Novembertag in den Mythen

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Peter und Paul. Gottvaterturm.

Von Oskar Trutmann.

Wenn die Riesen der Alpen schon im stattlichen Wintermantel prangen und trüber Herbstnebel auf den Taltiefen lastet, weiss der Kletterer der Zentralschweiz um ein Kleinod, das ihn immer und immer wieder anlockt: die Mythen und ihre Sonne.

So ziehen wir aus, vier gleichgesinnte Bergkameraden, der Sonne entgegen. Der Flecken Schwyz liegt noch tief im Schlummer, als wir den Mythen-wald erreichen und bald darauf die Weggabelung nach Holzegg und Zwischenmythen. Wir gehen links, denn unser Ziel sind die Zwillinge Peter und Paul in der Westwand des Klein Mythen. Immer dichter streicht der Nebel um die Wipfel der Tannen und herbstlich gefärbten Laubkronen, und wir glauben, ihm nicht mehr entrinnen zu können. Noch einige steile Kehren im Gehölz, und die Waldlichtung Günterigs ist erreicht, und siehe, hier stehen sie, die trotzigen Wände, die Gipfel im klaren Äther. Rasch hinauf unter die Riesenmauer des Klein Mythen. O Wunder! Ein schüchternes Erröten des Urirotstocks, und in wenigen Augenblicken stehen alle Bergriesen in der Glut der Morgensonne. Staunend blicken wir hinaus über das Wolkenmeer, juchzend ob dem lang entbehrten Anblick.

Doch hinauf zur Zwillingsscharte! Über die jähen Rasenhänge des Couloirs führt unser Weg. Eine Schuttrinne mit mächtigen Blöcken wird gequert. Munter plätschert ein klares Brünneli über die hohen Felsen. Noch eine steile Rasenkehle, und die Scharte ist unser. Kein Mensch hier, wir freuen uns darüber.

Nach kurzem Imbiss werden die schmiegsamen Kletterfinken angetan. Zwei Dreissigmeterseile kommen mit, alles übrige bleibt in der Scharte zurück. Steinschlag unterbricht die Stille. Übermütige Gemsen zeigen uns einige tollkühne Sprünge, und wieder wird es still. Auf der Südseite des Ostturmes seilen wir an. Den Einstieg vermittelt eine schmale Ritze. Konrad packt zuerst an und kommt rasch höher. Ihm folgt Kari, der auch hier seine Glossen nicht lassen kann. Nun bin ich dran, gesichert durch meine Kameraden, und ebenso als Letzter der flinke Heiri. An der kleinen Latsche stehe ich wieder bei meinem Vordermanne.

Und nun an die Südkante des Turmes. Über die kleingriffige, exponierte Kante klettert Konrad gipfelwärts. « Nachkommen », ertönt es von oben, während ich unten Meter für Meter Seil ausgebe. Kari ist bereits über mir verschwunden, Heiri rückt auf meinen Posten. Die beiden ersten haben die Spitze des Turmes erreicht, und bald sind auch wir droben auf Peters kleinem Gipfel. Eine halbe Stunde verlangte die kurze, aber hübsche Kletterei. Genau zehn Jahre sind verflossen, seit dieser kühne Kletterturm zum erstenmal durch die Aargauer Hugo und August Müller bestiegen wurde 1 ).

Der nimmersatte Heiri pendelt schon hinüber zum Gipfel des West-turrnes, dem sogenannten « Paul ». Von den wuchtigen Rigidalstöcken bis zu den Glarner Alpen grüssen Spitzen und Kämme in blendend weissem Gewande. Ruhig liegt das Wolkenmeer, und darüber hinweg leuchten im Sonnenglanz die Skifelder von Stoos und Liedernen. Hoch über uns ragt der rötliche Gipfelturm des Gross Mythen, dort oben am blauen Himmel flattert das weisse Kreuz im roten Feld.

Herrlich, so eine gute Rast mit guten Kameraden an einem solchen Novembertage auf solcher FelsenwarteNun gleiten wir am Doppelseile Peter und Paul, von Süden.

Zeichnung von H. Balmer, Zofingen.

die 30 Meter zur Scharte hinab. Der spärliche Neuschnee wird uns Zutat zu einer kräftigen Suppe. Die Mahlzeit beginnt! Ein massiver Kalkblock dient als Tisch. Die Schwarzfräcke vom Mythen stellen sich als Zaungäste ein, mit den erhaschten Brocken segeln die frechen Dohlen um Felstürme und Zacken.

Der Nachmittag bringt uns dem Gottvaterturm näher. So nennt man den etwa 40 Meter hohen, äusserst schmalen Turm, der zwischen Zwillingen und Klein Mythen-Westwand steht. Eine flotte Kletterei bringt uns rasch voran, und bald stehen wir auf der Westschulter des Turmes. Viel Zeit vergeht, bis das Seil über die Latsche, die über der glatten Wand horizontal hinausragt, geworfen ist. Über den schmalen Gipfelgrat turnen wir auf den scharfen Kopf des Gottvater.

Ah! Dieser Blick in die Tiefe! Wuchtig streben die lotrechten Wände der beiden Mythen himmelwärts. Im Vordergrund werden die Zwillingstürme umbrandet von der Flut des Wolkenmeeres. Erinnerungen erwachen beim Anblick der jähen Mythenwestwand, Pläne werden geschmiedet für nächstes Jahr drüben in den Urnerbergen. Während der blaue Rauch meiner Pfeife in die klare Luft kringelt, erschallen die Stimmen meiner Kameraden: « Ihr Berge, lebt wohl », und es widerhallt von den Wänden —«lebt wohl »... Schon leuchtet die Abendsonne wie Gold über Rigi und Nebelmeer zu uns herüber und mahnt zum Abstiege.Vorsichtig jeden kleinen Griff und Tritt ausnützend, kommen wir zur Tiefe und zum Fusse des Turmes. Die Rucksäcke werden aufgenommen, und nur zu bald tauchen wir in den Nebel ein. Ein froher Juchzer über das graue Meer hinauf zu den drei erlöschenden Türmen, die uns aufs neue in ihren Bann gezwungen, und dann leiser: « Ihr Berge, lebt wohl, wir kommen wieder. »

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