Schneetiere

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Von Fritz Zschokke.

Das tierische Leben macht kaum vor einer Schranke Halt. Seine Träger besiedeln die entlegensten Orte des Erdballs und besiegen kraftvoll die feind-seligsten Bedingungen. In den Abgründen des Ozeans kreist das Blut einer mannigfaltigen Tierwelt; in die dunkle Höhle dringt das Leben vor, in die heisse Quelle, auf den Firngipfel in wunderbarer Schmiegsamkeit und in stets neuer Anpassungsfähigkeit.

Die Kenntnis der kleinen Fauna, die die Schnee- und Eisregion der Alpen bewohnt, ist in jüngster Zeit stark gefördert worden. F. v. Tschudi zählte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus jenem Höhengebiet etwa vierzig Arten von Tieren auf. Ein neuerer Forscher, Prof. E. Handschin in Basel, sammelte in den letzten Jahren mit grosser Sorgfalt die Lebewesen der dem Gletscher entragenden Felsköpfe und der vom Firn umflossenen Schutt-inseln. Seine Listen umfassen Hunderte von Namen, trotzdem grosse Stämme niederer Tiere ausser dem Bereich seiner Studien blieben.

So hoch im Gebirge das Pflanzenleben reicht, steigt auch das Tierleben empor. Dem Pflanzenfresser ist der Tisch sogar auf Hochgipfeln gedeckt. Ihnen folgt auf dem Fuss der räuberische Fleischfresser; auch er findet weit über Eis und Firn, auf dem schneefreien Fels eine bescheidene, dem Leben scheinbar abholde Heimat.

Mit der zunehmenden Höhenlage der Wohnorte allerdings verarmt die Flora an Zahl von Formen und von Individuen; das Pflanzenkleid wird lückenhafter; es löst sich in Rasen, Polster und magere Büschel auf, und mit ihm schwindet das tierische Leben dahin. Eine Art um die andere wird müde im harten Widerstand gegen die Ungunst der unerbittlichen Aussenwelt; die Überlebenden aber stählen und vervielfachen die gegen das Klima gerichteten Waffen.

Mancherlei Gefahr bedroht das Tier, das den Anstieg auf den Berg wagt. Die rasche Abnahme der Lufttemperatur, die Steigerung der Niederschlagsmenge, der durch Verminderung des Luftdrucks erzeugte Sauerstoffmangel verlangen elastische Anpassung des tierischen Körpers, und Anpassung bedeutet bitteren Kampf. Der Sommer, die Zeit des Blühens und Reifens, schränkt sich in der Schneeregion auf Monate und Wochen ein. Im Mai, oft erst im Juni oder Juli, hält der Lenz seinen Einzug. Die schneefreien Stellen wachsen und verschmelzen zu von Blumen überstreuten Wiesen. Schon im Frühherbst indessen beginnt das kaum erwachte Leben zu ersterben; jede Nacht bringt Frost und jeder Wettersturz rieselnden Schneefall. Bald schliessen sich die Flecke und Fetzen zur weitgebreiteten weissen Decke zusammen; die Winterruhe bereitet sich vor, die die Tierwelt während des grössten Teils des Jahres im Banne hält.

Zu all dieser Unbill von Zeit und Ort gesellt sich im Hochgebirge die stete Bedrohung des Lebens durch Wind, Lawine und Felssturz, durch die Steilheit des rauhen Geländes und durch den mit dem Schwinden der Pflanzen wachsenden Nahrungsmangel.

Es mag genügen, auf zweierlei Art der Gegenwehr der Hochalpentiere gegen die ungastliche Umwelt zu deuten, auf die Bekämpfung der Kälte und auf den Schutz gegen die Macht des Sturms, der Grat und Gipfel umtost.

Im hoch getürmten Gebirge herrschen besondere thermische Verhältnisse. Sie verschliessen mancher Tierart die Zugangspforten und öffnen zugleich dem Einzug tierischen Lebens bis in die Schneeregion weite Tore.

Mit je 140 Meter vertikaler Steigung sinkt die mittlere Jahrestemperatur in den Alpen etwa um einen Grad Celsius. Die reine, dünne Luft vermag die Sonnenwärme nicht mehr zu speichern; sie bleibt kalt und erreicht auch an hellen Hochsommertagen kaum eine Temperatur von 10 Grad Celsius.

Während indessen die Luft beim Aufstieg in die Hochregion sich rasch und ausgiebig abkühlt, erwärmen sich die von den Strahlen des Tagesgestirns getroffenen Gegenstände, der Erdboden, Tier, Stein und Pflanze um sehr nennenswerte Beträge. Die starke Sonnenbestrahlung allein, die « Insolation », lässt zahlreiche wechselwarme, im Wärmehaushalt von der Aussenwelt abhängige Tiere in der Schneeregion der Alpen festen Fuss fassen. Sie schafft am Hang und auf dem Gipfel eine Bodenfauna, die durch die stets tiefe Lufttemperatur nie zum Leben gerufen werden könnte.

Sobald aber die Sonne zur Rüste geht, zur Nachtzeit oder bei bewölktem Himmel, versiegt auch die Wärmequelle. Die Bodentemperatur fällt schnell und tief, und es mag sich ereignen, dass im Schatten und an der besonnten Halde Wärmeunterschiede von 30 und mehr Grad gemessen werden.

So wechseln im Gebirge im Tageslauf und im Gang des Jahrs thermische Extreme in steter Folge. Zur Mittagszeit zittert die Luft über der durchglühten Steinhalde, und die Sonnenstrahlen versengen den spärlichen Pflanzenwuchs am überhitzten Fels. Während der sternhellen Nacht aber spannt der Frost eine Brücke über die kleinen Alptümpel, und der Rauhreif versilbert die Halme.

All dieser Wechsel spiegelt sich vielfach im Tun und Lassen der niederen Tiere wider; denn das kaltblütige, wechselwarme Geschöpf empfängt Leben und Kraft direkt von der Sonne. Das gilt vor allem für das geflügelte Heer der Insekten. Erst bei einer Temperatur von 12 bis 15 Grad Celsius, die in der Schneestufe des Gebirgs nur durch « Insolation » zustande kommen kann, hebt sich der Flügel des Schmetterlings, die Schwinge von Fliege und Hummel. Wenn aber ein Wolkenschleier die Sonne verhüllt und am schattigen, kühlen Nordhang erlöscht das Insektenleben. Der rege Flügel und der eilige Fuss erlahmt, und die Ruhe des Schlafs breitet sich über die Bergmatte, auf der eben noch im warmen Licht die Falter gaukelten und schillernde Fliegen die Blüten umsummten. An trüben Regentagen vollends schweigt das geräuschvolle Treiben; der Scheintod umfängt die Welt der Gebirgs-insekten auf der Wiese und auf der Grasnarbe am hohen Kamm. Nicht anders, nur in vollerem Ausmass, wirkt auf die Welt der Kleintiere die Kettenfolge von kalter Nacht und durchstrahltem Tag. Noch liegt das Gebirge im Zwielicht der Morgendämmerung. Auf dem klingend hart gefrorenen Boden, zwischen überreiften Grasschöpfen und im Zwerggebüsch der Beerensträucher ruhen, von Totenstarre umfangen, Käfer und Fliege. Die Sonne steigt über die Gipfel und vergoldet das Firnfeld. Ihre Strahlen brechen sich in tausend Tautropfen an Zweig und Blatt; sie durchwärmen Boden und Busch und treffen die erstarrten Schläfer. Art um Art erwacht aus dem tiefen, lethargischen Schlummer, jede sobald die ihr nötige Erwachungstemperatur erreicht ist. Die blühende Alp durchlebt sich mit fliegendem und springen-dem Treiben. Mit dem Summen und Brummen geschäftiger Fliegen und Hummeln mischt sich das Schnarren der Heuschrecken, bis die Abendkühle herabsinkt und Ruhe und Schweigen gebietet. Dann kommt die stille Nacht, da niemand wirken kann.

Dem obersten Alpengürtel fehlen natürlich die nächtlich lebenden Geschöpfe. Und die wenig zahlreichen Dämmerungstiere, denen der Anstieg zur Höhe gelang, zahlten ihren Klettererfolg mit dem Preis der Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten. Schmetterlinge aus der Gruppe der Spanner und Eulen, die im Tal zum Flug das Dunkel der Nacht suchen, fliegen an der hochalpinen Schneegrenze am hellen Tag bei glastender Wärme der Nahrung nach. Ähnlich umflattern und umspielen die Nachtinsekten in Grönland und Spitzbergen die Blumenkelche der arktischen Flora im blassen Schein der Mitternachtsonne.

Die unvermittelt einfallenden Sonnenstrahlen, die den Körper ungehemmt, wie feurige Pfeile treffen, rufen im Hochgebirge dem Leben und zeugen den Flug. Sie ebnen den Kaltblütern den Pfad bis zum nie mehr schmelzenden Schnee und bis auf das Gletscherfeld. Strahlungswärme oder Insolation wird auf dem hohen Berg zur Schöpferin. Ihre biologische Wirkung findet indessen Unterstützung in gar mancherlei tierischen Einrichtungen und Fähigkeiten, die sich als treffliche Waffen im Kampf gegen Kälte und Erstarrungstod erweisen.

Vor allem wandelt sich das Blut der Insekten erst zu Eis, wenn es stark unter den Nullpunkt der Thermometerskala abgekühlt wird. Die scheinbar leblosen Körper von Fliegen, Käfern und Libellen, die im Morgenfrost den Alpboden überstreuen, schlafen nur einen tiefen Schlummer. Erst starke Unterkühlung bringt den Schläfern den endgültigen Tod, aus dem es kein Erwachen mehr gibt. Je kleiner die Menge der Körpersäfte ist, desto tiefer liegt ihr Gefrierpunkt. So wird der geringe Körperumfang vieler Hochalpenbewohner aus dem niederen Tierreich zum Abwehrmittel gegen Durchfrieren und Kältetod. Der winzige Gletscherfloh trotzt durch seine Kleinheit der eisigen Nacht seines Wohnorts.

Farbe und Form des Kleids hochalpiner Tiere stehen im Dienst der Aufnahme und Beibehaltung ansehnlicher Wärmemengen. Die Grosszahl der Ansiedler im höchsten Gebirgsgürtel kleidet sich in dunkle Töne, und viele echte Bergtiere, die vom Sonnenlicht beschienen Apollo.

werden, tragen tiefes Schwarz. Ihr Lebensraum verlangt gebieterisch volle Ausnützung der Wärme. Die Kreuzotter, die sich auf der heissen Steinplatte sonnt, die Bergeidechse am Rand des Wildbaches, Käfer und Spinne auf dem obersten Grat, auf dem äussersten Fels, der Weissling sogar, der über dem letzten Blumenrasen flattert, zeigen deutliche Vorliebe für dunkle Tönung. Sie wählen für ihr Gewand die Farbe,, die am schnellsten und ausgiebigsten die strahlende Sonnenwärme aufschluckt.

Zur Wärmefarbe gesellt sich der besondere Schnitt des Kleides. Ein feiner Samtpelz seidenglänzender Härchen, ein Besatz grober Borsten und Stacheln umhüllt in höheren Gebirgslagen den Leib mancher Hummeln und Fliegen und verleiht dem Apollofalter, der an der Alpenhalde von Blüte zu Blüte taumelt, Tracht und Aussehen. Im dichten Haarkleid fängt sich die Luft und formt eine Schicht, die als schlechter Leiter die Ausstrahlung der Körperwärme in den Raum erfolgreich unterbindet.

Endlich fördert der kalte Schnee das warmfliessende Leben. Er fügt sich zur dichten, wärmenden Decke, unter der selbst zur rauhen Jahreszeit tierische Betriebsamkeit nicht ganz erschlafft. Handschin fand im Klariden-gebiet mitten im Winter unter im Schnee begrabenen Steinen lebende Raupen und Springschwänze. Temperaturmessungen zeitigten mancherlei bezeichnende Ergebnisse. Während die Luftwärme —17 Grad Celsius betrug, zeigte das Thermometer an der Schneeoberfläche nur noch —15 Grad und bis zu 52 Zentimeter Schneetiefe stieg das Quecksilber schrittweise beinahe bis zum Nullpunkt empor ( —0,12 Grad Celsius ).

Der Erdboden gibt einen guten Teil der durch Insolation erhaltenen Wärme an den Luftraum zurück. Schneeflächen aber reflektieren die Wärmes.trahlen stärker als unbedecktes Erdreich. Davon weiss jeder Gletscherwanderer, dem der Neuschnee Wangen und Lippen verbrannte, zu berichten.

Damit erschliesst sich tierischem Leben die wunderbare Möglichkeit, selbst auf Gletschern und Firnfeld bescheiden zu blühen. Insolation und Reflexion der Wärme wandeln das tote Leichentuch zum bewohnbaren, oft sogar mit Vorliebe aufgesuchten Ort.

Ein Gang an einem sonnigen Wintertag über die schneebedeckte Flur spricht eine deutliche Sprache. Fliegen und Mücken lassen sich auf der glitzernden Fläche zur Rast nieder; das Schneefeld wird zum Sammelplatz einer Schar wärmebedürftiger Geschöpfe aus den verschiedensten Ordnungen der Insekten, und Regenwürmer steigen, von der Wärme gelockt, durch den tiefen Schnee empor zum Sonnenlicht. Es mag sich sogar ereignen, dass eine Bergeidechse aus der Winterstarre erwacht und bei tief unter 0 Grad stehender Schattentemperatur auf dem Schnee am besonnten Rain für Viertelstunden warmes Leben sucht. F. v. Tschudi könnte nicht ganz unrecht haben, dass vom Wind verschlagene Insekten sich freiwillig und behaglich auf dem Firnfeld niederlassen. Auch hier wird die « Schneewärme » vielleicht zum Anreiz, die während der Nacht folgende Abkühlung aber sicher zum Verderben.

Dramatischer als die zähe Abwehr von Kälte und Starrheit gestaltet sich für die geflügelten Gebirgstiere der ungleiche Kampf gegen die Luftströmungen. Wind und Sturm sind im Alpenbereich tierfeindliche Gewalten. Sie gefährden den Flug von Vogel und Insekt, verunmöglichen die rasche, zielbewusste Bewegung durch den Luftraum und lassen das Fliegen für das beschwingte Tier zum Verhängnis werden. Die Windstösse, die Kamm und Kuppe umbrausen und die über das Gletscherfeld fegen, werfen die Geflügelten aus der Bahn, und der Sturm trägt die Verwehten weit hinaus über die engen Grenzen des Hochgebirgs vom Gipfel zutal und in die Niederungen. Der selbstherrliche Flügel wird, vom Wind gepackt, zum passiven Ver-schleppungsorgan. Nur allzuoft endet die ungewollte Fahrt im Wasser oder auf dem Festland an Orten, die dem Verschleppten keine Lebensmöglichkeit mehr gewähren. Der Flug führt zum Untergang.

Gegen diesen verderblichen Einfluss wehrt sich die Tierwelt der höchsten Bergregionen unter Anspannung aller Kräfte.

Sooft der Wind am Berghang sich erhebt, ruht der Flug der Insekten auf der Alpenmatte. Die Hummel birgt sich im Blütenkelch; die Schmetterlinge falten den gaukelnden Flügel, und das Heer leichtbeschwingter Fliegen versteckt sich im dichten Graswald, im schützenden Moos, bis das Unheil vorbeizog. Die ganze bewegliche Welt der Insekten verschwindet, und es verstummen die hundert zirpenden und schwirrenden Flügelstimmen. Nur die plumpen Zygänen fallen noch ungeschickt von Halm zu Halm oder hängen sich, wie dunkelrot leuchtende Bluttropfen, an die Rispen und Schafte der Gräser. Auch bei ruhigem Sommerwetter meidet der Flug der Alpenschmetter-linge die freie, bewegte Luft. Er streift in hastiger Eile den Boden, wo die Gefahr, das Spiel der Winde zu werden, kaum noch droht.

In der Gipfelzone endlich büsst manches sonst beschwingte Insekt sein Flugorgan ein. Die Flügel vieler Heuschrecken, Käfer und Schmetterlinge verkümmern oder schwinden ganz. Das mahnt an die Kerfe von weit im Weltmeer verlorenen Inseln. Auf den ohne Unterbruch von Stürmen gepeitschten Kerguelen, die der antarktische Ozean umtobt, ist die grosse Mehrzahl der Insekten flugunfähig. Von acht Fliegenarten besitzt nur eine normale Schwingen, und der einzige an jenen unwirtlichen Gestaden lebende Schmetterling trägt nur Stummeln von Flügeln. Alle verstecken sich, Schutz vor der Windverwehung suchend, zwischen den Blättern und im wuchernden Wurzel werk der Pflanzen.

Die Hochgebirge entsteigen wie Inseln dem weiten, trennenden Meer des Flachlands. Und wie auf Eilanden bedroht den Flugbegabten auf dem Berg der Sturm mit Verderben. Je flacher und kleiner aber die Insel wird inmitten der stürmischen See und je höher und steiler das Gebirge aus der Niederung sich erhebt, desto mehr sinkt die Zahl der fliegenden Insekten und desto stärker vermindert sich die Kraft ihres Flugvermögens.

Gleiche Gefahr ruft gleichgerichteter Abwehr. Der Kampf um das Leben indessen scheut nicht vor dem schwersten Opfer, der Aufgabe des Flugs, zurück.

An der unteren Grenze der Region des nie ganz weichenden Schnees findet eine scharfe Kontrolle, eine strenge Auslese der in die Höhe strebenden Fliege mit verkümmerten Flügeln.

Tiere statt. Nur verhältnismässig wenig zahlreichen Arten glückt es, das Bürgerrecht am Rand des Firnfelds oder gar auf dem Gletschereis voll und ganz zu erwerben. Und auch sie sind gezwungen, ohne Unterlass gegen die geizige, unwirtliche Heimat zu kämpfen. Das sind die echten, nivalen Creschöpfe, die Schneetiere. Ihr ganzes Leben spielt sich oberhalb der Schneegrenze ab, von der Geburt bis zum Tod. Vielleicht stammen sie aus einem entlegenen Weltalter und vermochten, die lange, rauhe Zeit der grossen Vergletscherung an Ort und Stelle, mitten im Hochfirn der Alpen, zu überdauern.

Andere tierische Lebewesen werden im Schneegebiet als Auswanderer und Ansiedler geduldet. Sie bequemen sich den fremden Bedingungen des neuen Wohnorts an. Doch bleibt ihr eigentliches Vaterland, in dem die Arten- und Individuenzahl am höchsten steigt, der tieferliegende Berggürtel, die hochalpine Zone.

Endlich weisen die ungünstigen Lebensbedingungen der Schneeregion manche Tiere wie eine strenge Zollwache zurück. Nur zufällig gelingt es diesen Fremdlingen, die Grenze auf Schleichwegen zu überschreiten. Es sind Verflogene oder beim Klettern Verstiegene, die auf freiwilliger oder unfreiwilliger Bergfahrt vom Tal und Gebirgsfuss aus Joch und Schneide, Firn und Eis erreicht haben. Sie gleichen gewissen Twisten, die, des Weges unkundig, ungeübt und ohne jede Bergausrüstung, Gipfel stürmen möchten. Der Versuch der tollkühnen Eindringlinge, auf den höchsten Erhebungen das Recht der Niederlassung zu erwerben oder gar einen Hausstand zu gründen, schlägt fehl, und gar manchem wird die führerlose Kletter- oder Flugübung zum todbringenden Ereignis. Nur einige mag zähe Ausdauer und stets erneuter Anlauf zum Ziel führen. Die kühle Sommerfrische der Hochalp, die während der heissen Zeit regelmässig aufgesucht wurde, wandelt sich im Lauf der Jahre zum bleibenden Aufenthalt.

Aus der bunten Formenfülle hochalpiner Tiere seien nur diejenigen kurz erwähnt, die ohne Unterbruch Schnee und Eis, Firn und Gletscher bewohnen.

Auf den ersten Blick macht der Gletscher den Eindruck einer Stätte des Todes und der unbarmherzigen Vernichtung alles Lebenden. Er ist ein Leichenfeld.

In seinem « Tierleben der Alpenwelt » schreibt F. v. Tschudi: « Geflügelte Insekten werden oft in grosser Menge vom Winde bis auf die obern Firne hinaufgeweht und sinken dann in diese bis zwei Fuss tief ein. Will man sie auf Holz oder Stein retten, so flattern sie sofort wieder weg nach dem Firn, wo sie sich wie berauscht ausbreiten und allmählich mit vollem Behagen einsinken. Zwei Fuss tief herausgegraben, werden sie rasch wieder munter; sonst sterben sie bald und zerfallen dann sogleich, worauf das Tiefersinken aufhört. » Die Beobachtung, die der Meister in der Schilderung der Alpentiere in treffende Worte kleidet, kann jeder Bergwanderer hundertfach wiederholen und bestätigen. Der im Frühlicht schimmernde Gletscher ist ein weites Feld, auf dem unzählige Leichen sich mit Sterbenden, gegen die Erstarrung Ringenden mischen.

Jeder Windhauch, jeder Sturm trägt Fluginsekten des Flachlandes auf ungewollter Luftfahrt zur Höhe. Der tobende Föhn wie der rauhe Nord überschüttet Fels, Firn und Eis mit einer Last Verwehter und passiv Vertragener. Je stärker und umfangreicher der Flügel ist, desto gefährlicher wird er im Sturm für seinen Besitzer. Grossflüglige Schmetterlinge, Fliegen und Wespen machen die unfreiwillige Reise mit, und gelegentlich wird auch ein flugtüchtiger Vogel auf das todbringende Gletscherfeld geworfen.

Über die Gletscher des Finsteraarhorns und über das weite Firnrevier der Konkordia flattern das Tagpfauenauge und der kleine Fuchs der Erstarrung entgegen; der Taubenschwanz, der die Blumen der Ziergärten umschwirrt, wurde tot auf dem Vordertriftgletscher gefunden, und Hunderte von Gammaeulen überstreuen nach Stürmen sterbend den Aletschgletscher und den Fiescherfirn und häufen sich, vom Lichtschein der Bergsteiger-lampe gelockt, um die hochgelegenen Hütten auf dem Oberaarjoch und in der Lötschenlücke. Mit den Kadavern der Schmetterlinge mengen sich die Leichen von Zweiflüglern, von Fliegen und Mücken, von Köcherfliegen und plumpen Pappellaubkäfern. Sie alle sind Verirrte und Verschlagene, die der weisse Tod ereilte. Eine leichtflüglige Wasserjungfer, deren Heimat der Süden ist, und die sonst die kleinen Moränenseen des schweizerischen Mittellands pfeilschnell umkreist, verfliegt sich bis über eine Höhe von 3000 Meter. Sie wurde lebend und tot zahlreich auf dem Eis des Aletschgletschers und der Grünhornlücke, auf den Firnfeldern von Lischanna und Silvretta, auf dem Fiescherfirn und auf dem Eisstrom des Oberaargletschers gesammelt.

Kein Geschlecht der leichtbeschwingten Sommervögel liefert der toten Firnfauna zahlreicheren Zuzug als die Weisslinge. Die Schmetterlinge, die massenhaft über den Gemüsegärten schweben und deren gefrässige Raupen die Kohl- und Rübenfelder verwüsten, werden vom aufsteigenden Wind in grossen Schwärmen in die Höhe geblasen und über weite Strecken des nicht schmelzenden Schnees förmlich ausgesäet.

Jedem Bergsteiger, der früh am Tag den Gletscher betrat, fiel die Menge der gescheiterten Weisslinge auf. Ihre hellen Farbtöne bewirken, dass die Leichname lange an der Oberfläche des Eises liegen bleiben. Denn ein weisser Körper nimmt die Sonnenwärme nur zögernd und unvollständig auf und strahlt sie zur Nachtzeit rasch und ausgiebig in die kühle Luft aus. Dunkel gefärbte Insektenleichen dagegen versinken bald in der hartgefrorenen Unterlage. Der schwarz getönte Leib erwärmt sich über die Temperatur der Umgebung; das unten liegende Eis schmilzt, und immer tiefer gleitet der Wärme bindende und zugleich abgebende Kadaver. So mag es kommen, dass tiefere Firnschichten gut erhaltene Insektenleiber umschliessen, jahrelang ., bis der Schmelzprozess an der Gletscherzunge die längst Ver-endeten wieder freilegt.

Im nahrungsarmen Hochgebirge erlangen die auf dem Eis liegenden Toten als aufgespeicherte Speisevorräte für die Lebenden eine besondere Bedeutung. Was der Kälte nicht rasch zum Opfer fällt, stillt sterbend den Hunger der Räuber, und die Leichen der Erfrorenen werden zur Nahrung der Aasfresser. Am Gletscherrand stellen sich Lauf- und Blattkäfer zum Mahle ein; räuberische Spinnen jagen im grellen, heissen Sonnenschein den zahlreichen auf dem Eis ruhenden Fliegen nach; hochrot gefärbte Milben suchen im vom Schmelzwasser durchtränkten Schnee ihren Unterhalt, und Schwebfliegen erbeuten die vom Wind in Mengen auf den Gletscher verwehten, zartflügligen Blattläuse. Auch die kleinsten Wassertropfen, welche in Eistümpelchen zusammensickern, beherbergen noch winzige, widerstandsfähige Lebewesen, Rädertierchen und Bärtierchen, die sich genügsam vom organischen Staub oder von den Algen des roten Schnees ernähren.

Für alle diese Schneetiere ist der Tisch gedeckt. Der Strom von Lebewesen und von Trümmern, den der Sturm auf den Gletscher warf, wird zum Nahrungsspender in der kargen Schneeregion, und das Sterben im Eis zeugt neues Leben.

Nicht alle auf Firn und Schnee verirrten Tiere erliegen der Erstarrung. Dem Scheintod folgt die Wiederbelebung, solange durch allzu starke Unterkühlung die Körpersäfte nicht zu Eis gefroren sind. Steif und starr liegen Fliegen und Schmetterlinge auf dem morgenkalten Firnfeld. Die ersten Sonnenstrahlen, eine wärmende Hand rufen zur Auferstehung. Sie wecken manchen unbeweglichen Schläfer aus der Totenstarre. Die scheinbar gebrochene Schwinge schöpft Kraft zu frischem Flug, und neu fliesst das stockende Blut. So belauscht der Wanderer an jedem werdenden Tag die Geheimnisse einer Neuschöpfung; das Leben entsteigt dem eisigen Tod.

Unter der kleinen Welt der Bescheidenen und Genügsamen, die an der Grenze des Lebens auf Schnee und Eis Nahrung und Wohnung finden, passt sich keiner der winterlichen Heimat besser und inniger an als der Gletscherfloh. Das Eisfeld bietet ihm Speise; die engste Spalte gewährt dem Tierchen Unterschlupf und Schutz. Es nützt die letzten Möglichkeiten tierischen Daseins aus und verlässt während seiner ganzen Entwicklung den Lebensraum von Firn und Gletschereis nicht.

Im Jahre 1841 entdeckte Desor das winzige Insekt auf dem Lauteraar-und Finsteraarfirn. Kurz nachher gab Nicolet die erste Beschreibung des Gletscherflohs; er legte ihm den wissenschaftlichen Namen Desoria saltans bei, der indessen bald der Bezeichnung Isotoma saltans Nicolet weichen musste. Auch F. v. Tschudi gedenkt im « Tierleben der Alpenwelt » der Desoria und Gletscherfloh.

( Isotoma saltans .) ihrer Verwandten mit den Worten: « Im Eise der Monterosa-, Grindelwald-und Oberaargletscher lebt noch ein merkwürdiges Tiergeschlecht, das der Podurellen oder Springschwänze, eine Kerfenfamilie, die in die Haarspalten der Gletscher eindringt, daselbst vegetiert und wahrscheinlich mehrere Arten zählt. » So stammt die erste Kunde über die Gletscherflöhe aus der Mitte des verflossenen Jahrhunderts, aus der klassischen Zeit der Gletscherforschung, da Agassiz, Desor und C. Vogt ihr primitives « Hotel des Neuchätelois » auf dem Eis des Unteraargletschers errichteten.

Isotoma und ihre zahlreichen Blutsverwandten bilden eine im Bau und Leben tiefstehende Insektengruppe. Noch fehlen dem zwei Millimeter langen zylindrischen Körper, der sich in deutliche Abschnitte gliedert, die für die Kerftiere bezeichnenden Flügel. Zur Bewegung stehen einzig die sechs Beine zur Verfügung und eine am Hinterende angebrachte Springgabel. Letztere vermag, den Leib in weitausholendem, kräftigem Sprung in die Ferne zu schleudern.

Zahlreiche Arten der Springschwänze ( Collembola ) sind im Tal und in der Niederung Winterinsekten. Sie tummeln sich in wimmelnden Mengen am Rand des Schnees und stieben über die Tümpel und Pfützen, die im Frühjahr das Schmelzwasser speist. Viele erklimmen die Schnee- und Eisregion der Hochalpen. Sie bevölkern die tierarmen Schutt- und Felsinseln, steigen auf Gipfel und Grat und lassen eine letzte Spur verglimmenden Lebens zwischen den ungefüg geschichteten Blöcken und Steinscherben der Moränen erstehen.

Ein grosser Bruchteil der hochalpinen Collembolen besiedelt eine zweite weitentlegene Heimat im hohen Norden, das Gebiet von Skandinavien und Finnland, das einst ein ungeheurer Eisschild überdeckte. Manche gedeihen in der Arktis oder sind zugleich dem Polarkreis und den Alpen eigen. Sie zeugen vielleicht für verflossene, kalte Perioden der Erdgeschichte, da das Leben vom Pol nach Süden floss und vom Hochgebirge hinausflutete in das mitteleuropäische Flachland.

Von etwa 115 Formen der Springschwänze, die Handschin im schweizerischen Nationalpark sammelte, zählen nicht weniger als 86 auch zur Tierwelt des Nordens.

Oft sah ich im fahlen Zwielicht der Mitternachtssonne von Spitzbergen den tauenden Schnee an den Hängen der Magdalenenbai von den Herden der Gletscherflöhe dunkel gefärbt. Die alpine Art allerdings und die ihm ungemein nahestehende Form Isotoma nivalis, der Schneefloh, verlassen das Gebiet der Hochalpen nicht. Beide sind alpin-endemisch verbreitet.

In den Schilderungen der Gletscherfahrten und in den Beschreibungen von Erkletterungen von Hochgipfeln spielt der Gletscherfloh eine populäre Rolle. Jeder Führer kennt seine Flohsprünge, und jeder Turist, der im Sonnenlicht den Eisstrom querte, weiss von ihm zu berichten, von seinen Mengen besonders, die sich auf dem Eis und auf der Schmelzwasserlache zu schwarzen oder tief dunkelblauen Flecken und Feldern zusammenfinden.

Wenn aber der nahende Schritt sie schreckt oder der Schlag des Pickels den Firn erzittern macht, fahren und springen die Tausende von schwarzen Punkten nach allen Seiten auseinander in übereilter Flucht, ein schnellender, wimmelnde Wirrwar. Jeder sucht sich unter dem nächsten Stein zu bergen, in den feinsten Haarspalten des Eises, und nach Sekunden schon hat der Gletscher die ganze zerstiebende Herde verschluckt.

Isotoma saltans dürfte kaum einem Eisfeld des ganzen, weiten Alpengebiets fehlen, von der Dauphine bis zu den Firnen des Grossglockner und des Venediger. In der Schweiz kennt man den Gletscherfloh aus dem Berner Oberland, dem Wallis und von den Bündner Bergen. Er lebt im Nationalpark bei Zernez, auf den Schneeflecken und den Gletscherchen des Piz Quatervals. Bis gegen 4000 Meter Erhebung steigt das kleine Insekt empor. Ein naher Verwandter haust sogar auf dem Gipfel des Finsteraarhorns und ernährt sich von den modernden Trümmern der Blütenpflanzen, die auf jener sturmumbrausten Bergwarte kümmerlich heranwachsen. Ebenso hoch aber steigen den Springschwänzen ihre Feinde und unerbittlichen Verfolger, räuberische, grellrote Erdmilben, nach. Auch der einsame Alpengipfel kennt keinen Unterbruch im bitteren Wettstreit der Geschöpfe um Licht, Luft und Speise, und der Mensch ist nicht der einzige Bringer der Qual.

Am häufigsten aber hält sich der Gletscherfloh in Höhenlagen von 2600 bis 3000 Meter auf. Da liegen auch unter den schützenden und wärmenden auf dem Eis ausgestreuten Steinen seine Brutstätten. An solchen versteckten Orten häufen sich im Alpensommer die Massen der kugeligen, etwa 0,26 mm messenden Eier zu einem gelbroten Pulver. Zehn bis vierzehn Tage mögen verstreichen, bis das voll entwickelte Tier dem Ei entschlüpft. Von der Not getrieben, steigen die Scharen durch die dicke Schneedecke hinauf auf die Eisfläche, wo ein bescheidener Tisch für die Hungrigen bereit steht. Die Gletscherflöhe sind Staubfresser. Sie verzehren die kleinsten organischen Splitterchen, die jede Luftwelle als mikroskopisch feinen Niederschlag auf die Gletscher regnen lässt. Wenn aber am tieferen Berghang im Vorsommer der Tannenwald blüht, bricht auch für die anspruchslosen Schnee-tierchen die beste Zeit, die Zeit des Überflusses, an. Wolken von Blütenstaub trägt der Frühlingswind zur Höhe, und auf weite Strecken färbt sich das Eis von dem blassgelben Staubregen. Die Unmengen der Pollenkörner aber sind die fast unversiegbare Quelle, aus der Tausende von Gletscherflöhen ihre Nahrung schöpfen. Magen und Darm füllen sich prall mit dem Pollen der Nadelhölzer. Auf der Futtersuche verlieren sich die beweglichen Springer weit über den Gletscher; die schwarzen Flecke verschwinden, und die kopf-reichen Herden lösen sich auf, bis der Fortpflanzungstrieb die Scharen wieder zusammenführt. Dann entstehen an geeigneten Orten, unter den Steinbrocken der Mittelmoränen, unter dem Schieferschutt auf dem Eis neue Brutherde, von denen bald neues Leben ausstrahlt.

Auch zu Massenwanderungen der Springschwänze kommt es etwa, ohne dass sich die Ursache solcher Heerzüge sicher erkennen Hesse. Der Gebirgler sieht in den unruhvollen Ausflügen nach einem unbestimmten Ziel das untrügliche Vorzeichen drohenden Wettersturzes.

Das unfruchtbare Eis reicht dem Gletscherfloh bescheidene Speise; das starre, kalte Firnfeld bereitet ihm auch eine dürftige Wohnung. Und diesem Obdach schmiegt sich das Schneetier in Bau und Leistung in vollendetem Masse an. Fast alle Körpereinrichtungen von Isotoma ordnen sich unter dasselbe Ziel, Sonnenwärme zu binden und ihre Abgabe zu verhindern. Das tiefschwarze Kleid, der schützende Borstenbesatz, der Luft-mantel, der als schlechter Wärmeleiter bei der Häutung zwischen der Körper-decke und der sich abstossenden Hülle bestehen bleibt, die Kleinheit des Tiers und die geringe Menge seiner Körpersäfte — alles wirkt in seiner Weise der tödlichen Abkühlung entgegen und erlaubt dem Gletscherfloh das Dasein auf Eis und Schnee. Mag der Frost der kalten Nacht die Glieder lähmen, die sengenden Sonnenstrahlen des hellen Tages werden dem im Firn erstarrten Körper neues Leben schenken.

Das Tier findet die Mittel, auch den letzten Raum zu besiedeln und jede Ungunst der Aussenwelt siegreich zu überwinden.

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