Piz Mitgel - Südostgrat

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Mit 4 Bildern und 1 Zeichnung.Von Eugen Wenzel

Von den drei mächtigen, aus Hauptdolomit aufgebauten Bergen der Pizs da Bravuogn ( Bergünerstöcke ) ist der Piz Mitgel x ) der niedrigste. Es sind zwar nur ein paar Meter weniger als bei seinem bekannteren Nachbarn, dem Corn da Tinizung ( Tinzenhorn ), und obgleich man die elegante, scharfgeschnittene Pyramide auch von annähernd 30 Ortschaften der umliegenden Täler aus erblickt, muss man diesen Berg zu den Unbekannten zählen. Von der Elahütte, dem Ausgangspunkt der meisten Bergfahrten in diesem Gebiet, liegt der Piz Mitgel am entferntesten und wird wenig besucht, ja vernachlässigt. Er ist das Stiefkind unter den Bergünerstöcken. Dabei ist er nicht nur ein Kletterberg erster Güte, er wartet dank seiner freien Lage mit einer Aussicht von ungeahnter Schönheit und Einzigartigkeit auf. Wenn bei den beiden andern Hauptbergen der Pizs da Bravuogn vielleicht in erster Linie der Kletterweg zu locken vermag, so ist es beim Piz Mitgel vor allem die weite freie Talsicht, die dann und wann einen Bergsteiger bewegen wird, ihn aufzusuchen. Das sogenannte « breite Band » ( der gewöhnliche Weg ) vermittelt einen Aufstieg, der auch von weniger Geübten begangen werden kann.

Daneben aber besitzt der Piz Mitgel einen Felsgrat, der sich in seinem kühnen Aufbau und seiner aufreizend schönen Linie mit allen Routen des ganzen Klettergebietes messen kann, den Südostgrat. Und wenn man, von der Elahütte kommend, auch noch den ganzen Verbindungsgrat vom Com da Tinizung her dazu nimmt, dann ist das eine Bergfahrt, bei der auch der verwöhnteste Kletterer Befriedigung finden muss.

Donnerstag, den 27. August 1936, morgens 3¾ Uhr. Eben haben wir den Docht der Petroleumlampe heruntergeschraubt, und mit seinem Aus-glimmen ist die gestörte Nachtruhe wieder in die Hütte eingezogen. Wir stolpern in die Nacht hinaus. Der Lichtkegel der Taschenlaterne hüpft von Stein zu Stein, die hier nicht zu dünn gesäht herumliegen und einem das Pfadfinden ordentlich erschweren. Der Instinkt und das Sichauskennen allein genügen nicht, man muss auch noch Glück haben in diesem Wirrwarr. Nachdem ich mir nun einfach in den Kopf gesetzt habe, dem am hellichten Tag schon schwer erkennbaren Pfad haargenau zu folgen, glaube ich die unvermeidlichen Abweichungen davon mit wüstem Schimpfen richtigstellen zu müssen ( eine Eigenschaft, die übrigens sogar grossen Bergsteigern eigen war ), womit ich meinem Begleiter ein ergötzliches Vergnügen bereite. Während er mich mit seiner weisen, stets gebrauchsfertig mitgeführten Westen- taschenphilosophie zu beruhigen sucht, hat die Morgendämmerung eingesetzt, wodurch nicht nur die den Geist erleuchtenden Diskussionen, sogar auch die den Weg suchenden Lampen überflüssig werden. Wie wir um den Hügel Bot rodond herum sind, werden wir der spitzen Silhouetten der Orgels gewahr, welche auf der Kammhöhe ins Hochlicht ragen. Zuletzt ist noch ein unangenehmer, je mehr man sich dem Sattel nähert mit feinerem Geröll überlagerter Abhang zu bewältigen, was Wunder, wenn man da erhitzt ankommt und wenig Lust verspürt, sich lange auf der zügigen Passhöhe aufzuhalten. Bevor wir uns in den wüsten Geröllhang auf der Westseite werfen, eilt der Blick noch einmal gen Osten zurück, wo sich hinter den grotesken Zacken des Uglixergrates in unbeschreiblichen Farbtönen der neue Tag ankündet. Die sehr bewegliche Geröllhalde am Fuss des Corn da Tinizung könnte zur zermürbenden Angelegenheit werden, aber da wir noch über frische Kräfte verfügen, machen wir es den Gemsen nach und übersetzen besonders lose Partien jeweilen im Laufschritt, und so wird auch dieses Stück in kurzer Zeit zurückgelegt. Zum Abschluss unseres Morgenspaziergangs haben wir nun noch das Einstiegscouloir hinter uns zu bringen, eine jener « beliebten » Schuttrinnen, wo man bei jedem Schritt um Fussbreite zurückrutscht und wo der Mensch ganz vergisst, dass er ein Zweibeiner ist und in plumper Nachahmung irgendeines Tieres sein Glück auf allen Vieren versucht. Nach genau zwei Stunden seit unserem Aufbruch betreten wir direkt am Ostfuss des markanten roten Turms den Verbindungsgrat Corn da Tinizung-Mitgel.

Fast jedem Berg haftet irgendeine Eigentümlichkeit an, welche dem Beschauer sofort ins Auge springt und sich für immer dem Gedächtnis einprägt. Beim Piz Mitgel ist es der ungemein elegante Aufschwung des obersten Südostgrates, der unseren Blick fesselt und uns zur Bewunderung hinreisst. Jetzt, im kupfergoldenen Licht der ersten Sonnenstrahlen, wirkt das alles wie im Märchen. Obschon mehrere leichte Geröllanstiege zum Gipfel führen, übte dieser messerscharfe Felsgrat schon auf die Erstersteiger 1 ) des Berges grosse Anziehungskraft aus, und wenn es dieser Partie damals auch nicht gelang, überall der Kante zu folgen, so wurde die Erstbegehung doch über diesen schönsten der Mitgelgrate gemacht. Das wildzerrissene Gratstück zwischen Com da Tinizung und Mitgel blieb unberührt. Kühn, wie die Linie dieses Felskammes, war der Gedanke, den Berg über diesen wohl 1 ¾ km langen Grat zu erklettern. Die ersten, welche ihn fassten und auch ausführten, waren A. Pfister und P. Schucan 2 ).

Nach kurzem Aufenthalt wenden wir uns dem lang hinziehenden Verbindungsgrat zu. Anfänglich ist es ein fröhliches Traben über den nach Norden abgeflachten Geröllkamm bis zu Punkt 2761,9. Eine kleine Scharte wird ohne Zeitversäumnis passiert und kurz darauf eine zweite, aber dann stehen wir plötzlich vor der ersten Steilstufe. Der rauhe Turm wird vorteilhaft auf der Südseite umgangen. Ein Gemswechsel führt uns leicht absteigend PIZ MITGEL — SÜDOSTGRAT.

in die Flanke hinaus, wo wir aber sogleich über Rippen und geröllerfüllte Rinnen wieder gegen den Grat zurücksteuern. Nach dieser ersten Kraftprobe hat man sich mit dem Gesteinscharakter vertraut gemacht und herausgefunden, wie unsicher und lose alles aufgebaut ist. Bereits mehreremal ist uns trotz vorangegangener Prüfung der Griff in der Hand geblieben und der Tritt plötzlich ausgebrochen, wodurch die Aufmerksamkeit bedeutend gesteigert wurde und wir nun auch dem festverwachsensten Stein kein Vertrauen mehr schenken. Es mag viele Kletterer geben, welche sich von solchem Gestein abschrecken lassen und sich lieber dem Granit zuwenden. Das 3162 ' » Piz Mitgel — Südostgrat.

Gehen in solchen losen Felsen ist aber eine ausgezeichnete Schule, die zur Abwechslung jeder durchmachen sollte.

Auf einer schmalen Gratschulter haben wir uns wieder zu einer Rast niedergelassen. Das Sichniedersetzen will in diesem Gelände aber gelernt sein. Wir haben es mit einem sehr heimtückischen, von meinem Gefährten treffend mit Nadelkissen verglichenen Gestein zu tun. Trotz aller Vorsicht bei der Platzwahl zuckt dann und wann ein Gesicht mitten im Gespräch schmerzlich zusammen, wenn so ein Stachel zu tief ins Leben gedrungen ist. Man kann hier wirklich nichts dafür, dass einem beim ahnungslosen Aufstehen der Hemdzipfel durch einen frischen Triangel zum Hosenboden herausgezogen wird.

Die folgenden Türme werden hart nördlich der zerrissenen Kante überklettert. Es stehen da zum Teil abenteuerlich aufgetürmte Blöcke und Platten, die aussehen, als ob ein kräftiger Windstoss sie umlegen müsste, und die man kaum anzusehen wagt, geschweige denn, sie zu überklettern sich anmasst. Recht unsicher scheint uns auch das Durchstemmen einer meterbreiten, durch einen vom Massiv gelösten Plattenturm gebildeten Kluft zu sein, und wir sind froh, oben auf den sicheren Grat zurückspreizen zu können. Doch auch hier sind Stellen zu passieren, wo der Fels unter den Füssen zusammenzubrechen droht und man unwillkürlich so leise als möglich auftritt. Über einen nach Norden abgeschrägten Geröllhang erreichen wir schliesslich Punkt 2996, die höchste Erhebung des Verbindungsgrates.

Der isolierte Posten dieses respektablen Gratzackens ladet natürlicherweise wieder zu wohlverdienter Rast ein. Der Himmel ist blau und der Tag ja so lang. Im Oberhalbstein liegen schmucke Dürfer ins Grüne gestreut. Strassen und Alpwege durchziehen wie Adern die weiten Matten und ausgedehnten Wälder. Die Landschaft erweckt den Eindruck eines gesegneten Bergtales. Gerne öffnet man sein Herz dem grossen Frieden, der darüber liegt, Geschenk eines seltenen Tages, kostbare Wegzehrung auf den weiteren Lebensweg. Wäre nicht noch eine grosse Arbeit zu leisten, hier wäre man versucht, für den Rest des Tages sinnend zu verweilen.

Das folgende, bis jetzt verdeckt gewesene Gratstück wird allerhand Überraschungen bringen. Zuerst hat man in eine tiefeingeschnittene Scharte hinab zu klettern. Die steil abfallenden Platten, mit welchen der Turm auf seiner Nordseite gepanzert ist, sehen recht abweisend aus und drängen uns stark nach rechts gegen den Kessel von Aint ils Laiets hinab. Vorsichtig geht es über lose Bänder hinunter, um dann durch eine abscheulich brüchige Runse eine Rippe zu erklettern, welche von einem unheimlich fragwürdigen Felszahn überschattet ist. Von hier können wir endlich durch die Plattenwand zur Scharte am Nordwestfuss von Punkt 2996 hinüber wechseln. Der direkte Abstieg über die Kante wäre der Umgehung sicher vorzuziehen gewesen. Es folgen drei scharfe Türme, deren erster abschreckender aussieht, als er zu erklettern ist. Den Kopf des mittleren Zahnes umgehen wir auf der Südseite. Dabei geraten wir unvermutet in eine brüchige Plattenwand, deren Durchquerung uns sehr bedenklich erscheint. Um bessere Gleichgewichts-studien machen zu können, lasse ich den bergschuhbeladenen Rucksack zurück. Eine vorstehende Platte, die arg ins Leere drängt und nicht allzu fest verwachsen ist, wird äusserst behutsam und unter beschwörenden Formeln überklettert. Hierauf nimmt mich ein enger Spalt auf, durch welchen vermittelst einiger Klimmzüge der Grat wieder erreicht werden kann. Das nun notwendige Rucksackherüberseilen gibt mit seinen Ärgernissen wieder willkommene Veranlassung den während der heiklen Kletterei zurückgehaltenen Wortschwall ins Freie zu lassen, und da ich in der Auswahl der Kraftausdrücke besonders schwungvoll bin, hat auch mein Seilgefährte wieder sein Vergnügen. Kurz darauf muss aber auch er über die bedrohliche Platte, wobei das Lächeln in seinem Gesicht im Nu erstarrt.

Über glatte Felsen kommen wir an den dritten der drei Türme. Er wird fast zuoberst auf der Südseite umgangen, und dann stehen wir vor einer Abseilscharte. Die hat uns gerade noch gefehltEin solider Abseil- block ist auch nicht zu entdecken. Mit Widerwillen schlage ich einen Mauerhaken ein und lasse mich schimpfend in die Tiefe. Anstatt sofort gerade hinab zu seilen, lasse ich mich durch einen das Anstemmen erleichternden Riss zu einem schrägen Abstieg verleiten. Am glatten Überhang kommt die Reue zu spät. Kaum hat der Fuss den sicheren Felsen abgestossen, falle ich, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, in die Senkrechte und pendle für Sekunden über der gähnenden Leere, um dann aber aufatmend in der Scharte zu landen. Die Rucksäcke werden wieder vermittelst einer Seilbahn herüber befördert. Und dann macht sich auch mein Begleiter zur Rutschfahrt bereit. Mit diabolischer Freude warte ich auf den Augenblick, wo der Ahnungslose, wie kurz zuvor ich selbst, ins Leere pendeln wird, und wie es dann so weit ist, ist das Vergnügen ganz auf meiner Seite. Die Seile werden eingezogen, und drüben steckt als einziger Zeuge des lustigen Zwischenspiels ein einsamer pflichtbewusster Mauerhaken.

Über leichtes Gelände erreichen wir bei einem kleinen Zacken eine Gratschulter und sind damit dem eigentlichen Südostgrat sehr nahe gerückt. An dieser Stelle münden von rechts und links die Aufstiege aus der Süd-und Nordflanke auf den Grat aus * ). Ein meterbreites Geröllband verleitet mich, in die Südseite zu queren, das sich aber bald in der steilen Wand verliert. Ohne langes Besinnen stemme ich von dort ein wüstes Kamin empor und hangle im gleichen Ansturm auch noch an einer vorstehenden Platte vorbei, um schliesslich in einem Riss zu landen, aus welchem es kein Entrinnen nach oben gibt.

Diese Entdeckung ist bitter. Da ich nur unsichern Stand habe, muss sofort an Rückzug gedacht werden. Das Zurückhangeln über die eklige Platte und das darunter anschliessende Zurückklettern im überaus brüchigen Kamin vollzieht sich unter kräftigen Selbstbeschuldigungen. Auf dem Geröllband empfängt mich mein Seilgefährte mit einer Kolatablette. Während er mir noch die heilspendende und beruhigende Wirkung dieses Mittels aus-einanderlegt und mich darauf aufmerksam macht, dass man den Würfel nur langsam auf der Zunge zergehen lassen soll, stürme ich den Turm bereits auf seiner Nordseite und stehe nach einer anstrengenden Seillänge wieder auf dem Grat. Damit haben wir das, was man so Verbindungsgrat nennt, hinter uns.

Hier beginnt nun der Südostgrat. Die erste Steilstufe bäumt sich in einer gelbbrüchigen Plattenflucht auf, glatt genug, um auch den mutigsten Ansturm zurückzuweisen. An dieser Wand habe ich mich früher einmal verbissen, und die Erinnerung an den damaligen Rückzug lässt heute keine Lust für einen neuen Angriff aufkommen. Wir wenden unser Interesse also dem grossen Quergang zu, der den Umgehungsweg in der Südflanke ermöglicht. Dieser Quergang vollzieht sich auf einem sehr schmalen Bändchen — man stelle sich etwa ein Fensterbrett vor —, das horizontal in eine vollkommen senkrechte Wand hinausläuft und den Armen weit mehr zu schaffen gibt als den Beinen. Anfänglich ist das Gestein sehr schlecht. Es braucht allerhand Überwindung, sich diesem losen Zeug anzuvertrauen, indem man schon nach den ersten Spreizschritten nur noch auf zentimeterbreiter Leiste steht und zudem zwischen den Füssen hindurch nur noch Luft sieht.

Nach zehn Meter ist eine Rippe zu überklettern, und gerade dort ist es mit den Griffen schlecht bestellt. Wehe dem, der wie ich die Gebrauchsanweisung zu Hause liess und sich nun fast nicht zu helfen weiss. Zu allem Überfluss bricht mir auch noch der rechte Tritt aus, so dass ich für Sekunden nur an den Fingern hänge. Damit ist die Zeit für weitere Überlegungen vorbei. Irgendwie gelingt es mir, die Rippe zu fassen und mich auf etwas sicheren Stand zu ziehen. Von hier ab wird die Felsleiste fester und leitet über zwei vorstehende Blöcke in eine Nische, wo man sich wie in einer Badewanne geborgen fühlt. Jetzt ist die Reihe an meinem Seilkameraden. Ich kann mir leicht vorstellen, dass die Geschichte mit dem ausgebrochenen Tritt nicht sehr ermutigend auf ihn gewirkt haben muss. Wie dann aber nach wenigen Minuten sein Gesicht an der Ecke erscheint, kann ich darin lesen, wie gut ihm dieser 30-Meter-Quergang gefallen hat.

Von jetzt ab versprechen wir uns reines Genussklettern. Das Gelände ist zwar noch ausserordentlich steil, und bröckelige Bänder mahnen zu besonderer Vorsicht. So schnell als möglich streben wir wieder dem Grat zu und turnen dort in freier Kletterei über wildzerrissenes Gestein dem Gipfel entgegen. Von luftigen Kanzeln können wir jetzt ungehindert den Tiefblick ostseits in den Geröllkessel von Aint ils Laiets und südseits auf die grünen Matten von Bleis ota geniessen. Es findet sich fast nach jeder Seillänge ein Objekt, das man bewundern muss, willkommene Gelegenheit aber auch, um die immer häufigeren Atempausen zu rechtfertigen. Wie wohl tut dem Auge die entspannende Abwechslung, von den ewig grauen Felsen weg über die grünen Täler und in die endlose Bläue eines wolkenlosen Himmels zu schauen. Und dort in der Ferne liegt in der Nachmittagssonne mein liebes Davos. Lange, fast zu lange lässt sich mein Blick von diesem lieblichen Bild gefangen halten, und wie mir während des Seileinziehens für ein paar Sekunden ein Bienchen auf dem Rockärmel verweilt, da ist mir gerade so, als ob das ein Gruss aus dem Tal, vielleicht aus dem Heimattal wäre.

Das Klettern ist zu Ende. Wir lassen uns an der Seite des neuaufgebauten Signals nieder. Es ist Spätnachmittag geworden. Gewiss, die Tur über den Verbindungsgrat lässt sich in kürzerer Zeit ausführen. Wenn man aber einen ganzen, einen wolkenlosen Sommertag zu verbrauchen hat, wäre es sicher schade, im « Schnellzug » zu reisen und zum Sonnenuntergang schon wieder in der Hütte zurück zu sein. Heute ist uns ja vergönnt, alles, was ein Tag in den Bergen zu bieten vermag, restlos auszukosten. In wie zauberhaftem Farbenspiel war heute morgen die Sonne am östlichen Himmel aufgegangen, wie so kupfern leuchteten kurz darauf die Zacken des Grates in den blauen Äther hinein und welch satte Lichtschwere liegt nun über den Tälern und Bergen. Selbst fühlt man sich über alles Drückende hinaus- gehoben und spürt zum Tiefsten ergriffen ein sonntägliches Gefühl das Herz durchströmen, ein Gefühl, das sich bei meinem Seilgefährten zu Worten findet und ausrufen lässt: « Heute war das Leben wahrhaftig des Lebens wert. » Später eilen wir auf der Westseite des Gipfels über Geröllbänder hinab, reissen in flitzender Abfahrt eine Slalomspur in einen Firnhang und finden auf dem « breiten Band » den mühelosen Abstieg zum Südfuss des Berges. Auf sanftfedernden Rasenpolstern wandern wir nun, jeder seinen Gedanken überlassen, unter dem langen Verbindungsgrat des Piz Mitgel hindurch zum Pass dais Orgels zurück.

Die Sonne ist untergegangen, und mit ihr ist auch das Licht und alles Leben aus den Felsen gewichen. Dräuend ragen die wilden Zacken in den graugrünen Abendhimmel hinan. Auf der Passhöhe lassen wir uns zur letzten Rast nieder und richten den Blick westwärts, wo ein herrlich geschwungener Grat zu einer kühn geformten Felsspitze leitet, zum Piz Mitgel. Wir nehmen Abschied von einem ereignisreichen Tag und tragen das unverwischbare Bild eines schönen Berges und einer unvergesslichen Bergfahrt durch die Frühnacht zur Hütte hinab.

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