Ostermontag 1945 auf dem Langgletscher

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Von Olhmar Föhr

( Bern ) Vor einer halben Stunde habe ich, vom Jungfraujoch herkommend, die Lötschenlücke verlassen — in weiten Bogen und langen Hangfahrten, über Mulden und Wölbungen hinweg und an mächtigen Klüften vorbei. Zwischen anfänglich steilem und harschigem Start und dem rauschenden Sulz, der nun knisternd und schleifend und spritzend meine Talfahrt begleitet, liegt eine ganze Welt jenes gesteigerten Erlebens, das den Menschen im Gebirge bisweilen überfallen mag. Es ist zeitlos und unendlich — und doch kurz und von einer Gedrungenheit, die jede Sekunde mit dem Inhalt von Stunden zu füllen scheint. Der Rausch der Bewegung drängt immerfort weiter; aber der Geist, der das Gewaltige des Augenblicks erhaschen will, hält am Erleben fest. Erleben ist nicht nur Erhaschen; Erleben ist auch Verweilen! Und siehe, gerade beim Verweilen entdeckst du, dass im Festhalten vollkommenste Erfüllung liegt!

Dort ist eine flache Stelle des Gletschers, auf die die Ski in schnurgerader Fahrt hinstreben. Ich lasse sie auslaufen, bis ihr Gleiten unmerklich im körnigen Sulz aufhört. Zurückblickend, weit, weit oben, liegt die Lötschenlücke, die in ebenmässiger Rundung der Linie, einer Girlande gleich, einen Gebirgszug mit dem andern verbindet. Und vor mir die Weite des Lötschentales mit seinen Dörflein und Hütten und Wäldern und Hängen, deren Sonnenseite schon das junge Grün ahnen lässt, zitternd im grellen Sonnenglast der frühnachmittäglichen Stunde.

Ein kleines, winziges Menschlein steht, wohl als kaum sichtbarer Punkt, mitten im blendenden Weiss einer gewaltigen Gebirgsarena. Ich stehe ganz still, halte den Atem an und lausche... Kein Luftzug bricht die erhabene Stille. Die Bergflanken stehen schweigend da; das Orgeln des sonst dort immer streichenden Windes in ihren Felsrippen, auch das leiseste, ist verstummt. Kein Laut — gar nichts! Keine Bewegung in der Runde! Keine Vogelstimme, kein Fallen einer fernen Lawine, kein Rauschen eines Bergwassers, kein Gurgeln eines unterirdischen Baches in versteckten Eisklüften, kein Poltern eines oben vom Berggrat losgelösten und fallenden Steines unterbricht dieses vollkommene Schweigen. So war 's vor Jahrtausenden, so ist es heute, so wird es wohl in tausend Jahren sein. Auch des Gletschers Eismassen, zugedeckt von dicker winterlicher Schneeschicht, ruhen. Du hörst nur deinen Atem und das Pochen des Pulsschlags in den Ohren.

Kein Mensch weit und breit. Wie sind wir doch klein und nichtig! Vielleicht stehe ich gerade über einer zugedeckten Spalte. Wenn die Schneebrücke einsänke, gäbe es wohl einen kurzen rauschenden Laut, vielleicht noch ein Nachrutschen einiger Schneebrocken — ein verhallendes Poltern, ganz schwach aus der Tiefe heraus hörbar —, aber alles würde aufgesogen, unbemerkt, vom grossen Schweigen ringsherum. Was wäre das schon als Ereignis in dieser Weite! Ein unbeachtetes, bedeutungsloses Nichts!

Ich stehe, lausche und schaue immer und immer wieder. Es ist ein Aufgehen im Ganzen, ein Anbeten desjenigen, der dies alles schuf — und aus diesem Schweigen heraus erwächst jenes laute, stürmische Brausen, das die Seele erfasst und durchwühlt. Der Geist ist so winzig, aufgesogen im All; die tote Stille ringsum aber rüttelt laut und mächtig im Kern deines innersten Lebens...

Die Stöcke greifen wieder in den Schnee und helfen dem gleitenden Schritt zu neu beginnender Fahrt — das vertraute Rauschen erreicht wieder das äussere Ohr, verstärkt durch den streichenden Fahrwind; von Hang zu Hang, von Mulde zu Mulde, über geschlossene Klüfte und starr schlum-merndes Eis entsteht eine neue Spur im Schnee.

Zuoberst am Gletscher bewegen sich ein paar winzige, von blossem Auge kaum erkenntliche Punkte, scheinbar lautlos, zu Tal. Sie schwingen hin und her, geschwind und dann wieder beherrscht langsam, halten bisweilen für ein paar Sekunden und setzen zu erneutem Schwünge an. Es scheint zu stiebender Fahrt zu werden; sie nähern sich in kaum glaubhafter Eile. Auf dem Gletscher herrscht wieder Leben.

Bald bin ich im Tal und auch wieder unter Menschen, von denen viele nicht wissen, was Bergeinsamkeit heisst. Wer kennt das Geheimnis des grossen SchweigensIch zähle mich zu den Glücklichen, die es erleben durften!

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