Piz Palü Nordwand - Östlicher Hängegletscher

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Erich Vanis, Wien

1 Darauf hat sich auch 1973 unter Punkt 5 die international zusammengesetzte Schwierigkeitskommission der UlAA unter dem Vorsitz von Fritz Wiessner geeinigt.

2 Die UlAA empfiehlt unter Punkt 8 vor einer endgültigen Bewertung das Urteil der nächsten zwei bis drei Wiederholer abzuwarten.

Wenn heute eine Eistour einen gewissen Prestigewert aufweisen soll, darf sie frühestens vor zehn Jahren erstbegangen worden sein. Zweite Voraussetzung dafür ist, dass ihr seine Route, und sei es auch nur die Wegänderung zu einer Variante, lauthals als besonders aussergewöhnliche Eiskletterei anpreist: Es muss jeweils ein Super-, Hyper-, Übercouloir sein, das neben nur noch drei weiteren Anstiegen der Alpen, womöglich ebenfalls vom Autoren erstbegangen, dem fünften Schwierigkeitsgrad entspricht. Wurde hingegen eine Route bereits vor fünfzig Jahren eröffnet, womöglich noch in aller Stille, dann vermögen selbst senkrechte Seracab-brüche deren Attraktivität nicht mehr zu steigern. Sie bekommt von der Eisgötter Gnaden den dritten Schwierigkeitsgrad zugewiesen und wird als

Als solch ein ( alter Hut ) bietet sich der Aufstieg durch den östlichen Hängegletscher der Piz-Palü-Nordwand an. Zwischen dem Mittel ( Bumiller)-Pfeiler und dem östlichen Nordwandpfeiler hatten am 15. Mai 1931 die beiden Wiener Willy Dobiasch und Otto Feutl eine Route begangen, die, wäre sie nicht so alt, alle Attribute eines ( modernen Weges ) aufweisen würde. Es könnte ein Anstieg von hohem Prestige sein, eine Route, ( die gemacht werden muss ), wenn, ja wenn Feutl und Dobiasch damals vor über 50 Jahren ihren Weg als ( den schwierigsten der Alpen » - was heisst der Alpen, wozu die Bescheidenheit, die vermindert nur den ( Marktwert ) als Vortragenderden schwierigsten der Welt ) herausposaunt hätten.

Nun, sie haben nicht posaunt, sie haben nicht die Werbetrommel gerührt, sondern schlicht auf das Urteil der nächsten Wiederholer gewartet2. Diese Messen sich jedoch lange nicht finden. Persönlich ist mir nur eine Begehung durch Gilbert Tassaux bekannt und eine Skiabfahrt durch Heini Holzer. Dabei wurden logischerweise die Seracabbrüche durch Abseilen überwunden. Ob sonst noch jemand schon durch diesen der Alpen emporgestiegen ist?

Dass die Route praktisch in Vergessenheit geraten war, zeigte sich auch, als ich mich Ende August 1980 bei lokalen Bergführern auf Diavolezza nach späteren Begehungen erkundigte: Man wusste nicht einmal mehr, dass dort überhaupt eine Route hinaufführt. Es hiess bloss, nur wer völlig verrückt sei, würde sich in diese dem Eisschlag ununterbrochen ausgesetzte Seracwand wagen. Ich teilte nicht ihre Ansicht, verhielt mich aber still. Man soll als Amateur einem Profi nicht widersprechen.

Meine Seilgefährtin Ruth Steinmann und ich studieren diese Seracwand dann während eines ganzen Tages - bei wechselndem Lichteinfall und mit dem Fernglas, um eventuelle Lawinenbahnen zu erkennen und eine theoretische Durchstiegslinie festzulegen, die über die zahlreichen Klüfte und Abbruche hinaufzuführen verspricht. Das Resultat dieses langen Beobachtungstages beschert uns zunächst die Erkenntnis, dass das Eis während all dieser Stunden ruhig geblieben ist. Zugleich ergibt sich dabei auch die Gelegenheit, eine Routenskizze anzufertigen, aus der hervorgeht, wie wir die einzelnen Passagen zu nehmen gedenken. Inwiefern Theorie und Praxis dann tatsächlich übereinstimmen werden, kann uns allerdings erst der nächste Tag zeigen.

Um zwei Uhr nachts ist es eiskalt, klar und Piz Palü, Gesamtübersicht gross stehen die Sterne am samtschwarzen Himmel über der Bernina. Auf eine derartige Wetterlage habe ich seit mehr als zwei Jahrzehnten gewartet. Schon 1957, als ich dieser Wand erstmals einen Besuch abstattete, wollten wir in die Dobiasch-Feutl-Route.

Da wir aber spät, mit der letzten Gondel, die Diavolezza-Station erreichten, hatten bereits Abendnebel die Wand verhüllt. Bei derartigen Hängegletscheranstiegen ist ein vorheriges Routenstudium jedoch unerlässliche Voraussetzung für ein rasches und damit sicheres Durchkommen. Wir mussten uns deshalb kurzfristig für den östlichen Nordpfeiler entscheiden, denn dort an der Pfeilerkante ist die Orientierung auch bei anhaltendem Nebel problemlos.

Unser grosses Ziel, die war damit in meinem alpinen Wunschzettel vorerst abgehakt, doch der Gedanke an den östlichen Hängegletscher blieb im Unterbe- wusstsein haften. Auf solch eine Tour muss man aber warten können, speziell wer beim Bergsteigen alt werden möchte. Inzwischen habe ich noch des öftern das Berninagebiet besucht, doch erst heute scheinen alle Voraussetzungen für ein gutes Gelingen gegeben. Wir fühlen uns so in Form, haben wir doch vor kurzem im Pamir einen Siebentausender, den Pik Korshenewskaja, erstiegen. Dann haben die in diesem Sommer zahlreichen Schlechtwetterperioden Unmengen Schnee in den Steilflanken zurückgelassen, und der Kaltfrontdurchzug trug zu einer weiteren Stabilisierung dieser Decke bei.

Tatsächlich können wir alsbald Seillänge um Seillänge, flott und locker wie bei einem Eiskurs, abspulen, selbst dort, wo sich uns die Abbruche entgegenstellen. Unsere am Vortag angefertigte Routenskizze leitet uns sicher durch das Labyrinth. In den Steilpassagen erlauben uns die modernen Eisgeräte, Pickel und Eisbeil, mit ihren scharf herabgezogenen Hauen, ohne Stufenschlagen voranzukom- men. Kein fallender Stein, kein herabkollern-der Eisbrocken oder gar ein stürzender Serac beunruhigen das Gemüt. Beinahe bedaure ich es, dass die Durchsteigung dieser sonst als ( Selbstmordtour ) verschrienen Route so völlig unabenteuerlich verläuft. Der fehlende Ner-venpfeffer ist aber wohl der Preis, den wir für die gewissenhafte Planung zu bezahlen haben.

Etwas zusätzliche Spannung ergibt sich bloss noch aus dem Umstand, dass gleichzeitig mit uns eine Damenseilschaft am Bumillerpfeiler unterwegs ist. Drei Mädchen, darunter unsere Münchner ÖAK-Kollegin, Elfi Hallinger, sind noch zu nachtschlafener Zeit frustrierend rasch an uns vorbei zu ihrem Einstieg geeilt. Jetzt, beim Hellwerden, bei unserer Wegsuche durch die Eiskaskaden, schaue ich immer wieder fragend nach rechts zur Pfeilerkante des . Wo befindet sich die Frauenseilschaft im Moment? Sind sie schon so hoch über unserem Standort, dass wir sie nicht mehr sehen können? Zuzutrauen wäre es ihnen. So wird diese Tour für mich auch ein wenig zum Wettlauf unter dem Motto:

Schon um 10 Uhr erreichen wir dann auch das Firnbecken unterhalb der Gipfeleisflanke. Die Séracs und damit die Gefahren liegen nun unter uns und der Adrenalinspiegel darf absinken. Entsprechend gemütlicher können wir nach einem kleinen Imbiss die zwar recht steile, aber ungefährliche Flanke zum Palü-Mittelgipfel in Angriff nehmen. Als letztes Hindernis gilt es schliesslich, noch den enorm zerrissenen Bergschrund, der das Firnbecken von der Gipfelwand trennt, zu überwinden. Dies erweist sich nur an einer einzigen Stelle als möglich - und selbst hier ist es nicht ganz einfach. Nach der Randspalte führen uns drei Seillängen routinemässigen Steigens im 55° geneigten Firn zum Verbindungsgrat nahe dem Hauptgipfel. Der Schnee, in den wir uns um 11 Uhr zu einer Rast niederlassen, ist hart gefroren.

Die drei sind noch nicht aufgetaucht. Nur drüben am östlichen Pfeiler steigen der Reihe nach einige Seilschaften zur Gipfelwächte empor. Beruhigt, immerhin nicht ganz zum

Glücklicherweise waren unsere Befürchtungen unbegründet. Die drei hatten - wie ich am nächsten Morgen telefonisch erfahre - im letzten Abendlicht den Gipfel erreicht und dort biwakiert.

Zu diesem Zeitpunkt stehe ich aber bereits wieder in meinem Geschäft in Wien.

Standplatz in der Route über dem östlichen Hängegletscher der Piz-Palü- Nordwand

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