » — auf zwingender Suche nach Neuland. Was alles könnte unsere Handlungen beeinflussen: der reizvolle Berg, das schablonenhafte Stadtleben, ein physisch-seelischer Ausgleich, der Traum vom Gipfel oder die historische Vererbung im Menschen? Das alles könnte dazu beitragen, um unserem Streben die Schuld aufzubürden. Auch veranlassen uns die steinschlaggefährlichen Zugänge am Westgrat der Türme IV und V, einen besseren Anstieg zu finden. Oft schon hingen unsere Blicke fragend an den Südwänden und forschten von der Flanke her nach neuen Wegen.

Am 15. und 16. September 1946 rekognoszierte ich — von der Kurzroute und vom Salbitgipfel aus — mit dem Zeiss. Und dann ging ich zurück und erzählte meinen zukünftigen Gefährten, Henri Stöcklin und René Gebus, vom Berg, von seinen Einwendungen und Antworten. Abgemacht, den 20. September!

Orkanartiges Wetter heult über Basel und jagt in riesigen Sätzen ostwärts. Doch wir drei stehen am Bahnhof und warten auf den Nachtzug nach Göschenen, nicht sehr optimistisch, eher verlegen. Dennoch verlassen wir die Rheinstadt! Vergeblich suchen wir in der angenehmen Polsterung des Wagenabteils unsere innere Ruhe.Verstummt sind die wenigen Worte. Draussen tobt und pfeift das Wetter, trommelt der Hagel und Regen in unausgeglichenen Böen über die Fensterfront, und eintönig singen die Räder ihr Lied in die Nacht. Am 21. September 1.33 Uhr fahren wir bei strömendem Regen in Göschenen ein, wo wir leidlich bequem im geheizten Wartsaal der S. B. B. Aufenthalt nehmen. Plötzlich und unerwartet kehrt der Wind; unsere Uhren weisen die fünfte Morgenstunde. Eine steife Bise setzt ein, und nach wenigen Minuten glitzern am Urner Himmel in gleissendem Vibrieren die Sterne: im Norden die beiden Bären mit dem Polarstern, im Süden Alde-baran und Riegel. Es wird ZeitWir buckeln unsere schweren Säcke. Es ist Etliches drin: 100 m Seil sind keine Kleinigkeit! Wir steigen zur Salbithütte. An den umliegenden Hängen liegt der Neuschnee bis weit in das Tal hinunter. Nebelfetzen schleichen um den Salbitschyn; die Dammagruppe schlummert noch in drohend dunklen Wolken.

Nach einer « soliden » Stärkung verlassen wir um 11.30 Uhr die Hütte, durchklettern mit unseren prallen Säcken die äusserst steile Plattenwand zur Südgratscharte. Senkrecht erscheinen uns von hier die Westgrattürme, und für unmöglich hielten wir es, an den abschreckenden Südwänden einen Durchstieg erzwingen zu können. Und dochUmsonst waren unsere Rekognoszierungen nicht. Es gibt eine Möglichkeit; der Berg erzählt es uns. Keine Macht kann uns davon abhalten. Wir sind jetzt nur noch eins, eine einzige, stark verbundene Kameradschaft durchs Seil. Wir haben nur noch ein einziges Ziel und einen einzigen Weg: die Hindernisse messen, erproben und überwinden. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Sekundär- grat, der sich parallel zum Westgrat hinauf zur Gipfelscharte zieht. In einer wenig komfortablen Felsnische beziehen wir das Biwak. Von hier kommt uns, im Gegenlicht der Abendsonne, der « Vierer » tatsächlich als überhängend vor. Das sonst so harmonische « Flammen » seiner schlanken Formen erscheint uns wie eine drohende Teufelsgabel. Henri und René zweifeln an meiner letzten Rekognoszierung. Sie gehen zum Grat, um Ausschau zu halten. Umsonst suche ich unterdessen nach Wasser und nach einem besseren Biwakplatz. Als ich den Zurückkehrern mitteile, dass unser Teevorrat von einem halben Liter für die nächsten 24 Stunden ausreichen müsse, kommt es mir vor, als würden ihre langgezogenen Gesichter zu Fratzen!

Merklich frisst jetzt die Dämmerung das Urgestein. Blass und fahl erheben sich die Ostwände der Dammagruppe aus ihrem Gletscherbecken und widerspiegeln leicht die sanfte Röte des Horizontes. Rechts von uns geistern die Silhouetten der Westgrattürme. Beängstigend starren ihre dumpfen Schattengesichter in die Nachtwie steingewordene Sphinx-gestalten. Höllisch braust das Echo der Voralpreuss aus der Tiefe zu uns herauf. Ungemütlich ist die Nacht, supponiert der Schlaf. Eingezwängt in engem Zeltsack werden die Minuten zu Ewigkeiten. Oft fliegen unsere Gedanken vom harten Granitboden durch den Äther zu den zu Hause unbenutzten, molligen Rosshaarmatratzen.

22. September. Um 6 Uhr versuchen wir, aufzubrechen; doch zum Klettern ist der Fels noch zu kalt. Wir frieren erbärmlich, und der Berg ist noch abweisend; er erlaubt an dieser Stelle kein Frühturnen. Also — zurück ins Zelt! Erst nach zwei Stunden übersteigen wir die Sekundärrippe. Die Schuhe und alles Entbehrliche bleibt zurück. Zuerst geht es über steile Rasenhänge, die uns, in den Kletterschuhen, zur Vorsicht mahnen. Bereits haben wir das linke Couloir, welches direkt zwischen mittlerer und westlicher Gipfelspitze des Vierers liegt, erreicht. René steigt als erster eine Seillänge voran, Henri und ich folgen in mittelschwerer Kletterei nach. Vorsicht — lose Klemmblöcke! Und dann türmt sich, nach allen Seiten begrenzt, vor unseren Nasen der Stein auf, unmissverständlich, schroff und überhängend. Nur eine sehr exponierte Traverse in der senkrechten Wand, ca. sieben Meter nach links, auf einem fussbreiten Felsband, lässt ein Weiterkommen vermuten. Der erste Sicherungshaken wird eingeschlagen. Henri forciert den Durchstieg auf seinen selbstverfertigten Klettersohlen als erster. Der zweite Haken dringt knirschend ins Gestein. René folgt nach, seilt sich bei Henri um und arbeitet sich an der griffarmen Wand ca. fünf Meter hoch. Nach Überwindung eines gigantischen Blockes erreichen wir einen Standplatz, auf dem wir wie in einem Adlerhorst ausgesetzt sind. Hier beginnt das Senkrechte und Grifflose. Nichts als scheusslich vertikale Granitstürze und Fluchten, an deren äusseren Flächen die Sonne spielt. Wie Edelsteine glitzert der Glimmer und Quarz im Granit. Nur ganz oben ist ein leicht geöffneter Felsenriss erkenntlich.

René, der Zähe, schultert den schweren Henri, und sie strecken sich und tasten — vergeblich. Vorwärts oder rückwärts? Henri geht noch weiter, steigt auf Renés Kopf und streckt sich « fadenartig ». Alles nützt nichts: René ächzt, und wie ein zitterndes Fragezeichen schrumpft seine sonst so stramme Gestalt langsam, aber sicher zusammen Ich überlasse die Sicherung dem Schicksal, und mit vereinten Kräften gelingt es uns schliesslich, Henri erneut emporzustemmen. Eine gefährliche Sache! Henri vermag zu fassen. Nach bangen Sekunden verschwinden endlich nach und nach seine Kletterschuhe. Gott sei Dank! Anschliessend wartet ihm ein Kamin. Er versucht einen Sicherungshaken zu setzen. Aber der enge Kamin hindert ihn am kräftigen Ausholen der Hammerschläge. Aber dann sitzt der Haken doch sicher und vertrauenerweckend. Eine Weile herrscht Ruhe, nur irgendwo kollert ein flüchtender Stein in die Tiefe. Eine Seillänge wird noch angefordert. Dann kommt das Kommando: « Nachkommen! » René, der Mittlere, klettert nach. Ich folge ihm, in der Senkrechten etwas links — einer Rinne entlang. Ohne gute Sicherung von oben wäre sie gar nicht zu überwinden. Ich werde mich hüten, sie jemals wieder zu forcieren. Nun stehen wir in der Scharte zwischen den westlichen Turmspitzen. Hundert und mehr Meter stürzt der Fels senkrecht, teilweise sogar überhängend, ins Bodenlose. Wilde Extreme: aufwärts der senkrecht stehende Fels, abwärts die Tiefe, unter überhängender Wand. Man glaubt auf einem Nichts zu sitzen.

Über das Dach eines Riesenblocks kriechen wir himmelan. Links, über der nördlichen, messerscharfen Kante steigen wir dem flammenden Obelisk zu. Wieder ist es der unermüdliche Henri, der den Angriff beginnt. Er hat heute einen besonders guten Tag. Hart ist seine Arbeit und sicher. Geschmeidig und mit Ruhe setzt er an, bis er mit dem Obelisken eins wird. Seine Aufmerksamkeit, die heute ganz dem Berg gehört, verbindet sich mit unsern Gedanken suggestiv und besessen. Noch fünf, noch vier, noch drei, noch zwei Meter! Und dann reicht Henri die Hand zum letzten Griff — kein Granit mehr im Himmel — das Ziel ist erreicht!

Die winzige Spitze erlaubt nicht, den gemeinsamen bescheidenen Triumph in globo zu feiern. Einer nach dem andern muss zu ihr hinaufsteigen und die Spitze berühren. Jeder will sie fühlen, diese heiss erkämpften Zentimeter, welche man eher « erstreichelt » als erklettert. Keine fünf Zentimeter dick ist der letzte Plattenaufschwung. Es braucht alle Mühe, solche seltenen Dimensionen zu durchsteigen und zur Scharte abzusteigen. Hier rasten wir und essen. Ausgetrocknet sind unsere Kehlen, und von Tee keine Spur. Nur ein kaum eigrosses Stück Schnee-Eis, das in einer Felsritze eingeklemmt ist, gibt leichte Labung.

Und dann: die Seile werden zurechtgelegt, Abseilschlingen bereitgemacht, Sitzschlingen umgehängt, und in kitzeln der Fahrt geht 's die Hunderterwand abwärts und über die Südgratscharte zur Salbithütte zurück.

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