Schlierenkletterei

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Von Hans Spedier

( Zürich, Sektion Gotthard ) Am Anfang und Ende dieser Tour wurde pressiert, dazwischen nahm man 's gemütlich. Zwischen zweimal Hasten ist in meiner Erinnerung diese Tour eingerahmt wie ein helles Bild zwischen dunklen, harthölzigen Leisten.

Von St. Jakob im Isental aus wurde zu einem kleinen Privatrennen gestartet, hinaus aus dem Talboden und der Biwaldalp zu. Das Rennen ging um einen eigentlich lächerlichen Preis. Sagen wir es ehrlich, es ging um gute Plätze im Heu, welches Lager allerdings schon der ehrwürdige Gessner, ein Ältervater des Alpinismus, sehr schätzte und von dem er schrieb: « molle est, odoratum, ex varis herbis », was man übersetzt als: « Es ist mollig, wohlriechend von unterschiedlichen Gräsern! » Das Hasten erwies sich als nicht notwendig, denn der Andrang war nicht so ungeheuer an diesem Samstagabend. Zur Zeit, wo in den Städten die Leute vor den Kinokassen Schlange zu stehen pflegen, sassen wir da oben recht gemütlich. Immerhin, da von der Biwaldalp aus, ausser unserer weniger begangenen Route, auch noch ein Pfad für pères de famille auf den Urirotstock führt, war bei dem schönen Wetter der geräumige Heuboden doch ordentlich bevölkert. Zuerst war der Ruhestörer das vierbeinige Volk im « Parterre » unter uns, nachher gespenstete und flismete es aber allzulange noch bei uns oben, weshalb mein lieber Bruder einen unlieben Vergleich zwischen den Vierfüssern im untern Stock und den unbekannten Schlafkameraden zum besten gab. Hierauf wurde es stiller...

Unsere Route auf den Schlieren, 2830 m, Vorgipfel des Urirotstocks, die man pompös auch « Schlierenkante » nennt ( das tönt eben fast wie die berühmte « Schleierkante »... ), ist im Urner Führer haarfein beschrieben. Ob die dortige Schilderung der Schwierigkeiten zu romantisch ist?... über solche Fragen wird man ja bekanntlich nie einig werden.

Der Zugang zum Einstieg ist ganz lustig und führt ordentlich imposant über steiles Gras und Geschröf. Am Einstieg lassen wir drei Senioren des S.A.C. den Vorrang, was sich lohnt, da wir zusehen können, wie sie gemächlich und mit altgewohnter Umsicht die ersten Rinnen hinanklimmen. Soll man sagen, dass der eine davon ein Schiesspulverfabrikant ist, dem Vorsicht zur zweiten Natur geworden, und der andere ein Versicherungsdirektor, der weiss, was ein Risiko ist? Wir können indessen auch bald fröhlich weiterklettern. Nur ein paar mittelgrosse Steine sausten daher, dass wir uns ganz hineinduckten in den Kamin oder flachen Riss, durch den der erste Teil des Aufstiegs führt. Die Ohren an den Kopf geschmiegt, standen wir da über-einandergestaffelt, wie ein « lebendes Bild » an einem Turnerkränzlein. Von meinem Seilgefährten unter mir sah ich nur die bunten Zeichen der Zipfelkappe und ein Teil des Oberkörpers, als sei er nur ein Torso. Doch bald ging 's aus der Rinne auf einen schmalen Grat links hinaus und auf ihm stetig aufwärts. Dann und wann mussten wir « schärfer hinsehen », aber im allgemeinen fanden wir keine grossen Schwierigkeiten. Nur weil wir unser fünf waren, ging SCHLIERENKLETTEREI es nicht immer so geläufig; aber damit gab 's Zeit, um die malerischen Tiefblicke zu geniessen. Eine recht wilde Gegend, wohl eine der schönsten dieses Gebirgszuges, erschliesst sich dem Kletterer. Ob dabei unser Kletterneuling einen Klotz am Grat aus lauter Begeisterung zu fest umarmte, dass er auf seiner Unterlage erschüttert wurde? Jedenfalls kegelte der Mocken talwärts und brach so im Vorbeigehen meines Seilkameraden Zehe, eigentlich ganz nebenbei, denn mit etwas Hinterlist hätte er ebensogut das Schädeldach des Mannes aus Uri, samt der schönen Zipfelkappe, zusammenhauen können! Trotz diesem kleinen Intermezzo ging 's bald weiter, stetig dem Gipfel zu, zuletzt über Felsstufen, die wie Bänke eines riesigen Amphitheaters daliegen. Es ging auch mit dem gebrochenen Zehen sehr leidlich. Übrigens wusste man gar nicht, dass er entzwei war, denn niemand hatte ihn knacken gehört.

Auf dem Gipfel des Schlieren fesselte uns zuerst die von hier recht eindrückliche Architektur des Urirotstock-Gipfelaufbaues, jenseits der Schlierenlücke. Es ist ein zweistöckiger Riesenbau, unten grauer Malmkalk, oben roter Amphibolith, der ihm den Namen gegeben. Auf seinem First können wir « ganze Völkerstämme » erkennen, die da oben stehen wie Spatzen auf einem Dach. Die Aussicht von unserm Punkt ist wohl sehr originell, aber nicht sehr umfassend. Der Inhalt unserer Rucksäcke war aber beides und wurde nun eingehend ergründet!

Dann ging 's abwärts, der Schlierenlücke zu, was keine Schwierigkeiten bot, besonders weil da einige rote Markierstreifen waren. Trotzdem verpasste Paul den Kamin zur Linken, und vom gemütlichen Sitz auf einem Trümmerfeld unten hatten wir das hämische Vergnügen, ihn und seinen Anhang auf den richtigen Ausstieg zurückzudirigieren, wobei auch die bekannte Inschrift vom Schaffhauser Tor zum Rechte kam... Lappi mach dini Augen uf... besonders, wenn man doch Markierungsstreifen findet, die sogar den Namen eines Herrn Königs tragen! ( Es ist ein unter Alpinisten recht bekannter « König » aus der Sektion Uto. ) Noch eine Variante oder, auf gut Deutsch, ein Umweg liess uns beim Abstieg vom Kesselfirn lästern und lachen zugleich. Dann ballten sich hinter dem Gitschentor finstere Wolken, und ferner Donner rollte. Auf der Musenalp unten mussten wir ins Innere des Gasthauses fliehen, da Wasser in Gläsern und Tassen Wein und Milch zu verdünnen drohten, welche Verdünnung von Getränken ja strafbar ist.

Unter dem mächtigen Grollen des Donners, welches das Aufziehen der himmlischen Riesenschleusen begleitet, eilte ich talaus im Sturmschritt und erreichte mausnass den Dampfschiffsteg in Isleten. Drüben an der Axenstrasse war kein Tropfen gefallen, und die Felsen des Axenberges lagen in heller Sonne. Herrlich war die Überfahrt nach Brunnen, die eine Tour in diese Gegend immer so freundlich eröffnet und schliesst.

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