Rückkehr zu den Bergen

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Von Alfred Graber.

Durch die von Felswänden verfinsterte Schlucht steigt unser Wagen stetig empor. Der Lärm, den sein unbekümmert pulsendes Leben dokumentiert, widerhallt in tausend Schattierungen im Geklüfte. Braungelbe Bäume deuten den Herbst an, der ja in den Bergen um so vieles schneller hereinbricht als in den der Sonne offenliegenden Ebenen. Die Luft ist von einer raumvollen Klarheit. Die ersten Bergspitzen, die über die Flühe hinausragen, lassen sich bis in die kleinsten Falten durchschauen.

Die Wertungen in uns verschieben sich. Was in der Stadt allmächtige Geltung hatte, wird hier ohne zwingende Bedeutung. Wahr, kaum ein paar Stunden liegen zwischen der Abfahrt und dem Jetzt; aber man kann nicht nach Stunden rechnen, wo doch eine neue Landschaft eine Umstellung bis ins Innerste des Herzens bewirkt. Dass so viele Menschen schon mit uns gegangen, dass wir die Berge manche Jahre hindurch kaum mehr ansahen und erlebten, dass wir andere Ziele hatten, all das ist heute so unwesentlich.

Wahr ist, dass die immer schwarzgrünen Tannen uns anmuten wie etwas stark Vertrautes, wahr ist, dass uns diese Erde zu allen Zeiten mehr Heimat blieb als alle Städte, dass sie uns ihre Liebe mit einer Kraft bewahrte, die die unsere bei der ersten Berührung wiedererwecken musste. Ja, in uns ist noch stets die alte Bereitschaft zur Natur.

Wir richten unser Leben so sorgsam ein. Wir haben auskalkulierte Projekte, über unser Berufsleben hinaus bestimmen auf Tage und Wochen, was zu geschehen hat, wir sind so zeitgebunden, dass die Zeit uns hetzt. Die Hast lässt uns die Stunden kaum werten in Anbetracht dessen, was wir so « wichtig » noch tun müssen.

Bergfahrt aber bedeutet Befreiung aus der Fessel der Zeit in dieser Art. Wohl müssen wir den Tag auch nutzen, aber sein Ablauf ist doch ein ganz anderer. Die Sonne, die Helligkeit, Nebel und hereinbrechendes Dunkel sind unsere Wegweiser, nach denen wir uns zu richten haben.

Der Wagen saust, er hat ebeneres Gelände gefunden. Wir fühlen uns als Wanderer, die irgendwohin zurückkehren. Wir kennen den Ort nicht und kehren dennoch zurück. Dieses Dorf dort vorn am Rande der Welt ist für heute unser Ziel.

Der Wagen steht in seinem Stall. Die Erde dunkelt rasch. Wir machen ein paar Schritte hin und her, um die stadtmüden Glieder an die Bewegung zu gewöhnen. Und morgen schon eine lange Bergfahrt, ohne Training, ohne Vorbereitung 1 Wie werden sich die kletterungewohnten Hände wieder an den Fels gewöhnen, wie wird die Stufe im Eishang stehen?

Ein Morgen wie tausend Bergmorgen zuvor. In der ersten Dämmerung erwacht der Motorenlärm wieder. Wir verlassen rasch die letzten Wohnstätten. Um uns ist die Welt einsam. Alle Farben finden sich schon in der Landschaft, aber sie sind noch blass und ohne Leuchtkraft wie der Himmel. Und während wir aufwärtsrasen, so hoch es mit einem Wagen nur gehen mag, da spielt sich vor uns jene ewig erschütternde Symphonie der Dämmerung ab, die ihren Orgelpunkt im Kommen der Sonne findet.

Das Motorenlied ist verstummt. Wir schultern die Säcke und schreiten aufwärts durch Gras und Geröll. Die Bergkanten scheinen nahe, der lange Sommer schuf apere Plätze, und der wenige Firn, der geblieben ist, schimmert glasig hart wie eine Eisfläche.

Wie sehr sind wir alle schon wieder dieser Welt verwachsen. Mühelos haben wir die Umstellung gefunden. Es ist, als ob niemals eine Lücke gewesen wäre zwischen jetzt und früher. Wir turnen vorsichtig über die Geröllbrocken, damit sie ihr zweifelhaftes Gleichgewicht nicht verlieren. Wir grüssen vertraut das erste Eis, und der Vordermann lässt seinen Pickel sausen. Die Lücke im Grat. Die Sonne ist mit uns und eine ferne Schau in neue Tiefen. Schon an diesem Hinausblickenkönnen haftet etwas von der gelassenen Freude der Gipfelruhe.

Dort grüsst unser Ziel hoch durch ein paar lichte Nebelwolken. Wie nahe und wie weit zugleich. Und während wir uns ihm entgegenkämpfen, ist in uns jener Zweifel am Erreichen und an der Wirklichkeit des Zieles.

Gratsenkungen, jähe Aufstiege in Eis und Fels.

Nun scheint die Zeit gekommen, die Steigeisen anzuziehen. Der Grat bäumt sich. Wie ein Dachfirst schiesst er vor uns auf. Wir aber sind ganz die Alten geworden, wir sind zurückgekehrt, fühlen uns sicher wie früher. Die Kante fährt vor uns auf in den Himmel. Ihr folgt das Auge mit Ekstase. Hinter uns verliert sich der Kamm in einen Felsabgrund. Rechts und links gleitet der Eishang zur Tiefe. So sind wir auf dem Grat unnennbar frei und gelöst. Es ist ein Schreiten ohne Furcht zu einer unbekannten Höhe. Wie ganz anders ist es nun plötzlich als früher! Innerlich haben wir uns doch gewandelt zur Höhe einer unbedingten Schicksalsbereitschaft, die nicht etwa Lebensmüde oder Resignation ist, sondern Fülle ohne Furcht. Wir blicken zur Höhe und zur Tiefe und spüren mit tiefer Erschütterung die Gewalt der Berge. Wir lieben diesen Weg an der vereisten Kante, weil wir die innere Freiheit besitzen, die uns über den Kampf hinaus die einzigartige Schwere und Schönheit der Stunde wirklich fühlen lässt. Wir sind wohl Kämpfende wie früher mit allen Möglichkeiten von Glück und Unglück in uns, aber wir stehen über den Geschehnissen.

Alles erfüllt sich: Der Fels, der Gipfel, die Dohlen um den Berg im Nebel. Der endlose Abstieg durchs Geröll. Das Summen des Motors durch den Abend. Das Rauschen der Wildbäche, die Stummheit der Wälder und der allerletzte Glanz des Eises an den schon wieder fernen Gipfeln.

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