Schattenspiel um die Lenzspitze

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Mit 2 Bildern.

Von Walther Zollikofer.

Über der Almageieralp strahlt heller Sonnenschein, und es ist zu erwarten, dass sich auch drüben über Saas-Fee die Schleier lichten und den Blick auf die Mischabelgruppe freigeben. Vom regnerischen Vortage her ist der Feegletscher in Wolken gehüllt, und nur ab und zu tauchen die höchsten Spitzen aus der grauen Masse ins Sonnenlicht, um jeweilen rasch wieder zu verschwinden. Auch auf dem Rückwege, auf der Strasse nach Saas-Fee, bleiben sie verdeckt. Erst als die letzten Sonnenstrahlen am Fletschhorn aufleuchten, treten auch Lenzspitze und Nadelhorn nochmals durch die Nebelschicht, aber sie zeigen sich in fantastischer Höhe. Doch schon nach wenigen Augenblicken kommt tiefer als die beobachtete Bergform und von jener konzentrisch umschlossen der wirkliche Felsgrat zum Vorschein. Ist der wirkliche Grat deutlich zu erkennen, verblasst die ihn umgebende Silhouette, verschwindet er hinter den Wolken, erscheint sie neuerdings in ausgeprägter Form. Wir Beobachter ob Bodmen ( Str.v.Almagei Schattenwirkung auf die Wolke Horizont des Beobachters 1850 "

haben es mit einem Schattenspiel zu tun, das ich in zwei Bildern photographisch festhalten konnte und das ich mir folgendermassen erkläre.

Die Sonne steht bereits unter dem Horizont, ihre Strahlen streichen in sehr schwacher Neigung über die Lenzspitze, 4300 m, und werfen deren Schatten auf eine Nebelbank, die zwischen ihr und dem Beobachter hängt. Eine solche Schattenerscheinung über dem Grate ist nur möglich, weil die Mischabelgruppe den Standort des Beobachters wie auch die Geländeerhebungen gegen Sonnenuntergang stark überhöht. Die relative Durchsichtigkeit der Nebelschicht ermöglicht es dem Auge, das Schattengebilde zu erfassen, gerade so wie ein Projektionsbild auch hinter der Leinwand wahrgenommen werden kann. Im übrigen entsteht das Schattenbild unter denselben Voraussetzungen wie das bekannte Brockengespenst, unterscheidet sich aber von jenem, dass es dem Beobachter im Gegenlichte erscheint.

Die beiden Bilder sind in einem Zeitabstand von etwa zehn Minuten von demselben Punkte aus aufgenommen, sie sind also masstäblich in Übereinstim- mung. Bild 2 zeigt die Lenzspitze deutlich in etwa anderthalbfacher Höhe, was dem tiefern Sonnenstande gegenüber Bild 1 entspricht. Ebenso ist mit fortschreitendem Sonnenbogen eine seitliche Verschiebung der Schattenspitze zu erkennen.

Die interessante Naturerscheinung, die ich am 13. August 1936 von Bodmen an der Almageierstrasse beobachten konnte und die sich in wechselnder Deutlichkeit vom Dom bis zum Nadelhorn erstreckte, dauerte gegen eine halbe Stunde. Trotzdem habe ich nicht in Erfahrung bringen können, dass sie noch irgendeinem der vielen Spaziergänger aufgefallen wäre.

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