Schatten, Licht und Schnee

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Jacques Laufer, Lausanne

Eine -teilweise -Traversierung der Berner Alpen 1 Oberhalb St-Luc im Val d' Anniviers Ein Schatten lag über dem Beginn.

Zehn waren angemeldet - und nur zu siebt sind wir losgezogen.

In der Zwischenzeit hatte sich am 27. März 1983 das Unglück vom Toûno1 ereignet, durch das wir drei Teilnehmer verloren. Zur Stunde, als ich diese Zeilen schreibe, liegt Marianne schwerverletzt im Spital. Wer weiss, wie lange und in welcher Verfassung sie dort noch wird bleiben müssen?

Wenn wir von diesem Unfall sprechen, sollten wir auch die Fletschhorn-Tragödie des gleichen Sonntags erwähnen, der drei unserer Kameraden, Kollegen und Freunde zum Opfer gefallen sind.

Diese Schicksalsschläge, besonders der erste, haben einen Schatten auf unsere Traversierung geworfen. Immer wieder, hartnäckig, haben sich uns während der ganzen Woche dieselben Fragen gestellt: Wie konnte das geschehen? Warum? Und wenn man hätte...? Und was danach? Die positive Lebenseinstellung unserer in der Ebene zurückgebliebenen Freunde konnte zwar etwas dazu beitragen, diese bohrenden Fragen zu verscheuchen, aber nicht, sie zu beantworten. Erst am allerletzten Tag unserer Traversierung haben wir es vielleicht fertiggebracht, uns diesen schrecklichen Sonntag nicht wieder bewusst zu machen und endlich ohne Vorbehalt Ski zu laufen.

Wir sind also sieben beim Abmarsch. Dazu kommt noch Hans, der Führer, neben dem Jean-Pierre und Willy sich in die Verantwortung für diese Clubwoche der Sektion Les Diablerets teilen werden. Auf unserem Programm steht die Überschreitung der Berner Alpen vom Col du Pillon bis zum Grimselpass in der Zeit vom 16.23. April 1983. Eine Frau ist dabei, wir nennen sie Mascotte; blond und blauäu-gig, eine Schneefee. Sie wird das Schmuckstück unserer Gruppe sein.

Samstag, W. April. Kleinbus Lausanne—Pillon—Reusch. Nachdem die gemeinsamen Vorräte auf alle Rucksäcke verteilt sind, beginnt die erste Etappe: Es geht - sportlich - mit der Seilbahn zum Diablerets-Gletscher empor. Kein Kaffee. Gleich bei der Ankunft Ski an die Füsse, Rucksäcke ( und was für Rucksäcke !) aufgeschnallt und dem Führer nach. Wir laufen, fahren ab, fallen und können schon kaum mehr wieder hochkommen...

Glacier de Tsanfleuron - Sanetschpass. Kurze Pause um die Felle zu montieren. Jetzt sind wir wirklich unterwegs, marschieren einer hinter dem anderen, hingegeben an die einsame Anstrengung unter einer glühenden Sonne und einem unwahrscheinlich blauen Himmel. Und das Gelände steigt und steigt! Das Gebirge macht wahrlich keine Geschenke, der Führer ebensowenig und schon gar nicht der Rucksack.

Auf der ersten Verebnung ein erster Halt. Der Jüngste unter uns - wir nennen ihn Benjamin -, kühn, bärtig, kräftig und charmant, belädt sich mit einem Seil, das er dann praktisch während der ganzen Woche auf dem Grund seines Rucksackes ( vergessen ) wird.

Im Tälchen von L' Arpille wartet unser dann eine weitere harte Prüfung: Vier Elemente -Sonne, Rucksack, Durst und eine bleiern wirkende Atmosphäre - haben sich gegen uns verschworen. Drückende Hitze. Der Aufstieg ist erschöpfend, der Hang unendlich und der Führer weit voraus, frisch und munter, schon ganz klein. Benjamin folgt ihm auf den Fersen: zwei Kameraden, die niemals anhalten und davonziehen, als würden sie bei einem friedlichen Spaziergang auf Seehundsfellen von einer erfrischenden Brise vorangetrieben. Und wir hinten?

Wir hoffen auf den Schatten des Mont Pucel. Doch die Sonne spielt nicht mit, überholt uns, umrundet den Berg vor uns und erspart uns keinen einzigen ihrer glühenden Strahlen.

Das also ist der erste Morgen. Erste Hitze, erster grosser Durst. Die Rucksäcke werden zunehmend mit abgelegten Kleidungsstücken beladen, dagegen leeren sich die Thermosflaschen unklugerweise von Viertelstunde zu Viertelstunde immer mehr. Die Sonne brennt auf den Händen und blossen Armen.

Und jetzt steilt sich der Hang zum Glacier du Brochet auf. Der Führer und Benjamin sind seit langem ausser Sicht; ihre Spuren verwirren sich, mischen sich, verschwinden. Der salzige Schweiss brennt, macht uns blind. Und der Rucksack... der Rucksack... der Rucksack... Einer von uns stürzt, von einem Unwohlsein befallen. Erschöpfung oder etwas Schlimmeres? Kraftlos liegt er im Schnee, rührt sich nicht mehr. Bemühungen um ihn, Angst. Einer läuft voraus, um Hans und Benjamin zu unterrichten, die schleunigst zurückkommen und sich mit ein oder zwei Rucksäcken beladen. Der Kranke kommt wieder zu sich, steht auf und setzt, ohne Last, seinen Weg mit kleinen Schritten fort. Die Gruppe sammelt sich auf einer Schulter des Wildhorns. Alles umgibt den Wiederauferstande-nen, untersucht ihn. Er spricht. Er trinkt. Er lächelt. Er lacht. Nichts Ernstes. Wohl nur die Hitze!

Es ist sogar so heiss gewesen, die Anstrengung derart gross und der Aufstieg hat uns in solchem Masse erschöpft und durstig gemacht, dass eins sonnenklar ist: Wir denken nicht daran, weiter so zu leiden. Wir müssen nicht nur auf das Wildhorn verzichten ( nur noch eine Stundedenkst Du !), wir müssen vor allem klaren Kopf behalten und auch zu verzichten wissen. Wir fühlen uns wie erschlagen, tot und rühren uns nicht mehr. Wollen wir uns nicht vom Helikopter ins Tal hinunterbringen lassen, in die Stadt zurückkehren und die ( Groupe Pâturages ) gründen? Allein schon diese Träume geben unseren Lebensgeistern neuen Schwung, und sogleich formiert sich auf mehr als 3000 Metern und einen Katzensprung vom Wildhorn entfernt, die ( Groupe Pâturages ). Ihre Ziele? Gemütliche Wanderungen zu unternehmen und dabei die Natur zu geniessen.

Durch diesen gemeinsamen Beschluss wieder aufgerichtet, nehmen wir die Felle ab, schnallen die Ski an und fahren glanzvoll zur Wildhornhütte ab.

Samstag abend. Die Hütte ist voll gepfercht mit Menschen, Ski, Rucksäcken, Schuhen. Aber wir werden erwartet: Tische und Schlafplätze sind reserviert, abends und morgens gibt es eine gute Mahlzeit. Die erste Etappe wird, rund um den Tisch der ( ungenügend ?) vergrösserten Hütte, mit einigen Gläsern gefeiert. Die düsteren Schatten ziehen weiter...

Sonntag, 17. April. Eine nicht zu frühe Tagwache. Abmarsch bei bedecktem Himmel mit Rucksäcken, die durchaus nicht leichter sind, aber vielleicht weniger schwer lasten. Wir lassen das Wildhorn rechts liegen, um uns dem Schnidehorn ( 2937 m ), unserem ersten Gipfel, zuzuwenden. Der Schnee ist heute je nach Höhe, Zeit und Exposition von sehr unterschiedlicher Beschaffenheit. Dadurch gibt es bei der Abfahrt einige unangenehme Stürze.

Rawilpass. Felle, Thermosflaschen, Trockenfrüchte. Der Führer zieht los, Benjamin folgt ihm dichtauf und wir übrigen auch, einer dicht hinter dem anderen, Richtung Wildstrubelhütten. Unter den vom Rohrbachstein überragten Hängen muss Abstand gehalten werden, das Gelände ist nicht sicher. Der Führer dagegen ist es, und seine wenigen, kurzen Anweisungen hallen durch die weisse Einöde. Dann ist die heikle Passage überwunden, wir sind wieder mit ihm vereint und setzen den Weg fort, erfüllt von jenem Wohlbefinden, das nur aus dem Rhythmus des Steigens mit Fellen erwachsen kann.

Die Hütte war vorhin hinter zwei Felsen verschwunden. Wir hatten sie am falschen Ort vermutet: zunächst verhältnismässig nah, auf unserer Höhe; dann viel zu weit entfernt und zu hoch. (

Es ist fast wie mit der Liebe. An einem Abend hörst Du einen Seufzer und meinst, dies Herz sei Dein. In der folgenden Woche ein gleichgültiger Blick, eine ausweichende Antwort: das gleiche Herz rückt in unerreichbare Fernen, Du musst warten und Dich mühen, ihm näher zu kommen. Schliesslich nach zwei oder drei Monaten rücken es eine verhaltene Gebärde, der Hauch eines Lächelns, ein vorsichtiger Vorschlag Dir ganz nahe, in Rufweite, in Reichweite. So sind wir also in der Wildstrubelhütte angekommen. Schon?

In dieser nicht bewarteten Hütte können wir nun unseren mitgebrachten Proviant verspeisen und auf diese Weise unsere Rucksäcke entsprechend erleichtern. Drei Touristen waren schon vor uns da: das Feuer brennt, das Wasser kocht ungeduldig. Tee und Bouillon sind schnell bereit, die Tische werden zum Viereck zusammengerückt, wir setzen uns zum Essen. Draussen verdunkelt sich der Himmel, Wind kommt auf, sein Heulen erhöht die Behaglichkeit hier im Innern, aber auch die Unbequemlichkeit der draussen -wahrhaftig sehr weit draussen - angelegten Toiletten. Auf diesen Punkt werden wir noch zurückkommen.

Der zweite Abend in einer Hütte, Kommentare zum Tag, das Programm für morgen, Erinnerungen... Dann zur Nachtruhe in den Schlafraum, in dem wir uns in jeder Richtung ausbreiten können: Das ist der Vorteil, wenn nur ein Dutzend in einer Hütte mit 70 Schlafplätzen übernachtet.

Montag, 18. April. Massige Verhältnisse. Ein grauer kalter Wind. Abmarsch mit zusammengebissenen Zähnen. Es ist winterlich, und trotzdem freuen wir uns schliesslich daran. Die Weisshornlücke ist schnell überwunden, und da kommt schon die Plaine Morte. Der Wind legt sich etwas. Der regelmässige Schritt des Führers bestimmt den ruhigen Rhythmus der langen Traversierung. Wir können - eine Seltenheit auf Ski - zu zweien oder dreien nebeneinander laufen; die Piste in dem leichten Schnee, der den Gletscher bedeckt, ist breit genug.

Doch aus dem Familienausflug wird bald wieder eine Sektionstour, als wir nach links ausholen, um einer hinter dem anderen zum Sturm auf den Wildstrubel anzusetzen. Es ist ein böser Hang. Bei jedem Richtungswechsel springt der Gegenwind um, und je höher wir kommen, desto schärfer beisst die Kälte, tobt der Wind. Kurzatmig und durchfroren erreichen wir den Gipfel ( 3243 m ). Mit steifen Fingern nehmen wir die Felle ab, die kleben wie sonst nie, und ohne uns die Zeit für ein Photo zu nehmen, tauchen wir hinab auf den Lämmerengletscher, in Richtung Gemmi. Der Wind lässt nach. Hans legt eine Spur, die genau unseren Fähigkeiten entspricht. Wir fragen uns, woher er in diesem Land ohne Farben und Kontraste diese Sicherheit hernimmt.

Picknick unter einer blass scheinenden Sonne in der Nähe der Lämmerenhütte. Dann Abstieg über steile Absätze zum Lämmerenboden, den wir ohne Begeisterung queren. Kurzer Aufstieg, um auf der Gemmi wieder in das Reich der Zivilisation zurückzukehren.

Panorama, hohe Gipfel, Kaffee, Schokolade, Kuchen, Annehmlichkeiten, Telephon für die Zärtlichsten oder auch die Eifersüchtigsten unter uns. Von dort ein kurzer Abstecher nach Leukerbad, um den gemeinsamen Proviant wieder aufzufüllen ( Reis, Fleisch, Brot, Biskuits, Streichhölzer usw. ). Dann steigen wir wieder zur Gemmi auf und folgen unserem Führer, der uns den Daubensee entlang, dann quer durch einen wahren Irrgarten von Spuren, die den schweren Schnee in allen Richtungen durchziehen, nach Schwarenbach führt.

Diese berühmte Herberge in einer wilden Landschaft hat vor uns andere, berühmtere Gäste gesehen; einige haben hier eine dichterische Eingebung erfahren. Zum Glück erinnert uns das Tisch-Set daran.

Man sollte wieder einmal nachlesen, was Guy de Maupassant 1886 in seiner Novelle L' Auberge geschrieben hat:

Ergreifend der lange Winter in dieser von schrecklichen Schneemengen und furchterregenden Nächten gefangenen Herberge; ergreifend das Verschwinden des Kaspar, der Tod des Hundes, Ulrichs Wahnsinn; ergreifend auch das Schicksal der ( kleinen Hauser, [die] in jenem Sommer beinahe an Schwermut gestorben wäre - was man dem eisigen Hauch des Gebirges zuschrieb ).

Heute empfängt uns die Wirtin auf der Schwelle ihres gastlichen und schmucken Hauses. Wir geniessen das Essen, die Dusche, das Bett und nach gehabter Nachtruhe den morgendlichen Milchkaffee.

Dienstag, W. April. Wir stehen früh auf, haben wir doch eine lange Etappe vor uns, die bis zur Mutthornhütte führen soll. Rucksäcke aufgeschnallt, Ski an die Füsse, ein rascher Aufbruch, und nachdem die schmale Spur eine Windung gemacht hat, entschwindet die Herberge schnell unseren Blicken. Abfahrt nach Stock, ein müheloses und leichtes Vergnügen. Jetzt, am vierten Tag, haben wir uns tatsächlich eingewöhnt, und die Formkurve beginnt zu steigen. Gleichwohl mogeln wir etwas, um Zeit zu gewinnen und die Ski nicht zu lange auf schneefreien Wegen tragen zu müssen. Wir nehmen die Seilbahn Stock-Egge-schwand und dann einen Kleinbus, der uns bis zum Beginn des Schnees im Gasteretal bringt.

Anschliessend ein angenehmer Marsch bis nach Heimritz, wo wir in der Sonne auf den Stufen vor einer netten kleinen Wirtschaft picknicken, die uns mit ihren geschlossenen Fensterläden und der Reklame für schäumendes Bier geradezu verhöhnt. Wir befinden uns hier auf 1635 Metern Höhe, die Hütte liegt jedoch auf 2898 Metern. Mittag ist vorbei, und der Himmel bedeckt sich allmählich. Höchste Zeit also, den anstrengenden Aufstieg unter die Füsse zu nehmen! Die Spuren helfen nicht viel; der Führer studiert die Karte und lässt uns zunächst Höhe gewinnen. Er dreht sich häufig um, will sicher sein, dass alle folgen. Das ist tatsächlich der Fall: das gute Training siegt über die Müdigkeit. Der Hang wird immer steiler und auch gefährlich. Während wir die Harscheisen anlegen, holt uns der Nebel ein. Endlich die Schlüsselstelle, wo ein Sturz fatale Folgen hätte; denn hier verlassen wir den Hang, um einen Felsriegel zu überwinden. Oberhalb des Kanderfirns müssen wir die 2700-Meter-Höhenlinie erreichen. Es scheint, als sei die Hütte nicht mehr weit, als ginge es kaum noch aufwärts. Wir werden sehen...

Eine Ruhepause, wo eine Karotte, ein Biskuit und der Tee aus Schwarenbach zu Ehren kommen. Über den Himmel zieht sich jetzt eine geschlossene Wolkendecke, die Sicht ist gleich Null. Ein gewisser Druck liegt in der Luft und legt sich auch auf unsere Gemüter. Ein Humorist erinnert an die

Trotzdem werden wir immer langsamer. Der Führer und Benjamin sind längst unseren Blicken entschwunden, sogar ihre Spuren beginnen sich zu verwischen. Wir sollten uns beeilen. Ansonst nötigen wir den Führer, zurückzukehren, um uns in den sicheren Hafen zu geleiten. Noch ein Stück, und da, gar nicht mehr weit, winken zwei kräftige Arme: Benjamin. Als vorgeschobener Wachtposten weist er uns den richtigen Weg zur Mutthornhütte, so dass man nicht geradezu auf sie herabfällt. Eine mächtige Schneemauer, die sie überragt und zugleich schützt, entzieht die Hütte nämlich den Blicken. Einer von uns, der genau in die vom Nebel verhüllte Eintiefung gefahren ist, tat einen harten Sturz von einigen Metern. Als der Führer sah, wie er sich mit schmerzendem Knie und blutigem Gesicht erhob, hat er schleunigst Benjamin als Warner losgeschickt.

So kommen wir also einer nach dem anderen steif vor Kälte und müde von oben her bei der Hütte an. Aber noch sind wir nicht am Ende unserer Mühen: Die Treppe zum Winterteil der Hütte erweist sich mit ihren gewundenen, vereisten Stufen als halsbrecherisch. Hans, der im herrschenden Halbdunkel praktisch nichts sieht, findet sich unter grossem Getöse und lauten Flüchen durchgeschüttelt und zerschlagen an ihrem unteren Ende wieder. Mit lautem Rufen müssen die anderen auf die Gefahr aufmerksam gemacht werden. Endlich erreichen wir die Küchentür und damit den eigentlichen Eingang zur Hütte.

Wenn ich bei diesem Abschnitt verweile, dann, weil wir hier, an diesem Tag in dieser Bergunterkunft, die anspruchvollsten und winterlichsten Verhältnisse der ganzen Woche angetroffen haben. Wahrlich ein eindrückliches Erlebnis!

Mit einfallender Dunkelheit wird dieses Winterlokal nun zu einer zauberhaften Oase. Beim schwachen Licht einiger Kerzen und Taschenlampen macht sich der Führer am Ofen zu schaffen. Schon vor unserer Ankunft hat er, unsere Müdigkeit erahnend, die Dinge an die Hand genommen, und noch heute bin ich ihm dafür dankbar. Das Feuer knistert, und sogar das Wasser kocht schon. Schnee zum Schmelzen zu holen kommt einem Unternehmen gleich: Schuhe anziehen, hinausgehen, ein Stückweit von der Hütte fort, um sauberen Schnee zu finden, dann zurück mit dem gefüllten Eimer oder den Kannen - und wieder die bekannte Treppe hinunter. Dazu jedesmal die Enttäuschung, dass so viel Schnee derart wenig Wasser ergibt.

Nachdem der Verwundete versorgt, ein anderer massiert ist, die Kleider aufgehängt und die Betten gerichtet sind; als schliesslich auch die Petroleumlampe brennt und alle um den gedeckten Tisch sitzen, wird dieser Ort mit seinen Farben, Gerüchen und seiner Atmosphäre zu einer brüderlichen Heimstatt, die man für das Wohlbehagen einiger Bevorzugter errichtet hat. Und da ist schon die dampfende Gemüsesuppe. Ihr folgt - als Gipfel der Genüsseein Topf voll Reis und für jeden ein Steak, wirklich, ein gutes dickes Pfeffersteak in dieser verlassenen Hütte auf fast 3000 Metern. Jeder hat das Seine beigetragen: Mascotte die Bratpfanne geschwungen und Jean-Pierre die acht fein säuberlich eingepackten Steaks, die jetzt mit Andacht verzehrt werden, heraufgetragen. Andere haben draussen Schnee geholt, und Hans hat Holz gespalten, Suppe, Reis und Tee gekocht, gute Laune verbreitet, alle aufgerichtet und ermuntert, Vorkehrungen für die Nacht getroffen und die Etappe des nächsten Tages vorbereitet.

Unsere eng aufgeschlossene Gruppe im Aufstieg zur Ebnefluh.

Es folgt das Geschirrspülen ( an das ich mich überhaupt nicht mehr erinnere ), Schneeholen und Wasserbereiten für das Morgenessen, Beschwörung vergangener Erlebnisse, Geschichten... Aber zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bereits hingelegt und bin in die Welt des Schlafes hinübergedämmert. Die anderen sind mir dann bald gefolgt. Der Himmel scheint klargefegt, eine letzte Pfanne summt auf schwacher Glut. Knarren, Seufzer, Niesen, erste Schnarcher. Mutthornhütte in einer Aprilnacht...

Mittwoch, 20. April. Strahlend schön, ausgiebiges Morgenessen, gute Kondition. Wir verlassen schnell die Hütte und steigen frisch und munter zum Petersgrat auf, erreichen mühelos seinen höchsten Punkt ( 3205 m ). Es ist wie ein Rausch: das Morgenlicht, die Strah-lenexplosion der aufgehenden Sonne und die leuchtenden Gipfel, alle diese italienischen und französischen, diese Walliser und Berner Viertausender. Das Panorama ist klassisch und grandios; sicher: ein Ansichtskartenpa-norama. Aber jedesmal wieder ergreifend und stets schön. Man wird seiner nicht müde, staunt, verkündet seine Bewunderung lauthals - und verfällt wieder in Schweigen.

Die Abfahrt vom Petersgrat zur Fafleralp ist wunderbar, manchmal allerdings auch nicht ganz ungefährlich. Hier erleben wir einen anderen Rausch; den der Abfahrt über grosse, weite Hänge, der ausschwingenden, in einen traumhaften Schnee gezeichneten Arabesken. Dann fällt der Hang steiler ab, der Weg in die Schlucht des Uisteretales wird mühsamer: häufige Halte, der Schnee zunehmend schlechter - aber noch sind wir vom Glanz der Gipfel erfüllt und kommen begeistert auf der Fafleralp an.

9.30 Uhr: Fafleralp - verschneit und sonnengebadet. Ihr könnt es Euch vorstellen! Wir alle kennen diese Farbbilder: Berge im Glanz der aufgehenden Sonne, ein Fluss mit rauhreif- überpuderten Ufern, gebräunte Chalets. Ihr seht es vor Euch? Und genau so ist es, und wir sind hier, und es ist schön, und wir werden sicher wieder zurückkehren!

Unser nächstes Ziel ist die Lötschenlücke mit der Hollandiahütte, die dort auf 3235 Metern Höhe thront. Von der Freude des Petersgrates und der Fafleralp belebt, mit leichter Seele, fröhlichem Herzen und gelockerten Muskeln bringe ich diesen Aufstieg hinter mich, ohne einmal auf den Höhenmesser oder auf die Uhr zu sehen. Ein für allemal habe ich nun den Rhythmus des Führers übernommen, setze meine Ski unmittelbar hinter die seinen. So kommt man gleichmässig voran und bleibt offen für alles, was in und um uns geschieht. Es ist ein merkwürdiges Phänomen, das ich nur beim Steigen mit Fellen kennengelernt habe: Man fühlt sich mitgerissen, fast getragen vom Ersten an der Spitze. Und wenn sich die Spur verliert, löst man sich gegenseitig in euphorischer Anstrengung beim Spuren ab.

Ich werde vom Langgletscher eine lichterfüllte Erinnerung bewahren, und das, obgleich wir bei unserer Ankunft grosse, nichts Gutes verheissende Nebelschwaden herabkommen sehen. Der Aufstieg wird steiler, die Kolonne länger. Der Führer entscheidet, die Seile herauszunehmen, sowohl aus Sicherheitsgründen als auch, um uns zusammenzuhalten. Unsere gestrige Ankunft in der Mutthornhütte, die völlig aufgelöste Gruppe, haben bei ihm einen Nachgeschmack von Unordnung hinterlassen...

So kommen wir dann auf dem Dach der Hollandiahütte an, ohne sie vorher gesehen oder auch nur erahnt zu haben.

Seit ein oder zwei Tagen falle ich von einem Entzücken ins andere, und diese Hütte ruft neues, wenn auch etwas anders gelagertes Entzücken hervor. Was ist der Grund? Luxus in einer Hütte wird nicht durch die Küche, die Schlafgelegenheiten oder den Keller geschaffen; Luxus besteht vor allem in Platz und Raum. Die Hollandiahütte ist reichlich damit versehen: eine gut geschützte Aussenterrasse, ein grosser Raum für Ski, Steigeisen, Pickel. Im Zwischengeschoss viele Kästen für die Schuhe, ein grosser Essraum und eine gut eingerichtete Küche. In den oberen Stockwerken grosszügig bemessene Schlafräume mit Blick auf den Konkordiaplatz schönen Betten, mit Tischen, Stühlen. Platz für die Rucksäcke und viele Trockenleinen. Grossartig! Platz, eine Menge Platz, ich sage Euch: luxuriös!

Ganz besonders müssen die sanitären Einrichtungen erwähnt werden: Die Toiletten sind hier im Innern des Hauses untergebracht, ebenso wie bei der Mischabelhütte und sicherlich noch andernorts. Zu Zeiten, wenn unsere Hütten - glücklicherweise - von ganzen Familien besucht werden, beide Geschlechter also gleichzeitig anwesend sind, ist das ausserordentlich angenehm. Dieser Punkt sollte sogar bei jedem Neubau einer Hütte im Pflichtenheft stehen. Die Hollandiahütte ist der ganze Stolz ihrer Besitzerin, der Sektion Bern, der auch die Wildstrubelhütte gehört ( deren Umgebung von Exkrementen übersät ist, weil - wir haben es gesehen - die Toiletten zu weit entfernt sind ). Ehe man verurteilt und verdammt, sollte man allerdings die Lage gesehen und die Verhältnisse verstanden haben.

Zurück zum Speiseraum, um das Essen des Hüttenwarts zu geniessen, dessen herzlicher Empfang auch das kummervollste Gemüt aufrichten könnte. An diesem April-Mittwoch sind kaum Besucher in dem hellen und weiten Raum. Eine glückhafte Ruhe durchdringt uns, so dass die Ereignisse des März ihre Schärfe verlieren, ohne doch völlig aus unserer Erinnerung zu verschwinden. Flaschen und Gläser tauchen unvermutet auf, erklingen im Gelächter, während der Sturm vor den Fenstern heult und die karierten Vorhänge tanzen lässt.

Platz, Zeit, Fragen, Geständnisse, Erinnerungen. Gute Nacht!

Donnerstag, 21. April. Sturm, Schnee und Nebel vom Morgen bis zum Abend. Grossartig! Die Nase nicht aus der Tür gesteckt! Entspannung, Lektüre, Spiele; Karten an jene im Spital, die nicht dabei sein können. Kurs über Seile, Knoten, Sicherungstechnik und Ret-tungstheorie. Gelegenheit, den Komfort der Hütte noch besser zu würdigen: Wir fühlen uns hier zu Hause und richten uns für die zweite Nacht ein.

Und morgen? Lassen sich bei diesem Wetter überhaupt Pläne schmieden...?

Freitag, 22. April. Tagwache bei Morgengrauen. Der Sturm hat sich gelegt, doch dichter Nebel hüllt uns ein. Unter diesen Umständen ist es unmöglich, die Hütte zu verlassen. Also weiterschlafen - wenigstens für ein oder zwei Stunden.

Jetzt sind wir alle um den Tisch versammelt, geniessen unser Morgenessen, ehe die Stunde der Überlegungen und Entscheidun- gen kommt. Das Programm sah für diesen Freitag eine lange Etappe mit einem bedeutenden Gipfel ( Finsteraarhorn oder Gross Wannenhorn ) und die Übernachtung in der Oberaarjochhütte vor. Am folgenden Tag dann nicht etwa Abfahrt zur Grimsel - das galt als zu uninteressant - sondern Rückweg über das Goms mit einer tollen Schlussabfahrt nach Münster.

Die Wetterlage entscheidet anders. Die Voraussagen für das Wochenende sind für das ganze Gebiet schlecht. Mit der Abfahrt zum Konkordiaplatz liefen wir Gefahr, Samstag oder Sonntag in der Falle zu sitzen. Es wäre ausserdem möglich, dass wir noch einen weiteren Tag in der Hütte bleiben müssten und nicht am Sonntagabend nach Hause zurückkehren könnten. Diese realistischen Feststellungen, zusammen mit einer schüchtern geäusserten Freude, noch heute abend wieder daheim zu sein, sind stärker als alle seinerzeit im Eifer der Vorbereitung gemachten Pläne.

Also dann ist Schluss? Wir fahren nach Blatten ab?-Ja...

...Nein! In diesem Augenblick reisst tatsächlich der Nebel auf, und vor uns liegt eine im Neuschnee glitzernde Landschaft unter einem Himmel, so blau wie in den ersten Schöpfungstagen. Es ist überwältigend! Aber angesichts der Wettervorhersage bleibt der Plan zur Rückkehr bestehen. Das schöne Wetter wird nur kurz anhalten.

Doch unser Führer findet trotzdem noch ein Zückerchen für seine betrübte Schar: Er wird uns zur Ebnefluh ( auf der Karte heisst es Äbeni Flue !) führen, mit 3962 Metern fast ein Viertausender. Der Plan wird sofort angenommen. Wir sind schnell bereit - mit reduziertem Gepäck-, und schon geht es einem ausserordentlichen, freudvollen Erlebnis entgegen. Diese Aufstiege mit Fellen bei schönem Wetter im Pulverschnee sind einerseits so oft von Berufeneren geschildert worden und sind andererseits - paradoxerweise - so einzigartig, dass sie unbeschreibbar werden...

Nach einigen kurzen Stunden höchsten Wohlbehagens sind wir auf dem Gipfel. Verrückt! Das Panorama, die Sonne, die ganze Gruppe voller Seligkeit. Dem lässt sich nichts mehr beifügen...

Eins doch noch: Die Entdeckung dieses merkwürdigen Konkordiaplatzes zu unseren Füssen, mehr als tausend Meter unter uns. Ein wahrlich eindrucksvoller Kreuzungspunkt dreier Gletscher, der zum Ursprungsort eines vierten, des majestätisch sich talabwärts er-giessenden grossen Aletschgletschers, wird.

Doch wir müssen aufbrechen, dem Finsteraarhorn und allen Plänen den Rücken kehren. Bis zum heutigen Morgen haben unsere Rucksäcke uns stets begleitet, diesmal sind wir von ihnen befreit, und das ist nun wirklich etwas ganz anderes! Der Hang bietet keine Schwierigkeiten, wir schreiben unser Vergnügen mit seidigen Zeichen in den Schnee.Viel zu schnell sind wir wieder in der Hütte und packen unsere Sachen für den endgültigen Abschied zusammen.

Lötschenlücke und Abfahrt zur Fafleralp in immer schwererem, schmelzendem, wässerigem Schnee. Fafleralp - Blatten: noch schlimmer, aber jetzt ist ohnehin Schluss. Wir sind froh, dass wir unsere Ski nicht tragen müssen, sondern im Anhänger des Postautos verstauen können. Nicht viel Worte bis Goppenstein, wo wir uns etwas erholen, ehe es nach Brig weitergeht.

Und dann im Bahnhof von Brig entdecken wir plötzlich, wie wir am Ende dieser Woche aussehen: erschöpft, zerzaust, verwildert, bärtig. Übrigens hat einer seinen Bart beibehalten, der seitdem prächtig gedeiht.

Abschlussessen in einer Wirtschaft in Brig, Abrechnungen, erste Kommentare, Gedanken an die Verunfallten, eine Flasche, noch eine, und dann ist alles zu Ende.

Sieben Apriltage auf Ski im Gebirge: wie viele Stunden, wie viele Kilometer, wie viele Höhenmeter? Muss wirklich alles gestoppt, gezählt und gemessen werden? Gibt es nichts Wesentlicheres als Zahlen? Jeder wird sich seine eigenen Erinnerungen, seine Schwierigkeiten und Freuden bewahren, die sich von denen der anderen unterscheiden. Es wird sicher Photos geben und gewiss auch Wiedersehen. Schatten und Licht, alles Erlebte, Mühen und Freuden werden uns noch lange vor Augen sein und in unserm Innern bewahrt bleiben.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

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