Reiseeindrücke eines deutschen Gelehrten über Urseren, 1808

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über Urseren, im Jahre 1808

Von A. O. Lusser

( Altdorf ) Der berühmte Übersetzer von Shakespeares Dramen und Begründer der altindischen Philologie, Professor August Wilhelm v. Schlegel ( 1767-1845 ), unternahm als Begleiter der Frau v. Staël in den Jahren der napoleonischen Ära ausgedehnte Reisen durch Italien, Frankreich, Dänemark und Schweden. Eine derselben führte ihn im Jahre 1808 auch durch die Schweiz. Er hat seine Reiseeindrücke in Form von Fragmenten über einzelne schweizerische Landesgegenden festgehalten. Der Herausgeber des Almanachs « Alpenrosen », Johann Rudolf Wyss, der bekannte Verfasser unserer Nationalhymne « Rufst du mein Vaterland », wandte sich an Schlegel mit der Bitte um einen Beitrag für den Jahrgang 1812. Dieser schrieb ihm darauf folgendes:

« Gern möchte ich Ihnen Beyträge zu Ihrem schweizerischen Taschenbuche geben, nur fürchte ich, dass das einzige, was ich für jetzt anbieten kann, Ihrem Zwecke vielleicht nicht entspricht... Nach einer Wanderung durch die Schweiz vor vier Jahren fieng ich an, meine Eindrücke aufzuzeichnen, und wollte eine eigene Schrift daraus machen, diess blieb nachher liegen. Hier haben Sie einige Stücke, die sich gerade abgeschrieben finden... Schilderungen schweizerischer Gegenden für die Schweiz drucken lassen, heisst zwar beynahe Holz in den Wald tragen. Indessen sind doch hie und da vielleicht nicht unnütze Betrachtungen eingestreut. » Da diese kleinen Bändchen im Duodezformat eine antiquarische Seltenheit geworden sind, geben wir hier aus diesen « Umrissen, entworfen auf einer Reise durch die Schweiz » das unsere Leser sicher interessierende Stück über Ursern wieder. Schlegels Charakteristik des Tales zeugt von scharfer Beobachtung und verrät den gewandten, geistvollen Schriftsteller.

Urseren Dies ist, glaube ich, eines der seltsamsten Bergthäler in der Welt. Es erstreckt sich ohne irgend eine Krümmung von Westen nach Osten, rings umher völlig abgeschlossen: durch die Furka, den Sankt Gotthard und den Crispalt von Wallis, Italien und Bündten; gegen Uri tritt der Teufelsberg t vor, so dass man kaum sieht, wie unter ihm hindurch im nordöstlichen Winkel die Reuss ihren Weg findet. Sähe man sich plötzlich hierher versetzt, ohne die Lage des Thals an dem langen Steigen von unten hinauf, oder über die Gebirgspässe hinab ermessen zu haben, so hielte man es wohl für einen ebenen Wiesengrund, von mässigen Hügeln umschränkt. Der Abhang der mittleren Fläche ist unmerklich, man geht auf weichem Rasen hin, längs dem schon ziemlich breiten Bette des hier beruhigten Flusses, der unterhalb in Schöllenen wieder so gewaltig tobt. Rechts und links deckt der Wiesenteppich die einfassenden Bergwände bis an die nackten oder beschneyten Spitzen hinauf, welche, um den Irrthum zu vollenden, ein neblichter Himmel oft verbirgt. Keine losgerissenen Felstrümmer, keine Anschwemmungen der Waldwasser, seitwärts hereinstürzenden Bäche oder tief gehöhlten Schluchten verrathen die wilde Bergesart. Bald fällt es jedoch auf, dass nirgends ein Frucht- oder anderer Baum aus dem einförmigen Grün sich erhebt. Wenn man nun auch die Höhen unbewaldet sieht, bis auf ein massiges Tannengehölz ganz in der Ecke ob Andermatt 2, und wie nur zwerghafte Stauden hier und da am Ufer des Flusses wachsen, so erinnert man sich, dass die umgebenden Gebirge sämtlich in die Luftregion emporsteigen, wo der Pflanzenwuchs erstirbt, und dass der scheinbar milde Grund selbst weit über den höchsten Bergen andrer Länder liegt. Der Überlieferung nach hatte Urseren vor Alters Waldung, die auch vielleicht wieder gedeihen möchte: ( wiewohl Wälder meist leichter auszureuten als anzupflanzen sind ;) 3 allein der Landmann erträgt lieber den Mangel, 1 Der Teufelsberg oder Bätzberg.

2 Gemeint ist der Gurschenwald, der damals noch viel kleiner war als heute.

3 Dass das Urserntal früher stärker bewaldet war, wissen wir aus den Bannbriefen für den Gurschenwald ob Andermatt ( vom Jahre 1397 ) sowie aus Gerichtsentscheiden ( z.B. 1467 betr. Wald zu Schmidingen-Zumdorf und der Ursener Holzordnung von 1610. Vergleiche: Max Oechslin: Die Wald- und Wirtschaftsverhältnisse im Kanton Uri. Geobot. Landesaufnahme, Heft 14. Hans Huber, Bern, 1927 ). Die Ursachen der heutigen Waldarmut waren das Roden zur Gewinnung von Weidland, das freie Laufenlassen der Ziegen in den natürlich bestockten Waldbeständen, der grosse Brennholzbedarf während der langen und kalten Winter, nicht zuletzt auch der Unterhalt der hölzernen Brücken in der Schöllenen, namentlich der sogenannten Twärenbrücke am Kirchberg, längs des jetzigen Urnerlochs, die im Jahre 1707 durch ein Hochwasser weggeschwemmt wurde. Sie war ca. 60 m lang und überdeckte mit einseitig am Kirchberg-felsen aufgehängten Querbalken und darüber gelegten Bohlen die ganze Breite des Reussbettes.

um nicht etwa den einzigen Ertrag seines Bodens, die Weide zu schmälern. Wenn man von der Furka heruntersteigt, übersieht man das Thal seiner ganzen Länge nach, seine drey Dörfer, Realp, Hospital und Andermatt hinter einander; dazwischen viele zerstreute Häuser, des Holzmangels wegen aus Steinen erbaut, das heisst aus roh zusammengelegten Granitstücken, die Dächer sogar mit eben solchen gedeckt. Diese steinernen Hütten ermangeln aller Umschattung: nicht einmal ein Zaun oder ein Krautgärtchen umgiebt sie. Solche Nacktheit verbreitet über das Thal etwas unmahlerisches, ja ich möchte sagen unlandschaftliches. Alles steht einzeln und unverschmolzen da. Weil sich auch der Luftkreis nirgend in zweifelhafte Fernen öffnet, und kein Gegenstand von weitem anders oder mit geringerer Deutlichkeit erscheint als in der grössten Nähe, so ist der Täuschung jede Zuflucht benommen. Der Anblick des wackern, aber ärmlich gekleideten und unansehnlichen Volkes verstärkt diesen Eindruck 1. Die einzige Zierde für die Einbildungskraft sind ein paar artige weissbetünchte Kirchen, besonders die oberhalb Andermatt, freundlich gelegen 2; ein alter Thurm bey Hospital, Überrest der Burg eines gleichnamigen Geschlechtes, und die wunderlich gezackten Felsgipfel: wie zum Beyspiel wenn man vom Gotthard kommt, die links gegenüber sich erhebenden, die Zinnen und Thürme einer zerfallenen Veste treffend nachahmen 3. Kaum mag daher Urseren den Namen einer lustigen Wildnuss verdienen, wie Tschudi sie nennt. Es ist Einsamkeit, aber ohne Schauer, nicht düster u. gränzenlos, sondern wirthlich enge; eine bloss verweigernde, nicht drohende Rauhigkeit der Natur.

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