Scheidegg-Wetterhorn über die Westkante

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Erstbegehung am 24. Juni 1945 durch Edwin Krähenbühl, Bern,

Von Edwin Krähenbühl

und Bergführer Jakob Pargätzi, Grindelwald Mil 1 Bild ( 180Wabern-Bern ) Seit der Erstbesteigung des Scheidegg-Wetterhorns durch die Nordwand im Jahre 1929 fesselte mich das Wetterhorn stärker als irgendein anderer Berg. Als zehnjähriger Bub wanderte ich damals gerade mit meinen Eltern über die Grosse Scheidegg. Dichtgedrängt umkreisten die Touristen das Fernrohr, das auf die Seilschaft Finzi-Knubel-Biner hoch oben in der Wand gerichtet war. Dieser Anblick beschäftigte mich während des ganzen Abstieges nach Grindelwald zutiefst, und immer wieder fragte ich meinen Vater nach den Gründen solcher gewagter Unternehmungen.

Im Spätsommer des vergangenen Jahres erkletterte ich mit meinem Bruder und einem weiteren Mitglied des akademischen Alpenklubs Bern das Wetterhorn auf der Finzi-Route. Eine Woche zuvor hatte der Bergführer Pargätzi aus Grindelwald mit dem Einheimischen Schild in der oberen Wandhälfte einen neuen Weg gefunden. Die Partie folgte, nach dem langen horizontalen Quergang nach links und der anschliessenden Steilstufe, dem östlichen Begrenzungsgrätchen des Nordwanddreieckes bis auf den Gipfel des Scheidegg-Wetterhornes. Diese Variante ist zu empfehlen, weil dabei die steinschlaggefährdete Felsmulde zur Linken und die schuttbedeckten Felsen der Ostflanke gemieden werden können. Nach Aussagen von Bergführer Pargätzi soll dieses Grätchen keine ausserordentlichen Schwierigkeiten bieten.

An Stelle des Querganges nach Osten die Westkante zu erreichen, um über sie den Aufstieg zu versuchen, schien uns damals ein allzu gewagter Plan zu sein, wussten wir doch, dass dort schon bekannte deutsche und italienische Kletterer einen erfolglosen Kampf geführt hatten.

Während der letzten Winterferien in Grindelwald traf ich einmal Pargätzi unterhalb der Kleinen Scheidegg. Im Verlaufe des Gespräches kamen wir auf das Wetterhorn zu reden, das sich stolz vom blauen Winterhimmel abhob. Am Abend des gleichen Tages kamen wir bei einem Glase Wein in der Gydisbar in Grindelwald überein, im folgenden Sommer die Westkante des Wetterhorns zu versuchen.

Nach einer Rekognoszierungstour anfangs Juni traf ich Pargätzi am 23. Juni auf der Grossen Scheidegg. Bis spät in den Abend hinein lagen wir westlich des Berghauses auf einem kleinen Hügel und schauten unsere Aufstiegsroute besprechend in die Wand hinauf.

Anderntags verlassen wir um halb 3 Uhr das Hotel und erreichen in dreiviertel Stunden den Einstieg in die Wand. Im Mondschein seilen wir an, und im ersten Lichte des anbrechenden Tages durchklettern wir den untersten Kamin. Im Gegensatz zum letzten Herbst liegt noch viel Schnee, der uns jedoch erlaubt, rasch über die sonst schuttbedeckten Bänder am Fusse der steilen Steilstufe aufzusteigen. Wo diese Stufe links keilförmig ausläuft, biegt die Route Finzi-Knubel-Biner scharf nach rechts und führt oberhalb der erwähnten Steilstufe durch, anfänglich steil ansteigend, dann fast horizontal auf abwärtsgeschichteten Platten. Die nächste steile Wandzone, die von links nach rechts stark an Wuchtigkeit abnimmt, wird westlich durch zwei grosse Kamine unterbrochen. Das rechtsgelegene vermittelt den Aufstieg auf eine breite Terrasse. Hier begann die Seilschaft Finzi-Knubel-Biner den langen Horizontalgang nach links, um das senkrechte Wanddreieck östlich zu umgehen. Wir dagegen klettern in westlicher Richtung weiter auf eine kleine Scharte der Westkante zu, die sich am Fusse des senkrechten Grataufschwunges befindet.

Die folgenden Plattenwülste belehren uns eindrücklich, dass hier der direkteste Weg nicht der schnellste ist. Schon nach wenigen Seillängen müssen wir weit nach links ausholen, bis abschüssige Bänder wieder gegen die Westkante hinaufleiten. Ein schluchtartiges Couloir mit nassen und glatten Wänden bildet die erste ernsthafte Schwierigkeit. Besonders der Ausstieg oben ist heikel und erfordert einen Sicherungshaken. Zu diesem Zwecke entnimmt Pargätzi meinem Rucksack — reichlich spät und in exponierter Stellung — Hammer und Karabiner. Dabei fällt meine geliebte Pfeife mitsamt dem Tabakbeutel heraus und verschwindet 20 Meter weiter unten im trichterartigen Loch eines Schneekegels. Da ich kurzerhand erkläre, ohne Pfeife nicht weiterzuklettern, seilt Pargätzi in den Trichter hinunter ab und lässt sich dann mit der Pfeife im Munde von mir hinaufziehen.

Einige Meter weiter oben finden wir einen verrosteten Mauerhaken mit einer verwitterten Seilschlinge. Er zeugt vom Rückzug einer deutschen Seilschaft, die schon in den letzten dreissiger Jahren diesen Aufstieg versucht hat. Neuerdings müssen wir auf abschüssigen Platten nach links queren. Am Fusse der gelblichen und vollkommen senkrechten Wand gelingt es uns, das von unten gut sichtbare Band zu erreichen, das in die oben erwähnte Scharte der Westkante hinüberleitet. Wenige Minuten später gönnen wir uns hier im Windschutze eines Steinmäuerchens — der Biwakstelle der deutschen Alpinisten — die erste und gleichzeitig letzte Rast des Tages.

Von der Kanzel rechts der Scharte aus versuchen wir die Erkletterung des folgenden Kantenaufschwunges festzulegen. Ein direkter Aufstieg oder eine Umgehung in die Nordseite scheinen aussichtslos zu sein, da die Flanke stellenweise ohne jegliche Gliederung und die Kante selbst oben überhängend ist. Die einzige Möglichkeit besteht somit westlich der Kante.

Nach einem Abseilmanöver in die Westflanke hinab gelangen wir unter einem Felswulst durch zu einer kurzen Verschneidung. Anschliessend klettern wir an einem Wändchen höher bis zu den letzten Haken der Deutschen. Hier haben sie offenbar nach dem Versuch, direkt weiterzusteigen, eine erfolglose Umgehung nach links begonnen und mussten schliesslich in die Scharte zurückseilen. Mit Hilfe von Haken arbeiten wir uns zu einem Kamin empor. Ungefähr 80 Meter hoch durchzieht dieser sich oft zu einem Riss verengernd die senkrechte Kalkwand. Über meinem Kopfe zwängt Pargätzi seine rechte Körperhälfte in den Riss hinein und stemmt sich mühsam Meter um Meter höher. Erst nach 30 Metern kann er einen Sicherungshaken eintreiben. Mit dem letzten Krafteinsatz wechseln wir vom Kamin unter seinem über- dachenden Ende in ein Couloir hinüber. Die Steilheit nimmt hier etwas ab, doch bleiben die Schwierigkeiten bedeutend. Noch vor Erreichen der Kante oberhalb des Steilaufschwunges ereilt uns ein erster Gewitterregen. Die Überzeugung, dass die Hauptschwierigkeiten hinter uns liegen, ermutigt uns, trotz Regen und Wind den Aufstieg ohne Rast fortzusetzen.

Die folgenden zwei Grataufschwünge können flüssig überklettert werden. Auf einer Höhe von ungefähr 2900 Metern bäumt sich die Kante neuerdings jäh auf. Auf der Nordseite umgehen wir über griffarme Platten einen Gratturm. Sein Nachbar dagegen lässt uns nur bis unterhalb seinem nach allen Seiten hin ausladenden Kopf hinaufklettern. Dann hangeln wir an wackeligen Platten auf eine Plattform hinüber. Die Müdigkeit gestattet uns keine kräfteraubenden Klimmzüge und Spreizschritte mehr. So seilen wir 30 Meter in die Südflanke ab und können uns nach starken Pendelbewegungen in einem seitlichen Couloir festklammern. Dieses führt uns in die Scharte zwischen dem letzten Turm und dem Gipfelaufbau hinauf. Schon während des Abseilens hat das Hagelwetter mit grösster Heftigkeit neu eingesetzt. Vollkommen durchnässt steigen wir rechts ausholend über Schneereste und schuttbedeckte Bänder zu den Schlussfelsen empor und betreten abends 19 Uhr den Gipfel des Scheideggwetterhorns. Nicht einmal hier oben ist uns eine Rast vergönnt. In unmittelbarer Nähe schlagen die Blitze ins Gestein ein. Auf der Aufstiegsspur gelangen wir in die letzte Scharte der Westkante zurück. Ein Felsloch vermittelt den Quergang in ein südlich gelegenes Couloir. Nach 30 Meter freien Kletterns richten wir mit den letzten arg ver-hämmerten Felshaken noch zwei Abseilstellen ein. An den nassen und steifen Seilen lassen wir uns in eine Scharte der südlichen zur Westkante parallel verlaufenden Felsrippe hinab.

Die Schwierigkeiten sind hier zu Ende, doch droht uns die Nacht vor Erreichen der Glecksteinhütte zu ereilen. Ohne Sicherung durchqueren wir die Felsmulde, die uns vom Hühnergutzgletscher trennt. Wir sind froh, im weichen Firnschnee die Spuren von Klubkameraden vorzufinden. Sie haben das Wetterhorn über den durch fixe Seile arg verunstalteten Westgrat bestiegen und sind über den Nordgrat in die Glecksteinhütte zurückgekehrt. Im letzten Tageslicht suchen wir uns den Weg auf den Krummengletscher hinunter. Die folgenden Rutschpartien im nassen Schwimmschnee erleben wir wie im Traum, und nur das Stolpern über Eisschollen und Steine bringt uns wieder in die volle Wirklichkeit zurück.

Kurz nach 9 Uhr abends empfangen uns die Kameraden in der Glecksteinhütte. Während ich meine verspätete Gipfelpfeife rauche, dreht Pargätzi unermüdlich an der Kurbel des Hüttentelephons, ohne jedoch die ersehnte Verbindung mit dem Tale herstellen zu können. So bleibt uns nichts anderes übrig, als sofort nach Grindelwald abzusteigen. Eine Stunde nach Mitternacht öffnet uns Frau Pargätzi die Haustüre zu ihrer Wohnung neben dem Hotel Schweizerhof. Stundenlang hat sie tagsüber hinaufgespiegelt ans Wetterhorn, bis die Gewitterwolken die Westkante eingehüllt haben.

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