Rakova spica

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ERSTBEGEHUNG DER DIREKTEN NORDWESTWAND VON EMIL WEISHAUPT, ZÜRICH UND APPENZELL

Langsam erstirbt der Tag über dem Pisnicetal, und eine milde Nacht steigt herauf. Wir sitzen hoch über der Krnica, einem unberührten, wilden Seitental, auf einer abschüssigen Plattform und erwarten unsere erste Biwaknacht. Endlich ist es uns gelungen, einige widerspenstige Legföhrenäste in Brand zu stecken. Beissender Rauch gibt uns die Illusion von etwas Wärme. Doch als schliess- lieh die Suppe zu dampfen beginnt und ein Topf Reis über dem Feuer steht, bemächtigt sich unser wohlige Behaglichkeit. Mählich verglimmen die Gluten; flackernd entweicht ihnen letzte Kraft. In tiefer Dunkelheit liegt das Tal zu unsern Füssen, dem wir heute mühsam genug entstiegen sind.

Heute morgen noch erwachten wir in weichen Betten im gastlichen Hause unseres Freundes in Ljubljana. In rasanter Fahrt brachte uns unser BMW ins obere Savetal. Rauchende Schlote und ausgedehnte Fabrikareale in Jesenice verrieten, dass auch hier die Industrie mit all ihren Begleitumständen Einzug gehalten hat. Breit lagerten zur Rechten die reich bewaldeten Karawanken, über deren Scheitel die österreichisch jugoslawische Grenze verläuft. Im Süden aber türmten sich, bizarr und wuchtig zugleich, die östlichen « Julier » auf. Dort irgendwo wartete ja ein Ungewisses, lockendes Abenteuer auf uns.

Bevor wir die Zivilisation verliessen, schien allerdings eine Sanierung unserer Vorräte unumgänglich. Da unser Bestand an Dinar auf ein bedenkliches Minimum gesunken war, liess sich das nur sehr schwierig bewerkstelligen. In Mojstrana schliesslich gelang es uns, gegen einige Rollen Verbandstoff, Leukoplast und Medikamente aus unserer Apotheke etwas Reis und Suppenwürfel einzutauschen. In gleichem Verfahren erhandelten wir uns ein komplettes Mittagessen. Überflüssig zu beteuern, dass wir seit jeher von der Notwendigkeit einer gut dotierten Rucksackapotheke überzeugt waren!

In Kranjska Gora, der bekannten Sommerfrische, bogen wir ab ins romantische Pisnicetal. Auf einer österreichischen Militärstrasse aus dem ersten Weltkrieg rollten wir dem Vrsicpass entgegen. Auf dieser Achse vollzog sich der Nachschub für die grossen Isonzoschlachten. Historischer Boden! In engen Kehren entsteigt die Strasse dem Talgrund und windet sich über Steilhänge empor der Passhöhe entgegen. Unser Motor musste dieses Steilstück nicht mehr in Angriff nehmen, für ihn war die Arbeit zu Ende. Im Mihov Dom ( Dom = Haus, Hütte ) fand er seine verdiente Ruhe.

Wir schulterten unsere Säcke und strebten der Krnica zu. Krnica, die wilde, ungezogene Schwester des Pisnicetales. Dichter Nadelwald säumte unsern Pfad. Nur selten gab der finstere Forst den Blick frei auf monotone Steilflanken, im untern Teil bewaldet, oben von gewaltigen Geröllfeldern bedeckt, darüber massige Felswände ohne charakteristische Profilierung. In ungebändigtem, jugendlichem Ungestüm stürzte sich frisches Bergwasser über haushohe, bemooste Blöcke. Wo es sich in kleinen Becken sammelte, bildete es einen Spiegel von selten reinem Türkisblau. Ausser dem gut angelegten und unterhaltenen Gebirgspfad verriet keine Spur den Eingriff des Menschen. Wir fühlten uns in ein Stück Urwelt versetzt. Wäre ein Bär aus dem Dickicht gebrochen, hätte es uns keineswegs überrascht. Stunden zerrannen, bis der Hochwald sich lichtete und in den für die Julier typischen Legföhrengürtel überging.

Und dann standen wir plötzlich einem vertrauten Bild gegenüber. Ein massiger, breiter Sockel aus splittrigem Geschröf, teilweise von Legföhren überwuchert, durchfurcht von tiefen Erosionsrinnen. Ihm entsteigen phantastische Kulissen, die einen Felskessel umschliessen, der die Blicke unwiderstehlich auf sich zwingt. Zur Rechten zeichnet der Nordwestpfeiler der Ragljica eine Silhouette von hinreissender Kühnheit und Eleganz. In stumpfem Winkel dazu beherrscht eine wuchtig düstere, scheinbar ungegliederte Wand die Szene, die Westwand der Rakova spica.

Als wir vor wenigen Wochen, nach geglückter Durchsteigung der Toten-Kirchl-Westwand im Kletterstübchen auf dem Stripsenjoch sassen, öffnete mein Kamerad Ruedi Solenthaler den Kletterführer durch die Julischen Alpen. Er schob mir ein grossformatiges Photo vor die Augen, das mich augenblicklich fesselte. Der Begleittext liess mich vollends nicht mehr zur Ruhe kommen!

« Von der Skrlatica zieht ein langer Grat nach Westen. Die erste grössere Erhebung dieses Grates ist die Rakova spica, die nach Westen in einer 600 m hohen, senkrechten Wand abbricht. Durch diese Wand führen einige überaus schwierige Wege. Die Ersteigungsgeschichte dieser Wandflucht dürfte noch nicht abgeschlossen sein. » Damit hatte mich Ruedi in einen wahrscheinlich schon lange heimlich gehegten Plan eingeweiht. Die Westwand hat schon zwei klassische Führen des 5. und 6. Schwierigkeitsgrades, den Pfeilerweg an der linken Begrenzung und den Arihweg zur äussersten Rechten. Aber die unmittelbare Wand in der Gipfelfallinie liegt noch unberührt da. Neuland zu betreten in einem der klassischen Klettergebiete der Ostalpen, dieser Gedanke schien auch meinen Gefährten nicht mehr loszulassen.

Schwere und schwerste Fahrten im Wilden Kaiser betrachteten wir als die richtige Vorbereitung. Dass hier nur ganzer Einsatz und totale Beherrschung der technischen Mittel Erfolg bringen würden, darüber täuschten wir uns nicht hinweg.

Auf dem « Bayerländerweg » in der 1500 m hohen Triglav-Nordwand spürten unsere Finger erstmals julischen Kalk. Tief beeindruckt näherten wir uns dieser stets von Steinschlag gepeitschten, gewaltigen Wandflucht. Doch bald hatten wir uns warmgeklettert, die Hemmungen wichen taten-frohem Elan. Allerdings war das nicht mehr der plattige, barkige, marmorfeste Kaiserkalk. Splittrig, unzuverlässig zeigte sich uns der neue Fels, also mit Vorsicht zu behandeln. Nicht derb zupacken, sondern tasten, ja streicheln. Dieses ausgesprochene Gleichgewichtsklettern fordert ein Höchstmass an Konzentration. Mit jedem Zug, mit jedem Schritt jedoch wurde uns der Berg vertrauter. Statt der anfänglichen Unruhe erfüllte uns die Gewissheit: Wir werden uns auch an der Rakova spica zurechtfinden.

Nun liegt unsere Wand ins Dunkel der Nacht gehüllt. Einzelne fallende Steine nur verraten ihre Nähe. Wir spüren allgewaltig ihre Gegenwart. Obwohl wir uns ein verhältnismässig bequemes Nachtlager hergerichtet haben, lässt uns eine beklemmende Unruhe keinen Schlaf finden. Bald nach Mitternacht rüsten wir zum Aufbruch. Wir kochen uns ein Frühstück ( Duo-Kaffee und slowenisches Bauernbrot ) und präparieren den Wandproviant ( 3 Ovo-Sport, 1 I Duo, 1 Zitrone ). Viel umfangreicher und gewichtiger nimmt sich unser Bestand an technischem Material aus: 2 X 40 m Nylonseile, 60 m Reepschnur, 5 Strickleitern, 50 Haken verschiedensten Kalibers.

Um halb 6 stehen wir am unmittelbaren Wandfuss. Die gegenüberliegenden Wände leuchten im Sonnenlicht. An unserm düstern, schattigen Standort ist uns eher frostig zu Mute. Wenige Schritte links erkennen wir den Einstieg zum NW-Pfeiler. Direkt über uns führt ein dunkler, markanter Kamin in gerader Linie in die Nordwestwand empor. Ruedi packt an. Rasch gewinnen wir in der tiefen Schlucht an Höhe. Sie wird aber zusehends enger und schliesst sich ganz. Auf schmaler Leiste stehen wir vor den ersten erheblichen Schwierigkeiten. Ein senkrechter Wandgürtel sperrt den Weiterweg. Ruedi entdeckt einen Riss und zwängt sich hinein. Der Riss verengt sich und bietet immer weniger Platz. Das Seil stockt. Hammerschläge ertönen. Haken um Haken singt sich in den Fels. In harter Arbeit erzwingt sich mein Kamerad den überhängenden Ausstieg auf ein Band. In der Direkten wird uns der Aufstieg verwehrt. Ein Quergang über abschüssige Platten führt uns in gangbares Gelände. Steiler, aber griffiger Fels bietet einige Seillängen herrlicher Freikletterei. Ein feudaler Standplatz lädt uns zu einer ersten ausgiebigen Rast ein. In imponierender Tiefe liegt der Einstieg beinahe senkrecht zu unsern Füssen. Ohne Zwischenfall haben wir die ersten 150 Höhenmeter durchstiegen. Wir nähern uns jetzt dem absolut lotrechten, ungegliederten Mittelteil. Unmittelbar über uns trotzt eine 20-m-Mauer. Jeder Meter verlangt Einsatz von Haken und Steigschlingen. Ein Quergang leitet zu einem feinen Hakenriss. Auch hier wieder langwierige, handwerkliche Arbeit.

Kulissenwechsel! Eine gelbe, brüchige Wand stellt sich uns entgegen. Wir schlagen Haken; doch täuschen wir uns über deren Zuverlässigkeit nicht. Behutsam, mit sorgfältig ausgewogenen Bewe- gungen tasten wir uns über dieses heimtückische Gelände hinweg. Ab und zu prasselt ein Stein in die Tiefe, unser beinahe planmässiges Vordringen wird durch keine Schrecksekunde unterbrochen. Wieder bäumt sich die Wand auf, rotgelber Fels verheisst schlechte Qualität. Ruedi steht schon wieder einige Meter über mir. Er kommt nicht mehr vom Fleck. Sein Gewicht liegt auf minime Leistchen verteilt. Wenn eines ausbrechen sollte...! Kein Haken steckt zuverlässig. Also zurück!

« Man geht, bis es nicht mehr geht, dann macht man einen Quergang und geht weiter! » sprach Paul Preuss, einer der ostalpinen Pioniere. Endlich haben wir einen Ringhaken bis zur Öse eingetrieben. Im Dülfersitz queren wir fallend zu einem leidlichen Standplatz. Weit lädt ein gelber Dachüberhang aus. Wir bändigen dieses Ungetüm mit einem Zaun von Stiften, Doppelseil und Steigbügeln. Draussen, am Rande des Vordaches, vollführt Ruedi einen wahren Trapezakt. Wie ein Wurm krümmt er sich um die Kante und schwingt in unwahrscheinlicher Stellung den Hammer. Seine Füsse baumeln in den Stehschlingen. Weit greift er über den Überhang hoch. Hammerschlag, das kurze Klicken des einschnappenden Karabiners, behutsames Aufrichten in den Schlingen, Keuchen, nächster Haken, die periodisch sich wiederholenden Phasen des « Kunstkletterns ». Auf einem brüchigen Gesimse finden wir uns wieder. Seillänge um Seillänge folgt, Quergänge auf abschüssigen Plattenbändern, splittrige Risse und Verschneidungen wechseln, wir registieren sie kaum mehr im Detail.

Das Haar hängt uns in wirren, schweissverklebten Strähnen ins Gesicht, salziger Schweiss brennt in den Augen, trockener Schaum bedeckt die Lippen. Die Sonne setzt uns zu und laugt den letzten Saft aus dem Körper. Sonne in der Nordwestwand! Ja, es ist schon später Nachmittag, langsam senkt sich der Abend hernieder. Für uns wird es höchste Zeit, sich nach einem Biwakplatz umzusehn. Doch immer noch stecken wir in schwerem Fels. Wir sollten doch jetzt ungefähr in zwei Drittel Wandhöhe stehen, also jene markanten Bänder erreichen, die die Wand gleich Friesen durchziehen. Schon legen sich die Schatten auf das Tal. Wir steigen noch im letzten Licht der Abendsonne, im Wettstreit mit der nahenden Nacht. Ein gedämpfter Jauchzer meines Kameraden dringt an mein Ohr. Er hat ein schmales, nach aussen geneigtes Band erreicht. Trotzdem! Hier lasst uns bleiben! Hütten können wir zwar keine bauen, dafür spinnen wir ein Netz aus Seil und Haken, wir schmieden uns an die Wand. Ruedi kann zur Not liegen, ich finde in Kauerstellung leidlich Platz. Und nun folgt das vielgerühmte Biwakleben! Austausch warmer Getränke, Sternenhimmel, « hohe » Gespräche, romantische Poesie? Uns fehlen leider manche Voraussetzungen dazu. Wohl hat sich die Sonne in einem farbenprächtigen letzten Akt verabschiedet. Die Sterne stehen hoch und kalt über uns. Unser Bestand an irdischen Freuden aber beschränkt sich auf eine halbe Flasche kalten Duo-Kaffee und eine Zitrone. Und wir leiden hundsgemeinen, scheusslichen Durst. Sehr massvoll laben wir uns an dem erfrischenden Getränk. Vorsichtig befeuchten wir damit Lippen, Zunge, Gaumen. Aber bald einmal ist der Flasche kein Tropfen mehr zu entlocken. Die Zitrone soll eiserner Vorrat für morgen bleiben. Wir unterhalten uns mit wahren und andern Geschichten vom Berg, vom Alltag, von Mädchen. Mählich werden wir einsilbig, verstummen, dösen. Die Nacht dringt auf uns ein, beginnt an uns zu zehren mit Kälte, Langeweile. Ich schrecke auf. Zwei Haken haben sich gelöst. Willkommene Arbeit! Ruedi räuspert sich: « Wird's bald Zeit zum Aufbruch? ». « Nein, erst halb zwölf! » Eine Diskussion entbrennt: Die Zitrone! Sie soll nicht angetastet werdenDoch nur die HälfteSchliesslich saugt jeder an einer Hälfte, die Schalen werden aufbewahrt, Proviant für den Gipfelsturm!

Schon früh vor Tag erheben wir uns. Die schneidende Morgenkälte entfacht unsere Aktivität. Unser Bettzeug, Seile und Haken, werden für ihre eigentliche Bestimmung bereitgemacht. Früh- stück: Dreimal leer, dafür kräftig schlucken! Um 5 Uhr klettern wir weiter. Wir tragen in uns die Gewissheit, das Schwerste geleistet zu haben. Das gibt uns die Kraft und Ruhe für den letzten Teil. Über ein System von leichten, aber brüchigen Absätzen und Schuttbändern kommen wir rasch voran. Erst der Gipfelaufbau leistet nochmals harten Widerstand. Eine steile Rinne weist uns an den Fuss der 100 m hohen Gipfelwand. Jäh und kompromisslos schwingt sie sich empor und verlangt ein währschaftes Stück Arbeit. Doch darüber liegt der Gipfel. Bald herrscht wieder die Vertikale. Ein enger, senkrechter Riss nimmt uns auf. Er schliesst sich bis auf eine haarfeine Spur in plattiger Wand. Wieder tritt der Hammer in Aktion. Wieder baumeln wir frei in den Steigbügeln, und es zerrinnt die Zeit. Die Sonne erreicht die Mittagshöhe. Aber wir ahnen das nahe Ziel! Das lässt unsere Bewegungen leicht werden, trotz hohlem Magen und ausgedörrter Kehle. Plötzlich legt sich der Fels. Wir steigen aus auf ein plateauartiges Band. Wir haben den westlichen Gipfelgrat erreicht. Nichts mehr über uns!

Jeglicher Druck weicht. Nichts kann uns mehr halten. Entfesselt gehen wir über den flachen, leichten Grat dem Ziel entgegen. Im frühen Nachmittag drücken wir uns auf dem Gipfel die Hände.

Gipfelstunde!

Stolzer Triumph, Siegerblick, Heldenpose? Nein: Langsam legen wir Seil und Haken ab. Wir haben das Ziel erreicht. Wir sind müde. Jetzt können wir rasten. Wohlig faul lagern wir auf dem sonnendurchwärmten Gipfelfels. Die Pulse schlagen ruhiger, die Spannung weicht, wir fühlen uns leicht werden. Nichts zwingt uns mehr zu Weg und Ziel. Für glückliche Augenblicke entschlüpfen wir unserem erdenschweren Ich. Ruhig durchströmt uns Freude, erfüllt uns bis zum Rande, die Freude am wiedergewonnenen Leben. Die Tat ist abgeschlossen, ist schon Vergangenheit. Das Erlebnis aber wird erst in der Erinnerung, im Nacherleben sich vollenden zum unveräusserlichen seelischen Besitz. Es strahlt aus auf unsere weitern Fahrten, auf unsern Alltag.

Wir steigen ab. Wir freuen uns wieder am Leben im Tal, am sauber gedeckten Tisch, am ersten Schluck Bier. Wir werden einige Tage unbeschwerter Musse einschalten, werden baden an den lieblichen Ufern des Wörthersees. Neue Berge locken: Die Dolomiten.

Doch immer noch werden wir sie vor uns sehen, die dunkle Wand der Bewährung, den lichten Gipfel der Erfüllung!

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