Pic sans Nom - Nordcouloir (Dauphiné)

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Ruth Steinmann-Hess, Zürich

Bild 40 « Machen wir Rast und essen etwas! » schlägt Erich vor, nachdem wir bereits drei Stunden am rechten Moränenrand des Glacier Noir aufgestiegen sind.

Zum erstenmal bin ich im Dauphiné unterwegs. Gierig haften meine Augen an dieser traumhaften Bergwelt, an Zacken und Türmen aus Fels, eisigen Nordwänden und Couloirs. Gemütlich lassen wir uns auf die Steine nieder und verpflegen uns; aber bald müssen wir weiter.

Jetzt, auf dem Gletscher, eröffnet sich uns ein bis anhin unüberblickbarer Kessel; zu unserer Linken erhebt sich einer der bekanntesten Berge des Dauphiné, der Mont Pelvoux, gleich anschliessend der Pic sans Nom, der « Gipfel ohne Namen », dessen Nordrinne uns hierhergelockt hat. Weiter wird die Bergkette vom kleineren Pic de Coup de Sabre, einem zuckerstockartigen Bergstock, ergänzt, während die Ailefroide den Abschluss der südlichen Kette bildet.

Zwei Stunden später erreichen wir das leider zu abseitig gelegene Temple-Biwak auf 3250 Meter. Man würde es zwar auf Anhieb eher als Hundehütte bezeichnen, wenn man des armseligen Bret-terverschlages ohne Türe ansichtig wird. Sechs Personen finden Platz darin; bei unserer Ankunft ist der Unterschlupf jedoch bereits von vier Bergsteigern belegt, die sich begreiflicherweise nicht sonderlich gern zusammenpferchen lassen.

Im letzten Abendrot erstrahlt unser Nordcouloir, und sein Anstieg ist von hier aus deutlich erkennbar. Am breiten Wandfuss durchzieht eine riesige, schwer passierbare Séraczone das Eis. Im etwas flacheren folgenden Abschnitt teilen sich Sans-Nom- und Sabre-Couloir. Während letzteres gerade hinaufzieht, verläuft unser vorgesehener Aufstieg links aufwärts. Hier zerklüftet die erste Randspalte den Trichter, und in einem gros- 40 Dauphin: Pic sans Nom ( Nordseite ) mit dem Eiscouloir. Noch weiter rechts das kürzere Sabre-Couloir Photo Erich Vanis, Wie sen Linksbogen führt das nun breite Band aufwärts, etwa too Meter weiter oben die zweite Randkluft erreichend. In der weiteren Fortsetzung immer schmäler werdend, schwingt sich die Rinne in langgezogenem S-Bogen zur Scharte auf 3740 Meter auf, über die der Anstieg im Fels zum Gipfel führt.

Es ist 5.30 Uhr, als wir den Abstieg vom Tem-ple-Biwak hinter uns haben und am Fuss der Séracs ankommen. Unser Nachtlager hat sich wirklich als viel zu abgelegen erwiesen und viel Zeit gekostet. Frostend stellen sich mit uns noch drei weitere Seilschaften ein und seilen sich an. Es handelt sich um Aspiranten des Sabre-Couloirs, während nur ein Einzelgänger die gleiche Route ins Auge gefasst hat wie unsere Dreierseilschaft.

Inzwischen hat die erste Partie den Weg durch das Eislabyrinth und einen abdrängenden Eiswulst hinter sich; damit kommen wir an die Reihe! Zwei Eisschrauben, die ersten an diesem Morgen, werden von Walter eingedreht, und nach einiger Anstrengung stehen wir über dem Hindernis. Im etwas flacheren anschliessenden Wandteil ist ein rascheres Vorwärtskommen möglich.

Gleichzeitig kletternd, steigen wir bis zur Trennung der zwei Eisrinnen an und verabschieden uns mit frohgemuten Gruss von den sechs französischen Bergkameraden, um der ersten Randkluft am Pic sans Nom zuzustreben. Sie kann ganz links - oder auch rechts bei der Felsbegrenzung — überstiegen werden. Wir entschliessen uns für die erste Variante, da uns diese Route irgendwie logischer erscheint. Bald gibt aber Walter die ersten untrüglichen Pfeiftöne von sich — ein für uns bekanntes Signal, wenn er auf Schwierigkeiten gestossen ist. Gut verankert stehe ich unterhalb der Randspalte, in deren abgrundtiefem, schwarzem Schlund sich der Blick verliert, und verfolge aufmerksam Walters Bewegungen. Endlich verschwindet er aus meinem Blickfeld, und dann ertönt das erlösende Kommando: « Nachkommen! » Bald sehe ich sein sommersprossiges Ge-40 sieht wieder über mir auftauchen. « Kannst du mir einen plausiblen Grund nennen », fragt er, « warum man solche Strapazen auf sich nimmt, um da herumzukrebsen? » Die Antwort bleibe ich ihm wohlweislich schuldig, denn zum Sprechen fehlt mir momentan die Luft und zum Philosophieren die Lust.

Vier unproblematische Seillängen bringen uns in leichtem Bogen nach links zu der zweiten Randkluft. Rechnet man nun den Beginn dieser Tour von der ersten oder von der zweiten Randspalte an?

Diesmal überlistet der Seilerste, halb im Fels, halb auf Eis, den briefkastenförmigen Spalt. Drei Seillängen höher - gerade glauben wir einige unproblematische Höhenmeter vor uns zu haben -macht sich unter leichtem Kratzgeräusch etwas selbständig: Erich, der Seildritte, hat ein Steigeisen verloren! Ein gravierender Verlust in dieser Eisschlucht! Sich gelegentlich überschlagend, der Biegung zur unteren Kluft folgend, entschwindet der fast lebenswichtige Zwölfzacker mit Windeseile unseren Blicken.

Abseilen wäre die logische Folgerung nach diesem schwerwiegenden Missgeschick. Aber jetzt, wo alles so gut begonnen hat? « Es wird schon irgendwie gehen », finden wir, und statt im Eis versuchen wir es im rechten Begrenzungsfels. Dieser erweist sich als arger Schutthaufen, an dem man sich mehr ankleben muss als festhalten kann. Sicherung ist mehr moralisch als tatsächlich wirksam. Wie Katzen versuchen wir über die losen Steine zu schleichen, aber trotzdem Steine loslösend, die dumpf in die Tiefe rollen. Zum Glück ist keine weitere Seilschaft unter uns. Höher oben finden wir für kurze Zeit festen, bergellähnlichen Fels - ein reines Vergnügen für unsere schuttzer-mürbten Finger.

Leider endet der Felssporn nach etwa 200 Höhenmetern, auf 3500 Meter. Der nächste Aufschwung beginnt mit einer senkrechten, grifflosen Wandpartie. Also doch wieder hinaus ins Eis! Was wir zuerst noch nicht recht glauben wollen, wird leider nach und nach zur Gewissheit: Auf dem spröden, harten Eis liegt eine dünne Firnauflage, die bei jedem Schritt abgleitet und keinerlei Halt bietet. Selbst für Walters und meine zwölfzackigen Steigeisen bleibt nicht viel zum Anbeissen. Wie aber soll Erich mit nur einem Eisen das bewältigen? Walter dreht mühsam eine Hohlspirale ins Eis und traversiert stufenhackend um das Felseck in den engen Kanal. Dank dem grossen technischen Können Erichs gelingt es ihm, den steigeisenlosen Fuss Schritt um Schritt in eine höhere Kerbe zu pressen. Mir als Seilzweiter fällt die verantwortungsvolle Aufgabe zu, den Vorsteigenden Kameraden bei seiner kraftraubenden Arbeit zu sichern. Ein wichtiger Posten, der mich andauernd beschäftigt und mir nicht einmal zum Anziehen der Windjacke Zeit lässt, obwohl mir nach und nach kalt wird. Gegessen wird heute überhaupt nicht — ausser einigen Brocken Schokolade, die ich auf den Standplätzen meinen Kameraden in den Mund stecke. Unten auf dem Gletscher bewegen sich Bergsteiger im hellen Sonnenschein, und auf der ebenfalls sonnenüberfluteten Bergflanke vis-à-vis sind Leute im Aufstieg. Sie alle geniessen Wärme und Sonneneinstrahlung, vielleicht manche mehr, als ihnen lieb ist. Bei uns aber herrscht Schatten und Kälte, und nur sehr langsam kommen wir Seillänge um Seillänge voran. Während Walter pickelt, dass es von den Wänden widerhallt, vergrössert Erich die Kerben für seinen linken Fuss zu « Badewannen ». Mittag ist längst vorüber, und die Steine beginnen durch den engen Schlauch herabzuschwirren. Mit pfeifendem Geräusch, gelegentlich dumpf aufschlagend, poltern sie links im Couloir hinab. Glücklicherweise sucht sich nur ab und zu ein Geschoss die rechte Seite, an der wir höherklimmen, zu seiner rasanten Talfahrt aus.

Die Beschaffenheit des Eises wird noch schlimmer, je höher wir kommen. Unser Tempo verlangsamt sich so, dass wir gerade noch zwei Seillängen in einer Stunde schaffen. Dass uns ein Biwak bevorsteht, bezweifelt keiner mehr. Die Frage ist nur: wo? Sollen wir die Nacht stehend, an Eisschrauben festgehängt, verbringen? Das wäre nicht besonders angenehm... Kurz vor dem Einnachten können wir jedoch den Wettlauf mit der Zeit doch zu unseren Gunsten entscheiden, indem wir die Felszunge, die zum Sattel überleitet, erreichen und um 20.30 Uhr in der Scharte stehen. Während sich die beiden Männer um die Behausung kümmern, schmelze ich Schnee für ein bescheidenes Abendessen.

Die Berge im Norden träumen friedlich im Dämmerlicht; im Süden hingegen liegt ein riesiges Nebelmeer, aus dem die höchsten Zacken und Türme des Dauphiné herausragen.

Seil und Rucksäcke dienen gleichzeitig als Kälteschutz und Matratze. Darauf strecken wir uns in den dünnen Nylon-Biwaksäcken aus. Wir sind zufrieden, uns wenigstens hinlegen zu können. Wie viel unkomfortabler wäre es gewesen, diese Nacht « ständlings » in der Wand zu verbringen!

Bald geht die ockerfarbene Scheibe des Mondes auf und verbreitet ihr helles Licht - viel zu grell, wie mir scheinen will, und unwillig ziehe ich die Kappe über den Kopf, um meine Augen vor dem intensiven Licht zu schützen.

Problemlos gelangen wir am nächsten Morgen über leichten Fels zum 200 Meter höher gelegenen Gipfel des Pic sans Nom ( 3914 m ). Auch der Abstieg stellt uns keine nennenswerten Hindernisse in den Weg, wenn er auch stellenweise nicht leicht zu finden ist und mit einer Abseilstelle endet.

In Ailefroides melde ich unsere Ankunft sofort im Bureau des Guides. Tatsächlich haben uns Bergsteiger beobachtet und Mitteilung über unser langsames Vorrücken gemacht. Mit Interesse hört der diensthabende Bergführer meinen Schilderungen zu und wundert sich schliesslich auch nicht mehr über die relativ lange Aufstiegszeit, nachdem er unser Missgeschick von Erichs Steigeisen erfahren hat. Zu guter Letzt erzählt er mir, was über uns berichtet worden ist: « Eine Zweierseilschaft kommt im Nord-Couloir am Pic sans Nom sehr langsam vorwärts. Hinter sich zieht sie einen grossen Sack her! »... Der « Sack » aber war kein Geringerer als mein alpiner Lehrmeister, unser Schlussmann mit nur einem Steigeisen!

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