Schweizerische alpine Kunst

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Erste Ausstellung in Zürich vom 26. März bis 17. April 1933, veranstaltet durch den Schweizer Alpenclub.

Zwei Briefe von Heinrich Halter.

Zürich, den 29. März 1933.

Also ausgerechnet ich, bester Herr Doktor, soll von dieser Ausstellung etwas plaudern! Darf denn ein blosser Liebhaber über ein Sondergebiet der Kunst öffentlich sprechen? Das ist VermessenheitWenn ich der Einladung doch Folge leiste, so erwarten Sie von mir keinen fachmännischen Bericht. Was ich hier sage, sind nur Eindrücke, persönliche Ansichten, die man gelten lassen kann oder nicht. Dabei hüte ich mich, auch nur einen einzigen Künstler von den 210, die ausgestellt haben, beim Namen zu nennen. Ich kann doch nicht ihre 322 Bilder bewerten, ohne zu überborden vor Freude oder Schmerz. Mich regt so ein Umgang auf und an.

Der S.A.C. sei eine Demokratie en miniature, habe ich von der Eröffnung gehört, und demokratisch sei die Einladung an die Künstler unseres Landes ergangen, man habe möglichst viele erfassen wollen und bei der Lese aus über 1000 eingeschickten Bildern habe man diesen Grundsatz befolgt. Gut so. Auch unsere Dichtung hat das Gepräge der Demokratie, der Bürgerlichkeit, wenige Spitzen ausgenommen.

Erstaunt bin ich beim ersten Gang durch die Ausstellung, erstaunt vor Vergnügen, dass die Alpenwelt so viele lebende Maler und Zeichner unseres Ländchens erregt hat; erstaunt vor Vergnügen, dass sich einige Künstler und Uto-Mannen freiwillig der gewaltigen Arbeit unterzogen haben, in kurzer Frist diese Fülle von Bildern auszulesen und zu hängen in Räumen des Kunstgewerbemuseums, die bei dem geringen seitlichen Lichteinfall für diese Ausstellung nur mässig genügen konnten.

Mit allerhand Erwartungen spazierte ich hin und her, denn die Gebirgswelt ist so reich an Motiven verschiedenster und doch naturverbundener Art, dass sie einen verwirren kann. Wohlverstanden, ich hoffte viel. Dass die Landschaft überwiegen werde, war mir von vornherein klar. Aber so sehr — hatte ich nicht erwartet. Nun, das bedeutet keine Schwäche, wenn die künstlerische Erfassung kraftvoll und eigenartig ist.

Ich habe gehört, der Künstler mache einen dreifachen Prozess beim Gestalten durch: zuerst erfolge die Konzeption und Vision mit der ungeheuren Farben-, Licht- und Lebensfülle des Traumes; dann das mühsame Nachgestalten, wobei der Künstler das Beste der Konzeption verlorengehen sieht, enttäuscht ist, zornig wird, das Thema verhöhnt bis zur Karikatur, seelisch selbst bis zur Minderwertigkeit zermürbt; dann folge eine neue Liebeserklärung, die das Objekt aus der hässlichen Vergewaltigung, aus dem Fegefeuer heraushebe, und erst jetzt entstehe auf einer mittleren Basis das Kunstwerk. Wenn das stimmt, sagte ich mir, so kann es nicht nur für figürliche Kompositionen gelten, sondern ebensogut auch für landschaftliche.

Mich dünkt, viele Maler hätten wohl einen geschickten Standort ausgelesen, ihre Kompositionen seien aber durch die Landschaft selbst schon gegeben. Blieben also nur noch Farbe, Stimmung, Tonwerte zu schaffen. Nur noch? Das ist doch schon sehr viel, auch wesentlich für ein Gemälde. Aber es kann nicht alles sein. Über die Technik geht der leidenschaftliche Anteil der Künstlerseele, sie verleiht dem Bilde das Besondere, Gehobene. Stimmt dasIch war glücklich, ihren Hauch zu verspüren.

Viel Respekt vor dem Objekte sah ich, auch zu viel. Was man in der Natur für schön findet und gestaltungswert, ist bei getreuer, nachschaffender Wiedergabe noch nicht Kunst, ist Kopie, kann sogar sehr gute Kopie sein, so gute und wirkungsvolle, dass sie dem Kunstwerk zum verwechseln ähnlich wird. Gewiss, man verlangt von einem Bergporträt, dass der Berg erkennbar sei. Ich lasse meinen Kopf auch nicht malen oder zeichnen und finde mich nachher selbst nicht mehr im Bilde. Aber ich verlange die besondere Betonung des Geistigen, Figürlichen, Bewegten. Der Berg muss leben. Diese Forderung erfüllten eine Anzahl Bilder, besonders hinten in dem kleinen Saale, wo die eigenartigsten Köpfe ausgestellt hatten, wenigstens nach meiner Auffassung.

Die bewegte Landschaft? Sie war nicht zahlreich vertreten. Um so häufiger die brave, ruhige, ich hätte fast gesagt bürgerliche, gefällige. In der alpinen Gipfellandschaft ist das Spiel von vertikal, diagonal und horizontal überaus reizvoll, erscheint voll Bewegung und Wucht. Dazu kommt das Tiefe erzeugende Hintereinander der Bergkulissen, der Wechsel von Licht und Schatten, der Wandel der Atmosphäre im Laufe des Tages, des Jahres. Das alles verleiht den Bildern eine Art Bewegtheit, auch Grösse bei geschickter Wahl. Aber es ist nicht jene Bewegung, die das Künstlerblut ohne weiteres erkennen lässt, jenes Temperament, das die Berglandschaft zwingt und sich nicht von ihr zwingen lässt.

Sehr viele Bilder boten reizvolle Einzelheiten, schenkten dem Beschauer eine Art liebes Wiedersehen und weckten Erinnerungen an alpine Begebenheiten und Erlebnisse. Auch mir ging es so, und ich hätte mir wohl mehr als eines gekauft — aber in meinem Beutel ist fortwährend Ebbe.

Doch ich werde langweilig, bin augenmüde. Also genug für heute. Und es ist wohl auch nicht ganz das, was Sie von mir hören wollten.

IhrH. H.

Zürich, den 9. April 1933. Lieber Herr Doktor!

Wieder bin ich herumgegangen. Diesmal weniger blasiert, weniger voreingenommen. So bild ich mir ein. Ich hatte es auf etwas Besonderes abgesehen. Was raten Sie?

Ich las einmal bei David Hess — er hat es um 1820 geschrieben — ungefähr den Satz: Der echte vielseitige Kunstfreund möchte nicht nur immer lydische Flötentöne, sondern auch zur Abwechslung die Donnermelodien brausender Katarakte und das Getöse stürzender Lawinen vernehmen, gern grosse Schattenmassen im Gegensatz zu Lichtpunkten sehen, Wälder von Orkanen gebeugt, Baumstämme vom Blitz zerrissen, brausende Bergbäche, Hochgebirgsgewitter, Kampfszenen aus der wilden Alpennatur. Das ist allerhand, was Hess verlangte. Nicht wahr?

Sie lächeln, Herr Doktor, und denken: Ach ja, Romantik von dazumal, Reaktion auf die süsse Idyllenmalerei! Die haben Diday, Calarne und andere gepinselt, wir aber leben in einer andern ZeitPardon! Romantik wird nie überwunden. Jeder trägt sie in sich, zum mindesten der Knabe, der Jüngling. Kubismus, Futurismus, Sachlichkeit — sind die besser, wertvoller? Sind die nicht schon gestorben, am Sterben? 0h, wir sind schon auf dem Wege zur Romantik, nicht zu jener alten, sondern zu einer neuen, die mehr malt als zeichnet. Mich dünkt es so. Ich denke an ein farbiges Frühlingsbild.

Diese neue Romantik, die eine Schwester der Mystik ist, suchte ich in der Ausstellung. Sie war da. Aber noch bescheiden an Zahl der Bilder. Und wiederum zu finden in jenem kleinen Saale der « Eigenbrödler », wie sie ein Spötter genannt hat, und nebendran; aber auch anderswo sah ich etwas davon, nur etwas gefälliger, temperierter, sachlicher sozusagen; zwei Winterlandschaften, eine Mondnacht, sind mir noch in guter Erinnerung. Ein Lawinenbild, das ich sah, gehört nicht zu dieser Romantik.

Das Wasser, wo war das geblieben? Ja, ruhige Seen und Seelein, Bach-studien, sonst nicht viel. Die bewegte Luft? Wolken, Wölklein, flatternde Nebel konnte man sehen und freute sich dran. Auch Morgen- und Abendröten.

— Der bewegte Bergwald? Der um sein Leben kämpfende Baum im Sturm?

— Die Schlucht? Eine war da und gefiel mir.

Und das Bergdorf? Es war da, einmal sogar gut und eigenwillig. Und der Mensch, der in den Alpen lebt und kämpft? Ich sah einen Heimgang von der Messe im Val d' Hérens, sonst nicht viel. Trachtenbilder genügen nicht.

Was ich ohne weiteres erwartete, waren Porträte von Führern, Hirten, Bauern, Holzern. Auch grössere figürliche Kompositionen voll Rhythmus und Farbe suchte ich. Sind alpine Menschen an der Arbeit kein Thema mehr für den Künstler? Wo bleibt der Bergsteiger, der Skifahrer? fragte ich mich. Ist da nichts Darstellenswertes vorhanden?

Und das alpine Tierleben? Es gab Zeiten, wo Künstler es nicht übersahen. Kein Rind, keine Ziege, keine Gemse, kein Vogel war zu sehen als eigentliches Thema. Man sage nicht, dergleichen sei früher schon genug gemalt worden. Es kommt nur darauf an, wie man es im Bilde wiedergibt.

Ach, mein lieber Doktor, schon wieder bin ich blasiert geworden. Doch auch für mich war die Ausstellung ein Augenschmaus, denn ich liebe die alpine Gipfelflur mehr als alles Menschliche in den Bergen. Dafür danke ich dem S.A.C. und seinen führenden Köpfen, die mit dem blossen Berg-steiger- und Skifahrertum sich nicht begnügen, von ganzem Herzen. Und mit mir wohl auch die meisten der 7000 Ausstellungsbesucher. Ich war glücklich, zu hören, dass um 50 Bilder gekauft worden sind. Die nächste Kunstausstellung alpinen Inhaltes wird reichhaltiger, gewählter sein.

Mit diesem Eindruck bin ich IhrH. H.

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