Schicksal oder Bewahrung?

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Robert Baumgartner, Zollikon

Es ist wohl so, dass wir Bergsteiger infolge unserer Leidenschaft für die Bergwelt den Mächten und Gewalten der Natur besonders ausgesetzt und preisgegeben sind. Ist's Schicksal, das uns oft blitzartig streift? Ist's Bewahrung durch höhere Hand? Wie wir den Bergen begegnen, wie wir uns bewähren, gehört mit zu unserer geistigen Ausrüstung.

August 1923. Wir waren wieder einmal gerüstet zu frohem Tun, uns an die eigenwilligen Felszacken, das kühne Schreckhorn, zu wagen. Wir, das heisst, meine Frau und ich, und da die Zeit der « Führerlosen » noch nicht gekommen war, wollte ein munterer Haslitaler uns unter seine Fittiche nehmen.

Wir hatten Pech. Auf dem Weg zum Strahleggpass schlug das Wetter um, und wir waren genötigt, über den Pass der Grimsel zuzusteuern. Auf der andern Seite aber hing eine grosse, dicke Schneewand wie ein Teppich über die Felsen herab und endete in einem weit offenen Bergschrund. Würde diese Schneewand wohl festhalten? Wir sprangen etliche Meter tief, eins nach dem andern, landeten in allen Variationen und rüsteten uns zum Weitergehen. Da - ein Ruf! Die ganze Wand war in Bewegung geraten und kam auf uns zu, die wir schleunigst die Flucht ergriffen. Schnee, Eis, Steine stürzten hernieder, und wir schienen einem schlimmen Schicksal preisgegeben. Jedoch im letzten Augenblick drehte, wie von unsichtbarer Hand geleitet, der Strom ab, und wir waren gerettet.

Es sollte aber noch schlimmer kommen. Des immer noch bedrohlichen Wetters wegen - wir hatten im alten Grimselhotel übernachtet - entschlossen wir uns fürs Nägelisgrätli und den harmlosen Galenstock mit Abstieg zur Furka. Hätten wir unsere sieben Sinne zu Rate gezogen und den Himmel besser konsultiert, so wäre uns die blauschwarze Wolkenwand, die sich so bedrohlich vom Gotthard her näherte und nichts Gutes verhiess, eine Warnung gewesen. Schon sitzen wir nämlich mitten drin in einem wahren Hexenkessel. Es beginnt damit, dass meine Frau sich nach den Haaren greift, in der Meinung, ein Wespenschwarm habe sie überfallen. Es sind aber lauter elektrische Entladungen, unheimlich und lebensgefährlich, und wir können nichts anderes tun als uns niederkauern und alles Metallene fortwerfen. An Ohren, Haaren und Fingern, um Spitzen und Kanten, am Pickel und Gürtel surren die ungebetenen Gäste. Dann entlädt sich ein fürchterliches Hagelwetter, dass wir wohl meinen, unser letztes Stündlein sei gekommen. Blitz folgt auf Blitz, Donner auf Donner, ununterbrochen, und es wird schier Nacht um uns. Den Gipfel, ob er auch nahe ist, haben wir uns längst aus dem Sinn geschlagen. Stattdessen trachten wir möglichst rasch in den Sattel abzusteigen, wo wir unseren Proviant und unsere Kleider deponiert haben, und dann die Furka zu erreichen. So kann ein « harmloser » Berg zu einem Berg des Schreckens werden, und unser Haslitaler hatte nicht unrecht, wenn er fand, wir hätten wohl das Schreckhorn verpasst, wären aber doch auf einem Schreckhorn gewesen. Erschöpft und kleinlaut betraten wir das Gasthaus, völlig durchnässt und körperlich und seelisch mitgenommen. Das Bewusstsein, dem Tod begegnet zu sein - wir waren damals jung verheiratet, und zu Hause wartete unser Töchterlein auf seine Eltern -, liess uns einmal mehr unsere menschliche Nichtigkeit, aber auch unsere Verantwortung uns selber und unseren Mitmenschen gegenüber erkennen. Als wir am folgenden Morgen durchs Urserental wanderten — unser Weg endete erst am Lago Maggiore —, waren wir um tiefgründige Wandergespräche nicht verlegen.

Übrigens sollte uns, allerdings viel später, ein weiteres Erlebnis ähnlicher Art wiederum die Macht der Naturgewalten offenbaren. Wir hatten unvergesslich schöne Vorfrühlingstage im alten Männlichen-Gasthaus ob Wengen verlebt. Freund Schlunegger hatte uns Skistunden erteilt, und zum Abschluss wollten wir mit ihm die Eis-meer-Abfahrt unter die Bretter nehmen, von der Station Eismeer der Jungfraubahn aus über den Zäsenberg nach Grindelwald. Unterwegs schlössen sich uns zwei Berner Studenten an, die des Weges unkundig waren. Alles ging gut; der Himmel war wolkenlos, die Schneeverhältnisse schienen ausgezeichnet, die Gletscherwelt prangte in vollkommener Pracht: hinter uns der felsige Eiger, zur Rechten die blanke Fiescherwand, vor uns die zügige Abfahrt auf den unteren Grindelwaldgletscher durch den Engpass zwischen Eiger und Wellhorn. Zu rasch entschwindet die Herrlichkeit wie ein Traum. Auf dem Zäsenberg gibt 's allgemeinen Halt. Imbisspause. Doch die beiden Studenten drängen; sie wollen am selben Abend noch in Bern sein. Jedoch, so meint unsere Reisegefährtin, sie müssten doch zuerst ihren selbstgebackenen Cake versucht haben. Die Jungen lassen sich das nicht zweimal sagen. Und dann - sind sie bereits in der Tiefe verschwunden, zwei kleine Pünktlein in der mächtigen Gletscherwelt. Im selben Augenblick stürzt von der Eigerwand unter gewaltigem Getöse eine mächtige Eislawine in den Engpass nieder, mit Eis, Schnee und Steinen meterhoch die Piste zudeckend. Der erste Gedanke: Wo sind unsere Studenten? Unserer Berechnung nach mussten sie mitten in die Lawine geraten sein. Ein wahrhaft gütiges Geschick hat sie bewahrt. Keine fünfzig Meter weiter, und sie wären dem Tod kaum entronnen. Statt dessen hat sie der Windstoss wohl umgeworfen und ihnen einen gehörigen Schock versetzt; aber sie kamen ohne jedweden Schaden davon. Gemeinsam haben wir den Weg über die Trümmer der Lawine fortgesetzt, auf denen zuoberst eine tote Gemse lag. Einige Tage später hat uns der Postbote einen schönen Blumenstock abgegeben: « Zum Dank für den Cake und die gütige Geberin, die uns das Leben gerettet hat ».

Der SAC hat sich in den letzten Jahren mit besonderem Eifer des Rettungswesens angenommen. Mit Recht. Zu retten ist elementarste Pflicht und ein Urbedürfhis des Menschen; einen Kameraden aufgeben zu müssen gehört zum Tragischsten, was man erleben muss.

Selbst die Tierwelt scheint darum zu wissen. Wir kamen vom Gifferhorn ( ob Lauenen ). Das ist ein eigenartiger Berg. Er bildet zuoberst gleichsam eine offene Arena, rundum Felsen mit einer Lücke als Felsentor. Durch dieses recht enge Tor pflegte jeweils eine Schar Gemsen ihr Läger zu verlassen oder aufzusuchen. Wir hatten sie oft aufgesucht und beobachtet: die Jungen, auf den Schneeresten fröhlich sich tummelnd, die « Mittelalterlichen », nach saftigen Kräutlein suchend, die Alten, wachsam äugend, und wir hatten uns auch diesmal nahe dem Eingang leise niedergelassen. Es ging denn auch nicht allzu lange, da stand ein mächtiger Gemsbock vor uns Verdutzten, selber aufs tiefste erschrocken, hinter ihm seine ebenso erschrockene Gattin und hinter ihr zwei ältere und zwei Jungtiere. Wir hielten schier den Atem an. Was geschieht nun? Ein Schreckensruf - ein Sprung - und alle sechs sind wie die wilde Jagd verschwunden, an uns vorbei durchs Felsentor dem Läger zu. Doch nein, nicht alle. Das Jüngste, das Kitzchen hat den Sprung nicht gewagt. Kläglich jammernd und meckernd, zappelt es hin und her, her und hin, den Blick andauernd auf seinen Feind, den Menschen, gerichtet, den gefährlichen Fremdling. Und wir? Wir verhalten uns mäuschenstill. Was wird geschehen? Kaum einige Meter von uns entfernt, schleicht sich -nicht etwa der Vater, nicht der stramme Bruder -die Mutter, wenn auch angstvoll zitternd, an uns vorbei, zurück zu ihrem Jüngsten, und wie sie es erreicht hat, leckt sie ihren Sprössling zärtlich und führt ihn auf einem höheren Felsenpfad ins sichere Läger zurück. O Wunder bewahrender Mutterliebe!

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