Noch zehn Stunden bis Grindelwald

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Wolf Schneider, Sektion Grindelwald SAC, Hamburg

« Hallo! » riefen wir unwillkürlich. Wir spähten hinter die Deckenknäuel auf dem Matratzenlager, wir suchten unter der Bank. Vier Strümpfe hingen zum Trocknen auf der Leine. Zwei Eispickel lehnten an zwei Rucksäcken. Auf dem Schemel lag ein schwerer Photoapparat. In zwei Tassen stand brauner Tee, von schillernder Haut überzogen. Das Fenster war nur angelehnt; aus dem Hüttenboden wuchs ein Schneekegel.

Wir traten hinaus in die Wolken. Der Neuschnee dieser späten Julitage verriet keine Spuren ausser unseren eigenen. Sie kamen vom Mittellegigrat des Eigers und endeten auf dem schmalen Sims, auf dem wir standen. Die Hütte war auf drei Seiten zugeschneit bis ans Dach. Die träge ziehenden Wolken verbargen den Absturz in die Tiefe: nach Süden tausend Meter in den Eismeerkessel, nach Norden zweieinhalbtausend Meter jäh nach Grindelwald hinab. Hier hinaus waren zwei Menschen gerannt. La grande peur dans la montagne.

Wir schaufelten den Schnee aus der Hütte, drückten das verquollene Fenster zu und trugen zusammen, was wir von den Fremden fanden. An einem Haken hing eine Kletterhose, in der Tasche ein Portemonnaie mit hundertzwanzig Franken. Die Rucksäcke waren prall, nichts fehlte: Eishaken nicht und Pelzhandschuhe nicht, Schneebrillen nicht und Gletschersalbe nicht. Leichtsinnig waren sie jedenfalls nicht gewesen, und Selbstmörder hat man sich anders vorzustellen. Das Hüttenbuch enthielt als letzte Eintragung, dass vor drei Wochen, vor dem grossen Wettersturz, zwei Bergsteiger aus Winterthur auf dem Normalweg von der Station Eismeer der Jungfraubahn zur Hütte aufgestiegen waren und die Eiger-Überschreitung vom Mittellegigrat zur Kleinen Scheidegg machen wollten.

Wir schnallten das Bündelholz von unsern Rucksäcken und zerspanten es mit dem Hütten-beil. Der Herd qualmte blau; es dauerte lange, bis der Schnee im Kessel schmolz. Wir husteten und machten die Hüttentür spaltbreit auf.

Die Bergführer von Grindelwald wussten, was den beiden Winterthurern widerfahren war. Dreissig Zentimeter Neuschnee in der ersten Nacht. Sie versuchten zur Jungfraubahn zurückzukehren, verfehlten jedoch im dichten Schneetreiben zunächst die Route und fanden dann den Weg zur Station Eismeer durch fast unaufhörliche Lawinenstürze versperrt. Nach neun Stunden hatten sie erschöpft die Hütte wieder erreicht. Da die Schneefälle anhielten, unternahmen sie am nächsten Tag keinen weiteren Abstiegsversuch. Sie sassen in der Falle. Sie litten Hunger, und alle dreissig Decken konnten sie nicht wärmen. Ihre Eltern alarmierten unterdessen einen Rettungshelikopter, dem es trotz des Schneesturms gelang, die Hütte zu finden und sich neben ihr, einen Meter über dem Grat schwebend, in der Luft zu halten.

Als wir endlich unsern Tee schlürfen konnten, malten wir uns aus, wie es wohl gewesen war: Der Schnee stieg. Zwei junge Männer hofften auf ein Wunder oder auf einen milden Tod. Am dritten Tag, der Eiswind singt am Fensterladen, nähert sich ein schrecklicher - ein herrlicher Lärm. Sie wickeln sich aus den Decken, stürzen in Strümpfen vor die Tür, sehen einen Hubschrauber taumelnd mit dem Schneesturm kämpfen. Eine Leiter hängt herab. Gleich wird eine Bö ihn vom Grat hinunterfegen, und niemals kehrt er wieder. Einer hat noch die Kraft, die Hüttentür hinter sich zuzuschmettern, dann wühlen sie sich schreiend durch den brusttiefen Schnee...

Über den Grat jagen Nebelfetzen, und als wir beim Rotwein sind, prasseln Graupeln auf das Hüttendach. Um neun blasen wir die Kerze aus und wickeln uns jeder in sieben klamme Decken. Wir weigern uns, an übermorgen zu denken.

Vier Uhr morgens: Schneegestöber. Auf der Zunge schmelzen die Flocken. Der Eigergipfel liegt unerreichbar fern. Ins Eismeer donnern die Lawinen.

Dies hätte ein Gang über die Himmelsleiter werden sollen, über die schartige Schneide eines Beiles, schräg ins Nichts gestellt, ein Keuchen und Jubeln unter den Fanfarenstössen der Morgensonne, ein Spott auf die Tiefe, ein Fest.

Das Feuer hustend gelöscht, die Tassen abgewaschen. Gamaschen und Steigeisen, Mütze und Kapuze, Schal und Handschuhe. Angeseilt. Fenster und Tür sorgsam verriegelt. Sicht dreissig Meter. In der Nebelsuppe Zischen, Krachen, Donnern, fern und nah.

Nach hundert Metern des Balancierens über den Mittellegigrat geht es links hinab, steil in den Eismeerkessel, einen grauen Topf ohne Wand und Boden. Wo der Neuschnee auf Altschnee liegt, greifen die Zacken, und wir kommen voran. Wo gestern Fels war, schnurpsen die Steigeisen zornig und rutschen. Wir drehen uns mit dem Gesicht zur Wand, fegen vierzig Zentimeter Schnee zur Seite und tasten nach Griffen. Der eine sichert, bis der rieselnde Schnee die Konturen des anderen verwischt. Nach unseren Rufen ist die Stille wie ein Dröhnen. Dann bricht das nächste Schneegewitter los, und die Wände des Kessels brüllen ihr Echo.

Nach drei Stunden wissen wir es: Wir haben die Route zur Jungfraubahn verfehlt. Ächzend klettern wir hundert Meter hinauf, dreissig hinab, siebzig hinauf, vierzig hinab. Wir rutschen mit schreienden Eisen durch knietiefen Schnee, wir wühlen im Schnee bis an die Ellenbogen, wir sinken in Lawinenbahnen ein bis an die Brust.

Nach vier Stunden erkennen wir die Felskanzel wieder, über die wir uns gestern abgeseilt haben. Zwischen uns und ihr liegt eine Eisrinne, durch die pausenlos Schneeblöcke fegen. Wir queren sie. Der Schnee drischt auf uns ein, der Pickel hält.

Die Kanzel rettet uns nicht; sie bringt uns an den nächsten Lawinentrichter, einen Abgrund von milchigem Grau, in dem es knattert und donnert und rauscht. Es sterben immer nur die andern, heisst ein alter Trost. Aber die andern sagten das auch.

Unsere Augenbrauen sind weiss. Die Strümpfe dampfen. Schmelzwasser rinnt aus den Pelzhandschuhen. Wir müssen zurück oder den anderen Abstieg versuchen, weit, weit nach Grindelwald hinab: über den Kallifirn, auf den die Lawinen aus der Südflanke des Eigers stürzen. Am Schienbein sickert Blut. Schnee weht uns zu. Das grosse Grauen in den Bergen.

Auf kreischenden Eisen rodeln wir zum Kallifirn hinab. Sicht zwanzig Meter. Über das Firnband hetzen wir mit stossendem Atem, wir kämpfen, fast blind von Schnee und Schweiss, mit den meterhohen Wällen der Lawinenbahnen. Wir traben weiter, bis wir den Felssporn über dem Unteren Eismeer erreichen, der jenseits der Lawinenzone liegt. Nach fünf Stunden die erste Rast: Schokolade, ein Becher Tee. Das Schneetreiben geht in nässendes Nieseln über.

Beim Gletscherabstieg endlich kommen wir normal voran. Die Wolken steigen, ein wärmender Strahl sogar, und da — die Fiescherwand! Riesig, eine weisse Mauer, die ins Jenseits ragt. Zwei Minuten später fällt der Regenvorhang.

Zum Unteren Grindelwaldgletscher führt der kürzeste Weg durchs Kalli, einen Steilhang voll von Legföhren und Alpenrosen, mit Wegspuren, die freilich schlecht auszumachen sind bei prasselndem Regen und dreissig Meter Sicht. Wir träumten von einer bequemen halben Stunde, aber natürlich verirren wir uns; der Abstieg von der Mittellegi-Hütte wäre sonst zu leicht gewesen. Wenn die triefenden Zweige uns auf den Anorak klatschen, spüren wir die Nässe sofort bis auf die Haut.

Und da hält es uns nicht mehr: Wir fluchen auf das Wetter und den Eiger und das ganze Berner Oberland, und grimmig ergötzen wir uns an dem alten Satz, dass von allen Formen des Wahnsinns der Alpinismus für die von ihm Betroffenen am schmerzlichsten ist. Über die Mittellegi-Schneide wollten wir tanzen, über den Gipfeln wollten wir jubeln, und nun torkeln wir, eine Stunde, zwei Stunden, durch die Alpenrosen wie zwei betrunkene Kälber, sogar mit Strick: denn wir sind angeseilt geblieben, um uns nicht aus den Augen zu verlieren.

Als wir endlich den Schutt der Gletscherzunge erreichen, zerreisst die Wolkendecke zum zweitenmal, und nun ganz, und die Schreckhornkette ist weiss wie im Winter, und in der feurigen Sonne dampfen unsere Kleider. Gerettet und gewärmt dazu; wir lachen und wir singen — von allen Freuden des Daseins ist der Alpinismus die königlichste!

Aber der Schutt ist ein Grauen, der Gletscher ein Irrgarten von Spalten, Geröll und leimiger Schmiere; wir geraten in Wut und ins Schwitzen, und nach einer Stunde geben wir es auf, Grindelwald direkt über die Gletscherzunge anzugehen. Hinauf zur Bänisegg. Die Spalten drängen uns immer weiter ab vom Tal. In stechender Hitze stöhnen wir den Hang empor - hinauf, da wir doch nur hinunter wollen! Oben beben uns die Knie. Wir rasten, erleichtern uns um Anoraks, Pullover und Gamaschen, lassen auf der ausgedörrten Zunge den letzten Tee verzischen und hadern mit dem Himmel, der uns dieses Wetter einen halben Tag zu spät beschert.

Der Bianco-Grat ( P. Bernina ) 2An der « Scharte » So heiss und grell hatten wir es nicht einmal gewollt. Die Legföhren werden zu Brutöfen. In der ledernen Mundhöhle baumelt die Zunge wie ein Knollen Löschpapier. Visionen von Bier, kühlen Gründen, weissem Leinen; Nacht. Die Stiefel stolpern ihren endlosen Trott. Das Tal rückt nicht näher. Es lodert die Sonne. Kein Hubschrauber in Sicht. Die Zeit steht still.

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