Piz da la Margna

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Von Henry Hoek

( Davos, Sektion Davos ).

Mit 1 Bild.

Der Piz da la Margna ist recht eigentlich der Berg des oberen Engadins. Fährt oder wandert jemand das obere Engadin hinauf, so ist es ständig die weisse Krone dieses Berges, die den Abschluss des Tales bildet. Und stundenlang steht, allmählich immer mächtiger in den Himmel strebend, die Margna massig, und dennoch anmutig leicht, bald über den dunklen Wäldern, bald über blumenbunten Feldern, bald auch über dem Wellen-gekräusel eines Sees. An seltenen windstillen Morgen mag es auch geschehen, dass sie sich spiegelt im dunkeln Blau des Silser Sees, der in kühler und klarer Heiterkeit die wohltuende Breite des Tales füllt.

« Wächter des Tales » wäre ein guter Name für diesen schönen Berg, der Sinnbild von Kraft und stiller Ruhe ist.

Stets ist er sichtbar, fast von allen Stellen des oberen Inntales; denn er steht in der Axe dieser einzigartigen grossen Furche. Er steht aber auch in der Axe des oberen Tales der Maira.

Und darum trifft ihn — wie auf der anderen Talseite den kleineren Piz Longhin — an jedem schönen Tag der Strom warmer Luft, der aus der Lombardei zwischen Hochbergell und Duangruppe emporsteigt, um durch die tiefe Pforte von Maloja nach Norden abzufliessen. Sie staut sich an den Flanken der Margna, wird an ihren Hängen hochgepresst, kondensiert ihre Feuchtigkeit, die zur Wolke wird, die dunkel und dräuend als Maloj aschlange sich um den Fuss des Berges legt und in das Fextal und Inntal hinein leckt — während die Schneekrone des Gipfels noch rot im Lichte der scheidenden Sonne flammt, hoch über dem Enzianblau des beschatteten Sees. Wandert man weiter nach Süden, vorbei an diesem schönsten aller Seen durch dieses Land Zarathustras — von Nietzsche besungen, wie keine Landschaft je wieder besungen wurde —, so kommt als grosse Überraschung der Absturz von Maloja gegen Casaccia — das plötzliche, gänzlich unvermutete und fast beispiellose Ende eines Tales, das keinen Abschluss hat. Infolge merkwürdiger geologischer Geschehnisse ist dieser Pass von Maloja ein landschaftliches Erlebnis, das ausserhalb aller sonstigen Erfahrung steht.

Ein wenig östlich der Passhöhe, auf einem kleinen runden Felsbuckel zwischen kleinen sumpfig-moorigen Weiden liegt der grösste aller Bergmaler begraben. Er ruht im Herzen der Berge, die ihm zweite Heimat wurden und die er liebte. Selbst an den sonnigsten Tagen liegt eine schwer zu beschreibende leichte Trauer über dieser erhabenen und ernsten Landschaft. Lange sass ich auf der zerbröckelnden Mauer, die diese bescheidene Ruhestätte der Toten gegen Ziegen und Kühe schirmt. Eine unsagbare Ruhe umfing mich. Nur eine Amsel rief aus einer der dunklen Sumpfföhren, mit einem Windhauch kam ab und zu das gedämpfte Rauschen des Flusses, der dem Eisstrom des Forno entspringt, und dazwischen ganz leise die einfachen Geräusche ländlicher Arbeit. Die Margna erhebt sich im steilen Auf- schwung als Wächterin; Wölkchen entstanden in halber Höhe an ihren Flanken und lösten sich wieder auf — und plötzlich fasste ich den Entschluss, wieder einmal auf diesen Berg zu steigen, der Grenze ist zwischen Süd und Nord, zwischen Romanisch und Italienisch und dessen Wasser in die Adria und in das Schwarze Meer fliessen...

Es gibt von Zeit zu Zeit, aber immer seltener, je älter ein Mann wird, einen Morgen — und vielleicht auch einen ganzen Tag — beladen mit dem Märchenzauber der Jugend. Alle Dinge sind klarer, schöner und begehrenswerter als sonst, und das Erlebnis der Welt durchdringt einen bis in die Fingerspitzen — man zittert innerlich wie auf der Schwelle einer längst erwarteten grossen Entdeckung. Es ist ein Zustand jenseits der normalen Erfahrung, als stände die Seele zwischen dieser Welt und einer andern.

An einem solchen Ausnahmemorgen, im frühen Herbste, folgte ich dem Pfade durch den Lärchenwald von Sils-Maria hinauf nach Casternam im Fedoztal. Noch war es halbdunkel unter den Bäumen, und leichte Nebel lagen auf den Wiesen des Inntales, lagen in seltsam zerschnittenen Fetzen in der Senke des Fextales. In Vertiefungen zwischen den alten gletschergeschliffenen Felshöckern wogte träge der grauweisse Dampf und floss langsam durch winzige Tälchen bergab, durch die einst die Gletscherbäche ab-strömten. Wie es heller wurde, begann der Nebel sich aufzulösen, wie ein geisterhaftes Heer im Rückzug; in zerrissenen Schleiern hob es sich vom Boden und enthüllte die leuchtenden Herbstfarben der roten Heidelbeer-büsche, der rostbraunen Alpenrosen und goldflammender Lärchen. Ein leiser Luftstrom kam vom Berge her, war kühl und prickelnd und roch nach herbstlicher Erde.

Stand ich einen Augenblick still, so konnte ich durch das zarte Summen letzter Bienen das Blöcken eines Schafes im Tale hören. Und mit kindlichem Vergnügen sah ich das safrangelbe Hinterteil einer Hummel, die tief im Kelche eines grossen, verspäteten Enzians steckte und sehr bemüht war, wieder herauszukommen...

Von einem eisigen kleinen Wind begleitet, aber jetzt am frühen Morgen von beinahe leuchtender Klarheit, schoss das Wasser des Fedozbaches unter der schmalen, altersbraunen Holzbrücke durch sein glattgeschliffenes Steinbett. Es begann der steilere Anstieg, zunächst noch auf breitem Alpweg, ausgetreten von den Millionen von Tritten der Schafe, die oben an den Osthängen der Margna, der Crast Fedoz und des Piz Fedoz weiden. Mählich gewann ich an Höhe. Die grauen feuchten Schwaden im Tal hatten sich inzwischen gehoben; sie bildeten jetzt eine Decke, in die ich von unten her eintauchte. Aber das Grau wurde merkbar heller und lockerer, je höher ich kam.

Und dann wurde im Laufe weniger Sekunden im Osten ein grosses Fenster aufgerissen. Ein leuchtendes Stück merkwürdig zitronengelben Himmels wurde sichtbar. In diesem seltsamen, strahlend blendenden Gelb stand im Lichte, das die Wolken zurückwarfen, die gewaltige Masse des Piz Corvatsch tief purpurblau, ohne erkennbare Einzelheiten hinter einem ganz dünnen, löcherigen Schleier aus goldenem Staub gewoben. Zu seinen Seiten standen Die Alpen — 1942 — Les Alpes.6 andere Gipfel, unbestimmt umrissen, fast nur geahnt im Dunst der durchsichtigen Nebel — riesige hellblaue Schatten, über deren Gratkanten weisse Wolken in das Fextal hinabflössen.

Mit einem Male war ich über den Wolken des Tales! Die Sonne erschien... Nur über dem Piz Duan hingen noch Wolkenballen; sie flammten auf in der Farbe reifer Aprikosen, und um die Zacken des Piz Lizun und Piz Maroz hingen noch ein paar letzte Reste des Morgennebels.

Wie der glühende Sonnenball über dem Corvatsch emporstieg, breitete sich das Licht fächerförmig in gewaltigen Bündeln über seinen breiten, steinernen Rücken.

In einem verzauberten Schweigen ging ich weiter bergan, das nur ganz zart durchbrochen wurde vom silbernen Rauschen ferner Wasser. Ich ging über den leichten Felsgrat, stieg über das steile letzte Schneefeld und kam auf den flachen, geräumigen Gipfel.

Es war vollkommen windstill und so ruhig, als hielte die Welt den Atem an in Erwartung eines gewaltigen Geschehens oder nach einer ungeheuren Anstrengung.

Grosse Wolken segelten über mich hinweg aus Westen und schickten ihre Schatten über die Berge und durch die Täler. Sie schienen einander nachzulaufen, ohne dass je einer den anderen eingeholt hätte. Eine dichtere Wolke stand jetzt zwischen der Sonne und mir; es fielen ein paar Tropfen und verdampften sofort auf den warmen Steinplatten. Aber drüben am Piz Lagrev und Albana lag noch warm und farbig das Licht.

Im Süden herrschte die gewaltige Gestalt des Monte della Disgrazia. Neue Wolken entstanden an seinen Flanken, spielten Versteck mit dem Gipfel. Aber immer wieder erhaschte ich einen Blick auf die eisige Nordwand und die geschwungenen Gräte.

Traubenblau stachen die Granitberge des Hochbergell in das hellere Blau des Himmels jenseits der immer dichter heranziehenden Wolken-geschwader. Selten wohl ist Wilderes zu schauen... Ein Walkürenritt in Stein gehauen und als gigantischer Vorhang in den Himmel gehängt.

Als Gott die Bergeller Berge erschuf, da sagte er: Ich will Gipfel formen, die sollen so wild und erschreckend sein wie keine anderen Berge. Alle Geheimnisse und alle Überraschungen will ich ihnen geben. Tiefe, dunkle Schluchten sollen hinaufführen zu ragenden Türmen und riesigen Dolchen; sie sollen aus einem Gestein bestehen, das anders ist, härter, klobiger und dennoch glatter als jeder andere Stein. Nie auch sollen sie längere Zeit gleich aussehen, ewig sollen sie ihr Aussehen wechseln, bald blau, bald grau, bald silbern, bald weiss; bald sollen sie nahe scheinen und bald fern — aber immer soll Geheimnis und Schrecken über ihnen liegen.

Wir sehen voll Staunen diese Felsen, die erstarrtes Magma aus dem Schosse der Erde sind; wir fahren mit den Fingern über die Kratzer, die ein im Eise eingeschlossener Stein hinterliess, als der Gletscher in Urzeiten die Felsen rundete, glättete und polierte. Wir machen uns eine unbestimmte Vorstellung von dem unfassbaren Geschehen, als sie sich aus der Tiefe erhoben. Wir ersteigen diese Felsen und stehen auf den Gipfeln und sagen, wir hätten sie erobert und besiegt... und wissen, dass sie so unbesiegbar und unfassbar sind wie die Berge auf dem Mond.

Jetzt war schon wieder eine fast lückenlose Decke über mir; es wurde kühl, und ich stieg ab. Auf dem Gipfelschneefeld kam mir eine Dreierpartie, mit Führer, Seil und Pickel entgegen. Der Führer schaute mürrisch und erwiderte kaum meinen Gruss; er war wohl böse, dass ich allein und mit Spazierstock da herunter kam...

Nach dem kurzen Gegenanstieg aus der Val Fedoz setzte ich mich auf einen Steinblock, um auszuruhen. Womit der Morgen gedroht, womit der Mittag gespielt, das hielt der Abend. Der hohe Himmel mit seinen gelösten und geballten Wolken war zur drückenden grauen Last geworden. Er schien von Minute zu Minute der Erde näher zu kommen. Schon hatte die dunkle, sich senkende Decke den Gipfel der Margna, des Lagrev, des Duan und Corvatsch geschluckt. Und unter mir, durch das Tor von Maloja, sah ich die Nebel aus dem Tale der Maira steigen und sah, wie sie hereinströmten in das Engadin. Noch lösten die abgerissenen Schwaden sich auf, aber jede Wolke, die neu sich bildete, war schwerer als die letzte und kam auch weiter nach Norden, bevor sie verschwand. Zwischen der hohen Wolkendecke und der Wolkenfüllung des Tales konnte ich immer noch nach Südwesten schauen, ich sah die Gipfel, die Chiavenna umstehen, und jene, die das Misox von Italien trennen. Die Sonne stand jetzt schon tief, und sie erschien für einen Augenblick in diesem Fenster. Ein kurzer, leichter Regenschauer ging über mich nieder, und vor dem gewaltigen dunklen Leib des Corvatsch spannte sich vergänglich aber leuchtend und zauberhaft ein doppelter Regenbogen.

Der regenschwangere blauschwarze Himmel über mir, die weissen Wolken-heere unter mir, das Wolkenloch mit der stechenden Sonne und der gewaltige, königlich schöne Bogen vor dem Corvatsch... es war märchenhaft unwahrscheinlich.

Und plötzlich fühlte ich ein Verlangen zu singen, mich zu betätigen, zu kämpfen... ich wollte ein Held sein, der in den Kampf zieht in dieser heroischen Landschaft.

Das Wolkenloch schloss sich, der Bogen erlosch; grau und farblos zogen die Wolken langsam unter mir, lautlose Stille drückte wie schwere Last auf die düsteren Felsen ringsum...

Ich war plötzlich mutlos, klein und bescheiden. Ich fühlte mich einsam und verlassen in Öde und Wildnis...

Im schwindenden Licht des frühen Abends kam ich hinunter zum See, der stumpf und silberweiss unter einem gleichmässig grauen Himmel lag. Von Süden kam ein kleines Windchen und machte das Wasser in flachen langen Wellen steigen und fallen. Ein stiller, feiner Regen stach Punkte und winzige Kreise in die vollkommene Glätte des atmenden Wassers. Jenseits lag düster die Halbinsel Chasté, von mir aus gesehen eine Ansammlung triefender Bäume. Nebelfetzen zogen durch den nassen Wald, wie alte Hexen, die nach giftigen Pilzen suchten...

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