Ruwenzori - eine Besteigung von Uganda aus

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Willi König, SAC Aarau, Hannover

Bilder 80 bis 82 Schon als Junge hatte ich Freude am Wandern, weil es dabei immer wieder etwas Neues zu sehen, etwas Interessantes zu entdecken gab. Ganz besonders aber hatten es mir die Berge angetan, erst die Anhöhen in unmittelbarer Nähe, dann die herrlichen Alpen, und schliesslich liebäugelte ich auch mit den für mich vorerst noch unerreichbaren Gebirgen ausserhalb Europas.

Anlässlich einer Alpenfahrt fassten wir den Entschluss, nach Ostafrika zu fliegen. Zu sechst wollten wir im Verlaufeines Monats in Uganda den Ruwenzori, in Kenya den Mount Kenya und in Tanzania den Kilimandjaro besteigen und nahmen die Organisation der Reise selbst an die Hand.

Der nebel- und regenreiche Ruwenzori, in dessen Eis die Quellen des Nils entspringen, an der Grenze zum Kongo, war der politischen ( Idi Amin ) und wirtschaftlichen ( Vertreibung der Inder ) Verhältnisse wegen zwar eine unsichere Sache, doch brachten diese hinderlichen Umstände andrerseits auch einen Vorteil: Der Berg gehörte uns!

An einem Donnerstag, dem i i.Juli 1974, war es so weit: Eine ägyptische Boeing flog uns nachts von Frankfurt über Kairo nach Entebbe in Uganda. Eine lockere Wolkendecke lag über dem Land.

Auf dem Flughafen wurden wir schon erwartet, denn über das Touristenbüro von Uganda in Frankfurt hatten wir bereits vorher Verbindung mit Kampala aufgenommen. Fahrer Tom stand mit einem VW-Bus bereit - für ( umgerechnet ) etwa 20 Franken pro Person und Tag. Nachdem wir alle Behörden durchlaufen und Geld eingetauscht hatten, ging 's von Kampala Richtung Fort Portal, zuerst durch den volksreichsten Landesteil Ugandas: Buganda. Einzelne Papyrus- sümpfe am Rande des Victoria-Sees wechselten mit Bananenpflanzungen. Bananen wurden in der Folge überhaupt eines unserer Hauptnahrungsmittel; ausserdem gab es wohlschmeckende Ananas und Papayas.

Die Provinz Ankole ist reich an Steppen, wo die langhörnigen Rinder der Bahimas weiden.

Als wir nachts in Fort Portal, der bergigen, schön gelegenen Hauptstadt der Provinz Toro, ankamen, war das Ruwenzori-Gebirge in Wolken gehüllt. Im « Hotel of the Moon » fanden wir Nachtquartier. Mr. Bhimji, ein Inder, sollte früheren Berichten zufolge für Expeditions-Einkäufe der zuständige Mann sein; doch er war des Landes verwiesen worden, und sein Nachfolger hatte ausser Nudeln, Salz und Butter nichts zu bieten. Dabei hatten wir eben wegen Mr. Bhimji den Umweg über Fort Portal gemacht!

Nun aber auf zum Ausgangspunkt unserer Ruwenzori-Besteigung, nach Ibanda, einem kleinen Bergdorf, bestehend aus ein paar primitiven Hütten, deren Bewohner dem Stamm der Bakonjo angehören. Eine schmale, lehmige Nebenstrasse führt von der Hauptstrasse Kasese-Fort Portal hierher ins Gebirge. Mr. Matte, dem die Aufgabe zufiel, für uns Träger zu organisieren, musste erst gesucht werden; unterdessen stand das halbe Dorf um uns herum. Für die Träger musste noch verschiedenes besorgt werden: vor allem Kassawa, ein Maniokmehl, und Trok-kenfisch, ferner Zucker ( gab es hier sowieso nicht !), zwei grosse Kochkessel, zwei Pangas ( Haumesser zum Freihauen der Pfade ), Kartoffeln, Bananen, Zwiebeln, Streichhölzer und für jeden Träger eine Wolldecke. Insgesamt waren 11 Träger und ein Führer für uns vorgesehen. ( Diese müssen versichert werden, und es empfiehlt sich, dieses Geschäft gleich abzuwickeln und den Betrag in Kasese einzuzahlen. ) Nachts regnete es auf unsere Zelte, was die Wolken hergaben. Am nächsten Tag fuhren wir noch einige Kilometer weiter in das Tal nach Nyaka-lengija, ein paar verstreuten Hütten, wo die Träger sich besammelten. Das Gepäck wurde nun an sie verteilt; wir selbst trugen nur unsere persönlichen Sachen, wie Photoapparat, Regenmantel, Pullover, Socken, Verbandzeug und eine Kleinigkeit zum Essen. Da uns kein Brot zur Verfügung stand und die Kartoffeln bald verzehrt waren, gab es Nudeln, Nudeln und immer wieder Nudeln, die uns bis in die Träume verfolgten, und als ich später am Kilimandjaro wieder einmal vorschlug, Nudeln einzukaufen, weil sie leicht an Gewicht seien, machten ein einziger Aufschrei und finstere Gesichter meiner Gefährten meine Absicht zunichte.

Gegen Mittag setzte sich die Kolonne in Bewegung. Heia Safari! Auf Bananenpflanzungen folgten hohes Elefantengras, dichter Bambus- und später Urwald. Mehrere Bäche mussten überquert werden. Es war schwül, der Schweiss rann uns aus allen Poren. Hie und da gellte ein merkwürdiges Kreischen durch die Stille: ein schillernder Vogel flog auf. Vor der Nyabitaba-Hütte, die auf einem Bergkamm thront, wurde der Weg steil. Etappenziel. Wasser zum Kochen lieferten zwei Regentonnen. Die Träger fachten in der Nähe der Hütte ein Feuer an und kochten ihren Kassawa-brei. ( Manchmal brieten sie auch Affenfleisch — frisch aus der Falle gewonnen, obschon das eigentlich verboten war, denn diese Tiere stehen unter Naturschutz.T.rotzdem wurden die Felle ohne Skrupel gegerbt und verkauft. Höher oben fingen die Träger Murmeltiere, hier « Hyrax » genannt. ) Nachts prasselte der Regen auf das Blechdach der Hütte, als ob alle Schleusen des Himmels geöffnet wären. Tags darauf ging es tief ins Tal zum tosenden Bujukufluss. Wie steil aufschäumende Meereswogen erhebt sich ein Bergkamm über dem andern, allmählich in den darüberla-gernden Wolkenmassen verschwindend. Mit Hilfe eines halb im Wasser liegenden Baumstammes und eines improvisierten Seilgeländers wurde der donnernde Fluss mit Vergnügen überquert.

Nun wurde die Vegetation phantastisch: Sumpf, wo man hintrat. Nebelwald! Heidekrautbäume mit meterlangen Moosflechten, dann bizarre Bäume mit dicken, figurenbildenden Moospolstern und spärlichem Laub. Höher in den Bigosümpfen riesige Senecien mit rosettenförmigen Endstauden und Lobelien, die wie Rie-senkerzen die neblige Landschaft belebten. Gut bewährt in den Sümpfen und auf den glitschigen Wurzeln und Ästen haben sich unsere « Sumpf-pickel », lange Bambusstangen. Um unsere Bergschuhe nicht zu durchnässen, gingen wir hier in Turnschuhen. Ohne Strümpfe wurde aber die Haut an den Beinen derart zerschnitten und aufgerauht, dass ich darauf einen Apfel hätte reiben können; ausserdem bekam ich später geschwollene Knöchel.

An der Nyamuleyu-Hütte vorbei kamen wir zur Bigo-Hütte auf 3450 Meter, oberhalb des grossen Bigo-Sumpfes. Eben tauchte aus den Wolken das schneebedeckte Gessi-Massiv. Am folgenden Tag ging es im Bujuku-Tal steil zum Bujuku-See, wo in Ufernähe kaum eine trockene Stelle zu finden war, und man musste schon artistenhaft von Grasbüschel zu Grasbüschel springen, um nicht im Morast zu versinken. Eine Viertelstunde nach der « Kochpott-Höhle » ( Cooking Pot Shelter ) gelangten wir zu den Bujuku-Hütten auf 3980 Meter, mitten in den Ruwenzori-Bergen. Im Norden steigt das Speke-, im Westen das Stanley-Massiv empor mit dem höchsten Gipfel des Ruwenzori, der Margherita-Spitze, und im Süden das Baker-Massiv — alles Berge mit Gletschern im Herzen Afrikas!

Das Wetter war gut; oben lagerte zwar eine Wolkenschicht, aber es regnete wenigstens nicht. Im Ruwenzori, dem « Regenmacher », soll es nur etwa zehn Sonnentage im Jahr geben. Da wir schon um 12.30 Uhr bei der Bujuku-Hütte ankamen, beschlossen unser vier, noch nachmittags zur Irene-Lakes-Hütte ( siehe Figur 1, S.120 ) hochzusteigen: zwei andere wollten zum Stuhl-mannpass und ein Stück nach Zaire ( Kongo ) wandern. Vier der besten Träger und ein Führer bekamen Sonderbezahlung. Zuerst ging es durch flachen Sumpf, dann steil an Wasserfällen vorbei durch phantastischen Senecienwald, weiter an Moränen aufwärts und an Felswänden vorbei zur Biwakhütte am kleinen Irene-See ( 4480 m ). Hier oben war der Boden stellenweise vereist, und die Träger kehrten sogleich zum Cooking Pot Shelter zurück. Für sie wäre es hier oben zu kalt gewesen. Die Irene-Lakes-Hütte ist, besonders bei schlechter Sicht, nicht leicht zu finden. Man muss am Rande der Hochfläche scharf nach links abbiegen. Die Hütte, sehr schön gelegen, bietet Platz für drei bis vier Personen. Sie ist aus weissleuch-tendem Zinkblech konstruiert, und im Hüttenbuch kann man lesen: « sauberste Hütte Afrikas ». Die Jahresbesucher lassen sich an den Fingern abzählen. Sogar auf dieser Höhe wachsen noch Senecien mit ihren grossen, fleischigen Rosetten.

Der Nebel riss auf! Tief unten funkelte der Bujuku-See, hoch oben glänzten die Gletscher-Abbruche - ein unvergesslicher Anblick!

Tags darauf wollten wir zur Margherita-Spitze ( 51 ig m ) aufsteigen und querten um 8 Uhr zum Ostgrat. Es war bewölkt und neblig, aber der weitere Weg war immerhin erkennbar. Auf den stellenweise mit dicken, nassen Flechten bewachsenen Felsen glitten wir wie auf Schmierseife aus; man hätte Steigeisen brauchen können. Dagegen war der felsige Grat, mit einzelnen Kletterstellen, nicht schwierig, aber in Nebel gehüllt und immer ansteigend. Allmählich machte sich auch die Höhenluft bemerkbar, und wir legten gerne eine kurze Pause ein. Schnee! Tief sanken wir im weissen Nass ein. Dann türmte sich eine Eisbarriere vor uns auf, überhängend, mit Eiszapfen bespickt, und durch eine Eisschlucht stiegen wir zum Kamm auf. Wir standen auf der Margherita-Spitze! Kurz riss sogar der Nebel auf: Nicht weit von uns erhob sich die Albert-Spitze. Es war 14 Uhr; aber die Gipfelschau währte nicht lange, und um 17.15 Uhr waren wir wieder bei der Hütte.

Am nächsten Tag stiegen wir wieder zur Bujuku-Hütte ab und überschritten gleich noch zwei Pässe, deren höchster der Scott-Elliot-Pass ( 4370 m ) war. Ein Pfad führte durch ein schönes Tal zur Kitandara-Hütte am gleichnamigen See ( 4020 m ). Es war ein klarer Tag; der See glitzerte, und die Felswände waren zartrot angehaucht. Herrlich ist diese Hütte gelegen!

Am andern Morgen war der Boden gefroren, und eine dünne Schneeschicht bedeckte die Umgebung. Uns stand die Überschreitung des 4282 Meterhohen Freshfield-Passes bevor. Die meisten Träger gingen barfuss und verlangten nun doppelten Lohn wegen des Schnees und nochmals das Doppelte wegen der langen Tagesstrecke. Wir wollten nämlich die übliche Unterkunft ( Kabamba-Höhle ) überspringen und gleich bis zur Nyabitaba-Hütte absteigen, wo der Sumpf zu Ende sein würde.

Der Freshfield-Pass war vereist, so dass die Träger mit ihren Lasten nur mit Mühe vorankamen. Anschliessend ging es über Terrassen von einem Tal zum andern, erst in tiefem Sumpf mit meterhohen Grasbüscheln, dann durch Nebelwald, später durch Urwald, vorbei an der Bujongolo-Felswand und der Kabamba-Höhle zur letzten Höhlenunterkunft, der Kichuchu-Felswand, wo wir rasteten, und über den Mubuku-Fluss zur Nyabitaba-Hütte, wo wir nach neunstündigem Marsch hundemüde ankamen.

Das Abenteuer Ruwenzori war zu Ende, denn der Marsch nach Ibanda kann kaum mehr dazu gerechnet werden. Es folgte noch die Auszahlung der Träger: 9 Uganda-Schillinge pro Träger und Tag, 15 Uganda-Schillinge für den Führer.

Einen Rasttag in der herrlichen, hochgelegenen Mweya-Safari-Lodge am Kazinga-Kanal hatten wir uns wahrlich verdient. Das Bedienungspersonal konnte gar nicht schnell genug nachservieren, so gross war unser Appetit. Und dann das Bad im Schwimmbecken!

Ein weiteres Erlebnis wurde die Fahrt im Motorboot auf dem Kazinga-Kanal. So viele Flusspferde beisammen hatten wir noch niemals gesehen! Elefanten, Büffel, Gazellen, Warzenschweine, Löwen, Leguane, Affen, Seeschrei-Adler, Kronenkraniche, das Wappentier von Uganda, und Marabus - eine herrliche Schau.

Es folgte die lange Fahrt nach Kampala, wo wir erst spät ankamen und gerade noch die Rechnung für den VW-Bus begleichen konnten, bevor die Reise nach Entebbe folgte, wo wir uns von unserm Fahrer Tom verabschiedeten, um am nächsten Morgen nach Nairobi zu fliegen - zum nächsten Abenteuer...

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