Osterfahrten im Rotondogebiet

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Von Emil Strausak.

Ein Tag voll Sonne bricht an. Die Bise hat mit den Nebeln gründlich aufgeräumt. Langsam steigt das Licht an den Felswänden und Schneehängen herunter in das vor Kälte erstarrte Urserental. Wir sind kaum mehr zu halten. Um 8 Uhr ziehen wir von Realp hinaus in den kalten, klaren Frühlingsmorgen. In gleichmässigem Anstieg über eisharten Harsch folgen wir bald dem Tal des Wyttenwassers. In der Schweig erreichen uns die ersten Sonnenstrahlen. Sofort weicht die grimmige Kälte.Verträumt schmiegen sich Heugaden an die schützende, sonnige Halde. Unermüdlich steigen wir höher. Immer mehr weitet sich der Blick. Ein munteres Bächlein rutscht plätschernd über eine Felsplatte, hüpft freudig über grosse Steine oder spielt unter einer Schneebrücke Versteckens. Ringsum erglänzen unberührte Schneefelder in einem Meer von Licht. Da muss das Herz des Skifahrers und Naturfreundes aufjauchzen. Wir fahren über die sanften Weiden der Wyttenwasseralp. Rechts droht ein steiler Lawinenhang. Aber heute ist nicht die kleinste Gefahr, die Schneeverhältnisse sind ja die denkbar besten.

Bei Oberstaffel biegen wir rechts ab in ein enges, steiles Tälchen. Die Mittagssonne sengt. Wir betreten den Wyttenwassergletscher. Wie eine flaumige, fein geglättete, faltenlose Decke liegt er vor uns, nur die tiefe weiche Spur eines einsamen Wanderers zieht hindurch. Während wir über Schussfahrten auf diesen paradiesischen Hängen reden, erblicken wir rechts über dem Gletscher unser heutiges Ziel, die Rotondohütte, 2582 m. Freudig queren wir die letzten Steilhänge, und nach wenigen Minuten schon stehen wir vor der Hütte.

Immer mehr begeisterte Skifahrer rücken in den Nachmittagsstunden an. Einzeln und in Gruppen kommen sie: Berner, Zürcher, Ostschweizer und Basler, selbst die galanten Welschen bleiben nicht aus. Wo werden all diese Völker nur Unterschlupf finden?

Viel zu rasch vergehen hier oben die Stunden. Langsam verbleicht der Tag, und höher und höher steigen die Schatten. Längst ist das Licht an allen Gipfeln erloschen, nur die höchste Zinne des Lucendro erstrahlt noch in rosigem Schein der Abendsonne. Doch bald nicht mehr. Feierliche, stille Einsamkeit ringsum. Kalter Wind drängt uns in die Hütte.

Wieder bricht ein strahlend heller Morgen heran. Langsam weicht die Nacht aus dem Wyttenwasserkessel. Es ist giftig kalt, aber mit den ersten Sonnenstrahlen durchrieselt uns wohlige Wärme. Im Tessin muss das Wetter umgeschlagen haben. Dicke Nebelschwaden rollen über den Cavannapass, stürzen mit unheimlicher Schnelligkeit die Hänge herunter in den Kessel hinab, wo sie im Nu von der trockenen Luft aufgefressen werden. Zeitig brechen wir auf, fahren gegen Südwesten über den Gletscher und steuern dem Wyttenwasserpass zu, 2855 m.

Vom äussersten Ausläufer des Wyttenwasserstockes über dem Abbruch zum Gerengletscher aus geniessen wir eine grossartige Rundsicht. Zum Greifen nahe türmen sich vor uns Gerenhorn und Rotondo auf, während aus der Ferne das Blindenhorn herübergrüsst und der Griesgletscher wie ein gewaltiger Strom talwärts fliesst. Von unserer luftigen Höhe beobachten wir auf dem Gerengletscher sechs Fahrer, die nahe an die steilen Felswände des Rotondo halten und in leichter Abfahrt dem Rotondopass zustreben.

In vorsichtiger Fahrt über Windharsch kehren wir zur Wyttenwasserlücke zurück. Auf fast gleicher Höhe bleibend, queren wir etwas mühsam den Steilhang nördlich des Wyttenwasserstockes in seiner ganzen Breite und erreichen in wenigen scharfen Kehren die Grathöhe des Hühnerstockes, 2886 m. Welch herrlicher Ausblick, und wie verschieden sind Süden und Norden! Während hier die Sicht frei und klar ist, wogt dort in ungefähr 2600 m Höhe ein gewaltiges Nebelmeer. Nur die höchsten Gipfel, wie Basodino, Cristallina, Vespero, strecken keck ihre Köpfe in den Sonnenglanz hinauf. An warmen Fels gelehnt, staunen wir hinaus in das Wallen und Wogen der Nebelmassen.

Nur ungern reissen wir uns los, doch der Mensch hat auch andere Bedürfnisse, und Mittagszeit ist bald nahe. Ungleicher Harsch zwingt uns im obern Teil trotz aller Standfestigkeit zu Boden. Dann folgt ein sorgloses Schwelgen in Schwüngen auf flaumleichtem Pulver, und eine Schussfahrt über den Gletscher bringt uns zurück zur Hütte. Schon steht das einfache Mahl auf dem Tisch.

In der zweiten Nachmittagsstunde gleiten wir wieder weg. Die Leckihörner sind unser Ziel. In knapp fünf Viertelstunden stehen wir schon droben auf der Höhe des Leckipasses, 2928 m. Vorsichtig lassen wir uns auf den Muttengletscher hinunter, um von Westen an das Leckihorn heranzukommen. Beim Aufstieg treffen wir prächtigen Sulz. Wer kann da widerstehen! In rassigen Christiania- und eleganten Telemarkbogen gleiten wir hinunter. Zum Glück oder Unglück gebietet uns Windharsch wieder Einhalt. Ach wie rasch sind doch 300 m Höhe verloren! Über zweieinhalb Kilometer erstreckt sich der Muttengletscher. Leider steht die Sonne schon tief. Etwas eilig steigen wir auf den steilen Westhängen des Leckihorns bis unter den Gipfel und gemessen für kurze Zeit den Ausblick. Wie Silhouetten heben sich die Riesen der Berner Alpen vom hellen Abendhimmel ab. Unschlüssig überlegen wir uns, ob die längere Abfahrt über Muttenpass-Wyttenwasserpass oder die kurze steile vom Leckipass vorzuziehen sei. Wir entschliessen uns für die kurze.

Kaum haben wir die Leckilücke hinter uns, stehen wir in peinlich kaltem Schatten. Die Abfahrt wird gewissermassen zu einer Knacknuss, denn der Schnee ist sehr ungleich. Windharsch wechselt mit eisglatten Brettern und weichem Pulver, und der grosse Steilhang mit seinen gut 35 Grad Neigung gebietet Vorsicht. Als einer meiner Kameraden auf einem Brett abrutscht und stürzt und beim Aufstehen dem andern verwundert zuschaut, wie er im Pulverschnee elegant den scharfen Lauf stoppt, meint er lakonisch: « Hast Du aber guten Schnee erwischt. » Wir erreichen die Hütte wieder, gerade als am Lucendro drüben das letzte Leuchten verglimmt.

Ein herrlich schöner Tag ist schon zu Ende gegangen. Plaudernd stehen Gruppen von Skifahrern vor der Hütte. Drinnen drängen sich andere an den Tischen. Alle kennen einander, alle sind Freunde, trotzdem sie sich in diesen Tagen zum erstenmal sehen. Obschon von verschiedener Art und Gesinnung, hier fallen die Schranken, hier fallen die Gegensätze des Standes und der politischen Anschauung. Alle sind Kameraden, Freunde der Natur, die der gleiche Trieb hier wahllos zusammenführt. Schlafen können wir auch diese Nacht nicht, die Hütte ist überfüllt. Dicht gedrängt liegen wir auf den Lagerstätten, in den Gängen, drunten im Hüttenraum auf den Bänken, auf und unter den Tischen, am Boden, ja selbst auf der Treppe.

Mit einem grossen, stillen Leuchten bricht der Ostertag an. Die Kälte ist gewichen, ein sicheres Zeichen für einen Wetterumsturz. So entschliessen wir uns auf den guten Rat des Hüttenwartes, den Übergang über den Lucendro nach dem St. Gotthard heute schon zu unternehmen. Nur ungern können wir uns trennen.

Um 9 Uhr morgens ziehen wir los und fahren beseeligt im weichen Pulver den Gletscher hinab. Durch das steile schmale Tälchen gleiten wir hinunter nach Oberstaffel und biegen nach rechts ab. Über glasharte Hänge gelangen wir in den hintersten Kessel des Wyttenwassers. Hier werden die Seehundfelle aufgeschnallt, denn jäh schwingen sich die steilen Hänge zum Lucendro auf. Wir haben rund 700 m Höhe zu bewältigen. In ruhigem Schritt queren wir in unzähligen Kehren die untere Hälfte. Dem Lawinen- zug, der vom Lucendro herunterkommt, weichen wir westlich aus und halten uns mehr an die Ywerberhörner. Mit jeder Wendung wächst die Sicht auf neue ungezählte Gipfel. Das Steigen wird zur Lust und Freude.

Um die Mittagsstunde stehen wir droben in der Winterlücke, 2856 m. Kein Lüftchen regt sich. Hoch über uns ziehen zarte Wölkchen nach Osten. Sommerliche Hitze brennt hernieder auf die nackten Felsen. Während wir uns in der Frühlingssonne braten lassen, bereiten wir ein frugales Mahl.

Ohne Rucksäcke machen wir uns auf nach dem Gipfel des Lucendro, 2967 m. Die letzten hundert Meter legen wir in tiefem weichem Schnee ohne Ski, sogar auf allen Vieren zurück. Welch herrlicher Blick in die klare Weite! Im blendend weissen Kleide Gipfel an Gipfel am durchsichtigen Frühlingshimmel. Der Nebel über dem Tessin ist weg, und Süden und Norden vereinigen sich in einzigartiger Klarheit. Über all die grossen und kleinen, wilden und sanften Kuppen spendet die Sonne verschwenderisch ihr Licht. Weit unter uns grüssen die Dörfchen des obern Tessintales, wo schon sieghaft der rastlose Frühling sich breitet. Sinnend stehen wir lange in dem grossen Schweigen und bewundern Höhen und Tiefen. Um uns herum ziehen zutrauliche Bergdohlen ihre Kreise. Jäh unterbricht ein lebensfroher Jauchzer die Stille, ein begeisterter Jauchzer, der sich von unserer Brust löst, sich lösen muss.

Ergriffen vom erlebten Wunder kehren wir zur Winterlücke zurück. Und dann winden wir uns auf tückischem Windharsch über den steilen Lucendrogletscher hinab auf den Lucendropass. Wir haben hier zwei Abfahrtsmöglichkeiten, die eine über die Alpe di Vinei ins Bedretto, die andere über die Lucendroalp nach dem Gotthard. Wir wählen die letztere, bessere. Dankbar schauen wir noch einmal zurück zur lichtvollen Höhe des Lucendro, dann gleiten wir auf idealem Pulverschnee die Lucendroalp hinab, bald den ungeduldigen Brettern freien Lauf lassend, bald wieder zu weiten Schleifen ausholend oder in launigen Schwüngen um Buckel und Felsblöcke stiebend. Einmal so recht im Schwung, sind die glatten Hickory kaum mehr zu meistern. In ununterbrochener, beseligender Fahrt tragen sie uns auf den 600 Meter tiefer gelegenen Lucendrosee hinunter. In später Nachmittagsstunde kommen wir auf den St. Gotthard, gerade noch zeitig genug, um nachts nicht mit einem Heulager vorliebnehmen zu müssen. Ach, viel zu schnell ist dieser schönste Tag zu Ende gegangen!

Auf einen gewaltigen Südsturm während der Nacht ist mit dem anbrechenden Tag der Wetterumsturz erfolgt. Dichter Nebel hüllt alles in Grau und gibt kaum auf 10 m die Sicht frei. Dazu fällt, vom Föhn gepeitscht, nasser, schwerer Schnee. Wir lassen deshalb unser Vorhaben, über den Sellapass und das Unteralptal nach Andermatt zu gelangen, fallen. In einstündiger Fahrt auf schlechtem Schnee gelangen wir hinunter nach Hospenthal. Grimmig schnaubt der Föhn um die Häuser und räumt begierig auf mit Schnee und Eis. Der Lenz hält Einkehr. Durch die Strasse quatscht Wasser und fliesst über unsere Hölzer. Im Langlaufschritt ziehen wir nach Andermatt, über pappigen Schnee rutschen wir die Schöllenen hinunter nach Göschenen. Mit Macht braust der wilde Föhn durch das enge Tal. Von den Hängen rinnen Wässerlein und raunen vom nahenden Frühling. Sieghaft bricht die Sonne durch und überflutet zum Abschied noch einmal die winterlichen Höhen.

Feedback