Schnalsertal und Vintschgau

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Mit 4 Bildern.

Von J.J. Weilenmann1 ).

Wieder einmal ein Talschluss, wie man ihn sucht, auf dem der Blick mit Wärme ruht! Anmut und hoher Ernst haben sich hier aufs innigste verschmolzen und verbreiten idyllischen Zauber über das tiefe Alpenbecken. Ein hell-blinkender Strom durchschlängelt seine blumenreichen Fluren. Der Bach, welcher durch die enge Felsenschlucht floss, stürzt, als ob der Freiheit sich freuend, schäumend und sprudelnd, in ausgelassener Lust über den jähen Felsenhang hinab, den in der Tiefe flutenden Strom zu ereilen. Hüttengruppen, eine kleine Kapelle und Mühle liegen über die weite Wiesenfläche zerstreut und sie belebend. Auf den Hängen, die zu den eisbepanzerten Flanken des Salurn hinansteigen, dessen breite Gestalt die Westseite des Tales beherrscht, mengen Lärchen ihr lichtes Grün mit dem Braungrün der Arven. Im tieferen Hintergrund des Tales reckt der Schwemser allgewaltig sich empor. Seine Kuppe, südwärts in hohen Felspfeilern und Wänden sich türmend, trägt auf der linken Schulter einen hübsch gerundeten Gletscher. Beim Hinabsteigen in die Tiefe entwickelt sich seine riesige Form noch schöner. Mehr nördlich, wo das Tal beginnt, soll sich, wegen Nebel jetzt nicht sichtbar, eine noch höhere Spitze erheben, die man hier « Weisskogel » nennt. Vermutlich ist es die auf der Karte mit Innquellspitze benannte Höhe 2 ). Den Berg, welchen die Karte so heisst ( Weisskogel ), vom tiefen Talgrunde aus zu sehen, dem er so weit nordwärts entrückt ist, scheint kaum möglich. Ein sanft abgerundeter Kamm scheidet den Hintergrund von Schnals von dem Tal « Im hintern Eis ».

In der Mitte des Tales von Schnals, etwas vorgeschoben, türmt sich sehr malerisch die verwitterte Steinschlagspitze. Obschon hoch überragt von den sie umringenden Gräten und Kuppen, nimmt sie, ganz isoliert dastehend, dennoch eine gebieterische Stellung ein. Sie bildet das Ende eines Absenkers, welchen der Schneekamm zwischen dem Schnalser- und dem « Im-Hintern-Eis-Tal » absendet. Ein kurzer Kamm, wie sie verwittert, steigt von ihr nach dem zuhinterst liegenden Kurzhof ab, der einstweilen mein Ziel ist. So zweigt sich auch vom Schwemser ein kurzer Felsgrat nach dem tiefen Hintergrund ab. Er endet dicht der Steinschlagspitze gegenüber in jähem Absturz. Vom Matscherjoch zur Rechten des Salurn steigen jähe Schneehalden ins Tal hinab. Der Weg hinauf führt hinter einen verwitterten Kamm, welcher aus der Umgebung jener Spitze herabsteigt.

Ich hatte mich kaum über dem Talgrund gezeigt, als vom Kurzhof herauf weithin hallendes Hundegebell ertönte. Der wachsame Hüter lief mir sogar über die überschwemmten Wiesen hinauf entgegen und griff mich so heftig an, ) Aus dem noch unveröffentlichten, handschriftlichen Nachlass, welcher sich im Besitze der Sektion St. Gallen des S.A.C. befindet. Weilenmann wanderte bei schlechtem Wetter durch diese Täler und gelangte dann schliesslich ins Martelltal, wo er den ersten schönen Tag benützte, um die Besteigung der Orgel- oder Laaserspitze durchzuführen. Der betreffende Artikel ist im Jahrgang III, 1927, Heft 7, dieser Zeitschrift erschienen. K. Kleine.

2 ) Dieser Berg ist der Weisskugel südlich vorgelagert. K. K.

Die Alpen — 1937 — Les Alpes.24 dass ich zu tun hatte, ihn mit dem Stocke fern zu halten. Wie ich dem Hofe nahe kam, geberdete er sich vollends wahnsinnig, hatte aber dennoch Respekt vor den ihm nachgeworfenen Steinen.

Das Wohnhaus übersieht den südwärts sich ausbreitenden Mattengrund. Ausser den Erfrischungen, welche die Alpe bietet, war auch Wein zu haben. Zu meiner Erklärung, ich komme über den Ferner1 ), schüttelte man ungläubig den Kopf. Die freundliche, sauber gescheuerte Stube und das reinliche Hausgerät zeichneten sich vorteilhaft von jenen des Rofenhofes aus 2 ). Die Bäuerin, noch kaum in den mittleren Jahren und die Spuren nicht gewöhnlicher Schönheit an sich tragend, sah aber auch so anständig und proper aus, als ob sie jeder Unfläterei abhold wäre.

Was mir schon im Rofental und hier wieder auffiel, war, dass die gestandene Milch einen sehr unangenehmen Beigeschmack von schimmeligem Holz hat. Die Älpler merken es nicht, scheinen daran gewohnt zu sein und lassen nicht gelten, dass es so sei. Nur wenn die Näpfe neu, haben sie etwelchen Harzgeschmack, meinten sie. Man darf aber nur die dickschaligen Becken aus Zirbelholz ansehen und an die Nase halten, so erklärt sich die Ursache sogleich. So rein man sie hält und so oft sie der Luft ausgesetzt werden, trocknen sie doch nie ganz, wahrscheinlich weil die Schale zu dick und das Holz zu porös ist. Stellenweise sind sie durch und durch schwarz beschimmelt.

Als um die Zeit des Mittagessens, wie ich annahm war es kaum 10 Uhr, Hirten und Stallmägde eintraten, war ich nicht wenig erstaunt über den auffallenden Unterschied zwischen den Bewohnern der beiden Täler8 ). Dort deutscher, wenig ansehnlicher Schlag und unkleidsame, gewöhnliche Tracht, welche den Körper missstaltet. Hier auffallende Annäherung zum italienischen Typus, edle Gestalten, deren Schönheit durch das malerische Kostüm noch hervorgehoben wird. Wie stolz und keck sie einherschreiten, diese MännerWelch naturwüchsige Grazie in ihren Bewegungen! Sie tragen eine enganliegende, kurze Hose von schwarzem Leder, ob dem nackten, sonnverbrannten Knie lose endend. Ein dickwollener Strumpf ohne Fuss umhüllt die Wade. Die Lenden umfasst ein hoher, ausgesteppter Leibgurt von schwarzem Leder, vorn mit grosser Schnalle, während Brust, Schultern und Rücken fast ganz von einem schweren Hosenträger von dickem braunen Leder gedeckt sind. Wie gut ihnen dies alles stehtUnd wie sie das Haupt entblössen, niederknien, die Ellbogen auf eine Bank oder Stabelle gestützt, die Hände vor den Knien gefaltet, den im Nacken gelockten Kopf emporgehoben, still und andächtig ihr Gebet verrichten, wahrhaftig, es ist eine Szene so patriarchalisch einfach, so würdig und erhebend, so anziehend und pittoresk, dass man davon übernommen wird!

Nur einen bescheidenen Wunsch hegte ich jetzt. Der war, dass ich eine Wünschelrute besässe, Freund Rittmeyer4 ) an meine Seite zu zaubern, damit seine geniale Hand sich am Bilde versuche.

Wie aber alles seinen Revers hat, so kann er auch hier nicht fehlen. Nur sind es diesmal, was man sonst — Gott weiss mit was für Recht — die schönere Hälfte der Schöpfung nennt, die Weiber, welche, hinter den Männern kniend, ein unschönes Anhängsel bilden. Hässlich sind sie eben nicht und auch nicht alt; mittels der abgeschmackten Kleidung aber, die sie um sich hängen haben, ist es ihnen gelungen, sich zur wahren Vogelscheuche zu machen.

Auf einem weichen Wiesenpfade beinahe eben fortschreitend, haben wirden Ausgang des Talbodens erreicht und sind im Begriff, um einen Vorsprung zu biegen. Daher noch ein Rückblick dem fesselnden Bilde! Im hohen Eisrevier thronend, durch Nebel und Regen tritt die Innquell-spitze in unklaren Umrissen hervor. Es scheint, als ob sie zu entfernt wäre, um gewaltig zu imponieren.

Nun endlich talabwärts geschritten! Wenn sich die Witterungsaussichten nicht so gestalten, um von « Unser Frau » aus zur Besteigung des Salurn einzuladen, soll heute noch bis Naturns im Vintschgau hinabgestiegen werden. Die Entfernung ist sieben Stunden und Mittag vorbei!

Die rechtsseitige Tallehne hüllt sich immer dichter in Wald ein. Stäubende Kaskaden blinken dort durch zartes Lärchengrün. Die hohe Spitze, welche südwärts ihr entsteigt, heisst Berglerspitze, die gezackte Höhe links davon Kreuzspitze, und die tiefe Einsenkung zwischen ihnen ist das Täscheljöchl 2 ), über welches man ins Schlandernauntal und hinab nach Schlanders gelangt. Eine herrliche Flora erfreut bei jedem Tritt des Wanderers Auge. Hübsche Felspartien, mit zerzausten Lärchen behangen, überragen die duftenden, vielfarbigen Wiesen, auf welchen ein Heer bunter Falter sich tummelt.

Bei einem hohen Kreuz, das von einigen riesigen Lärchen umragt ist, erschliesst sich ein prachtvoller Rückblick auf den Schwemser. Von einem Vorsprung aus, der am Rande eines tiefen Abgrundes liegt, öffnet sich plötzlich zwischen gewaltigen Bäumen hindurch ein ebenso grossartiger Blick auf die Talstufe von Ober-Vernagt, die tief zu Füssen sich topfeben ausbreitet. Dahinter türmen sich die mächtigen Wände des Rafain- und Tisenberges, der Hohewart und der Wildehutspitze 3 ). Über der Ausmündung des Tisentales reckt alles beherrschend der Similaun sich empor. Das Niederjoch ist nicht sichtbar, die es überragenden südöstlichen Hänge dagegen und der Kamm, über welche hinan, wie es scheint, leicht auf jene Höhe zu gelangen ist.

Auf der Talstufe von Ober-Vernagt angekommen, die östlichen Lauf nimmt, sieht man durch das steilansteigende Tisental hinauf und gewahrt in dem hohen gleichmässigen Kamme, der es schliesst, die kleine Lücke des Joches von Win wohl4 ). Es soll leicht übersteigbar sein und sogar Vieh hinüber getrieben werden.

Ein scharfer Wind bläst über die ebene Weidefläche. An den geschorenen Wiesenhängen ist die ganze Bevölkerung des Tales mit Eintun des Heues beschäftigt. Wie köstlich es duftet I Wenn nur der mit Regen drohende Himmel die Ernte nicht verdirbt! Trügen meine Augen, oder sitzt wirklich auf der wulstig gekleideten Gestalt, die mit heugefüllter Krenze auf dem Rücken daher-schreitet, ein Kopf von so vollendeter Schönheit? Er mahnt lebhaft an die Italienerinnen von Robert, da muss auch eine schöne Stimme wohnen! Befragen wir sie über den Similaun, sonst geht sie vorbei ohne ein Wort. « Jawohl, es sei ganz leicht hinaufzukommen », klingt 's hell und rein wie Silber, und in den freundlichen Augen scheint der Himmel sich aufzutun.

Einen majestätischen, wilden Anblick gewährt hier, schaut man nochmals zurück, der hinter hohen Weidbergen auftauchende Salurn. Auf den senkrechten, finstern Wänden, in die er südwärts abstürzt, lastet ein wuchtiger Gletscher, welcher einen Eislappen hinabhängen lässt. Der Berg hat eine andere Form bekommen. Die nördliche Spitze, wie es scheint, etwas niedriger, ist in den Hintergrund getreten. Die südliche wird durch zwei oben zusammenlaufende Kämme gebildet, zwischen welchen ein steiler Schneehang auf schwarze Felsmauern abfällt.

Die Finailspitze steckt fast ganz im Nebel drinn. Das Tal verfolgt nun wieder mehr südliche Richtung. Allmählich absteigend, übersieht man bald den lieblichen Wiesenplan und die zerstreuten Hütten von Unter-Vernagt oder Unser Frau, am Fusse hoher Waldhänge sich bergend, denen kahle Felsenrücken entragen. Auf einem Rasenhügel steht die Kirche, mit dem alten, rotkuppigen Turm ihren bergumschlossenen Sprengel überschauend — dahinter die schmucke, freundliche Pfarrwohnung und das Wirtshaus, wo man gut aufgehoben sein soll. Südwärts öffnet sich das kurze, hohe Mastauntal. Heiteres Mattengrün und Wald kleiden seine Flanken soweit man sieht. Wie Silber blinkend sprudelt daraus ein Bach zwischen Lärchen hervor und gleitet, in weisse Schaumfäden sich teilend, über das dunkle Gestein ins Tal hinab.

Da die Witterungsaussichten für eine Similaunbesteigung ungünstig, verzichte ich auf ein Hierbleiben und damit auch auf die Schnalsernudeln, ein beliebtes Gericht des Tales, das ich hier, wo es gut zubereitet werden soll, zu kosten hoffte. Abwärts steigend, sieht man im Hintergrund von Mastaun eine von Schnee schimmernde, schwarze Felsenspitze in herrlichem Gegensatz auf der Bläue des launigen Himmels sich zeichnen 1 ).

Rascher fällt jetzt die Talseite ab, wird wilder, schluchtartiger. Das sie durchtobende wilde Gletscherwasser bricht sich schäumend zwischen gewaltigen Felsblöcken Bahn. Etwas weiter draussen reichen von der linken Talseite hohe Kämme herab und scheinen den Ausgang verriegeln zu wollen. Ihre jähen Flanken, mit Wald und Rasen bekleidet und von gelben Bachrunsen durchadert, bieten einen wildschönen Anblick. Dahinter erscheint eine blinkende Schneekuppe. Es ist eine der Höhen, die nordwärts von Naturns aufsteigen. Dünngelichtetes Birkengehölz kleidet das einförmige Gehänge, dessen Fuss entlang man geht. Der Strom wird überschritten und an der jenseitigen Tallehne etwas hinangestiegen. Das Tal ist plötzlich zur tiefen, wilden Spalte geworden. Geradezu abstossend drängt sich die jenseitige Wand dem Auge auf. Dicht ob dem Strom ist sie kahl, tief durchfurcht und ausgewaschen. Kein Halm gedeiht dort!

Einige stattliche Männergestalten, in ihrer malerischen Tracht der wilden Schlucht als reiche Staffage dienend, kommen den Waldpfad herabgeschritten.

Die Steigung gewonnen, befindet man sich unvermutet im Dorfe Karthaus auf hohem Vorsprung. Hohe Berge umringen ihn. Selbst bis in den Vintschgau hinab dränge der Blick, wenn das Tal nicht zuletzt noch eine Biegung nach Osten machte.

Zwischen Karthaus und Naturns ist weder Dorf noch Wirtshaus mehr, und da es 4 Uhr und die Entfernung noch drei bis vier Stunden ist, so lässt sich überlegen, ob man hierbleiben oder noch hinabsteigen wolle. Tun wir letzteres, denn das Wirtshaus sieht, wenigstens von aussen, gar nicht einladend aus.

Man ist lange auf breitem Pfade der steilen Bergwand entlang hinabgestiegen und erreicht endlich den Talgrund. Wiesen und Weg sind dermassen von dem herbeigeleiteten Gletscherwasser überschwemmt, dass man Mühe hat, trockenen Fusses durchzukommen. Ein lauwarmer Wind kommt vom Tal herauf und übt seinen erschlaffenden Einfluss aus. Dämmerung bricht eben ein, als wir das Dorf Naturns erreichen.

Ein prachtvoller Tag begann, als ich in der Frühe ins Freie trat. Bewundernd hingen die Blicke an den scharf am klaren Morgenhimmel sich zeichnenden Kämmen und Spitzen, an den allmählich erhellenden Felswänden, an dem im ersten Sonnenstrahl erglühenden Schneehorn, das am hohen Talhintergrund mächtig kühn, den ganzen Vintschgau beherrschend, in den Himmel taucht. Sehnsüchtig schaute ich zur Mündung des Schnalsertales, dem ich gestern nicht schnell genug hatte entrinnen können. Nun heisst es, sich geduldig ins Missgeschick ergeben.

Nach einem mehrtägigen Abstecher nach Meran strebe ich durch den Vintschgau dem Martelltale zu. Zwar haben wir von diesem Tal nie ein Wort vernommen. Die Handbücher erwähnen höchstens seinen Namen. Nur bei Zu-Rate-Ziehen der Karte fiel unser Blick zufällig darauf. Sie lässt es von der Ostspitze der Ortlerkette aus tief abgeschiedener Fernerwelt herabsteigen, zwischen hohen Gebirgszügen in nordöstlicher Richtung dem Vintschgau sich zuwenden und ob Latsch in dieses einmünden. Ein Tal, das an einem so gewaltigen Gebirgsknoten entspringt, dessen Hintergrund und Südseite eine so ununterbrochene Reihe mächtiger Gletscher deckt, muss grossartige Naturszenen in seinem Schosse bergen, möglicherweise etwas monoton, vielleicht aber auch malerisch. Darüber konnten wir nicht entscheiden, und auch die Karte, eben älteren Datums und nicht so plastisch wahr wie die neuesten Prachtwerke der Kartographie, gab keinen Aufschluss 1 ). Schenkt uns das Wetter seine Huld, so mag aus dem Hintergrund vielleicht ein Übergang nach dem Suldental, das uns schon längst an sich zog, oder nach Bormio versucht werden.

Nach Latsch benützen wir den Stellwagen, und die Fahrt wäre eine wahre Geduldsprobe, wenn nicht so viel Schönes links und rechts beständig das Auge in Anspruch nähme. Da guckt ein Dorf mit schlankem Kirchturm aus einem Obsthain hervor, dort steht eine Burgruine, weiterhin ein noch bewohntes Schloss malerisch zwischen reichen Gruppen von Kastanien und Nussbäumen verborgen. Hier zieht sich die brennende Strasse unter einem schattigen Dache von Reblauben hin. Wieder breiten sich saftige Fluren, Mais- und Getreidefelder über die weite Niederung aus. Zwischen weidenreichen Ufern flutet und schäumt die Etsch, frische Gletscherkühle mit sich führend und die Landschaft belebend. Und ringsum bilden stolze Höhen beständig den Rahmen zum üppigen Talgrund.

Um 6 Uhr schon von Meran fort, rücken wir erst gegen 1 Uhr in Marein an, während die Entfernung kaum mehr denn sechs Gehstunden beträgt. Hier wird Mittag gehalten1 ).

So schläfrig und matt das Zwiegespann nachher bergan keucht, dem wir uns anvertraut, so lebhaft und laut geht 's im Innern des Wagens her. Zwei Priester politisierten über die Schweiz und Österreich. Zum Glück hatten sie ein apathisches, unerregbares Auditorium, das für keine Seite Partei nahm, Mund und Augen aber doch gewaltig aufsperrte. Die Ankunft in Latsch beendigte die unerquickliche Szene.

Hat man das westliche Ende des grossen Dorfes erreicht, so befindet man sich am Rande einer schönen Wiesenfläche, die topfeben wohl eine halbe Stunde weit bis zur Mündung des Martelltales sich erstreckt. Ein Bach durchschlängelt sie. Hoch mit Heu beladene Wagen, von den Fuhrleuten mit lauten Rufen und Peitschenknall zur Eile getrieben und in ihrem raschen Laufe bisweilen fast dem Umstürzen nahe, fahren dem Dorfe zu. Männer und Weiber rühren behende den Rechen, denn schwarze Gewitterwolken kommen dumpf grollend den Vintschgau herabgezogen. Unheimliches Düster, momentan von Blitzen erhellt, hat sich über die weite Ebene, um die kahlen Felshänge gelagert. Heulend verkündet der Wind den rasch nahenden Sturm. Kein Obdach weit und breit! Daher die Beine gestreckt, um womöglich vor Ausbruch des Unwetters die tiefere der beiden Schlossruinen zu erreichen, die am Eingang des Martelltales stehen. Ihr schmutzig-weisses, verödetes Gemäuer hebt sich grell von der dunkeln Bergwand ab. Wie Geisteraugen schauen die leeren Fensterhöhlen über die sturmgefegte Wiesenfläche. Unter den dicken Mauern wird wohl irgendwo Schutz zu finden sein! Wie ich aber zu entfernteren Gruppen von Landleuten komme, vernehme ich, dass die « Montani », so werden die Ruinen genannt, zur Rechten bleiben und dass durch das Tälchen hinangeschritten wird, welches zwischen dem nach Martell einbiegenden Talhang und dem steinigen Rasenkamm sich öffnet. Auf letzterem steht das grössere und besser erhaltene Schloss.

Ein Glück war es, dass das Gewitter, ohne das Martelltal ernstlich zu berühren, den Vintschgau hinabzog.

Zunehmendes Getöse Hess annehmen, dass man dem Plimabach sich näherte, den man bisher kaum sah. Das Strässchen führt eine Strecke weit durch ein Chaos mächtiger, abgerundeter Steinblöcke, lauter Zeugen der furchtbaren Wut, mit welcher das Gletscherwasser hier schon gehaust hat. Dazwischen wachsen schlanke Birken und Erlen. Aber immer noch sieht man den Strom nicht, nur ein betäubendes Donnern und Brausen lässt sich dicht zur Rechten im Gehölze vernehmen. Wollen daher versuchen, hier durchzudringen, vielleicht lohnt es die Mühe. Es geht ja ohnehin ganz leicht. Ein kaum sichtbarer Pfad, wohl von Fischern oder Holzflössern herrührend, denn Turisten besuchen das Tal nicht, führt über Blöcke und durch Dickicht. Dieses öffnet sich — und urplötzlich stehen wir wie hingebannt vor einer Naturszene, deren wilde Majestät uns fast erbeben macht. Abgerundete Riesenblöcke von 20—30 Fuss Höhe, ihr Gipfel spärlich mit Rasen und Moos bekleidet und von dem spielenden Blätterwerk darauf wurzelnder Birken und Erlen überschattet, liegen wie durch Titanengewalt wirr durcheinander getürmt. Dazwischen stürzen und springen, schäumen und rasen die wuchtigen, vollen Wassermassen, ruhen einen Augenblick siedend und kochend im tiefen Becken aus, um gleich darauf ihr ungestümes Treiben von neuem zu beginnen. In der Höhe überragt üppiges Laubesdickicht von tiefem Grün das Strombild, das würdig ist, von einem Pinsel wie Salvator Rosas verherrlicht zu werden. Die gänzliche Abwesenheit von Nadelholz gibt ihm einen fremdartigen, doch nicht südlichen Anstrich, dafür ist es zu kalt, die Beleuchtung zu einförmig trübe 1 ).

Durch das dunkle Gehölz, welches soeben dem stürzenden Gletscherwasser als Folie diente, führt die Strasse langsam hinan. Die Bäume triefen von Regen, der hier stark gefallen. Tritt man aus dem Gehölz, so erweitert sich allmählich der Blick. Von einer hohen Wiesenterrasse der linksseitigen Tallehne herab grüsst freundlich der rote Kirchturm von Thal. Nur wenige Häuser stehen ihm zur Seite, der Abhang jedoch, welcher dahinter in saftigen Matten und Feldern aufsteigt, ist bis hoch hinauf, fast bis zum Alpenwalde, an dessen schwarzem Saum noch eine Kapelle schimmert, mit dunkelgebräunten Wohnungen belebt.

Die Talleute sind freundlich und höflich. Welche beharren darauf, unbedeckt zu bleiben, solange man mit ihnen spricht. Warum einer der Männer in mir absolut einen österreichischen Beamten sehen will, dem bald eine neue Steuer nachfolgen werde, weiss ich nicht. Zu allem, was ich anführen mag, um seinen Verdacht zu widerlegen, lächelt er pfiffig, wie jemand der meint, er sei nicht zu hintergehen, bis ich durch die Dazwischenkunft eines Weibes, das schärferen Blick hat, rehabilitiert werde.

Die Laaserspitze, lange Zeit durch den nördlichen Talhang verdeckt, jetzt hoch am sonnigen Abendhimmel blinkend, bewillkommt den Wanderer in einsamer Berggegend. Hier nennt man sie jedoch Orgelspitze oder einfach Orgel. Je näher ich komme, um so stärker regt sich in mir das Verlangen, ihren luftigen Gipfel zu erklimmen.

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