Prähistorische Höhlenfunde am Calanda

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Im Malmkalk des Calanda — Bergmassiv zwischen Rhein- und Taminatal — finden sich zwischen Felsberg und Haldenstein eine Reihe von Höhlen, die der Jungmannschaft bei ihren Spielen und Streifereien wohlbekannt geworden waren. Ich habe einmal mit Kameraden — wozu prähistorische Höhlen doch alles dienen könnenauf einem Streifzug in einer solchen Höhle vor den vom Churer Schiessplatz « Rossboden » heranstreichenden Kugeln Schutz gesucht. Versuchsgrabungen von Herrn Dr. Chr. Tarnuzzer und von mir im Verein mit einigen Freunden in den dem Rhein am nächsten gelegenen Höhlen verliefen ergebnislos. Im Herbst 1922 aber untersuchte der durch seine feine Spürnase bekannte Prähistoriker Schweizer von Olten die « Kieferhöhle ». Dies ist eine zwischen Felsberg und Haldenstein zirka 100 m über dem Rheinbett gelegene Höhle. Der nach Süden offene Eingang ist durch einen Abbruch fast ganz versperrt, der Zugang und das Innere sind durch Gerölle und Schutt stark zugedeckt. Er enthob dem Schutt Kohle, zahlreiche Tierknochen ( Ziege, Hase, Marder, Waldmaus, Arvicolidae, verschiedene Vögel, Kröte ) und zerstreut liegende Teile eines Kinderschädels, eines Individuums von zirka 10—12 Jahren ( Unterkiefer, Schädeldeckteile ) sowie einige menschliche Wirbelknochen. Ob es sich in diesem Falle um einen Unglücksfall, ein Verbrechen, vielleicht sogar Kannibalismus oder um ein ungeordnetes Begräbnis handelt, kann nicht entschieden werden. Die Vermutung, dass es sich hier um einen prähistorischen Schädel handelt, wurde dadurch bestärkt, dass einige Jahre früher nur wenige Meter unterhalb dieser Höhle im Schutt ein Bronzedolch gefunden worden war, der sich zurzeit im rhätischen Museum in Chur befindet.

Im Mai 1926 besuchte Kreisförster W. Burkart, Bruder des bekannten Prähistorikers Pfarrer Burkart in Wallbach, der zurzeit die dortigen Ausgrabungen leitet, zwei höher gelegene Calandahöhlen zwischen Felsberg und Haldenstein, beide aber noch auf Felsberger Gebiet gelegen. Nach einer erfolgreichen Probeschürfung beschloss er, die Ausgrabung in der freien Zeit an die Hand zu nehmen. Ich habe selbst während zwei ganzen Tagen an diesen Grabungen teilgenommen und referiere hier kurz orientierend über den Verlauf der Ausgrabungen.

Höhle I ( im Chessi » liegt in einer käsekesselartigen Vertiefung im Tobel, das die Grenze zwischen Felsberg und Haldenstein bildet ( Topogr. Atlas, Blatt 406, Chur, etwa beim li des Ortsnamens Scheidtöbeli ) in einer Höhe von zirka 785 m ü. M. Sie besteht aus drei Löchern, wovon zwei unten, das dritte über ihnen liegt. Die drei Löcher sind vom Churer « Rossboden » bei scharfem Hinsehen sogar mit unbewaffnetem Auge zu sehen. Bewohnt war nur die unterste, östliche, der drei Höhlen. Sie steht mit der direkt über ihr liegenden Höhle durch einen wahrscheinlich durch Wasser ausgewaschenen Schlupf in Verbindung und war nicht sehr geräumig ( Länge 4,2 m, Breite aussen 4 m, innen 2½ m, Höhe vom Schuttboden aus maximal 2,3 m ). Sie enthielt ausser vielen Tierknochen und Kohle nicht viele Funde. Am bemerkenswertesten waren hier eine in einer Ecke gut erhaltene Herdstelle sowie Tonscherben von 2—3 Gefässen herrührend, ferner ein zirka fingergrosses Stück Roteisenstein ( Rötel ), 2—3 anscheinend als Werkzeuge gebrauchte Knöchelchen, ein Stück Hirschgeweih ( ca. 15 cm lang, unterster Teil der Stange ) und Knochen vom Rind.

Viel reicher war die Ausbeute in Höhle II, « Chelbäderlis ». Dieselbe liegt in einem Felsband 775 m ü. M. ( mit Höhenmesser gemessen ), östlich des Felsberger Bergsturzes, nördlich des Felsberger Scheibenstandes ( Topogr. Atlas, Blatt 406, Chur: Felsband nördlich Punkt 571 östlich Felsberg, etwa Mitte zwischen s des Ortsnamens Carunis und Punkt 571 ). Der Zugang zu dieser Höhle erfordert in seinem untern Teil wegen Überschreitung eines « Rieses » einige Vorsicht. Die Ausbeute, die Burkart in seinen zirka 15 Grabungen machte, war eine sehr gute. Das Graben war indessen nicht immer gefahrlos, brach doch einmal in einer Nacht ein Steinblock von zirka 1 m3 gerade auf die Stelle ab, an der man am andern Tage graben wollte! Die Höhle ist 30 m lang, 3—4 m breit und 3—6 m hoch. Der Höhlenboden steigt ziemlich stark an, so dass das Ende 10 m höher liegt als der Anfang. Im hintern Teil der Höhle sickert heute wenig Wasser heraus. Doch lassen reichliche Kalksinterablage-rungen und Verkrustungen darauf schliessen, dass der Wasseraustritt in der Höhle ehedem ein stärkerer gewesen sein muss. Der den Höhlenboden bedeckende Schutt des rückwärtigen Teils der Höhle ist denn auch nach dem vordern Höhlenteil verschwemmt worden. Ausserdem zeigt sich talwärts vor der gegen den Rhein und Chur hinblickenden Höhlenöffnung eine deutliche, heute allerdings durch verschleppten Schutt und Verwachsung ausgefüllte Wasserrinne. Die Vermutung, dass ein Teil des Höhleninhaltes in dieser Rinne verschleppt vergraben liegt, ist nicht von der Hand zu weisen. So fanden sich denn auch die meisten Gegenstände auf den vom Wasser verschonten seitlichen Höhlenteilen. Der Höhlenboden wird im allgemeinen gebildet von gelblichem Höhlenlehm, welcher im hintern Teil von kompakten blaugrauen und blättrigen rötlichen Lehmschichten unterbrochen wird. Streckenweise ist, namentlich an den seitlichen und Endpartien der Höhle, dem Boden eine dünne Kalksinterschicht aufgelagert. Man muss sich bei Betrachtung der Höhle vor Augen halten, dass das Tal zur Zeit der Bewohnung dieser Höhlen bedeutend höher gelegen und dass der Zugang ein besserer gewesen sein muss als heute. Die Schutzlage war — man ergänze die damals noch un-gerodeten Wälder — namentlich bei Angriffen eine ausgezeichnete.

In dieser Höhle wurden — nach vorläufiger Bestimmung — gefunden: viele Knochen vom Rind, Schwein, Schaf und Ziege. Diese Tiere hatte ja ebenso leicht wie der Mensch Zugang zu der Höhle, die Rinder und Schweine konnten bei Bedarf auch in die benachbarten kleinern, talwärts gelegenen Höhlen eingesperrt werden. An weitern Funden sind zu verzeichnen:

a ) Frühes Mittelalter: ein mit Ringen verzierter Knochen.

b ) Eisenzeit: eine eiserne Pfeilspitze, ein eisernes Deckelchen, ein band-artiger Ring, eine Messerspitze, ein Gurthaken.

c ) Bronzezeit: ein Stück eines Kupferkessels mit Nietnagel, ein bronzenes Henkelstück.

d ) Neolithikum: ein Schaber aus Bergkristall ( Glanzstück !), zwei Pfeilspitzen aus Kalk, wovon eine mit Widerhaken, eine grosse Anzahl Schaber und Spitzen aus Kalk, sechs als Werkzeuge gebrauchte Knochen, und zwar zwei Schaber, ein Pfriem, eine Nadel, ein durchlochter Knochen.

e ) Zeil unbestimmt: eine Tonscherbe, zwei zirka 1—2 cm hohe zylinderförmige durchlochte Steine, welche grosse Ähnlichkeit mit den sogenannten « Netz-beschwerern » der Pfahlbauzeit zeigen, nebst dem dazugehörigen Bohrer, der in einen dieser Steine tadellos passte, ein kleines flaches Schleifsteinchen, ein steinernes Gefässstück, eine grosse Anzahl Tierknochen, darunter sehr gut erhaltene sehr kleine Nagetierschädel, und fast zuletzt fand man noch die Krone eines menschlichen Zahnes. Er muss nach Untersuchung durch den Assistenten von Zahnarzt Dr. med. Caluori in Chur als rechter unterer « Milchfünfer » angesprochen werden. Er zeigt die Resorptionsspuren deutlich und stellt somit den letzten rechten untern Backenzahn des Milch-gebisses eines Kindes dar. Dieser Zahn könnte nun das Schlussglied in der Beweiskette von der ehemaligen Bewohnung dieser Höhle durch den prähistorischen Menschen sein.

Der unter a genannte verzierte Knochen fällt nach Tatarinoff in die spätrömische-frühgermanische Zeit, ebenso die eiserne Pfeilspitze unter b sowie auch das unter e angeführte Steintöpfchen, welches aus Glimmerschiefer besteht. Hierher gehören auch die zwei durchlochten Steine, falls sie nicht schon der Eisenzeit zugezählt werden dürfen. Der Eisenzeit dürfen denn auch die Kupfer- und Bronzestücke sowie die eiserne spitzovale Gürtelschliesse zugeteilt werden. Bei den Steinwerkzeugen handelt es sich eher um Formen des frühern Neolithikums, da einzelne nach Tatarinoff Anklänge an sehr frühe, sogar Magdalénienformen haben. Auch die einzige Topfscherbe aus Höhle II sowie die Knochenwerkzeuge dürfen hierher gestellt werden. Ich teile die Ansicht Burkarts, dass die Höhlen, namentlich « Chel-bäderlis », im frühen Mittelalter, in der Eisen- und eventuell Bronzezeit als Refugium in unruhigen Zeiten gedient haben, im Neolithikum aber sicher als Wohnstätte benützt wurden, wenngleich in Höhle II bis heute noch keine Herdstelle, wohl aber viel Kohle zum Vorschein gekommen ist. Die Höhle im « Chessi » aber war schon nach ihren Ausmassen die kleinere Wohnstätte. Tatarinoff machte Burkart noch auf eine merkwürdige Parallelerscheinung aufmerksam: Die Steinwerkzeuge weisen auffällige Ähnlichkeit mit den in den Marmor-kalkhöhlen bei Saillon im Kanton Wallis aufgefundenen Steinwerkzeugen auf.

Die Ausgrabungen gehen diesen Frühling weiter. Die Höhlen bleiben deshalb im Interesse einer rationellen Ausgrabung mit behördlicher Bewilligung gesperrt. Für eventuelle Besuche ist die Erlaubnis von Burkart einzuholen. Wir bitten aber die Alpinisten höflich, bei ihren Wanderungen auch auf die Höhlen zu achten und den ihnen bekannten Forschern oder Gesellschaften ( geschichtsforschende, historische, geographische, für Erforschung der Urgeschichte usw. ) Mitteilung vom Auffinden solcher Höhlen zu machen. Sie helfen damit zur Erforschung unseres Heimatlandes mit. Eugen Durnwalder.

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