Osterfahrt auf das Gross Schreckhorn

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Mit 3 Bildern.Von Karl Baumann.

Schon lange hatte mich die stolze Felsgestalt des Gross Schreckhorns in ihren Bann gezogen. Leider ist das Gebiet im Frühjahr gar nicht leicht erreichbar. Sämtliche Zugänge, komme man von der Grimsel oder von Grindelwald, sind lang und mühsam. Wird man dort hinten gar von einem Wettersturz überrascht, so sitzt man in einer hübschen Mausefalle. So ist es erklärlich, dass die Strahlegghütte, obgleich in unmittelbarer Nachbarschaft der von Hunderten befahrenen « Eismeerroute » gelegen, im Frühjahr verhältnismässig selten besucht wird.

Der Ostersonntag 1938 sieht uns unterwegs von Grindelwald zur Strahlegghütte. Günstige Schnee- und Wetterverhältnisse scheinen die Ausführung des lange gehegten Planes zu gestatten. Der Glühofen des Unteren Eismeeres entlockt uns manchen Schweisstropfen. Die unbeschwert zu Tal sausenden Eismeerfahrer lassen uns das Gewicht unserer Säcke doppelt empfinden. Am Zäsenberg müssen wir wegen der Steilheit der zu querenden Hänge zeitweise die Ski tragen und versinken bis zu den Hüften in haltlosem Pulverschnee. Ausgerechnet in dem Augenblick, wo wir oberhalb des gewaltigen Eisbruches des Unteren Grindelwaldgletschers auf den flachen Boden des Oberen Eismeeres hinaustreten, senkt sich dichter Nebel nieder und nimmt jede Sicht. Trotz eifrigem Suchen gelingt es nicht, die uns unbekannte Strahlegghütte zu finden, so dass wir mit einer kalten Nacht in der nicht gerade komfortablen Schwarzegghütte vorlieb nehmen müssen.

Am nächsten Morgen stehen wir in aller Herrgottsfrühe auf. Ein prächtiges Nebelmeer wogt und brandet im Scheine des Mondes zu unseren Füssen. Das Wetter ist gut, in wolkenloser Klarheit strahlt der Nachthimmel. Als wir die Hütte verlassen, beginnt es zu tagen. Die Eishaube des Ochs rötet sich unter den Strahlen der erwachenden Sonne.

Viel zu rasch vergeht die Zeit, es ist schon 71S Uhr, als Otto Coninx und ich die Strahlegghütte verlassen. Trotzdem beschliessen wir nach kurzer Überlegung, das Schreckhorn anzugehen. Treffen wir gute Verhältnisse, so sollte die Zeit reichen. Andernfalls treten wir rechtzeitig den Rückzug an und versuchen morgen nochmals. Auf jeden Fall dürfen wir einen so schönen Tag nicht von vornherein verloren geben.

Obwohl an und für sich ein grosser Teil des normalen Anstieges mit Ski gangbar wäre, beschliessen wir im Interesse der Zeitersparnis darauf zu verzichten. Die lange Schönwetterperiode hat den zur Strahlegg hinaufziehenden Firn beinhart gebrannt, so dass wir die Ski ohnedies bis zum Bergschrund hätten tragen müssen. Dafür greifen die Steigeisen um so besser und bringen uns rasch voran. Bald haben wir die Höhe der Strahlegg erreicht.

Leicht über einige Felstrümmer absteigend, biegen wir nun oberhalb des Gagg in den Steilhang ein, der in einem längeren Quergang zum Schreckfirn leitet. Hier, am Nordhang, liegt stellenweise noch tiefer Pulverschnee. Bis über die Knie brechen wir ein. Trotzdem haben wir genügend Halt in den Steigeisen, so dass uns Stufenschlagen erspart bleibt. Nachdem wir beim Neigungsbruch einige Brücken mit Vorsicht gequert haben, kommen wir auf dem beinahe spaltenlosen und nur leicht ansteigenden Schreckfirn rasch vorwärts. Der Bergschrund bereitet keine besonderen Schwierigkeiten. Etwas links seiner tiefsten Stelle lässt er sich auf halbwegs zuverlässiger Brücke überschreiten. Unsere Spannung ist auf dem Höhepunkt: wir haben die Schlüsselstelle des Aufstiegs vor uns. Alles hängt davon ab, in welchem Zustand sich das Schreckcouloir befindet. Die Randfelsen, die im Sommer häufig benützt werden, sind noch so tief eingeschneit, dass ihre Begehung zum mindesten sehr zeitraubend wäre und für uns schon aus diesem Grunde ausscheiden müsste.

Also kommt nur das Couloir selbst in Frage. Es kann unbedenklich auch in seinem unteren Teil benutzt werden, da die sonst hier nicht unbeträchtliche Steinschlaggefahr heute gleich null ist. Die noch tiefe Schneelage hält alles lose Zeug in der Wand in ihren eisigen Fängen. Weder können wir am Fusse des Couloirs irgendwelche Einschläge bemerken, noch haben wir im Laufe des Tages in der ganzen Wand zwischen Schreckhorn und Lauteraarhorn irgendeinen Stein fallen gesehen noch gehört. Der Tag war allerdings ausserordentlich kalt, so dass der Schnee auch nachmittags nur ganz oberflächlich aufgeweicht wurde.

Wir haben Glück. Die ganze Schnee- und Eiskehle kostet uns heute keinen einzigen Pickelschlag. Von unten bis oben liegt harter tragfähiger Firn. Kein bisschen Eis, kein bisschen weicher oder sonst unzuverlässiger Schnee. Die Steigeisen greifen so sicher, dass wir ohne weiteres hinaufgehen könnten. Im Interesse eines sicheren Abstieges nehmen wir uns jedoch die Mühe, jeden Tritt mit ein paar Schuhschlägen auszubauen, und schaffen so eine unbedingt zuverlässige Stufenleiter.

Ungefähr in der halben Wandhöhe biegt das Schreckcouloir nach links ab und verflacht sich etwas. Leider haben wir uns von unten diese Stelle nicht genügend gemerkt. Es scheint uns plötzlich sehr fraglich, ob der wegen der Verkürzung sehr nahe scheinende Sattel links wirklich der Schrecksattel ist, vielmehr sind wir nach kurzer Beratung eher der Ansicht, es handle sich um eine Scharte in einer Sekundärrippe. Deshalb setzen wir unseren Anstieg direkt aufwärts haltend durch ein schmäleres Couloir fort.

Wunderbar sind Tiefblick und Ausblick aus der steilen Wand. In makellos reiner Linienführung heben sich die Pyramiden Finsteraarhorn und Agassizhorn vom Horizonte ab. Kokett leuchtet die weisse Eishaube des Mönch über den mächtigen Gletscherhängen des Fiescherfirns, auf den in erschreckender Steilheit die Nordwände von Fiescherhorn und Ochs abstürzen.

Als wir die Schneide betreten, erkennen wir sofort, dass uns die Perspektive genarrt hat, denn ein erklecklicher scharfzackiger Grat trennt uns vom Schrecksattel, der ein gutes Stück weiter nördlich liegt. Trotz dieser etwas üblen Erkenntnis atmen wir erleichtert auf. Der Gipfel scheint uns nun sicher zu sein. Die Felsen haben sommerliche Verhältnisse und werden keine besonderen Schwierigkeiten mehr bereiten. Allerdings ist die Kälte hier oben sehr empfindlich. Ein schneidender Nordostwind fegt über den Grat. Trotzdem wir alle möglichen Kleidungsstücke übereinander anziehen, geht er durch Mark und Bein. Längere Rasten verbieten sich damit von selbst.

Nachdem wir uns der Steigeisen entledigt haben, packen wir den nächsten Grataufschwung an. Ohne besonders schwierig zu sein, verlangt die Kletterei doch unsere volle Aufmerksamkeit. Mehrere kleingriffige Stellen nötigen uns, die Fäustlinge auszuziehen. Auch der Fels ist nicht überall zuverlässig. So kostet uns das relativ kurze Gratstück über Erwarten viel Zeit. Wir sind froh, als wir endlich vor der breiten Einsattelung des Schrecksattels stehen. Ein feiner Schneegrat zieht sich in edel geschwungener Linie von unserem Standort hinunter zum tiefsten Punkt und läuft jenseits wieder ansteigend am Gipfelaufbau des Schreckhorns aus. Die ersten Meter der Schneekante bestehen aus leichtem, lockerem Pulver. Es ist mir rätselhaft, wie der hier oben liegen bleiben konnte. Pickel und Arme auf der einen Seite tief eingerammt, den Körper auf der andern Seite, überwinde ich die unangenehme Stelle. Nach und nach wird die Kante fester. Noch einige Meter rittlings, und wir können aufrecht zusammen die luftige Wanderung hinüber zu den sicheren Felsen antreten. Steil schiesst die Wand zum Lauteraarsattel hinunter. Hier liegt noch ziemlich viel Blankeis. Der Grat selbst jedoch ist, wenn auch manchmal nur auf Schuhbreite, mit einer soliden Schicht Hartschnee bedeckt.

Kälte und Gipfelauftrieb lassen uns nicht lange am Einstieg des Schreck-hornsüdostgrates verweilen. Steigeisen, Pickel und Rucksäcke werden zurückgelassen, und schon nehmen wir unbeschwert die ersten Felsen in Angriff. Mit Ausnahme des ersten kurzen Steilaufschwunges, den wir in einer Verschneidung links umgehen, folgen wir ständig der prachtvoll sich auftürmenden Gratkante. Zahlreich vorhandene Nagelspuren beweisen, dass wir uns auf dem richtigen Wege befinden. Der solide Fels ist so trocken und sauber, die Griffe so zahlreich und gut, dass wir zu unserer grossen Erleichterung die Wollfäustlinge anbehalten können.

Zuerst halten wir den schon von unten sichtbaren Felsgipfel für den Gipfel des Schreckhorns. Als wir aber oben sind, zeigt es sich, dass der wirk- Die Alpen — 1940 — Les Alpes.11 liehe Gipfel noch ein gutes Stück weiter nördlich liegt und aus Schnee besteht. Der Felsgrat wird nun fast waagrecht und ist von einigen Schneegrätchen durchbrochen. Plötzlich durchzuckt es mich: « Hätten wir doch einen Pickel mitgenommen I » Besteht die Gipfelhaube aus hartem Firn, so sind wir noch eine Seillänge unter dem Gipfel die Geschlagenen. Allein, das Glück bleibt uns treu. Das flache Gratstück wird teils rittlings, teils kletternd rasch zurückgelegt, und auch die Gipfelkalotte lässt sich leicht ersteigen. Der Gipfel 4080 m bietet heute gerade Platz für uns zwei.

Eine umfassende Aussicht belohnt unsere Anstrengungen. Über dem Mittelland brodelt und wallt ein dichtes Nebelmeer. Seine letzten Ausläufer fluten, gepeitscht von der heftigen Bise, über Lauteraarsattel und Finsteraarjoch hinüber. Strahlegg und Eismeer liegen unter der Nebelwolle. Um so grossartiger leuchten darüber die mächtigen Berner Viertausender, grüssen aus der Ferne die Walliser und fesseln im Osten Wetterhörner, Galenstock und Tödi den Blick.

Gipfelstunde: immer und immer wieder einzigartiges Erlebnis! Eine grossartig-schöne Harmonie erfüllt den Raum und klingt wieder in deiner Brust. Über dem gewaltigen Bass der majestätisch dahinziehenden Eisströme erhebt sich in berückender Schönheit das rauschende Konzert der kühn geformten Gipfel und der funkelnden Firne. In erhabener Reinheit singt die unendliche Melodie der leuchtenden Himmelskuppel.

Die leidige Kälte mahnt uns zum Aufbruch. Bald stehen wir wieder bei unseren Rucksäcken. Der Tee in der Feldflasche ist in der Zwischenzeit zu Eis erstarrt, die Orangen können wir mitten entzwei schneiden, ohne dass ein Tropfen herausfliesst. Wir bedauern nur, dass wir die herrschende Temperatur nicht feststellen können. Erst nachträglich erfahren wir, dass Jungfraujoch an diesem Tage —21° meldete. Auf dem Schreckhorn muss das Quecksilber zweifellos erheblich tiefer gestanden haben, dazu kam noch die heftige Bise. Trotzdem wir alle unsere warmen Sachen auf dem Leibe trugen und während des ganzen Tages kaum gerastet hatten, sind wir so unterkühlt, dass wir noch Stunden später schlotterten und klapperten.

Es drängt uns hurtig vondannen. Diesmal benutzen wir das richtige Schreckcouloir. Die Sonne hat den Schnee etwas aufgeweicht, so dass wir sogar auf die von uns am Vormittag getretenen Stufen verzichten und in zügigen Schritten abwärts gehen können. In einer kleinen windgeschützten Mulde unterhalb des Bergschrundes gönnen wir uns die erste längere Rast des Tages. Der Nebel ist mittlerweile noch höher gestiegen und verdeckt den Weiterweg. Noch einmal und noch einmal geniessen wir mit trunkenen Blicken die Schönheit des Hochgebirges. Kaum können wir uns trennen.

Aber wir müssen weiter. Der Abend naht. Schon tauchen wir unter im formlosen Grau und folgen in gleichförmigem Schritt und Tritt unseren Spuren. Wenn wir uns am Vormittag darauf gefreut haben, von der Strahlegg in führigem Sulz zur Hütte hinuntersausen zu können, so sehen wir uns in dieser Hoffnung arg enttäuscht. Der Nebel hat die Sonnenstrahlen aufgehalten, die steilen Hänge sind so hart wie am Morgen. Wenige hundert Meter oberhalb der Hütte sehen wir uns sogar genötigt, die Steigeisen wieder anzuziehen.

Nun sind wir doppelt froh, die Ski in der Hütte gelassen zu haben. Abfahren wäre bei diesen Verhältnissen ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Der Nebel wird immer dichter, so dass wir endlich kaum mehr einige Meter weit sehen. Schon melden sich Zweifel, ob wir wirklich auf dem richtigen Wege seien — die Steigeisenspuren vom Vormittag sind merkwürdigerweise völlig verschwunden —, da taucht vor uns ein grosses dunkles Etwas auf, und nach wenigen Schritten betreten wir um 6 Uhr abends die heimelige Strahlegghütte.

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