Neues und Seltenes aus der Bondasca

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Von Fritz Beldi * ).

Es ist etwas Wunderbares um die Bergwelt der südlichen Bergeller Alpen, etwas Einmaliges. Das Geheimnis liegt nicht zuletzt im Baustoff dieser Berge begründet, im Tonalit, dem jüngsten und festesten Granit der Alpen. Gleichgültig, ob man von der Dauphiné, vom Mont Blanc oder Gotthard herkommt, immer wird man überrascht von den ungegliederten Bergklötzen mit den betonglatten Steilwänden, die jedes natürlichen Bergwuchses spotten. In den letzten Jahren hat sich der Brauch immer mehr eingebürgert, dass der Berninafahrer, etwas abgestumpft vom Glanz der Firne und vom vielen Schneewaten, anschliessend das Bergen besucht. Leider begnügt er sich dabei fast immer nur mit einem Abstecher ins Fornogebiet in der Meinung, mit Kletterbergen wie Rasica und Largo die Eigenart dieses Granitlandes ausreichend kennengelernt zu haben. Er mag dabei vielleicht etwas enttäuscht sein, denn mit grossen Gletscherrunden, die sich auch für den Skilauf prächtig eignen, sind die Westalpen ohnehin reich gesegnet und « granitene Kletterzacken » gibt es anderswo auch.

Die eigentliche Vertreterin der wunderbaren Eigenart des Hochbergells ist aber einzig und allein die gewaltige Runde der Bondasca. Man muss sie gesehen haben, von Soglio aus — im Festkleid, wenn an den Hochgraten feine Silberfähnchen hängen und die Kanten im Neuschneezucker doppelt scharf zum Gipfel streben. Man muss den Augenblick erlebt haben, unten auf dem von Edelkastanien umrahmten Bondosträsschen, wenn hoch über den Dorfdächern, über dem steilen Waldrand, wo sonst nur mehr Turm-wolken ihren Standplatz haben, auf einmal ein Berg auftaucht, so hoch und gewaltig, mit so unnahbar glatten Flanken — ein Riesenkeil, wie man ihn in den gesamten Alpen nicht wieder findet — König Badile! Es ist das jener Augenblick, dem ein Bondascafreund mit den begeisterten Worten gerecht wird: « Wanderer, halte dein Herz! » Der vierstündige Aufstieg zur Sciorahütte durch die Bondasca ist einzigartig, echtes urwüchsiges Bergell, und zählt wohl zu den wildesten Tälern der Alpen. Ein wunderbares Gefühl in dieser herrlichen Natur, fern dem aufreibenden Alltagsleben seine Gedanken von den neuen Reflexionen leiten zu lassen. In halber Höhe wird der Blick frei, ungeheure dunkle, steile Granitwände wechseln mit wilden Zacken, grotesken Türmen, Nadeln und Kanten.

Der Blick schweift von der Scioragruppe mit ihrer ungemein kühnen Säule, der Ago di Sciora, über den wild zerrissenen Bondascagletscher zu dem gewaltigen Bollwerk des Cengalo, schweift hinüber zum dominierenden Gipfel der ganzen Bondasca, dem Badile mit seiner « Himmelsleiter », derMeinem Freunde Herbert Burggasser in Wien bin ich für Mitarbeit zu Dank verpflichtet.

Die Alpen — 1936 — Les Alpes.26 Nordkante, die nicht die längste, sicher aber gewaltigste Urgesteinskletterei der Alpen bietet.

Nahezu im Mittelpunkt des mächtigen Bondascabogens steht die Sciorahütte inmitten hausgrosser Felsblöcke auf einem Punkt, der nicht günstiger gewählt sein könnte. Ein Umstand fällt sofort auf. Das ideale Bergsteigerheim beherbergt zweierlei Besucher: « Hütten wanderer » und « Zünftige », die sich im übrigen im häuslichen Verkehr sehr gut ergänzen. Eine « Mittelklasse », die sonst auf anderen Hütten den breitesten Besucherteil ausmacht, fehlt hier so gut wie vollständig, ebenso der Führerturist. Tatsächlich gibt es hier nur wenige Berggipfel, die auf unschwierigen bis mittelschwierigen Wegen direkt zu erreichen sind: die Cacciabella- und Ferrospitzen. Doch können — namentlich im Spätsommer — in den Bondascagletscherbrüchen Verhältnisse eintreten, die dem Mindergeübten ein Begehen des Gletschers und damit auch der Ferrospitzen unmöglich machen. Alle anderen Bondasca-anstiege sind schwierig, sehr, überaus, äusserst schwierig und gehören zu den längsten und schönsten Bergfahrten der Alpen überhaupt. Im Hüttenbuch, das ein sehr interessantes Dokument für ein alpines Museum zu werden verspricht, finden sich die Namen vieler grosser Könner in Fels und Eis aus aller Herren Länder. Alljährlich werden es mehr, die der Bondascaring in seinen Bann zieht. Alljährlich mehrt sich auch das Häuflein der Wieder-gekommenen, denn es ist unmöglich, den Brunnen, der diesem Ring entquillt, in ein oder zwei Sommern auszuschöpfen. Wer aber einmal aus diesem Brunnen getrunken hat, der ist anspruchsvoll geworden, der läuft in anderen Gebieten keinen Varianten und Variäntchen mehr nach. Darum möge jeder an diesem Born erst schlürfen, wenn er sich 's leisten kann und die Kost verträgt.

Geringe sommerliche Niederschläge — keine plötzlichen Wetterstürze — keine Vereisung des herrlichen, eisenfesten Gesteins — keine namhafte Steinschlaggefahr — all die Dinge, die sonst die « Schwierigkeiten » der Ur-gesteinsberge ausmachen, fehlen hier. Mangels besonderer objektiver Gefahren haben die subjektiven um so mehr Gelegenheit, voll und ganz hervorzutreten. Ist es da ein Wunder, wenn sich die Bondasca wachsender Beliebtheit erfreut? Und so hat es mich auch gefreut, dem Wunsche unseres Redaktors Dr. Jenny entsprechend, einen Artikel über die Bondasca in « Die Alpen » zu geben.

Den Löwenanteil an der ersten Bondascaerschliessung hat sich Christian Klucker mit Anton von Rydzewsky zu einer Zeit zu sichern gewusst, in der noch kein Mensch eine Ahnung hatte von diesem Juwel im Herzen des Bergells. Dann wurde es ein Vierteljahrhundert wieder still um den abgelegenen Erdenwinkel. Man hielt die Möglichkeit für erschöpft. Waren doch in solch wilden Gebirgen die Anstiegserfindungen der damaligen Zeit ausschliesslich an Eisrinnen geknüpft, die den erfolgreichen Bondascaurlaub zu einer beschränkten Angelegenheit des Frühsommers stempelten. Die 6 bedeutenden Couloirs der Bondasca wurden von Klucker mit bemerkenswerter Gründlichkeit alle nacheinander erstmals begangen.

Eine ganz unglaubliche Leistung für jene Zeit ist die Eroberung der Badilet-Nordwand — nicht zu verwechseln mit der Badile-Nordwand — durch das Badiletcouloir. Wer einmal zu gewöhnlicher Urlaubszeit etwa von der Badilekante in diese fast senkrechte, kaum drei Meter breite Schwarzeis-rinne hineingeblickt hat, dem bleibt es ein vollkommenes Rätsel, wie Klucker mit einem Rydzewsky durch diesen Höllenschlund vierhundert Meter emporzudringen vermochte. Es ist dies wohl der tollste Weg, den der grosse Führer und Erschliesser je gegangen ist.

Aber ein Bondascaproblem, das schönste, das mit klassischen Mitteln noch zu lösen war, ist ihm entgangen! Am 29. Juni 1897 durchstieg Martin Schocher mit Prinz Scipione Borghese und dem Träger Christian Schnitzler die Cengalo-Nordwand auf idealem, einzig möglichem Wege in der Gipfelfallinie, wo die Wand 1260 m hoch ist. Zeitlebens hat Klucker das nicht verwinden können. Er hat sich auch gerächt, indem er in seiner etwas polemischen Art die Tat Schochers als leichtsinnig und unverantwortlich hinstellte; er, der gerade die ärgsten Höllengurgeln mit nichtebenbürtigen Turisten durchstiegen hatte! Auf seine Veranlassung geriet auch die ebenso unrichtige wie nicht tolerante Bemerkung «... diese Route ist wegen starker Eis- und Steinschlaggefahr absolut nicht zu empfehlen... » in den Clubführer, was prompt die Wirkung hatte, dass die herrliche Nordwand fast dreissig Jahre lang links liegen gelassen wurde. Gerade in der Haupturlaubszeit, Juli/Au-gust, ist die Cengalo-Nordwand — im Gegensatz zu anderen Riesenwänden — nahezu frei von objektiven Gefahren. Wir werden darauf zurückkommen.

Erst in den zwanziger Jahren hielt die « neue Zeit » auch in der Bondasca ihren Einzug. Jene neue Zeit, die wieder neue Möglichkeiten entdeckte, neue Wege mit neuen Hilfsmitteln ging. Man fand heraus, dass nicht nur die Konkavformen der Bergflanken einen Anstieg bieten, sondern auch die Konvexformen. Ja, man fand, dass gerade die gewaltigen Pfeilerkanten zwischen den Couloirs das schönste Gelände darstellen, man entdeckte die berühmten « Himmelsleitern » der Bondasca, die Symbole der Jugend!

1921 bahnte sich der junge Mailänder Graf Aldo Bonacossa erstmals einen Weg von Norden auf den zweispitzigen Ago. Dieser kühne Weg ist der erste im Gebiet, der Sicherung durch Mauerhaken erforderte.

Die Badile-Nordkante wurde 1892 von Christian Klucker erstmals erfolglos versucht. Erst am 4. August 1923 eroberte der junge Campferer Meisterkletterer Walter Risch mit Alfred Zürcher in schwerster elfeinhalbstündiger Kletterei die Nordkante des Piz Badile und schenkte damit der Bergsteigerwelt eine der schönsten Bergfahrten überhaupt. Für solch schwere Probleme hat sich Christian Klucker nicht stark begeistert und ist der neuen Zeit abweisend gegenübergestanden. Seine Klage, « heute dominiert nur noch die Felskletterei und wo menschliche Kräfte nicht mehr ausreichen, werden künstliche Hilfsmittel, wie Eisenstifte, Mauerhaken und dergleichen, verwendet », bringt dies deutlich zum Ausdruck. In seinem damaligen Alleingang hat er die imponierendsten Stellen nicht begangen, nicht die Gefühle erlebt, die selbst grosse Könner in helle Begeisterung versetzt haben.

Ich entsinne mich noch sehr gut des überwältigenden Eindruckes der uns überfiel, als wir erstmals, von Andeer herkommend, oben auf der Duan- passhöhe stehend, hinüberschauten. Viel Schönes hab ich schon gesehen in unserer herrlichen Bergwelt, aber diese dunklen Wände, spitzen Zacken und scharfen Kanten — das ist etwas Einmaliges. Und die Kante, von der im Bergellerführer von 1922 geschrieben steht, « die Bezwingung der Badile-Nordkante ist, wenn überhaupt möglich, eine alpine Leistung allerersten Ranges », entriss mir unwillkürlich die Worte: « Das ist ja verrückt, diese Kante zu begehen! » Dass ich selbst innert einer Woche « verrückt » wurde, zeugt von dem unheimlichen Drang der Bergleidenschaft, der einen in dem herrlichen Klettereldorado befallen kann.

Ende August 1934 schritten wir in früher Morgenstunde, bewaffnet mit einer massigen « Schlosserei », dem Einstiege zu. Die Stimmung war glänzend, und beide Zweierseilpartien freuten sich auf die Kamerafahrt. Die ersten Sonnenstrahlen aus wolkenlosem Himmel erreichten uns am obern Einstieg, und während der üblichen Klettervorbereitungen fixierten wir unten auf dem Cengalogletscher ein Rudel Gemsen. Dass nicht nur Menschen, sondern auch Gemsen « verrückten » Dingen nachgehen, war uns schon eher ein Rätsel. Was mag wohl für ein Trieb in diesen zierlichen Tieren stecken, grosse Gletscherschründe, ja selbst Abbruche zu übersetzen?

Erst ein Blick in die furchtbare Nordwand, die in einem einzigen äusserst steilen Plattenschuss von nahezu 800 m zur Tiefe stürzt, brachte uns zurück zu unserem ernsten Vorhaben. Schon in der ersten Stunde mussten wir die Kante verlassen. Ein unbegehbarer Überhang zwang in die Westflanke des Riesenkeiles, die uns eine erste technisch schöne Aufnahme bot. Einige gerissene Seillängen führten uns wieder zurück auf die Kante. Ein Haken, dessen Zweck wir nicht ergründen konnten, wurde « mitgenommen ». Nerven-kitzelnde Stellen liessen die Kamera ganz vergessen. Dass, wie ich las, selbst Schneider, der Mann mit den sechs Siebentausendern, in begreiflicher Nervosität beide Kletteraufnahmen auf denselben Film gemacht hat, zeugt von grossem Bergerleben in diesen grausigen Wänden. Ein Quergang in schauerlichem Plattenschuss verlangt erstmals eine Hakensicherung. Aber nicht immer ist es möglich, trotz fünfundvierzig Meter Seillänge, eine beidseitige Sicherung vorzunehmen. Nach sechs Stunden angestrengter Kletterei erreichen wir eine kleine Kanzel, doch nicht lange währt die Ruhe, Nebelschwaden mahnen zu eiligem Aufbruch. Kurz vor der schwierigen Verschneidung wird uns der Blick auf das liebliche Soglio hinunter gänzlich genommen. Dichter Nebel lässt die Kante und die steilen Wände noch unheimlicher erscheinen. Doch frischen Mutes überwinden wir auch den schwersten Quergang in der grausigen Nordwand, in welchem, wie die Erstbesteiger schildern, ein beidseitiges Sichern selbst mit dem 65-m-Seil ausgeschlossen ist. Und wie um unsere Gedanken erneut an den schweren Gang zu fesseln, wird in dieser fürchterlichen Wand ein Moment der Blick frei — 800 m tief unter uns erkennen wir die Schrunde des Cengalogletschers — ein gewisses Haarwurzelgefühl ist 's, das einzig in dieser steilen Wand gedeihen kann.

Die anschliessende, entsetzliche 100 m hohe Wandstufe führt in ein Stemmkamin Wie geborgen man sich doch fühlt nach diesem Pendeln im Nichts. Unter Dröhnen und Tosen erzittert die Luft — der kleine Mensch könnte verzweifeln in seiner Ohnmacht, aber er tut es nicht. Harte Entbehrungen und absolute Treue zu seinem Seilgefährten, mit dem er auf Leben und Tod verbunden ist, haben ihn stark gemacht. Keine Gefahr, drüben im Cengalocouloir muss sich was verändert haben.

Nun tauchen auch die nachfolgenden zwei Freunde geisterhaft aus dem Nebel hervor. Einige Türme werden übersetzt, und nach ca. neunstündiger schwerster Kletterei reichen wir uns oben auf dem Gipfel die Hände.

Der Rückweg über die Südwand, in welcher ein eisernes Kreuz an traurige Stunden erinnert, bringt uns noch vor Gewittereinbruch in die schützenden Moränenblöcke der grossen Alp Porcellizzo.

Es mögen noch kurz einige Begehungszahlen der Kante erwähnt werden, die ein anschauliches Bild von der sprunghaften Entwicklung einer weit über die Grenzen hinaus berühmten Bergfahrt geben. Den ersten nennenswerten Besuch brachte der schöne Sommer 1930 mit drei Begehungen, 1931 war nur eine, die siebente zu verzeichnen. 1932 waren es schon fünf, 1933 sechs, 1934 neun, und der August 1935 endete mit der 43. Begehung.

Ein gewaltiger Sprung an die untere Grenze des äussersten Schwierigkeitsgrades erfolgte zehn Jahre nach der ersten Überschreitung der Badilekante, am 9. September 1933, mit der Bezwingung der prachtvollen Fuori-Nordwestkante. Gar vielen hatte diese seltsam gerade Schattenlinie am linken Rande der Scioragruppe schon in die Augen gestochen; aber die meisten hatten die Kante ob ihrer Glätte und Steilheit für unbegehbar angesehen, bis man dahinter kam, dass sie der Länge nach aufgespalten ist durch einen engen Kamin, der unten mit freiem Auge nicht sichtbar ist. Es kann nicht genug betont werden, dass sich diese Kantenanstiege von ähnlichen Wegen in der Mont-Blanc-Gruppe ganz wesentlich unterscheiden, indem hier die Fährte zwangsläufig fast immer haargenau an der Kante geht und ein Ausweichen in die betonglatte Flanke nicht in Betracht kommt, während an jenen alten Protoginnadeln gerade die Flanken am stärksten verwittert sind und der Aufstieg über die glatten Kanten eine freiwillige Erschwerung bedeutet. Die Fuorikante ist die steilste Bondascakante und damit auch die ausgesetzteste. Die Schönheit und der ungewöhnliche Reiz der Kletterei hat schon 1934 zur ersten Wiederholung geführt.

Erst dem Jahre 1935 blieb die Lösung des viel erwogenen grössten Kanten-problems der Bondasca vorbehalten. Am 27. und 28. Juli eroberten die Zürcher Hans Frei und Jürg Weiss die Gemelli-Nordkante. Diese Begehung ist im neuen Führer noch nicht erwähnt. ( Bei Route 230 a sollte statt Nordgrat, Nordostkante stehen. ) Diese Kante wird auch treffend Bügeleisenkante genannt. In äusserst schwieriger, aber dennoch erfolgreicher Kletterei wurde der untere betonglatte Teil bewältigt, der wie der Bug eines riesigen Panzerkreuzers die Eismassen des Bondascagletschers zerteilt. Er galt bei den meisten Begutachtern bisher als der Inbegriff der Unersteiglichkeit; aber einige Schuppen und feine Risslein — nur aus nächster Nähe sichtbar — sind doch vorhanden, die das Höherkommen genau auf der Kante in seitlicher Klettertechnik ermöglichen. Die Gemelli-Nordkante ist nicht nur die schwierigste, sondern mit fast zwei Kilometer Länge auch weitaus die längste Bondasca- kante. Diese zwei Kilometer führen zwangsläufig immer auf der Schneide. Jeder Versuch aber, den extrem schwierigen untern Teil zu umgehen und erst weiter oben in die Kante einzusteigen, scheitert an den ungegliederten Flanken. Es muss eben jedermann über das gefürchtete Bügeleisen hinweg. Dabei muss der Begeher schon über ein bedeutendes Mass an Unerschrockenheit, körperlicher und seelischer Ausdauer verfügen, wenn er sich nicht daran « verbrennen » will.

Mitte August des Jahres 1935 fiel auch noch die Pioda-Westkante durch zwei Italiener, die bisher in der Bondasca wenig Erschliesserglück hatten. Unter Bramanis Führung wurde auf konsequente Verfolgung der Kante streng gehalten, doch drängt ein schwarzer Riesenüberhang im mittleren Teil den Begeher ganz nach rechts in das Scioracouloir hinein, so dass erst der obere Teil des Weges jene ideale Führung und zwingende Notwendigkeit aufweist, die der anspruchsvolle Felsgeher von einer Bondascafahrt verlangt.

Ausser diesen herrlichen Kanten musste sich auch noch eine grosse Bondascawand dem Ansturm der modernen Felstechnik ergeben. Achtzehn Stunden lang währte am 21. und 22. August 1935 das Ringen um die Nordwand des Piz Trubinasca, die uns beim ersten Versuch und vermutlich auch andere, etwa eine Stunde oberhalb des Einstieges zurückgewiesen hat. Es hat sich deutlich gezeigt, dass sie als neuzeitliches Grenzproblem eingeschätzt werden will. Berufspflichten trennten uns, Freund Burggasser indessen liess sie nicht in Ruhe. Nach vierzehn Tagen Zeitspanne mussten die Erstbesteiger Holm Uibrig und Herbert Burggasser der schwachgegliederten Wand Meter um Meter ablisten. Mehrmals zurückgeschlagen, immer wieder Auswege suchend, sahen die beiden nach einem Hängebiwak keine Möglichkeit mehr, die riesigen Gipfelüberhänge zu bewältigen, und machten sich schon gefasst auf einen verwegenen Abseilrückzug über die ganze Wand, als in elfter Stunde nach zweimaligem schrägem Abseilen doch noch ein verwickelter, aber gangbarer Durchschlupf gefunden wurde. Die Fährte hält sich zwangsläufig knapp neben der schwach ausgeprägten Nordkante des Berges und stellt den einzigen Durchstieg der unnahbar aussehenden zwei Kilometer breiten Wandflucht zwischen Badiletcouloir und « falschem » Trubinascapass dar.

Das grösste Bondascaproblem, die Badile-Nordostwand, ist noch ungelöst. Da aber die Natur der breiten Wand eine leise Andeutung einer idealen Durchstiegsmöglichkeit in Gipfelfallinie verliehen hat, dürfte diese « Herausforderung » nicht lange mehr ohne Wirkung bleiben. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird die gewaltige Flanke im nächsten Sommer ihre Bezwinger finden, verschiedene haben sie schon mit bewaffnetem Auge seziert.

Wir haben damit die Wege der Jugend aufgezählt und wollen nun zu jenen zwei grosszügigen Bergfahrten zurückkehren, welche in jeder Beziehung der Idealvorstellung einer klassischen Fahrt gerecht werden, die mit Mauerhaken und dergleichen nichts zu tun haben will: die West-Ost-Überschreitung des Ago di Sciora und die Nord-Süd-Uberschreitung des Piz Cengalo.

Der Felsweg durch die 750 m hohe Ago-Westflanke wurde 1892 von Christian Klucker eröffnet. Leider ist ihm seither nicht jene Beachtung zuteil geworden, die ihm als schönste Fahrt auf die stolze Nadel gebühren würde. Laut Hütten- und Gipfelbuch mochte unsere Begehung am 7. August 1935 etwa die siebente gewesen sein. Im folgenden seien die wichtigsten Eindrücke dieser Fahrt festgehalten. Ein kurzer, aber steiler « Moränenschinder » bringt von der Hütte in einer halben Stunde auf das Scioragletscher-chen. Wir trachten nun, den kleinen Schuttsattel zu gewinnen, der einen schwarzen, auffallenden Felsturm mit der Pioda-Westkante verbindet, wobei ausgeaperte Platten die ersten Schwierigkeiten bereiten. Eine kurze Querung führt vom Sattel jenseits in das enge Scioracouloir hinein, dessen unmittelbare Ersteigung vom Bondascagletscher herauf wegen eines Steilabbruches nicht zu empfehlen wäre. Das Emporzwängen in der nun folgenden wasserdurchsprühten Steilschlucht wird im Spätsommer immer eine feuchte Angelegenheit sein. Mein Freund ist jedenfalls über diese « Schwitzkur » nur halb erbaut, was sein üblicher Ausdruck des Unwillens, « na sowas », deutlich verrät. Wo sich die Schlucht etwas erweitert, beginnt jener schwarze Schmutzfirn, der das Couloir fast ganz bis zur Forcola hinauf erfüllt. Wir sind jedenfalls froh, es sofort wieder nach rechts verlassen zu können. Ein Platten-system leitet in anregender Kletterei immer parallel mit dem Couloir empor bis zum Beginn des steilen Firnfeldes, das rechts zur sogenannten Pfeilerscharte hinaufzieht, einem schwachen Einschnitt in der Ago-Westkante. Grosse Überraschungen warten hier oben auf den Begeher. Über die abschreckend glatte Wandflucht hinab tut sich ein ungeahnt grossartiger Blick auf die wilden Eisbrüche des Bondascagletschers auf. Und dann das Blumenband! Mitten in diesem unheimlich glatten Plattenschuss gibt es ein zwei Meter breites und etwa hundert Meter langes Blumenband, das zwangsläufig ins nächste Eiscouloir hinüberführt. In dieser lebensfeindlichen, schaurigen Öde hoch überm Gletscher strahlt uns der feine, würzige Duft seltenster Alpenkräuter, glühen uns in den leuchtendsten Farben Blütenkelche entgegen. Im folgenden kurzen, aber tief eingeschnittenen Eiscouloir versagen unsere Zehnzacker ihren Dienst. Stufenarbeit sorgt für trefflichen Wärmeausgleich. Das steile Couloir teilt sich. Der rechte Ast führt nach mehreren Verzweigungen zum Beginn des grossen Firnfeldes hinauf, das steil gegen die Felsen des Hauptgrates emporstreicht. Nach der geraden Durchsteigung dieses Firnfeldes leiten einige nicht leichte Risse zum linken Ende eines waagrechten Gratstückes empor. Rechts an den Bocchettaturm unmittelbar anschliessend gewinnen wir mittels eines weiten Spreizschrittes jenes schmale Bändchen, das leicht absteigend östlich um den Turm herum in die Bocchetta führt. Damit haben wir den « Herdenweg » erreicht, der vom Albignagletscher heraufkommt. Mit fast übermütiger Freude entledigen wir uns der Rucksäcke und Nagelschuhe, um leichtbeschwingt über die herrlichen Risse und Platten der Nadel emporzuturnen.

Die friedliche Stille wird durch grelle Hammerschläge einer Dreierpartie aus der Albigna unterbrochen. Wie kann man diese herrliche Agowand im klassischen Aufstieg durch Haken verunzieren! Aus dem « gespaltenen Kamin » heraus benützen wir rechts den Sertoririss, der uns in einer einzigen Seillänge von vierzig Meter kerzengerade hinauf auf den Gipfel bringt.

Im alten Führer ist hier nur der Originalweg Kluckers beschrieben, der sehr umständlich in einer Schleife von hinten auf den Gipfel führt. Merkwürdigerweise klettert hier alles an diesem in die Augen springenden Riss vorbei, weil er nicht im Führer steht, was die Unselbständigkeit vieler Bergsteiger hinreichend dartut. Wer nicht unter besonderem Zeitdruck leidet, sollte sich von diesem Gipfel niemals abseilen, denn die Kletterei ist auch im Abstieg einzig schön. Wieder in der Bocchetta angelangt, geht 's den gewöhnlichen Weg rasch ostwärts hinab auf den Agogletscher, schliesslich auf den Albignagletscher und über den Cacciabellapass in die Bondasca zurück zu unserem Standquartier.

Dank der erwähnten Bemerkung des ersten Bergellerführers, « diese Route ist wegen starker Eis- und Steinschlaggefahr absolut nicht zu empfehlen », war die prachtvolle Cengalo-Nordwand zu einem fast dreissigjährigen Dornröschenschlaf verurteilt, denn die Mehrzahl aller Bergsteiger klammert sich bekanntlich an solche Führerbemerkungen wie der Gläubige an Bibelsprüche. Diesen Murmelschlaf vermochte auch die zweite Begehung 1928 durch Walter Risch mit vier Zürchern nicht zu unterbrechen, denn dieser überaus erfolgreiche Führer ist im Gegensatz zu seinem Vorläufer, Christian Klucker, ein sehr schweigsamer Mann, und seine vier Begleiter haben ihn in dieser Tugend womöglich übertroffen, so dass von dieser Fahrt überhaupt nichts bekannt wurde. Erst der neue Bergellerführer, der diesen Herbst erschienen ist, berichtet etwas über diese Begehung. Der Aufstieg deckt sich im untern, bedeutend schwereren Teil nicht mit dem der Erstbesteiger. Walter Risch hat damals einen leichtem Weg gebahnt. Es wäre wirklich schade, wenn die Bemerkung im neuen Bergellerführer, « der Aufstieg im untern Teil ist wegen Rückzugs des Gletschers nicht mehr möglich », wiederum Veranlassung geben würde, dass der klassische und ideal geführte Weg in dieser herrlichen Wand abermals gemieden würde.

Erst die dritte Begehung eröffnete am 11. August 1935 den Reigen. Der klassische Einstieg, den mein Freund Herbert Burggasser und ich benutzten, liegt auf einem merkwürdigen, 120 m hohen Riesenwürfel, von dem aus ein schmales Grätli an den eigentlichen Bergkörper heranführt. Um diese Jahreszeit ist das Eisfloss am Fuss der Wand schon vollständig zusammengebrochen und das drei Meter hohe, glatte Einstiegsmäuerchen nur durch menschlichen Steigbaum zu bewältigen. Da es gerade im Schuss des Hauptcouloirs liegt, sorgt ein kalter Sturzbach dafür, dass die ersten drei Wandmeter keine Schweissperlen verursachen. Fluchtartig und « angenehm » abgespritzt wenden wir uns nach der ersten Seillänge rechts, um dem Sprühregen zu entkommen. Ein senkrechter, aber gutgriffiger Riss bringt uns auf das einzige Bändchen, das mit einigen Unterbrechungen rechts ins Nebencouloir hinüberführt. Wir erreichen das Couloir knapp oberhalb der Stelle, wo es ins Bodenlose abbricht, wie hier überhaupt die Natur in vorbildlicher Weise dafür gesorgt hat, dass der Faden der einzigen Möglichkeit nicht abreist. Ein winziges Plätzchen bleibt uns zum Anlegen der Steigeisen, dann geht 's zügig über den gefrorenen Schnee das Couloir hinauf. Die steile Firnschlucht ist durch den oben abschliessenden ungeheuren Wandüberhang vollkommen vor Stein- und Eisschlag geschützt. Nach einem halben Dutzend 40-m-Seillängen öffnet sich plötzlich links die einzige Rissreihe, die eine Erkletterung der Trennungsrippe zwischen den beiden Couloirs ermöglicht. Aufatmend stehen wir dann oben im Schärtchen und lassen uns von der Sonne ein wenig « auftauen ». Gruselig ist hier der Blick in die Hauptschlucht, die mit dreifachem Überhang zum Einstieg niederbricht. Besorgt blicken wir auf zum Einzugsgebiet dieser Schlucht, zur gewaltigen Steilrampe, über die wir noch hinauf müssen. Wir sind jetzt in der Hauptschmelzzeit, und schliesslich genügt ja ein einziger Stein, um eine solche Bergfahrt schlimm enden zu lassen. Wir verfolgen die Rippe bis zu ihrem Ende an der überhängenden Bergwand, wo ein Schuttband links zur Steilrampe hinüberleitet. Wieder « bürsten » die Zehnzacker den harten Firn. Immer im Schutze der Zyklopenwand arbeiten wir uns durch Stufenhacken höher, wobei die abenteuerlich geformte Randkluft willkommene Sicherungsplätze bietet. An einer einzigen Stelle, wo die Wand über uns sich etwas zurücklegt, überkommt uns jenes nervenangreifende, bange Gefühl, das eigentlich bei jeder ernsten Westalpenfahrt dabei sein sollte. Ein Schmelzbach gleitet hier über die glatte Wand und nimmt ab und zu auch einige « Bonbons » mit. Ein Zischen, Pfeifen ist in der Luft, das harte Eis spritzt, bange Sekunden — aber schon ist 's vorbeiunversehrt hacken wir weiter. « Na sowas » lässt sich mein Freund vernehmen. Ein volles Dutzend Seillängen währt der eisdurchsetzte Firn, dann gewinnen wir wieder Fels und stehen bald darauf auf der « Schulter » am Ende der Steilrampe. Endlich haben wir wieder konvexen Boden unter den Füssen. Selige Minuten der Ruhe gönnen wir uns. Gebannt blicken wir hinüber und hinab in die herrliche Bergwelt. Die Gedanken ordnen sich, Ruhe, fern all dem Menschenlärm, der Hetze ohne Ende. Die Sonne geht nieder, und fast vergessen wir die leiblichen Bedürfnisse, seit morgens 4% Uhr sind wir unterwegs, und noch haben wir nichts genossen. Um 15 Uhr packen wir unsere Steigeisen ein. Was nun folgt, ist spielerischer Genuss. Eine riesige Wandrippe zieht von der Schulter 500 m hoch gegen den Gipfel empor. Wenn sie auch selbst nicht gangbar ist, so finden sich doch immer wieder Rinnen, die im Zickzack höherleiten. Wir halten uns rechts und kommen in anregender Kletterei rasch an die kurze Schlusswand heran. Eine Rissreihe führt schräg links durch das letzte Bollwerk auf den Gipfel. Sichtlich bewegt reichen wir uns die Hand. Wir freuen uns des Erfolges, ist es uns doch gelungen, den Aufstieg durch die Nordwand, den Martin Schocher vor fast 40 Jahren bahnte, erstmals vom Fuss bis zum Scheitel zu wiederholen.

Noch einige Worte zu der « gefürchteten » Gwächte.Von ihr sind nur mehr einige klägliche Schmelzstrünke übrig. Sie wird den Wandbegeher in der normalen Urlaubszeit niemals mehr bedrohen, auch wenn der Anstieg nicht so gut geschützt wäre. Leider sind die Bemerkungen über Stein- und Eisschlaggefahr wie diejenigen bezüglich der gefürchteten Gwächte im neuen Bergellerführer unverändert aufgenommen worden, was zu bedauern ist.

Der Abstieg ist für den Ortsunkundigen keineswegs eine sorgenlose Angelegenheit. Wehe dem unglücklichen Nordwandfahrer, der sich im letzten Nachmittagslicht durch die verlockenden Schutthalden vorzeitig vom West-Die Alpen — 1936 — Les Alpes.27 grat abbringen lässt. Seine Exkursion endet unfehlbar mit einem Schaukel-biwak in den senkrechten Plattenschüssen der Südwestwand. Da ist es schon besser, man hält sich weniger an die grosszügige Anstiegsbeschreibung im alten und neuen Führer und an die noch grosszügigere Skizze des alten Führers, dafür aber um so mehr an den Westgrat der nach der Querung einer kühnen Turmflanke bis zur Gegensteigung vor den Col del Cengalo verfolgt werden muss. Erst jetzt öffnet sich südlich ein kurzes Couloir, das rasch auf den kleinen Gletscher im Südwesten des Gipfels hinabbringt. Der Rückweg über den Bondopass ist zwar im aktuellen Moment ein « elender Schlauch », doch wird sich der ausdauernde Westalpengeher in der nachträglichen Beurteilung solcher « Nichtigkeiten » die nötige Zurückhaltung aufzuerlegen wissen.

Wer Abschied nehmen muss von der Bondasca, wird noch einmal nach Soglio hinaufsteigen, wird noch einmal die Runde der stolzen Granitzinnen am glänzenden Auge vorüberziehen lassen. Und wenn der Blick nach aussen schon längst wieder andere Dinge trifft, wird der Blick nach innen noch immer dieses unverwischbare Bild abtasten, das gerade an trüben Tagen im Tiefland am stärksten leuchtet. Ein Architekt mag in diesen seltsamen geradlinigen Bergen den Stahlskelettbau mit Betonverkleidung für seine Hochbauten sehen — der Bergsteiger aber weiss es besser, er hat an diesen Bergen ein Stück wildesten Urwuchses erlebt.

Feedback