Schilthornbrief

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Mit 2 Bildern.

Lieber Freund 1 Kennst Du das Rotbrett, jene Riesenfluh an der Nordseite der Jungfrau, die vom Goldenhorn und dem Firnschild des Silberhorns in einer lotrechten Flucht das Nordwestbollwerk der Jungfrau beherrscht? Doch! Hast ja selbst einmal gesagt, im ganzen Alpengebiet wüsstest Du keine Wand, so spiegelglatt und so monumental. Schon in meinen Bubenjahren habe ich darüber nachgesonnen, warum das Rotbrett gegen oben schwarze Strähnen hat. Diese dunklen Flecken, die so gespensterhaft in das braunrote Fluhbild hinein-klecksen, haben mir oft zu denken gegeben. Ein Besuch des Schwarzmönch-massivs vor wenigen Jahren hat dann dieses Geheimnis enthüllt1 ).

Das Rotbrett ist nämlich derart überhängend, dass die triefenden Schmelzwasser nicht über die ganze Wand zu sickern vemögen, sondern einfach von der Fluh sich lösen und dann senkrecht fallen. Diese Wassertropfen erreichen den Boden etwa 20 Meter von der Wand entfernt. Es handelt sich hier also um Rinnsteinfarbe. Jahrtausende rannen diese Wässerlein über die Wand, malten diese Rinnsteinfarbe ihr an und polierten dann weiter unten auch noch die Strählplatten, die einst schon ein Gletscher gehobelt hat. Wäre diese Wand ein Spiegel, so dachte ich oft, würde in ihm von Murren aus die lange Jurakette sichtbar sein, als ob man vom Gipfel des Silberhorns Ausschau hielte.

Und noch mehr 1 Ich könnte von meinem Heim in Murren aus die Richtung bestimmen, wo weit über die Grenzen hinaus Länder und Städte sich dehnen und wo allenthalben Freunde nach den Bergen sich sehnen. So würde ich in diesem Spiegel auch Dein Städtchen herausfinden. Und Du wieder könntest ans Fenster treten, um im gleichen Spiegel zu mir zu blicken und in weich gezeichneten Linien die Route herausfinden, über die mich der heutige Tag zum Gipfel des Schilthorns führte.

Über diese Winterbesteigung will ich Dir jetzt berichten.

Als ich heute früh das frostige Fenster aufriss, um nach den Sternen auszuschauen, blitzte gleichzeitig die elektrische Eisbahnbeleuchtung auf und goss eine Flut von Strahlen über die Südhänge des Almihubels und bis zum Mürrenbirg hinauf. Diese plötzliche Lichtfülle würdest du bestimmt im Spiegel bemerkt haben. Mein Auge war geblendet, und ich trat hinaus ins Freie, um irgendwo im Lichtschatten das Wetter zu prüfen. Es war kalt; der Himmel voller Eisnadeln versprach aber einen Glanztag von seltener Pracht. Über den Bergen liegt noch nicht sonderlich viel Schnee. Seit Wochen erwartet man den grossen Niederschlag, der Zäune und Buschwerk eindecken soll.

Wenige Stunden später stand ich auf 2400 Meter, am Eingang zum Engital. Ein letzter Streifen Nebel glitzerte über dem Tal im ersten Sonnenlicht. Wir ahnten nicht, dass aus dieser kristallenen Nebelbildung später das Irrlicht entstehen sollte.Vorausgeeilt knipste ich mit Eiger und Mönch im Hintergrund meine Turengefährten, Freunde aus Belgien, Vater und Tochter.

In den Engitalhügeln hing noch der Schlaf. Vereinsamte Wildfährten kreuzten da und dort den Hang. Das Schweigen ringsum unter der tiefblauen Kuppel atmete erhabene Bergeinsamkeit. Die Kälte der flimmernden Luft stieg noch von den Schattseiten empor. Man schritt gleichsam im Träumen dahin und wagte kaum, das Schweigen zu brechen. Ich lauschte dem Knirschen der Stockspitzen im Schnee. Dabei zogen Wunderbilder an meinem Geist vorbei, wie es etwa unmittelbar vor dem Einschlafen unter den Lidern zu bildern beginnt. Suchte ich diese Bilder schärfer zu erfassen, so entwischten sie mir, und wie beim plötzlichen Aufwachen gab es einen kleinen Schock. So gab ich diese Versuche auf und Hess mich im Schreiten dahindämmern, was den Aufstieg seltsam erleichterte.

Leslie Stephen berichtet in seinem Buch « Playground of Europe » von einem, der im Aufstieg zur Jungfrau einen Leitartikel ausheckte und ihn auf dem Gipfel niederschrieb. Das muss wohl ein Engländer gewesen sein. Ich muss gestehen, dass meinem Geist beim Steigen das Träumen näherliegt als das Leitartikeln, das Träumen und Schauen. Bewusst hält man etwa ein Photomotiv fest, man fahndet nach einer günstigen Aufstiegmöglichkeit SCHILTHORNBRIEF.

mit jener Kunst, eine Spur ins Gelände zu legen, die rasch emporführt, die Schönheiten der Landschaft erschliesst und dabei ein Minimum an Kraftaufwand erfordert. Und dabei erfüllt der ermüdende Aufstieg, den man auch im Zeitalter der mechanischen Verkehrsmittel nicht scheut, den naturgewollten Zweck, nämlich die Bewegung des ganzen Körpers und aller Glieder, in der ursprünglichsten Form.

Eine kleine Begebenheit möchte ich hier einflechten. Als wir bei der Hütte ankamen, begegneten wir einem jungen Manne, der behauptete, schon auf dem Gipfel gewesen zu sein. Der Schnee am Gipfel sei denkbar ungünstig, er rate uns ab, den Aufstieg zu machen. Wir liessen uns nicht abschrecken und fanden im Weitersteigen nicht gar weit die Stelle, wo der Mann, weitab noch vom Gipfel, den Haken gemacht hat, um den Rückzug anzutreten.

Wir erreichten das obere"Engital, von den Briten « the happy valley » genannt. Ringsumher brillantenes Weiss, aus dem, unwirklichen Ungeheuern gleich, schwarze Felsköpfe stachen. Da, wo im Sommer der Wildbach im Sturmangriff zu Tale saust, türmte sich meterhoch Schnee. Tief, tief unter Schneedecke gluckste irgendwo ein verborgenes Wässerlein. Mit dem stürmenden Wildbach war auch die Sommeralp verschwunden. Nur das goldige Licht aus blauer Höhe und die zaubrischen Schatten brachten wechselndes Spiel, mimten Leben und Bewegung und durchbrachen die milde Schwermut dieser heroischen Landschaft. Die Luft war frisch, wie die Brise am Meeresstrand.

Am Gipfelhang reckt ein Marmorkreuz seine Arme, errichtet zum Gedächtnis einer jungen Frau, die einst der Blitz erschlagen.

Später, als wir auf dem Gipfel standen, entdeckten wir weit unten im Sefinental ein Irrlicht. Irgendwie im Winkel zur Sonne stach ein zartes Geflimmer ins Auge, als ob ein Kobold mit dem Brennglas vom Sefinental herauf-blendete.Vom Himmel herab hing fein gesponnen das zarte Lichtgewebe, sammelte sich in einem Brennpunkt und wurde zur Flamme. Es müssen feine Eisnadeln gewesen sein, durch die das schwache Sonnenlicht brach. Man denke sich etwa einen Mückenschwarm im Gegenlicht der Sommerhitze. Ein Freund, der zur selben Stunde auf der Wasenegg stand, beobachtete das gleiche seltsame Lichtwunder.

Lange sassen wir auf dem Gipfel. Windstille herrschte über den Bergen, und der Pfeifenrauch quirlte in den blauen Äther. Die Nordflanken der Berner Alpen standen schon im Schatten. Sonderbare Lichtkegel, hervorgeworfen vom Gspaltenhornmassiv, überfluteten das Lauterbrunnental. Alles lag im blauen Dunstlicht, und man hatte Mühe, an der Mittelgruppe zu unterscheiden, wo ein Gipfel aufhört und ein anderer beginnt. Weit hinter dem Doldenhorn zurück reckte der zackige Grat der Aiguille Verte im Mont Blanc-Gebiet seine Schroffen.

Drei schwarze gefiederte Freunde statteten uns ihren Besuch ab und belebten das Gipfelstündchen. Weit unten in den steilen Boganggenflühen jagte Gratwild dahin. Gegen Westen und im Norden reihte sich ein Meer von Graten und Zacken, und meine Freunde genossen dankbar die hehre Gipfelschau. Da und dort in den Tälern brandeten Nebel an den Flanken, wie brausende Wogen am Meeresstrand. Immer wieder fesselte das Irrlicht unsere Blicke. Als aber der Tag sich langsam neigte, verschwand das seltsame Naturspiel, wie wenn der Kobold sich jetzt im Tal zur Ruhe legte. Das Auge war fast irre vom blendenden Geflimmer dieser Irrwische aus Eiskristallen.

Einen Augenblick zauderten wir in Stemmstellung oben am Steilhang, aber bald flitzten die Steine an uns vorbei. Der Pulverschnee stob, und wir jagten zu Tal. Für Augenblicke kehrten wir und schauten zurück auf das grosse weisse Wunder, das wir hinter uns liessen. Noch lange wirkte es nach, da wir schon längst wieder unter Menschen waren. Wir trugen den silbernen Traum in der Brust.

Jetzt in der warmen Stube beim Schreiben sitzend, durchlebe ich diese blanke Welt der Gipfel noch einmal. Als wir heute morgen im Engital fast 30 Grad unter Null hatten, dachte ich eine Weile an die warme Ofenbank. Und doch wirst Du beim Lesen dieser Zeilen mich im stillen um meine Berge beneiden, die auch die Deinen sind.

Dein Ernst Feuz.

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