Rezept für eine « Vulkan-Trilogie» à la mexicaine

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Ruth Steinmann-Hess, Zürich

Man nehme dünn geschnittenes Rindfleisch und brate es auf dem Holzkohlenfeuer leicht an.

Dazu serviere man eine würzige Sauce aus Chili, viel Zwiebeln, Pfefferkörnern, Paprika-schoten und Tomaten.

Als Beilage dienen die landesüblichen Mais-brotfladen, Tortillas genannt.

Nach dem Verspeisen dieses heissen Gerichts hat man zweifellos das nötige Feuer und den Antrieb, sich mexikanische Berge im Eismantel zu Gemute zu führen.

Mexiko, nach Brasilien und Argentinien das drittgrösste Land Lateinamerikas, hat eine Grosse von beinahe zwei Millionen Quadratkilometern und ist somit achtmal so gross wie die Bundesrepublik Deutschland. Seine Einwohner, etwa 55 Millionen, sind teils indianischer, teils spanischer Abstammung. Seit der Eroberung durch die Spanier im Jahre 1519 ist Spanisch die Landessprache; es haben sich aber bis heute etwa 40 indianische Dialekte erhalten.

Seine klimatischen Zonen reichen von der heissen tierra caliente über die gemässigte tierra templata bis in die kalte tierra fria, und auch die « horizontale Gliederung » Nord-Süd weist beträchtliche Klimaunterschiede auf.

Die Hauptstadt des Landes, Mexiko City, liegt auf dem Plateau Oaxaca auf 2200 Meter über Meer; sie wurde auf dem entwässerten Boden des Texcaca-Sees erbaut, wo bereits die alte Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan stand. Diese hatte zur Zeit der Eroberung bereits eine Grosse, die fünfmal dem damaligen London entsprach. Durch das Trockenlegen des Sees geriet die Stadt in grosse Schwierigkeiten, die Gebäude auf dem absinkenden Boden zu erhalten.

Quer durch das Hochland von Mexiko zieht sich eine Kette feuerspeiender Berge, deren drei grösste die Fünftausendergrenze überschreiten. Und eben diese drei vergletscherten Vulkane sind es, die auf Bergsteiger eine grosse Anziehungskraft ausüben und den Puls höher schlagen lassen. Sie heissen: Ixtaccihuatl, 5286 Meter, Popocatepetl, 5452 Meter und Pico de Orizaba 5700 Meter, auch Citlaltepetl genannt.

Unsere Bergfahrt beginnt gleich mit einer Schwierigkeit: Wo ist der in Europa bestellte und gemietete Wagen, der uns zum Fuss der Vulkanriesen bringen sollte? Da es Sonntag ist und Mexikaner dann in die Kirche gehen, gibt niemand Bescheid über den Verbleib dieses Autos. Die Zeit soll nicht unnütz vertrödelt werden, deshalb geht es per Bus zu einigen toltekischen, eieimekischen und aztekischen Kulturen, von denen das Land eine ungeheure, ja eine fast unerschöpfliche Auswahl zu bieten hat. Nur mühsam finde ich mich bei der Zuordnung von Menschen und Epochen zurecht. Die Geschichte zeigt, dass die Indianer bei der « Konquista » keine rasende, halbwilde Meute auf galoppierenden Hengsten waren, ja dass das Pferd erst durch die Spanier in den neuen Erdteil gelangte, wo ein kulturell und staatspoli-tisch hochstehendes Reich vorgefunden wurde.

30. Dezember. Nach einem üppigen Frühstück wird die Bergsteigerausrüstung im inzwischen eingetroffenen Auto verstaut, und bald rollt es in südlicher Richtung über die « Ignazio Zaragos-sa ». Mexiko weist ein gut ausgebautes Strassennetz auf; seine Autobahnen sind oft dreispurig, besitzen Über- und Unterführungen sowie Aus-fahrten, die nicht infolge Platzmangels zu kurz geraten sind. Kurz, man könnte die Strassenverhält-nisse als ideal bezeichnen—wenn nur die Beschriftung etwas genauer wäre! Selbst grössere Ortschaften sucht man oft vergebens oder findet sie erst wenige Meter vor der Ausfahrt angeschrieben. Nach einem längeren Umweg durch morgendliches Marktgewimmel - als Folge der verpassten Strassenabzweigung - erreichen wir glücklich die südliche Autobahn Richtung Puebla. Sie ist gebührenpflichtig. Meist ohne Quittung entrichtet man seinen Obolus und hat freie Fahrt auf bequemer Strasse. ( Die nicht quittierten Einnahmen helfen sicher mit, das Einkommen der Beamten zu verbessern. ) Unverhofft erblicken wir in der Ferne die Silhouette der Ixtaccihuatl, 5286 Meterweisse Frau ). Als niedrigster der drei Fünftausender soll sie unser erstes Ziel werden, dem wir jetzt zustreben. Lang ausgebreitet, mit weissen Eishängen bedeckt, liegt der Vulkan vor uns. Die Legende berichtet, dass Ixtaccihuatl ein blühendes Mädchen war, ihr Geliebter, der Popocatepetl, ein berühmter Krieger. Als dieser wieder einmal auf Kriegspfad war, verbreitete ein Rivale die unwahre Nachricht von dessen Tod. Von dieser Mitteilung zutiefst erschrocken, fiel Ixta in eine tiefe Ohnmacht, aus der sie nicht wieder erwachte. Als Popocatepetl bei seiner Rückkehr sie so vorfand, hob er sie auf seine Arme, trug sie auf die Spitze Autobahn Mexico City—Veracruz Ixtaccihuatl Amecameca^ 5286

Tlamacas 3882 eines hohen Berges, deckte sie sorgfältig zu und setzte sich zu ihren Füssen, wo er heute noch, Pfeife rauchend, auf ihr Erwachen wartet. Tatsächlich ist die liegende Frauengestalt, mit weissem Eisleintuch bedeckt, deutlich sichtbar. Die Liegende ist, gemäss ihrer Anatomie, wie folgt benannt: Ammculeatl = Fusse, Rodillas = Knie, Espinellas = Beine, El Pecho = Brust, Cuello = Hals, Cabeza = Kopf. Die vier Gipfel reichen von Rodillas bis El Pecho I und II. Der Kopf liegt zurückgebettet und zählt nicht eigentlich als Gipfel.

Wir aber sind noch nicht so hoch oben, sondern verlassen eben erst die Autobahn vor Chialco ( erste Autobahnausfahrt ) und folgen der gut ausgebauten Strasse nach Amecameca, wo der farbenprächtige Indianermarkt uns anzieht. Handge-fertigte, glasierte Tonwaren, Feuerstellen aus schwarzer, gebrannter Erde oder kleine, « Idolo » genannte Figürchen in Menschengestalt erwecken unsere Aufmerksamkeit. Auf diesem Markt Jalapa Pico de Orizaba 5709 Ixtaccihuatl, 5286 Meter Cabeza 5100 Pecho 5286 La Joya 3890 kaufen die Indios ein, und nur ab und zu verirren sich euopäische oder amerikanische Alpinisten so weit weg vom Pfad des organisierten Tourismus.

Kurz nach Amecameca - beinahe verpasst man die plötzliche Linksabbiegung - fahren wir auf einer schmäleren, aber immer noch guten Strasse dem Nationalpark zu. Dieser herrliche, wilde Wald könnte irgendwo in Europa sein! Prächtige, alte Nadelbäume ziehen sich bis in eine Höhe von 3500 Meter hinauf. Ihre Wurzeln sind im felsdurchsetzten Lavaboden verankert, der sich im weiten Umkreis der Vulkanberge gebildet hat. Die Strasse in dieses Reservat ist gebührenpflichtig. Wir erreichen den Passo de Cortez, der die Ixta von ihrem rauchenden Krieger, dem « Po-pò»,trennt. Jetzt biegen wir links in einen Feldweg ein und folgen diesem bis an sein Ende in der Ortschaft La Joya ( 3890 m ), wo man gezwungenermassen sein Auto parkieren muss.

Vorerst über grasbestandent Hänge, aber zusehends mehr auf sandiger, rutschiger Unterlage wandert man höher. Das Steigen bereitet einige Mühe. Weiter oben fällt ein eisiger Wind über uns her. Trotz verschärftem Tempo wird uns erst kühl, dann richtig kalt. Aber bevor wir uns zum Anziehen der Daunenjacke entschliessen, erreichen wir das « Iglu»-Biwak, die winzige Hütte auf 4760 Meter. Es ist ein einfacher Aluminium- Rundbau, eher einer Astronautenkapsel als einer Berghütte ähnlich. Sie bietet Platz für 12 Personen. Etwa 100 Meter davon entfernt, auf 4750 Meter, befindet sich eine weitere Hütte, die den Namen « Republica de Chile » trägt. Wir beschliessen, in der ersten Hütte zu bleiben, da sie den besseren Eindruck macht und die Dämmerung rasch einbricht. Für den Aufstieg ab La Joya haben wir 2 Stunden und 45 Minuten gebraucht. Mit drei Mexikanern, zwei Männern und einer Frau, muss der winzige Raum, sprich Küche, geteilt werden, wenn das Nachtessen zubereitet werden soll. Bald legen wir uns schlafen; der morgige Tag wird uns infolge der Höhe genug zu schaffen machen...

Doch kaum liege ich kuschelig in meinem warmen Daunensack, um die ersehnte Ruhe und den Schlaf zu geniessen, beginnt mein Magen zu revoltieren. Sind es die Tortillas mit Fleischfüllung, die ich auf dem Indianermarkt in Amecameca gegessen habe, oder ist es die mangelnde Akklimatisation? Vielleicht beides! Jedenfalls ist mir keine Nachtruhe gegönnt; immer wieder muss ich mein warmes Nest verlassen und in die stürmische Nacht hinaus. Ich fühle mich recht elend, und nicht einmal der prächtige, sternenübersäte Himmel oder die Lichter von umliegenden Dörfern vermögen mich zu trösten...

Am Silvestermorgen, um 8.15 Uhr, verlassen wir die Hütte. Der Magen gibt noch immer keine Ruhe, und ich bitte meine Kameraden, allein aufzusteigen. Ich selber will nach Möglichkeit den ersten Gipfel erreichen, falls ich es überhaupt bis dahin schaffe. Ganz elend ist mir zumute, und meine Beine zittern. Keine gute Voraussetzung für einen Fünftausender!

Während ich allein gemächlich höher steige, erreiche ich die dritte der Unterkünfte am Grat. Die Hütte wird « Esperanza Lopez Mateos » ( 4860 m ) genannt und bietet 12 Personen Platz. Wieder heult der Sturm, wie schon am ersten Tag auf unserem Aufstieg zum Biwak. Oft suche ich Deckung hinter Felsblöcken, um mich auszuruhen. Meine Verfassung ist miserabel, aber die Kälte lässt mich jeweils nur kurz rasten. Dabei wölbt sich strahlend blauer Himmel über mir und lässt den Sturm ganz unwirklich erscheinen. Die Route ist einfach, die Kletterei leicht. Einige Personen, vom kalten Wind durchfroren, haben ihren Besteigungsversuch aufgegeben und begegnen mir auf meinem einsamen Aufstieg. Soll ich auch kehrtmachen? Sicher wäre es, den Umständen entsprechend, das beste. Da sehe ich plötzlich, nur noch durch ein Eisfeld von mir getrennt, das Kreuz des ersten Gipfels zu mir herabschauen, und nochmals nehme ich all meine Kraft zusammen. Um 11 Uhr stehe ich auf « Rodillas » ( 5050 m ) und geniesse den Blick ins ebene Land hinunter. Von meinen Gefährten ist weit und breit nichts zu sehen. Sicher sind sie bald auf dem höchsten Punkt des Berges angelangt. Weit im Süden, im Dunst fast nicht mehr erkennbar, ragt die Spitze des Pico de Orizaba, des höchsten mexikanischen Berges, majestätisch auf. Westlich, nicht sehr weit von « meinem » Berg, liegt der treu ergebene Popocatepetl mit seiner im Sonnenlicht gleissenden Eisflanke. Hoffentlich ist meine Kondition bis zu seiner Besteigung etwas besser! Eigenartig, wie isoliert die drei Berge, jeder völlig eigenständig, aus dem Altipiano ( Hochfläche ) aufragen!

2.Januar. Der Magen hat sich gottlob beru- higt, und ein Tag mit der Durchstreifung alter Kulturgüter in Tula, der wieder ausgegrabenen Tolteken-Hauptstadt, hat mich völlig wiederhergestellt. Wir befinden uns erneut auf dem Weg nach Süden; diesmal ist der Popocatepetl das Ziel. Dieser Berg ist mir seit der Schule bekannt, wo ich ihn irrtümlich als den höchsten Berg Mexikos kennengelernt habe; zudem wurde mir wegen seines komplizierten Namens damals eine Strafaufgabe aufgebrummt. Kein Wunder, dass ich ihn nie mehr vergessen werde - und jetzt auf seine Besteigung neugierig bin.

Wir machen halt in Chialco, wo neben der schlichten, spanischen Renaissance-Kirche mit kunstvoll geschmiedetem Gittertor ein farbenprächtiger, sehr appetitlicher Markt im Gange ist. Obst, Gemüse, gebratenes Fleisch, ja sogar frische Fische liegen in grossen Mengen zur Auswahl ausgebreitet. Ich entschliesse mich für gebratenes Rindfleisch, das, dünn geschnitten, auf dem Holz-kohlengrill gebraten wird. Mit etwas Chili-Sauce und Tortillas, den landesüblichen Maisbroten, schmeckt dieses Essen vorzüglich. Als Nachtisch werden die schönsten Früchte ausgesucht, von denen eine riesige Auswahl angeboten wird.

Die Fahrt geht durch den Nationalpark wieder zum Passo de Cortez; doch folgen wir diesmal der Strasse bis an ihr Ende, wo Tlamacas ( 3882 m ), die grosszügig gebaute Hütte, steht. Wir befinden uns am Fusse des « Popò », auf seiner Westseite.Vor uns sind die zwei Anstiegsmöglichkeiten deutlich sichtbar: Links zieht sich die Spur zur Tre-Curces-Hütte, von wo der Normalweg zum Kraterrand aufsteigt; dieser wird auf 5197 Meter, bei « Labio inferior », erreicht. Der Weg folgt dann dem Kraterrand bis zu dessen höchstem Punkt. Gerade vor uns, in direkter Linie zum Hauptgipfel, zieht sich eine Spur zum Nexpantla-Fels ( 4930 m ), hinter dem die wenig begangene Ventirillo-Route durch die Eisflanke zum Hauptgipfel, dem Pico Mayor, führt. Wir entschliessen uns für letztere.

Um 13.15 Uhr beginnt der Aufstieg durch die knöcheltiefe, graue Aschenschicht, die sich rund um den Vulkanberg niedergeschlagen hat und das Gehen beschwerlich macht. Bald geht die « Puste » zum Plaudern aus, zumal auch die Sonne mittäglich heiss niederbrennt. Wohl eine Stunde steigen wir höher, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, bis die « Tonscherbenzone » erreicht ist. ( Als ob tonnenweise Geschirr zerschlagen worden wäre !) Der einzige Halt auf dieser rutschigen Unterlage sind jetzt die Skistöcke, die auch im Hindukusch bei der Besteigung von zwei Siebentausendern von grossem Nutzen waren. Der Schweiss rinnt über Gesicht und Rücken, während wir uns an den Skistöcken hochziehen, denn die Füsse rutschen bei jedem Schritt ab. Endlich gelangen wir zum festen Fels des Nex-payantla-Grates! Wir fühlen uns wie im Bergsteigerhimmel! Einige Aufschwünge turnen wir munter empor und stehen dann vor einem kleinen Holzkreuz, wie man sie häufig in diesen Bergen findet. Plötzlich wird das Dach einer kleinen, ka-nariengelb gestrichenen Hütte sichtbar. Sie liegt auf 4630 Meter und bietet acht Personen Platz. Ihre Form ähnelt einem Giebelzelt; das spitz aus- laufende Dach zieht sich bis auf den Boden hinunter. Ein Blick in die Tiefe belehrt uns, dass es zwischen der Croces und unserer Hütte noch eine Unterkunft gibt. Sie liegt auf einem Felssporn auf etwa 4500 Meter.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr beginnt die übliche Frühstückskocherei. Ohne grosse Lust werden Käse, Brot, Biskuits gegessen und wird Kaffee getrunken. Um 8.15 Uhr verlassen wir die Unterkunft. Es ist kalt, aber kein Lüftchen regt sich. Nach der Traverse - sie dürfte etwa 200 Meter über Schutt und vereiste Felsen führen —errei-chen wir ein steiles Eiscouloir. Wir ziehen die S teig-eisen an und kommen auf der hart gefrorenen Unterlage gut voran. Am Ende der Rinne, auf 4930 Meter, finden wir das Biwak auf Teopix-calco, dessen Existenz wir bezweifelt hatten. Die kleine Blechhütte bietet Platz für acht Personen und ist tipptopp sauber und aufgeräumt; sie klebt an den Felsen des Pico del Ventirillo, des zahnartigen Felsvorsprunges, der die einzige Felserhebung am kegelförmigen, vergletscherten Vulkan bildet. Nach einem aufwärmenden Schluck aus der Thermosflasche beginnt sogleich der Aufstieg über den mehr oder weniger gleichmässig geneigten Eishang der Ventirillo-Route, bei einer Neigung von 35—40 Grad. Einigen Spalten weichen wir nördlich aus; sonst zieht sich unsere Spur in gerader Linie aufwärts. Das Eis ist hart und das Aufsteigen mit den gut greifenden Zwölfzackern problemlos. Plötzlich steigt ein unangenehmer Geruch in die Nase, der zweifellos von den Schwefeldämpfen des Vulkans stammt. Der Gipfel kann also nicht mehr weit sein! Unterbrochen von gelegentlichen Verschnaufpausen - die dünne Luft macht sich über 5000 Meter bemerkbar - vollzieht sich unser Aufstieg direkt dem Hauptgipfel des « Popò » zu. Um 12.15 Uhr stehen wir aufdem höchsten Punkt des Berges: Pico Mayor ( 5452 m ). Ein Blick in den Krater zeigt, dass die Pfeife des « rauchenden Mannes » noch nicht ausgegangen ist. Ganze Schwaden steigen von den grünlichen, schwefelüberzogenen Steinen aus der Tiefe des Kraters auf. Ein seltsamer Anblick, der sich mir hier zum erstenmal bietet und der mich an versunkene Indios-Heiligtümer denken lässt, zum Beispiel an Cuicuilco in der Nähe von Mexiko City, das die älteste Ausgrabungsstätte des amerikanischen Kontinents ist und dessen Pyramide sechs Meter mit heisser, flüssiger Lava eines ausbrechenden Vulkans bedeckt wurde. Dem Kraterrand entlang steigen wir, jeder vor sich hin sinnend, bis zu seinem tiefsten Punkt ab. Hier führt der Normalweg direkt zur Croces-Hütte, über den wir jetzt absteigen. Um 15.30 Uhr erreichen wir, etwas müde zwar, aber vollkommen glücklich, Tlamacas, wo der rote « R 12 » auf uns wartet.

Zum drittenmal befinden wir uns auf der Autobahn nach Süden, diesmal auf dem Weg zum Pico de Orizaba ( dem Sternenberg ) ( 5747 m ). Die beiden Vulkane « Ixta » und « Popò » lassen wir diesmal rechts liegen. Durch eine herrliche Waldzone, die bis auf 3200 Meter hinaufreicht, führt die Strasse. Nach Pueblo, das seiner vielen Kirchen wegen das Rom Mexikos genannt wird, müssen wir auf die nächste Ausfahrt aufpassen. Da - der Wegweiser « Acazinga »! Es ist Sonntag; die Dorfjungen spielen Fussball auf dem grossen Platz vor der Kirche. Diese ist eine etwas süssliche Mischung von spanischer Renaissance mit rosa und weiss Stuckverzierungen und wirkt wie eine überdimensionale englische Hochzeitstorte. Die runde Kuppel leuchtet in tiefem Purpur, und zwischen den zwei Türmen leuchten farbige Glühbirnen « Ave-Maria ». Der einfache Lebensstil der Dorfbevölkerung fasziniert mich, und es braucht eine energische Aufforderung meiner Kollegen, mich zum Weiterfahren zu bewegen.

Über San Salvador el Seco erreichen wir nach 25 Kilometern den letzten Ort mit Tankstelle auf der Westseite des Pico de Orizaba. Das Dorf heisst Tlachichuca, und der Weg, der von hier aus weiterführt, verdient diesen Namen bald nicht mehr. Wir tauschen unseren Wagen gegen einen Jeep, der uns samt Fahrer für 300 Pesos angeboten wird. Im Laden schräg gegenüber der Tankstelle liegt das Tourenbuch, und wir werden gebeten, uns dort einzuschreiben. Man will, nicht zu Unrecht, wissen, wer sich am Berg aufhält, da nur allzuoft Unfälle passieren. Im Augenblick wird ein Amerikaner vermisst.

Um 14.30 Uhr mieten wir also einen alten Jeep samt Fahrer, der uns allerdings erklärt, dass er « noch schnell » etwas erledigen müsse. Eine Stunde später holt er uns ab, gibt uns aber bekannt, dass er « noch schnell » tanken müsse. Um 16.30 Uhr werden wir allmählich ungeduldig. Um 17.30 Uhr sind Fahrer und Jeep dann endlich abfahrtbereit, und die zweieinhalbstündige, holperige Fahrt über Zoapam und Hidalgo, zwei armselige Nester an der Fahrpiste, beginnt. Diese wird zusehends schlechter, weicht Eruptionsfur-chen aus, schlängelt sich zwischen Bäumen durch und versinkt manchmal völlig im feinen Sand. Bei Nacht gelangen wir nach Piedra Grand ( Grosser Fels, 4260 m ). Die Hütte liegt im Dunkeln; aber die Lichtkegel von drei Taschenlampen gleiten über den Jeep, schwenken dann auf uns zu und zum Schluss zur Hüttentüre. Es sind drei überaus freundliche Mexikaner, die uns einen netten Empfang bereiten, auch wenn dieser, den Umständen entsprechend, nur aus heissem Teewasser besteht. Immerhin, es erspart uns, auf Wassersuche zu gehen, und wir sind dafür dankbar. Am nächsten Morgen zeigt man uns noch die Wasserquelle, die, munter sprudelnd, in der Nähe der Hütte liegt. ( Es war die erste und einzige Quelle, die wir in Mexikos Bergen gesehen haben. ) Die Hütte, ein solider Steinbau, ist neueren Datums und bietet 50 Personen Platz. Kücheneinrichtung ist keine vorhanden, und die Schlafstellen bestehen aus Holzpritschen.

In Begleitung zweier mexikanischer Bergsteiger wird anderntags gegen 10 Uhr der Aufstieg in Angriff genommen. Zelt, Kocher, Lebensmittel, Daunensäcke und Daunenjacken werden mitgetragen. Alten Angaben zufolge soll der Anstieg so lang sein, dass vielen Anwärtern der Gipfel versagt bleibt. Um dem gleichen Schicksal zu entgehen, ist ein Biwak im luftigen Zelt als Zwischen-stützpunkt vorgesehen. Links vom sandigen Weg, auf gut begehbaren Blöcken, erreichen wir nach einer Stunde den Beginn des Eises auf4Ö8o Meter. Wieder werden die Zwölfzacker an die Schuhe geschnallt. Die schweren Lasten machen uns ordentlich zu schaffen, während die zwei Mexikaner ohne Gepäck leichtfüssig höhersteigen. Mehrmals machen sie mir Komplimente, dass eine kleine Frau wie ich einen so grossen Rucksack tragen könne!

In einer Mulde mitten im Eis stossen wir auf zwei junge, höhenkranke Amerikaner. Beide leiden arg unter Kopfschmerzen und Übelkeit, obwohl sie hier schon tagelang biwakieren. Wir verabreichen ihnen Medikamente und raten zum sofortigen Abstieg in tiefere Regionen, wo der Körper sich rascher erholen kann. Vielleicht hat später ein zweiter Versuch mehr Erfolg.

Rechts, an der Nordostflanke, stürzt wie eine Riesentreppe der Felsvorsprung mit dem wenig einladenden Namen « Sarcofago » ab. Wir beschliessen, auf einer seiner Stufen, unterhalb des leicht überhängenden Abbruchs, zu nächtigen. Der Aufstieg von Piedra Grande bis hierher auf 5045 Meter hat drei Stunden gedauert.

In kürzester Zeit ist ein Platz geebnet, die ton-nenförmige Behausung aufgestellt, und bald ertönt das vertraute Surren des Kochers, worauf einem gemütlichen Plauderstündchen nichts mehr im Wege steht.

Die Erschliessungsgeschichte des Pico de Orizaba oder Citlaltepetl, erzählt Erich, sei in der Tat aussergewöhnlich. Es werde gemunkelt, dass Amerikaner im Jahre 1846 erstmals auf dem Gipfel des Berges gestanden hätten. Diese Geschichte sei allerdings nicht verbürgt, und so sei diese Begehung totgeschwiegen worden. Dafür gilt die Besteigung Raynolds und Maynards im Jahre 1848 als Erstbegehung. Der Vulkan galt damals als der höchste Berg der Welt, der bis dahin erstiegen worden war.

1851 bezwang Alex Doinon den Berg über die Westflanke. Wieder wollte man seinen Bericht in Zweifel ziehen, was den tatkräftigen französischen Einzelgänger veranlasste, gleich noch ein- Pico de Orizaba/Citaltepetl, 5700 Meter mal, diesmal über die Ostflanke, anzusteigen. Vorsichtshalber hisste er diesmal am Gipfel eine rote Fahne, die tatsächlich vom Dorf San Andreas aus gesehen wurde.

7.Januar. Vom Biwak traversieren wir 50 Meter über ein Geröllband und ziehen beim Beginn des Eises die Steigeisen an. Es ist 8 Uhr. Überraschend nahe schaut die Spitze des Berges auf uns herab. Im ersten Tageslicht glänzt seine Eisflanke unwirklich. Das müsse eine Täuschung sein, vermuten wir; so nahe könne der Gipfel noch gar nicht sein. Deutlich sichtbar klaffen eine Grosse und diverse kleine Spalten quer über die Flanke, weshalb wir uns vorsichtshalber ans Seil binden und links, dem Spaltengewirr möglichst ausweichend, ansteigen. Bei der grossen Querspalte ist gestern der Pickel des vermissten Amerikaners gefunden worden und es ist anzunehmen, dass der Alpinist hier sein kaltes Grab gefunden hat.

Inzwischen wärmen die Strahlen der Sonne recht beachtlich. Ich muss meine Daunenjacke ausziehen, will ich nicht, wie ein Huhn in der Folie, im eigenen « Saft » schmoren. Regelmässig knirschen die Steigeisen auf der hart gefrorenen Eisunterlage im 35 bis 40 Grad geneigten Gelände. Diesmal sind wir gut akklimatisiert und kommen rasch voran; aber selbst optimistische Schätzungen ergaben bis zum Kraterrand mehr als zwei Stunden. Um so grosser ist unsere Über- 37 Ixtaccihuatl ( j286 m ) ist der Name dieses Berges und gleichzeitig ein Mädchenname. Tatsächlich ähnelt seine Form einer liegenden Frauengestalt. Kopf, Brust, Knie, ja sogar die Füsse sind deutlich zu sehen 38 Der erste Gipfel ( « Knie », 5050 m ) bietet einen prächtigen Tiefblick in den mexikanischen Altipiano 39 Der zweithöchste Berg des Landes, der Vulkan Popocatepetl ( 5452 m ), stellt ein lohnendes Bergsteiger ziel dar raschung, nach dieser Zeit den ersehnten Trichter wirklich erreicht zu haben.

Steil fallen die zackigen Felswände zum Kraterboden ab, auf dem sich etwas Schnee angesetzt hat. Keine Dämpfe, kein Rauch deuten darauf hin, dass auch dieser Vulkan einmal wütende Lavaströme über das Land und seine Bewohner ergoss und damit Tod und Verderben brachte.

Nach Mario Fantin sollten jetzt der Felsgendarm « Faraglioni » und die Eisnadel « Aguja de hielo » den steilen Fels und den Eishang bis zum obersten Punkt des Berges säumen. Zu unserer Verwunderung ergibt sich aber der logische Aufstieg problemlos über die Firnhänge rechts des Kraters.

Zwanzig Minuten später stehen wir beim umgekippten grossen Metallkreuz, das den höchsten Punkt Mexikos markiert. Der Sturm oder grosse Schneemassen mögen es mit gewaltiger Wucht zu Fall gebracht haben.

Die Aussicht in die Umgebung bleibt uns versagt. Dichter Nebel wallt auf der Höhe von 5000 Metern und verdeckt jede Sicht. Einzig im Norden ragen zwei einsame Bergspitzen wie Inseln aus dem Wolkenmeer; es sind unsere bereits erstiegenen Bergriesen « Ixta » und « Popò ». Für uns aber ist mit der geglückten Besteigung wieder einmal ein alpiner Wunsch in Erfüllung gegangen: die mexikanische Vulkan-Trilogie.

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