Piz Bernina

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( 4052 Meter. ) Von

C. Bruppacher.

Freitag den 16. Juli 1870, Nachmittags punkt 1 Uhr, vom Piz Languard herunterkommend, betraten wir das blanke Gasthaus zum weissen Kreuz in Pontresina. Wir waren voll Jubel und Freude. Die harten Strapazen, welche wir gestern beim Uebergang über den rauhen Scalettapass in Folge von Ueberfluss an Nebel, Sturm und Regen durchgemacht hatten, waren schon längst wieder reichlich ersetzt durch den herrlichen Genuss der diesen Morgen auf dem Piz Languard verlebten unvergesslichen Stunden. 0 Natur! Welch'loses Spiel treibst du mit den Menschen! Gestern als Petrus so herzlos mit uns umging, bis der Regen aus unsern Rockärmeln lief, waren meine Hoffungen auf den lange ersehnten Besuch des Bernina auf Null reducirt, und heute wo kein Wölkehen am blauen Himmelszelt sich zeigte, schwelgte ich schon im Gefühle eines sicheren Erfolges!

Nachmittags 3 Uhr erschien unser Führer Hans Grass in voller Ausrüstung; wahrlich eine Erscheinung, die jedem Unbefangenen wirklich völliges Vertrauen einflössen musste. Sein erstes Auftreten schon liess den tüchtigen Gletschermann erkennen; alle nöthigen Vorbereitungen waren von ihm in Ordnung gebracht, und war ich mit Ausnahme des Weines, mit welchem er mir auch gar zu spärlich umzugehen schien, ziemlich damit einverstanden. Chocolade für Suppe wollte mir zwar auch nicht recht conveniren, allein ich fügte mich, zu meinem spätem Leidwesen.

Nachdem nochmals Musterung gehalten, verliessen wir um 4 Uhr das gastliche Haus, begleitet von manch'herzlich gemeintem Glückauf der zahlreichen uns meist fremden Gäste.

Unsere Gesellschaft bestand nun aus meinem lieben Freunde Oberholzer und mir, Hans Grass von Pontresina als Hauptführer und Lehrer Schlegel von Klosters Dörfli, uns vom vorigen Jahre her gut bekannt, als zweiter Führer. Plaudernd durchwanderten wir die grünen Matten des lieblichen Thales. Nach einem kurzen Stündchen passirten wir rechts das grossartige Thor des gewaltigen Morteratschgletschers und bald hatten wir die letzten Gruppen der hier in dieser reinen Gletscherluft nach dem Mittagessen behaglich sich ergehenden Fremden hinter uns. Je mehr wir längs der gewaltigen Moräne vordrangen, desto grossartiger entfaltete sich unsern spähenden Augen der eisige Hintergrund mit seinen hohen im blauen Abendhimmel blendend weiss glänzenden Firnkuppen. Mächtig wirkte dieser wunderbar schöne Anblick auf uns ein;

die Unterhaltung stockte ganz, langsam derten wir dahin, ein Jeder schien mit sich selbst beschäftigt zu sein. Nach einem fast dreistündigen Marsch hielten wir auf einem Felsvorsprung an. Während dem nun die beiden Führer auf die Holzsuche an dem nahen Abhänge ausgingen, überliessen wir uns beide den erhebenden Gefühlen, welche die erhabene Gletscherwelt in uns wach rief. Schon hatte das sich vor uns entfaltende Eismeer den grauen Nachtschleier angenommen, während die obern Regionen im Abendsonnenschein noch herrlich glänzten. Die letzten Strahlen verschwanden und mit ihnen ergaben sich auch die stolzen Eiskuppen des Palü und Zupo der einbrechenden Nacht. Unterdessen kamen unsere Jäger mit reichlicher Beute zurück und rasch ging es nun der ersehnten Bovalhütte zu, welche wir, ( vermöge der genauen Wegkenntniss von Grass ) nach 20 Minuten erreichten.

Ich hatte mich auf ein sehr primitives Nachtlager gefasst gemacht, aber wie erstaunt war ich, als ich, nachdem Licht geschaffen, die Hütte so comfortabel eingerichtet fand, wie wenig Clubhütten sich dessen rühmen können. Wir fühlten uns gleich heimisch und packten unsere Siebensachen aus, wie wenn 's einem längern Aufenthalte gelten sollte. Hans fachte Feuer an und Schlegel holte in der Nähe frisches Quellwasser um die viel gepriesene Chocolade zu brauen. Während dem sich die Beiden nun alle erdenkliche Mühe gaben etwas Gutes zu bereiten, begaben wir uns vor die Hütte, um noch eine nächtliche Rundschau zu halten in diesem Chaos von dunklen Geistergestalten. Eine feierliche Stille herrschte über das ganze Gebiet;

nur das Rieseln der nahen Quelle drang leise an unser lauschend Ohr. Unheimlich starrten die unzähligen Eishörner wie Thürme in die Nacht, als drohten sie jeden Augenblick zusammenzufallen und donnernd in die Tiefe zu stürzen. Ein rauher kalter Wind bei -j- 4 ° C. trieb uns aber bald wieder an das wärmende Feuer in die Hütte zurück, allwo unser Koch Hans mit seinem Souper fertig war. So gut die Chocolade auch unter obwaltenden Verhältnissen gelungen, so gebe ich für zukünftige ähnliche Fälle der Suppe entschieden den Vorzug. Beim Wein, da fanden wir uns wieder einig, und um 91/2 Uhr legten wir uns in 's Heu zur Ruhe, gewärtigend was der kommende Tag über uns. bringen werde.

Nur kurz war die Ruhe, kaum ein Traum, denn schon um Mitternacht weckte uns Grass wieder. Das. prasselnde Feuer verkündete, dass es Ernst galt, wir mussten gehorchen, so ungerne es auch geschah. Die Chocolade liess nicht lange auf sich warten, und nachdem diese genossen und Hans nochmals scharfe Inspektion gehalten, verliessen wir mit freiem Herzen die Hütte. Es war gerade 1 Uhr Morgens. Aber welche Pracht! Kein Wölkchen war zu finden; unverschieiert erglänzte das unzählige Sternenheer am klaren Himmelszelt. Der Mond verschwand eben hinter den himmelanstrebenden Wänden des Bernina. Ein schöner Tag wartete unser. Circa 20 Minuten marschirten wir längs der Moräne hin, überschritten dann dieselbe, und nahmen unsern Weg in südöstlicher Richtung quer über den Morteratschgletscher bis an die steilen Fels- wände der untern Festung, wo wir um 3 Uhr anlangten.

So kurz die eben zurückgelegte Strecke auch war, so bot sie uns doch manch'unerwartete Schwierigkeiten durch die auffallend vorgerückte Verschrundung des Gletschers. Dazu plagte uns eine beissende Kälte. Das Thermometer zeigte hier — 4 ° C.

Nach einer kurzen Pause, während welcher wir uns an das Seil befestigten, setzten wir unsern Marsch fort. Voran schritt Grass, dann folgte ich, dann Oberholzer, und Schlegel bildete den Schluss der kleinen Karavane. Grass wandte sich nun gegen Süden, um wo möglich über den Berninagletscher hinauf, direkt auf den grossen Kamm, der einzig zur Spitze führt, loszugehen. Dieser Plan gefiel uns ganz ausserordentlich gut und wir gingen daher rüstig an dessen Ausführung. Anfänglich ging es ganz gut, der Schnee war hart gefroren. Grössere Gletscherspalten konnten wir leicht umgehen, so dass wir rasch vorrückten. Unterdessen sandte die von der aufsteigenden Sonne golden beleuchtete Spitze des Bernina uns ihren ersten Morgengruss entgegen. Ein lautes freudiges Hailoh w7ar unsere xVntwort. Ihre Nebenbuhler schlummerten noch eine Weile, um später ihrem Range gemäss den neuen Tag mitbegrüssen zu können. Immer schneller wich der graue Schleier der erstarrten Natur dem feurigen Strahlenmeer des Lichtes der Welt. Mit Wonne erfüllten Herzen betrachteten wir diess unbeschreibliche Bild der Allmacht der Natur und von den lebhaftesten Hoffnungen beseelt, wanderten wir fröhlich plaudernd weiter. Doch so leichten Spieles ging es nicht mehr lange. Der Gletscher wurde immer steiler, die Spalten immer häufiger und so bedeutend,

dass wir einander bei ihrer Ueberschreitung unterstützen mussten, da das jenseitige Bord gewöhnlich ziemlich höher war. Grass wurde dann hinauf geschoben und dann zog einer den andern nach, welche Uebung wir bald los hatten. Auf diese Weise gelangten wir an die Stelle, von wo aus Grass vor drei Wochen früher mit einem Engländer direkt über den Berninagletscher hinauf den Felsgrat erreichen konnte. Der Gletscher war damals noch ganz glatt, von unbedeutenden Rissen durchzogen. Wie ganz anders sah es heute hier aus, nach so kurzer Zeit! Keine Feder ist im Stande dieses Bild der schrecklichsten Zertrümmerung zu beschreiben, die hier das Treiben der Natur vollzogen hat. An ein weiteres Vordringen in dieser Richtung war nicht mehr zu denken, und fragend staunten wir einander an, was nun zu thun sei. Grass hatte keine Ruhe, er nahm Schlegel mit sich um vielleicht doch eine Passage zu finden in diesem Labyrinth von kolossalen Massen über einander geworfener Eistrümmer, kehrte aber bald Mieder ohne etwas auszurichten zu uns zurück. Am auf einen Erfolg unsers Unternehmens zählen zu dürfen, mussten wir uns entschliessen, vorerst das Firnplateau von Bella-Vista zu gewinnen. Trotz dem ungeheuren Umweg, den wir jetzt machen mussten, brachen wir unverdrossen auf, doch auch in dieser Richtung stiessen wir auf grosse Schwierigkeiten. Das sich vor uns erhebende Firngehänge war sehr steil. Grass musste Tritt für Tritt Stufen hauen, so dass wir höchst langsam empor kamen. Terrasse um Terrasse ward erstiegen; es wollte nicht enden, immer wiederholte sich die gleiche zeitraubende und äusserst ermüdende Arbeit des Stufenhauens.

Dazu befanden wir uns oft in ganz bedenklicher Lage. Zwei Stunden kletterten wir unausgesetzt fort, und durften daher auf ein baldiges Erreichen des Plateaus rechnen, allein ein fast unüberwindliches Hinderniss machte uns noch am Ende den Weg streitig. Eine klaffende Spalte theilte die Wand, an der wir anstiegen ihrer ganzen Länge nach in zwei Theile. Der wortkarge Grass suchte sich in unsanfter Sprache Luft zu verschaffen, wir andern waren sprachlos bei dieser neuen Bescheerung. Entweder das Wagstück probiren oder zurück, war der kurze Bericht, den ich von Grass erhielt. Ersteres kam mir -fast unsinnig vor, und bei dem Gedanken eines nicht unmöglichen Misslingens durchrieselte mich ein leichter Schauer. Doch weg mit den Grillen und Sorgen! Hans gräbt zwei grosse Stufen in die äusserste Kante des Schrundes, Schlegel stellt sich darein, ich muss mich in zwei andere Stufen stellen um Schlegel nach Kräften zu unterstützen, hierauf klettert Oberholzer über uns hinauf und setzt sich auf Schlegel fest, mit dem Stock sich an der jenseitigen Eiswand stützend um sich vor überstürzen in den Schrund zu schützen. Nun klettert Grass über die ganze Pyramide, haut sein Gletscherbeil jenseits in das Eis ein, ein kühner Schwung, dass unsere Pyramide erzitterte und Hans war oben und drüben! Rasch hieb er noch einige weitere Tritte, dann grub er sich selbst bis an die Hüfte ein um uns hinaufzuziehen. Zuerst kam ich an die Reihe, dann Oberholzer, dann das Gepäck und schliesslich Schlegel. Alles gelang in bester Ordnung.

Mit dankbaren Gefühlen über das unerwartet glückliche Gelingen verliessen wir diese gefährliche Stelle, und um 8 Uhr 15 Min. erreichten wir den Saum des Firnplateaus von Bella-Yista.

Hier lagerten wir uns um das wohl verdiente « Z'nüni » einzunehmen. Wacker wurde zugesprochen, namentlich dem Wein, dessen schmaler Vorrath sich jetzt schon unangenehm bemerkbar machte. Wir setzten uns aber darüber weg beim Gedanken, dass wir das Ziel erreichen würden.

Eine grossartige Fernsicht bot sich unsern schweifenden Blicken. Das Wetter liess nichts zu wünschen übrig. Vor uns entfaltete sich der eigentliche Gebirgsstock des Bernina. Der übelberüchtigte Grat nahm sich " von hier aus ganz anständig aus. Nur ein Verlangen beseelte uns alle, möglichst bald nähere Bekanntschaft zu machen mit jenen noch wenig belauschten Höhen, um die Früchte menschlicher Willenskraft und Anstrengung recht reichlich dort oben gemessen zu können. Ich nahm die Messung vor bei -j~ 7 ° C. und dann packten wir auf, einen Sack mit Wein und Proviant zurücklassend.

Längs der blendend weissen Schneewände des Zupo wanderten wir auf festem Firn ungestört dahin; entzückt über das gelungen Ueberstandene, begeistert durch den Genuss der unermesslichen Abwechslung, die sich in dieser hohen Region dem prüfenden Auge auf Schritt und Tritt offenbarte.

Gegen den Sattel, der die Cresta Güzza vom Bernina trennt, wurde das Terrain wieder schwieriger, doch da der Firn noch ziemlich hart war, so konnten wir mit etwelcher Vorsicht die unzähligen Spalten ohne Unfall passiren.

Jenseits des Sattels wurde der Schnee immer weicher, so dass wir bald bei jedem Tritt bis an die Knie einsanken, was uns nicht übel mitnahm. Allein je näher wir dem Ziele rückten, desto weniger nahmen wir Notiz von der nach und nach sich geltend machenden körperlichen Anstrengung. Wir standen vor dem letzten Theil unserer Aufgabe, der schwierigsten der ganzen Tour. Es war diess der schrecklich « teil ansteigende, fast messerscharfe Kamm der direkt .zur Spitze führt, zuerst einen mächtigen Felsgrat bildend und dann in eine schmale Eiskante auslaufend. Ein Schluck Stärkung wurde eingenommen und dann packten wir die fast senkrechte Eiswand, die auf den Felskamm führte, an. Grass musste sehr grosse Stufen hauen, um nur mit der linken Seite des Körpers an die Eiswand lehnen zu können, denn rechts gähnte uns ein schrecklicher Abgrund entgegen. Wir klebten förmlich an. Ein einziger Fehltritt und alle vier wären rettungslos verloren gewesen. Zum ersten Mal betraten wir heute Gestein, als wir den Kamm erreicht hatten. Es war dies ein ganz eigenthümliches Gefühl, eine gewisse Beruhigung, welche uns ermannte, trotz der schwindligen Stellung in der wir uns befanden, denn jenseits stürzte der Kamm fast senkrecht zum Morteratschgletscher ab. Einander unterstützend so gut « s ging, kletterten wir den Kamm hinan und um 12x/2 Uhr hielten wir vor dem Eisgrat an. Wir befanden uns nur noch einige hundert Fuss unter der Spitze, welche uns nicht mehr entgehen konnte.Vor drei Wochen war der Eisgrat noch mit festem Firn.

15 bedeckt und für einen schwindelfreien Kopf leicht passirbar gewesen.

Heute erweckte er ernstliche Bedenken, denn der Firn war fast ganz verschwunden und das blaue Eis blinkte uns entgegen. Grass machte sich los vom Seil und wir suchten uns möglichst eng an einander zu legen, eine Massregel die in dieser gefährlichen Position unbedingt nothwendig war. Mit klopfendem Herzen sah ich Grass zu, wie der Brave mit toller Kühnheit anfing Stufen einzuhauen in den steilen schmalen Eiskamm. Mit wahrer Todesverachtung hackte er d'rauf los, wie wenn 's auf ebener Erde wäre. Diese Zeit benützten wir nun um uns zu erholen und die wunderbare Fernsicht, die sich vor uns entfaltete, möglichst zu geniessen.

Zum ersten Mal befand ich mich auf solcher Höher ebenso Freund Oberholzer, daher war der Eindruck auf uns ein ganz unbeschreiblicher, und überbot Alles. bis dahin in dieser Richtung durchgemachte weit. Die letztjährige Besteigung der jungfräulichen Spitze der Fliana ( Silvrettagebiet ), welche wir mit Schlegel ausführten, kam mir jetzt mit all' ihren Schwierigkeiten nur noch als Dilettantenspiel vor.

Gerade vor uns breitete sich in ihrer ganzen Länge die Cresta Güzza aus mit ihren schwarzen zerrissenen Felswänden; an diese gereiht folgten im schroffen Kontrast die Piz Zupo, Bella-Vista. Palü etc. mit ihre » blendend weissen, im dunkelblauen Nachmittagshimmel scharf abgekanteten Schneekuppen, sämmtlich gekrönt von Steinmannli. Gegen Osten breitete sich ein unzähliges Heer von Bergspitzen aus, in deren Hintergrunde die gewaltige Ortlergruppe den Horizont be~ grenzte.

Im fernen Nordosten glaubten wir den Grossglockner zu erkennen, was uns später von Grass bestätigt wurde. Gegen Norden bot sich unsern Blicken ein ebenso grossartiges Gemälde dar. Vom glänzenden Silvrettagebiete bis zum stolzen Tödi lag die ganze Gebirgswelt in ihrer unermesslichen Pracht klar vor uns. Gegen Westen verdeckte uns der Bernina noch die Aussicht. Der Schlaf der uns anfänglich bewältigen wollte, verschwand nach und nach in dem schwelgerischen Genüsse dieser wunderbar schönen Fernsicht.

Aengstlich verfolgten wir dann. und wann unsern Hans an seiner halsbrecherischen Arbeit bis endlich ein Hurrah uns das gelungene Werk verkündete.

Nach einer stündigen Arbeit, während der Grass 152 Tritte eingehauen hatte, kehrte er mit sieges- strahlenden Augen zu uns zurück. Eine Flasche Piper wurde entkorkt und ein Glas, sage ein Glas! unter uns vier brüderlich vertheilt. Grass, die uns bevorstehenden Gefahren kennend, fand dies genügend, in der Meinung, dass wenn wir wieder glücklich hinunterkämen, er dann gegen die gänzliche Liquidation der Flasche nichts mehr einwenden, sondern getreulich das Seinige dazu beitragen werde, womit auch wir einverstanden waren.

Nach kurzer Ruhe war Grass wieder bereit; er gab noch einige Verhaltungsmassregeln und ein Händedruck besigelte das treue Zusammenwirken Aller.

Ernst, schweigend, still betrat einer nach dem andern auf drei Stufen Distanz die künftige Himmelsleiter. Die dumpfe Stimme Grass i und 2 zählend verhallte dünn in der uns umgebenden Stille. Die Vorschrift, stramm in die Stufen zu sehen, war mir nicht möglich zu befolgen;

der Grat war durchwegs schmäler als meine Schultern breit. Mit jedem 1 oder 2 musäte ich unwillkürlich auf die entsprechende Seite hinunter in den Abgrund blicken und dann war ich wieder zufrieden.

îsfach sieben langen mir unvergesslichen Minuten athmete ich wieder frisch auf. Das kühne Wagstück war gelungen. Ein circa 50 Fuss langer, halbkreisförmiger, zackiger, scharf zugespitzter Felsrücken trennte uns noch von der wirklichen Spitze, aber auch dieses letzte Hemmniss war bald überwunden, theils rittlings, theils kriechend und um 2 Uhr Nachmittags nach dreizehnstündiger Arbeit war das heiss ersehnte Ziel endlich erreicht.

, Weleh'überwältigender Anblick entfaltete sich vor unsern staunenden Blicken, welch'beseligendes Gefühl ergriff mein tief Innerstes dabei. Vergessen waren alle Mühen und Strapazen; frei athmete die Brust empor in dieser Welt der tiefsten Stille und Einsam-keit^ in der erhabenen Gesellschaft jener uns umgebenden stolzen Bergesspitzen mit ihren Bildern des Schreckens und auch der herrlichsten Genüsse.

Lüstern wandten wir unsere Blicke nach dem uns t)is dahin verborgenen Westen. Entblösst lag das ganze grossartige Rosegg-Gebiet mit seinen dem Bernina-Gebiet ebenbürtigen Gletschermassen vor uns. In weiter Tiefe unten winkten im grünen Thale die gastlichen Häuser von Samaden und Bevers uns freundlich zu. Stolz, nebenbuhlerisch breitet sich die kolossale Gebirgsmasse des Monte della Disgrazzia in ihrer ma- lerischen Schönheit herausfordernd aus.

In weiter Ferne in dunkelblauem Duft strozten die mächtigen Walliser und Berner Alpen uns entgegen und wenige ihrer Schneehäupter blieben von uns unbemerkt. Meine Feder ist zu schwach um all die Gedanken und Empfindungen, die sich meinem schwachen menschlichen Wesen offenbarten und kundgaben wieder zu geben. Ich konnte die Gedanken meines lieben Freundes Oberholzer errathen, als ich seinen feuchten Augen begegnete. Wir waren ein Herz und eine Seele. Auch der kalte in sich gekehrte Hans wurde weich, seine Zunge löste sich, und mit Eecht, es war ja auch ein Tag der Freude für ihn, ein wahrer Ehrentag. Doch liess er sich nicht ab den Schienen bringen, denn plötzlich brummte er uns an: « Mini Herre, es ist Zyt zum ufpacke ». Ich konnte dem wackeren Mann nicht widersprechen, so sehr er mich auch wurmte, aber das Wort Rückweg lag schwer im Magen, denn wir waren wenigstens fünf Stunden zu spät auf die Spitze gelangt und mussten wieder den gleichen Weg hinunter, und uns jedenfalls unter den günstigsten Umständen auf einen Marsch bis tief in die Nacht gefasst machen. Ich nahm noch die Messung vor, schrieb den Wahrzeddel, während mich Oberholzer festhielt, legte dann solchen in das kleine Steinmannli zu den zwei schon vorhandenen, und dann nach nochmaliger Rundschau, nach einem viertelstündigen Aufenthalt bei -j- 10 ° C. verliessen wir, so ungern es auch geschah, die stolze Bergeszinne.

Nach einigen Minuten hatten wir den Eiskamm wieder erreicht. Ein kurzer Halt wurde gemacht um zum letzten Male unsere Augen in dem unermesslichen Luftocean herumschweifen zu lassen und dann hiess es wieder aufgepasst.

Jetzt wurde die Sache ganz anders angegriffen, gezählt wurde nicht mehr. Grass und ich gingen rücklings hinunter, Oberholzer mir nachfolgend vorwärts. Tritt für Tritt setzte ein Jeder dem Nachfolgenden den Fuss fest in die Stufe ein und so erreichten wir glücklich den Felskamm. Wie ich später im Thale erfuhr, wurden wir beim Auf- und Niedersteigen dieser Strecke vom Piz Languard her Tritt für Tritt genau beobachtet. Mit lechzender Begierde löste ich sofort die Flasche Champagner aus ihrer kalten Wohnung und mit sichtlichem Wohlbehagen stürzten wir den schäumenden Göttertrank hinunter. Ja, wenn nur mehr wäre! meinte Jeder; Esslust war dagegen nicht gross, vom Rauchen gar keine Spur. Wir wollten keine Zeit verlieren, stellten uns wieder in Marschordnung auf und verschwanden zwischen den zerrissenen Felsen des Grates.

Am Fusse des Kammes angelangt, fanden wir die schwierige Eiswand etwas verändert. Der grössere Theil der Morgens eingehauenen Stufen war fast ganz verschwunden durch die Wirkung der brennenden Sonnenstrahlen. Grass musste neue Stufen graben, was wieder eine zeitraubende Arbeit war. Unversehrt er-erreichten wir den Firn, welcher aber ganz weich war, so dass wir Tritt für Tritt wieder tief einsanken und uns dabei erbärmlich ermüdeten. Jenseits des Sattels gegen die Firnplateaus von Zupo und Bella-Vista wurde unser Weg immer bedenklicher, wobei ich Unglücklicher als der Schwerste auch am schwersten davon Itam.

Zweimal sank ich derart ein, dass mich beide Führer mit dem Beile herauspickeln mussten. Dazu gesellten sich noch unzählige Spalten, die wir passiren mussten und zwar mit äusserster Vorsicht. Gewöhnlich wenn die Spalte wegen Mangel an festem Absprung nicht übersprungen werden konnte, suchte sich Grass « ine Brücke, legte den langen Bergstock darauf und dann rutschte er hinüber; auf gleichem Wege folgten wir ihm nach. Die Cresta Güzza hatten wir hinter uns, und je mehr wir den Abstürzen des Zupo uns näherten, desto bedenklicher wurde unsere Lage. Erschöpft sinkt vor mir Grass plötzlich bis an die Schultern ein, nur noch Arme und Kopf aus dem Schnee streckend; ich hatte mein gewöhnlich Mass bis zu den Hüften, ein Kuck nach hinten verkündete ebenso Schlimmes, denn Oberholzer sank gerade mit der von mir eben passirten Schneebrücke ein und verschwand gänzlich, während Schlegel gleich mir bis an die Hüften eingekeilt jenseits der Spalte zurückblieb. Da galt es nun ein Ringen um Leben und Tod. Furchtbar waren unsere Anstrengungen, ja fast übermenschlich, aber endlich mit glücklichem Erfolg gekrönt. Nach schweren Strapazen gewannen wir nach und nach besseres Terrain. Trostlos, ermattet, vom Durst gequält wateten wir durch die Firnfelder dahin bis um ein Viertel vor 6 Uhr wir den ersehnten Proviantsack auf dem Plateau von Bella-Vista erreicht hatten. Es war kein Champagner mehr der uns erwartete, um unsere so arg mitgenommenen Körper einigermassen wieder aufzurichten. Wir waren aber herzlich zufrieden mit dem Yeltliner.

Halb vernichtet lagen wir da im Schnee. Das eben Passirte ging wie ein Traum nochmals vor mir vorüber; in stiller Andacht dankte ich dem Allmächtigen für seinen gnädigen Schutz.

Nach einiger Ruhe richtete der Körper sich wieder auf; der Traubensaft weckte die müden Lebensgeister und mit hohem Genuss bewunderten wir den zaubrisch. schönen Sommerabend mit seiner unermesslichen Fülle von Naturschönheiten.

Sechs Uhr war vorbei. Im tiefen Thale machte sich der vorrückende Abend schon bemerkbar, und erinnerte uns ernstlich daran, dass wir noch über 11,000 Fuss hoch oben waren und keine Zeit verlieren, durften, um bei Tag die schwierigsten Stellen noch, passiren zu können. Gerne hätte ich die grosse so gefährliche Spalte umgangen und schlug daher Grass vorr sich der Festung zuzuwenden und dann von dort über den Gletscher hinunterzusteigen. Allein Hans wollte nichts davon wissen, er bemerkte mir, dass wir den " Weg über die Festung vorerst suchen müssten und bei dem furchtbar trügerischen, unsteten Zustand des-Gebietes entschieden klüger thun, den uns mit all seinen. Gefahren bekannten Weg einzuschlagen, da wir sonst leicht bei allfällig eintretenden Hindernissen gezwungen, werden könnten, die Nacht auf bedeutender Höhe und unter freiem Himmel zuzubringen, was wir mit unserm geringen Proviant nicht riskiren durften. Ich war damit belehrt und schickte mich in das Unvermeidliche.

Nach circa einer halben Stunde standen wir vor der klaffenden Spalte, welche mir jetzt noch viel schlimmer vorkam als am Morgen. Der Angriffsplan war schon vorher von Grass ausgedacht.

Schnell gruben Grass und Schlegel drei tiefe Löcher, worin wir uns dann festsetzten- um vereint Schlegel am Seile hinunterzulassen. Sobald er ungefähr auf die Höhe der untern jenseitigen Kante ankam, gab er ein Zeichen zum anhalten. Dann fing er an sich über den Abgrund zu wiegen, im Augenblick als er glaubte genügend Schwung zu haben, liessen wir auf 's Commando circa 6 Fuss Seil rasch nach. Vermöge seiner langen Glieder erreichte er mit knapper Noth die Kante, konnte sich aber festhalten und heraufarbeiten. Unser Herz war von einer schweren Last befreit, als Schlegel in Sicherheit war. Nun kam ich an die Reihe, dann Oberholzer. Wir hatten natürlich viel leichteres Spiel, indem uns Schlegel behülflich sein konnte, immerhin denke ich noch oft an diese Schwebeübung. Hierauf fischten wir das Gepäck auf und nun stand Grass noch allein droben. Schauder durchrieselte meinen ganzen Körper beim Gedanken, dass nur ein kühner Sprung ihn zu uns bringen könne. Nah an einander aufgestellt, mit dem Seil ein Dreieck bildend, waren wir zum Empfang bereit. " Wie nun Hans gegen die Kante herabsteigen will, verliert er plötzlich sein Steigeisen, das in der unergründlichen Tiefe des Schrundes verschwand. Verdutzt blieb er stehen, doch schnell gefasst, fügte er sich mit einigen saftigen Flüchen in den jetzt unersetzlichen Verlust. Ruhig wie angewurzelt stand der kühne Bergbesteiger auf der äussersten Kante, dann zählte er 1, 2 und 3, ein Moment und wir wälzten uns ein wenig im Schnee. Der Sprung war meisterhaft gelungen.

Mit leichterem Herzen, in fröhlicher Stimmung ging es möglichst rasch weiter. Mein lebhaftes Verlangen nach einigen tüchtigen Rutschpartien konnte zu meinem grossen Aerger nicht erfüllt werden, da das Terrain zu unsicher und zu steil war. Stellenweise glaubten wir auf unrichtigem Weg zu sein. Die Spuren unserer Tritte vom Aufstieg waren plötzlich verschwunden und die Umgebung mit Tausenden von frischen Eisblöcken übersäet. Doch zum Glück war es Täuschung, wir fanden uns bald wieder bei der Stelle wo wir am Morgen zu dem beschwerlichen Umweg uns entschliessen mussten. Aber welch'kolossale Veränderung fanden wir hier! Schrecklich verheerend hatte die Natur hier gehaust. Grosse Eiskolosse, deren bizarre Formen mir deutlich in Erinnerung, waren verschwunden, Spalten und Trümmerhaufen zurücklassend.

Erstaunt bewunderten wir diese fast unbegreiflich schnelle Veränderung des Gletschers seit heute Morgen.

Mittlerwreile wTar die Sonne hinter dem Bernina verschwunden, ringsum rückte die Dämmerung mit raschen Schritten ein. Selbst der Beherrscher des grossartigen Gebietes hatte sein goldenes Abendgewand mit dem Nachtschleier vertauscht.

Mit beflügelten Schritten eilten wir davon, freilich mit einigen Intermezzos. Die Spalten, über die wir heute Morgen einander hinaufgezogen hatten, übersprangen wir einfach und um 8 x/2 Uhr erreichten wir die Felswände der untern Festung. Der Proviantsack lag noch an derselben Stelle, wie wir ihn verlassen hatten. Doch nur eine Flasche für uns Vier, das war gerade wie ein Tropfen Wasser auf glühendes Eisen gegossen!

Ich machte mir bittere Vorwürfe über unsere traurige Verproviantirung und werde für die Zukunft an die heute erlebten Erfahrungen denken und mich darnach richten.

Die Hoffnung, diese Nacht nach Pontresina zu ge- langen, hatten wir zwar, trotz aller Erschöpfung und eingetretener Nacht noch nicht aufgegeben, wenigstens trieb Grass eifrig dazu an. Wir verliessen den Gletscher und krochen an den Felswänden so gut es bei der uns umgebenden Dunkelheit ging, entlang. Einige hundert Fuss vor dem Persgletscher hielten wir an und entdeckten mit Entsetzen in welch missliche Falle wir gegangen. Wir fühlten uns den Gefahren und An- strengungen, die der Uebergang über den Persgletscher jedenfalls erfordert hätte, durchaus nicht mehr gewachsen und beschlossen daher die Nacht in der Bovalhütte zuzubringen. Die Ausführung war nun freilich eine andere Frage. Rückwärts wollten und konnten .wir kaum mehr, die Felswand, über welcher wir uns befanden, stürzte wohl 1000 Fuss tief auf den Morteratschgletscher fast senkrecht ab, und da hinunter sollte unser Weg sein. Unwillig über diese Aussichten, schickte ich Grass voraus um Weg zu suchen, denn blindlings wollten wir uns jetzt nicht mehr in Gefahr begeben. Sein scharfer Blick fand Licht. Zwischen zackigen Felsen und durch zwei Couloirs führte er uns an eine schmale Schneewand, die direkt auf den Gletscher hinunterführte. Die Wand war zwar bedenklich steil und am Fusse konnte man in der Dunkelheit verschiedene unangenehme schwarze Streifen erkennen. Doch war der Weg nicht so schlimm wie er aussah,

und bald betraten wir den Morteratschgletscher. Mit jedem Tritt athmeten wir freier auf. Nach dreiviertelstündigem Marsch langten wir an der gewaltigen Moräne an. Es war noch eine harte Nuss, aber der liebe Herrgott der uns den ganzen Tag so gnädig bewahrte, verliess uns auch in der letzten Stunde nicht. Nach unsäglichen Mühen war der letzte Wall gebrochen, und nach 22stündiger Abwesenheit betraten wir Nachts 11 Uhr die Bovalhütte wieder.

So betrübend unser Zustand auch war, fanden wir doch bald, ums lustig prasselnde Feuer geschaart, frischen Muth und begeisterte Stimmung wieder. Wein hatten wir zwar nicht mehr, dafür schmeckte das frische Quellwasser ausgezeichnet sammt einem Stückchen Brod. Bald streckten wir uns im Heu um die in Folge übermässiger Anstrengung nöthige Ruhe einzuschlürfen. Nur Hans gönnte sich keine Ruhe, die ganze Nacht unterhielt er das Feuer und dachte dabei an die Seinigen zu Hause, welche umsonst der Rückkehr ihres Vaters-harrten.

Während dem wir ruhig schliefen sammelte sich draussen ein Gewitter an, das gegen Morgen zum furchtbaren Ausbruch kam und uns nicht mehr länger ruhen liess. Mächtig rollte der Donner über die Gletscher dahin, gefolgt von einer wahren Sündfluth. Wir sassen wieder am Feuer, als wir plötzlich Männerstimmen zu vernehmen glaubten, und in der That, die Thüre öffnete sich, und herein trat Christian Grass mit einem jungen Begleiter, welche bei unserm Ausbleiben Unglück ahnend, Nachts aufgebrochen waren um nach uns zu forschen. Nach einem herzlichen Willkomm und erfreut über unser Wohlsein, packte dann Christian seinen reichlich versehenen Proviantsack aus, dessen Inhalt sich männig- lich trefflich schmecken liess.

Weniger angenehm, ganz unglaublich war uns dann die Nachricht von der traurigen Kriegserklärung. Ich konnte nicht mehr in der Hütte bleiben, ich hatte keine Ruhe mehr, bis ich leider in Pontresina die Nachricht bestätigt fand. Aus war 's nun mit den fernem Touren für dieses Jahr. Mit dem Bewusstsein einer tüchtigen Leistung reisten wir möglichst schnell heim.

Den 16. Juli 1870 aber werde ich nie vergessen.

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