Piz Linard - Erinnerungen an eine Silvesterfeier

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Arthur Baumgartner, Forch

Eine glückliche Fügung hatte erwirkt, dass ich Edwin Trüb begegnete.Vor Jahren hatte er sich bescheiden in der Lehrlingsabteilung des Hochgebirgskurses der 6. Division gemeldet und mich, seinen Vorarbeiter, bald überflügelt. Denn Gott verlieh ihm grosse Körperkräfte, eine herrliche Bassstimme und eine feste, sonnige Seele, alles Eigenschaften, einen ausgezeichneten Alpinisten und vor allem einen zuverlässigen Bergkameraden aus ihm werden zu lassen.

Es ergab sich, dass wir beide ein gesegnetes Bergjahr hinter uns hatten, und nach wenig Worten wurden wir schlüssig, dessen Ende würdig zu feiern. Auch auf ein verheis-sungsvolles Ziel einigten wir uns bald, den Piz Linard. Sein edler Bau und sein Ehrenplatz über dem Engadin muss jeden Bergsteiger locken, und doch wird er von den meisten von ihnen - unverdienterweise - auf die Warteliste gesetzt.

Mein Freund schlug vor, als Dritten im Bunde Hansuli Wyss einzuladen. Die Wahl des rechten Gefährten ist nicht nur Voraussetzung für das volle Ausschöpfen der Schönheiten einer Bergfahrt, sie kann auch entscheidend sein für das Überleben, wenn man sich einer harten Probe unterzieht oder auf eine solche gestellt wird. Ich kannte Hansuli allerdings nur vom Hörensagen, von dem, was man über seine grossen Fahrten und Expeditionen berichtete; aber da Edwin ein zuverlässiger Bürge ist, waren wir zum dritten Mal gleicher Meinung.

Am Südwestgrat des Piz Linard Vollzählig fanden wir uns am 30. Dezember 1956 im richtigen Wagen der SBB ein und liessen uns dem geliebten Bündnerland entgegentragen, wobei wir in Klosters einmal mehr feststellten, dass die Fremdenindustrie mitten im kalten Winter in voller Blüte stehen kann. Doch schon nach Monbiel besassen wir die Welt für uns und folgten einer Spur, die in das schöne, liebliche Tal der Landquart führte, quer durch verschneite Wiesen und Wälder.

Im flachen Boden der Alp Novai zweigt dann der Weg ins Vereinatal ab. Das ist ein herrlicher , doppelt wild in dieser Jahreszeit. Nach einiger Zeit verliessen wir das Fahrsträsschen, stiegen zur Stutzalp auf und bummelten hoch über der Schlucht dem Vereinahaus zu, wo wir von Frau Antonietti willkommen geheissen wurden.

Ich glaube nicht, dass sich jemals ein Mensch der Ausstrahlung dieser seltsamen Frau zu entziehen vermochte. Güte, Kühnheit und Umsicht gaben ihr jene natürliche Autorität, die keine Beweise braucht. Sie konnte wochenlang allein hier oben hausen, wenn Lawinen oder Lawinengefahr die Zugänge sperrten. Doch diesmal waren wir nicht die einzigen Gäste, und die weisshaarige Nonna bewirtete ihre Bergsteigerfamilie aufs beste. Wir waren kurz nach zwei Uhr angekommen, hatten noch den Anfang des Weges ins Süsertal erkundet und liessen uns nun gerne verwöhnen. Da wir aber unsere morgigen Pläne nicht gefährden wollten, schien es uns ratsam, die Matratzen rechtzeitig aufzusuchen. Begleitet vom sanften Saitenspiel des Windes, der die Telefon-drähte leise zum Klingen brachte, fielen wir bald in tiefen Schlummer.

Am folgenden Silvestermorgen traten wir um fünf Uhr in die kalte, finstere Nacht. Das Wetter hatte sich verschlechtert, Wolken verdeckten die Sterne, rasch dahinziehende Nebelschwaden und Flockenwirbel erschwerten die Orientierung. Immerhin fanden wir nach einigen Irrungen den Weg über den kleinen Staudamm, bogen um das Eck am Dürrberg und gelangten in den Einschnitt des Süserta-les. Aber selbst als weiter oben die Dämmerung die Lichtlein unserer Stirnlampen ersetzte, war es nicht leicht, einen Durchschlupf bei der Steilstufe zu den Miesböden am Flesspass zu finden. Die Umgebung verschwamm in einem milchigen, uferlosen Weiss, das jegliches Relief zum Verschwinden brachte. Zudem hatte der Wind alten wie neuen Schnee mit sich gerissen und ihn dann dort wieder abgelagert, wo es ihm gerade passte. Statt eine schöne Spur zu ziehen, mühten wir uns deshalb durch tiefe Verwehungen und tappten über Harschflecke, gerieten an steile Hänge, wo wir ebenes Gelände vermuteten, und fanden Flachstücke, wo nach unserer Meinung der Aufstieg hätte einsetzen sollen. So standen wir erst nach drei Stunden auf dem Vereinapass, glücklich, ihn über das letzte fast flache und unübersichtliche Teilstück gefunden zu haben. Rasch zogen wir an diesem, Blick vom Gletscherkamm auf Piz Linard und Verstancla Silvretta dem bissigen Wind besonders ausgesetzten Ort die Felle von den Ski. Und jetzt verbesserte sich sogar die Sicht, was uns die Abfahrt in die Mulde des Val Sagliains erleichterte. Hier konnten wir endlich eine etwas geschützte Stelle für eine zwanzigminütige Rast nützen.

Der Anstieg am östlichen Talhang des Val Sagliains bot uns keine besonderen Probleme. Der Höhenmesser, dieses wertvolle Instrument, zeigte 2670 m, als wir am Südwestgrat unsere Ski so in den Schnee steckten, dass sie während unserer Abwesenheit an Ort und Stelle bleiben mussten. Ungeduldig banden wir uns nun ans Seil - jetzt konnte der Höhepunkt unserer Tour beginnen. Eine Reihe von trotzigen Türmen wehrt den Zugang zum Gipfel, und der Sturm orgelte auf ihnen, was der Windkasten hergab. Oft wird man in die Südwand gedrängt, worauf man jeweils über heikle Quergänge und Rinnen wieder den Grat gewinnen muss. Überall lagen reichliche Mengen Schnee, die als trügerische Schicht lose Steine und Eis bedeckten. Zum Überfluss führte der böige Westwind mit jedem An- sturm eine weitere Sendung dieser Materie mit sich; immerhin waren wir seinen harten Angriffen hier nicht ständig ausgesetzt. Auch gelang es uns meistens, wenn auch nur für Momente, einen Blick auf die nächsten Seillängen unseres Weiterweges zu erhaschen, bevor der Nebel wieder alles tarnte.

Unter Bergsteigern wird heute viel über Freiklettern diskutiert - als ob das etwas Neues wäre. Müsste man sich nicht auch über die Kunst des unterhalten? Beides wurde - in Nagelschuhen - von den alten Führern in Vollendung beherrscht. Sie mussten dies wahrscheinlich beim Wildern üben; dann nämlich, wenn sie beide Hände zum Tragen brauchten, um eine stattliche Gemse samt der Büchse auf schwierigen Schleichwegen ungesehen nach Hause zu bringen. Es ist doch würdiger und schöner, aufrecht in einer Flanke zu gehen, wo andere bereits alle viere zu Hilfe nehmen; über eine ausgesetzte Gratschneide aus Firn oder Fels zu balancieren, statt Gesäss und jene Organe zu malträtieren, die nicht zum Fortbewegen erschaffen wurden - unzutreffenderweise wird dies Reitsitz statt Rutschsitz genannt.

Heute wurden wir hart auf die Probe gestellt. Das Spuren erwies sich als anstrengend, und der Zeitdruck erlaubte es nur ausnahmsweise, Griffe freizulegen oder eine Stufe zu schlagen; der Fuss musste deshalb selber erfühlen, ob er das Gewicht sicher aufnehmen konnte. Schon nach den ersten Seillängen harmonierte aber das Zusammenspiel unseres Trios. Sachte, doch stetig rückten wir vor, kamen wohlbehalten am letzten Gratturm mit dem schönen Namen ( Kegel ) vorbei und erreichten über leichteres Gelände das Gipfelsignal.

Dort innehaltend, glaubte ich zu träumen. In die Stille nach einer kräftigen Bö klang rein und deutlich die Glocke eines Engadiner Kirchleins zu uns herauf - ganz wie in einer alten, schönen Legende. Der Schall ertrank im nächsten Windstoss, gewann aber wieder die Oberhand, verschwand erneut... Es war Wirklichkeit; meine Freunde, beides Realisten, haben es bezeugt.

Nach dieser Weihe holte ich meinen

Angesichts der schon fortgeschrittenen Zeit und der Unwirtlichkeit des Ortes wurde die Gipfelstunde stark gekürzt und der Rückweg in Angriff genommen. Beim Skidepot angelangt, waren wir froh, die Felle schon vor dem Einstieg abgezogen und die Kabel umgehängt zu haben. Mit unseren kalten Fingern wäre dies jetzt bedeutend mühsamer gewesen.

Wer schon im Wechselschnee in einförmig-stem Grau abgefahren ist, weiss den Stemmbogen zu schätzen. Glücklicherweise beherrschten wir diese altmodische Technik, so dass wir ziemlich ungeschoren in den Talboden gelangten. Von der Gegensteigung aus, kurz vor dem Vereinapass, zeigte sich uns der Linard zum ersten Mal, zusammen mit seinem Bruder, dem Piz Sagliains, in einem wuchtigen Rahmen aus Nebel und Wolken: Ein Bild, das uns zum Anhalten zwang, bis - bald genug -der Vorhang fiel.

Die Abfahrt über die Miesböden und die Talstufe brachten wir bei zunehmender Dämmerung gut hinter uns, und dies, obschon sich unsere Aufstiegsspur meist kaum mehr ausmachen liess. Bald danach wich aber bereits das letzte Zwielicht der Dunkelheit. Jetzt galt es, im unruhigen Lichtfleck der Stirnlampe weiter voranzukommen.

Es wurde denn auch fast zwanzig Minuten vor acht Uhr, bis wir die Türe des Vereinahauses öffnen konnten. Die Nonna begrüsste uns herzlich, sah uns in die Augen und sagte langsam: ( Es isch guat, as Ihr da sind. ) Wir hatten härtere Worte erwartet.

Rasch waren die steifgewordenen Kleider gewechselt und das Aufwärmen der Glieder mit einem feurigen Schluck eingeleitet. Es hätte nicht unseres Bärenhungers bedurft, um das leckere Mahl zu geniessen, das auf uns gewartet hatte. Zugleich war damit die beste Grundlage für einen vergnügten, frohen Silvesterabend geschaffen.

Das Wetter und andere, verständliche Umstände bewirkten, dass wir am nächsten Morgen erst um zehn Uhr ins Freie traten. Wir planten, den Jahresbeginn angemessen mit einer Überschreitung des Pischahornes und der Abfahrt zur Flüelastrasse zu eröffnen. Doch der Wind hatte während der Nacht sein grobes Spiel mit dem Schnee weitergetrieben. Als nach zweistündigem Aufstieg ein harmloses Schneebrettchen, das wir ausgelöst hatten, zu Tale rutschte, empfanden wir dies als deutliche Vorwarnung. So unterzog ich mich der schwersten Tugendübung des Bergsteigers: vor einem verlockenden Ziel unverrichteter Dinge abzudrehen; und wir glitten durch das Vereinatal nach Davos zurück.

Dabei klang die ernste Mahnung, die die Nonna gestern abend leise, aber unüberhörbar in ihre Grussworte gelegt hatte, noch immer in meinen Ohren. Und schliesslich zählte das Jahr ja noch weitere 364 Tage, von denen sicher einige zu neuen glückhaften Abenteuern in den Bergen verhelfen werden.

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