Sciora di Fuori-NW-Kante

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Mit 4 Bildern ( 175—178Von Emil Meier

( Wetzikon ) Graubünden prangt in Herbstfarben! Aus formlosem Wolkengewirr schälen sich vereinzelte weisse Bergspitzen — erster Schnee!

Als einziger Bergsteiger betrete ich im verlassenen St. Moritz die Autopost. Bei der Aufgabe meines gewichtigen Sackes blickt mich der Chauffeur forschend an: « So spät noch ins Bergell? » Das frage ich mich auch beim Auftauchen der winterlichen Berge, bin ich doch zu Kletterfahrten ausgezogen! Sehr gespannt erwarte ich den Einblick in die ersten Bergeller Gipfel und möchte am liebsten selbst auf den Gashebel drücken. Aber der Postler hält die Fahrzeiten genau ein. Endlich verschwinden mit den ersten Kehren der Malojastrasse die landschaftsfremden Hotelkästen, und plötzlich stechen zwischen vorbeischiessenden Baumwipfeln dunkle Granitspitzen in den azurblauen Engadiner Himmel — die Bergeller! Der Badile! Mein Herz schlägt schneller in der Erinnerung an dessen grossartigen Nordkantenaufstieg. Der junge, kompakte Granit, ein richtiger Auswuchs aus dem Magma unserer Erde, ist es, der mich besonders begeistert. Seine gigantischen, urwüchsigen Formen lassen mich die Urgewalten ahnen, die einst hier am Werke waren, um so mehr als wir heute nur Ruinen viel grösserer Massive vor uns haben!

Immer tiefer schraubt sich der Postwagen der Landesgrenze zu. Heimziehende Schafherden tummeln über den Römerweg. Italienisch sprechende Schweizer bevölkern den Wagen. Da ist das Kastell von Promontogno. Aus- steigen! Sack auf! Ich erkundige mich noch schnell nach meinen beiden Kameraden, welche schon einige Tage vorher hier eingetroffen sind, die Glücklichen! Bergsteigen braucht neben Feu sacré, Energie und oftmals Geld auch die nötige Zeit. Und das ist es oft, was der jungen Generation am meisten mangelt.

An den Grotti vorbei steige ich eilig taleinwärts, der wild rauschenden Bondasca entlang. Als ich kurz vor Laret aus dem Wald hinaustrete, bleibe ich vom Anblick der gigantischen Scioragruppe, welche den Talhintergrund abschliesst, gebannt stehen. Wie eine überirdische Landschaft leuchten die Gipfel purpurn in den blauvioletten Abendhimmel hinein: links das erhobene Schwert der Fuori, dann die zu ihr überhängende Pioda, die Nadelspitze des Ago und rechts die breitere Dentro. Unter ihnen, zwischen die Gemelli eingeklemmt, drängt sich der jäh zerklüftete Bondascagletscher durch. Aber mein Blick bleibt an die Schneide des Schwertes, einen vertikal gezogenen Schattenriss, gefesselt — die NW-Kante! Sind doch nach Goethe « die Berge stumme Meister und machen schweigsame Schüler »! Ob der phantastischen Steilheit steigen mir plötzlich Zweifel auf über die Durchführbarkeit unserer Pläne. Aber die Gewissheit, dass andere Partien auch schon diesen imposanten Weg gegangen sind, gibt meinen Gedanken neuen Auftrieb. Und oft scheinen Kletterprobleme aus der Ferne unlösbar, während man beim näheren Zupacken gangbare Stellen findet. In Gedanken versunken steige ich den steilen Hüttenweg hinan, der durch Gebüsch und über Rasenplanggen meinem ersten Ziel, der Sciorahütte, zustrebt. Mein schwer geladener Sack mit der unentbehrlichen Kletterausrüstung wie: Seil, Reserveseil, Schlosserei und sogar dem Kino, drückt mich buchstäblich in den Boden hinein. Nach knapp drei Stunden überrascht mich das Licht der Hütte, und bald darauf begrüsse ich meine beiden Kameraden. Sie haben bereits den Ago bei winterlichen Verhältnissen bestiegen. Trotzdem beschliessen wir, am folgenden Tag die Fuorikante anzugehen.

Wortlos, mit den Händen in den Hosentaschen, bummeln wir durch die Moränenblöcke gletscherwärts. Im Morgengrauen erscheint uns die Kante schauderhaft lang und gespensterhaft steil. Wird uns wohl ein Tag allein genügen? Kaum! Obschon die empfindliche Kälte noch lange in den schattigen Winkeln des Berges hocken wird, treibt uns der verspätete Aufbruch plötzlich zur Eile an. Keiner will mehr den zurückgelassenen Schlafsack holen.

Frisch drauf los! heisst jetzt die Losung. Über den zwischen Fuori und Pioda liegenden kleinen Kargletscher gewinnen wir den untersten Felssporn, dort, wo sich die Kante steiler aufschwingt. Bei zwei kleinen Türmen ziehen wir die Kletterschuhe an. Von hier weg sind zwei Varianten möglich:

1. die direkte Kante ( Route der Erstbesteiger ), 2. Umgehung des Steilaufschwunges auf der Westseite ( leichter, in letzter Zeit gebräuchlich ).

Beide Routen vereinigen sich am Biwakplatz der Erstbegeher, zweier kühner Münchener Bergsteiger, die den Berg mit Ostalpentechnik überlisteten.

Wir wählen den direkten Grataufstieg. Sofort beginnt Kletterei 5. Grades. Durch einen feinen Vertikalriss gelangen wir alsbald in massige Platten, die mit Adhäsionskletterei überwunden werden. In feinen Rissen erreichen wir eine 30 m hohe vertikale Verschneidung. In harter Stemmarbeit geht es darin mühsam aufwärts, bis der Fels in rundlichen Formen ausläuft. Mit einem prächtigen Spakat nach rechts und heikler Wandkletterei kann diese Stelle überwunden werden. Dann schleichen wir wieder katzenhaft der rundlichen Verschneidung entlang, welche weniger steil nach links zur Kante ausbiegt. Über kleinere Stufen, aber mit weit auseinanderliegenden Griffen, kommen wir an die erwähnte Biwakstelle.

Und jetzt bäumt sich der Grat in unersteiglichen Plattenschildern auf. Nach einer kurzen Rast turnen wir durch das Labyrinth der aufgestellten Platten nördlich unter den Plattenaufschwung. In einem Vertikalriss können wir ca. 8 m Höhe gewinnen, aber dann werden wir, feinen Rissen folgend, durch die wuchtigen Granitschilder des grossen Aufschwunges immer mehr in die Südwand abgedrängt. Ein Band führt leicht unter die Schlüsselstelle, welche an den rostigen Haken erkennbar ist.

Nachdem wir die Seile geordnet und jeder seine Position bezogen hat, Sef Borde mit der Kinokamera an Selbstsicherung und ich als Sichernder am Doppelseil, macht sich Otto Gerecht an das Problem heran. An der dünnen, abstehenden Platte schafft er sich verklemmend hinauf, richtet sich auf der Plattenspitze auf, was ein ausgewogenes Gleichgewichtsspiel verlangt, um von dort möglichst hoch an der senkrechten Stelle nach links zur Hakenreihe zu traversieren. Auch das glückt ihm glänzend, und beruhigend schnappt der Sicherungskarabiner ein. Es gilt nun, den folgenden Überhang mittels Seilzugs zu überwinden. Hans Frei beschreibt in den « Alpen », Juniheft 1937, wie diese Stelle durch Pendel nach links forciert werden könne, was uns aber nicht einleuchtet. Wir wollen direkt empor. Von Haken zu Haken kann ich jetzt meinen Kameraden durch gegenseitigen Zug an den beiden Seilen wirksam unterstützen. Doch am Überhang selbst fehlen alle Griffe und Nägel. Trotzdem vermag Otto den Körper noch etwas höher hinaufzuwinden. Er greift nach dem Haken am Ausstieg, aber zu unserem Entsetzen gibt dieser nach. Ich halte die Seile straff und erwarte gefasst den Ruck des Stürzenden. Doch der kaltblütige Kamerad kann das verlorene Gleichgewicht selbst mittels Reibung und Beinverspreizen wieder auffangen. Bravo! Tatsächlich jeder Zoll ein Meisterkletterer! Rasch pflanzt er einen neuen Haken und verschwindet in die folgende Nische, wo er uns sichern kann. Ich bin froh, meine steifen Knochen bewegen zu können, muss aber sofort einsehen, dass sich diese Stelle 6. Grades nicht einfach überrennen lässt. Auch Sef nennt diesen Aufstieg « eine pfundige Sache — nur für Vollnaturen ». Leichter gewinnen wir dann die Gratscharte, wo wir wieder ein grösseres Wegstück überblicken können. Noch immer liegt harte Arbeit vor uns.

Die vorgerückte Zeit — wir haben schon einige Stunden durch Wegsuchen, Filmen und Photographieren verloren — drängt uns sofort weiter an die nächste Wand 5. Grades, welche wir nach links zu einer Kanzel ersteigen. Jetzt sind wir am Fuss jenes berüchtigten 80-m-Kamins, welches den Grat in zwei scharfe, nicht kletterbare Schneiden spaltet. Zwangsläufig steigt Otto im Kamin weiter. Der Grund ist so breit, dass nicht gestemmt werden kann. Bis zum ersten Sperrblock müssen vorerst die glatten und steilen Seitenwände erklettert werden.

Schon lange mühen wir uns im dunkeln, feuchten Kamin ab und sehnen uns nach Sonne, aber sein Ausstieg liegt noch hoch über uns und ist ganz ungewiss, da sich die Kaminwände zusammenschliessen und nur ein winziges Guckloch offen lassen. Ich ducke mich unter einen Sperrblock. Hier können mich keine « harten Grüsse » treffen. Mit Ungeduld geht Otto weiter. Nur der treue Hanf verbindet uns, sonst kann ich meine Kameraden nicht sehen. Von oben sind nur die Klettergeräusche von Stemmen und Nachschieben sowie anschwellendes Pusten zu vernehmen. Langsam läuft das Seil aus. Auch das Kamin ist nicht leicht. Es ist nicht exponiert, aber sehr mühsam. Wie ein Scheuleder halten die Kaminwände den Blick nach der Splügen-gegend gefangen. Das Tambohorn, ein Skiberg für Feinschmecker, sticht heraus, und dahinter gleisst die Adula. Tief unten ein kurzer Ausschnitt aus dem Bergell, es ist Bondo.

« Nachkommen! » widerhalt 's von oben. Das Kamin wird immer enger und der Sack immer lästiger. Während Otto den Ausstieg rekognosziert, sichere ich den nachkommenden Sef, welcher sich mit der Kamera in den Zähnen über die Hindernisse windet. Von unserer Nische aus, in der nur knapp zwei Mann Platz finden, muss das Kamin wegen Verengung verlassen werden. Bereits hat Otto zur Rechten ein kleines, griffarmes Wändchen überwunden und schwingt sich nun in weitem Spreizschritt um die Kante herum.

Aus der folgenden steilen Rampe, welche sich unmittelbar rechts der Kante hinzieht, erholen wir uns von den Strapazen, denn die weiten Zuggriffe ermüden besonders die Arme. Jetzt können wir in Ruhe die gegenüberstehende Pioda bewundern. Sie ist aus glatten Felspanzern aufgebaut, ein Dorado für den Adhäsionskletterer! Rund um uns strahlen verheissungsvolle Fahrten frohlockend zu uns herüber, und neue Pläne werden geschmiedet! Aber das Gewaltigste ist doch die Fuori, die « Äussere » der ScioragruppeWeiter! Ein kleiner Überhang wird direkt überwunden, und dann leitet ein flaches Gratstück in die brüchige Scharte unter dem Vorgipfel. Der Grat scheint rechts ( südlich ) frisch abgebrochen zu sein. Schon von weitem war hier ein grosser, heller Fleck sichtbar, doch ist mir nicht bekannt, wann dieser gewaltige Ausbruch stattfand. Der Blick sinkt hier jäh ab in die schaurigen Tiefen der Südwand.

Aber noch einmal dämpft der Berg unser forsches Draufgängertum. Es gilt wohl den letzten Überhang zu überwinden. Glücklicherweise ist die Route mit Haken markiert. Schnee liegt auf den Bändern. Schon dringt die Kälte in die Knochen. Die Finger werden steif. Jetzt rasch handeln! Die Sicherung ist ausgezeichnet und die Haken gerade dort, wo sie nötig sind. Nach einer Seillänge unter dem Überhang hinschleichend folgt ein kräftiger Klimmzug, und die Gratplatte ist erreicht. Die Schwierigkeiten nehmen jetzt rapid ab. In segantinischen Farben versinkt der Sonnenball im Westen, während drei dunkle Gestalten eilig dem Gipfel zustreben. Ein seltenes Naturerleben, diese scharfen Gegensätze von Licht und Schatten! Aus dem rot- SCIORA DI FUORI-NW-KANTE, EINE SCHWERE FAHRT violetten Leuchten zerfliesst der Erdschatten in dunkles Blau. Aber es will nicht dunkel werden, denn schon steigt der Vollmond über den Horizont.

Am Gipfelsteinmann reichen wir einander die Hände, und über dürstende Lippen kommen Dankesworte. Nicht mit Gold zu begleichen ist diese grosse, unvergessliche Fahrt. Hier kann ich auf die notorische Frage der Nichtbergsteiger die Antwort geben, weshalb wir immer wieder in die Berge ziehen und warum wir solche « verrückten Kraxeleien » ausführen: es ist das grosse Erlebnis, das wir suchen, das uns befriedigen und neuen Lebensimpuls geben kann, wie dies Louis Trenker in seinem Buch « Meine Berge » so treffend charakterisiert hat: « Der Wert des Alpinismus liegt im Erleben der Natur dort, wo sie sich aus Fels und Eis ihr grosses Symbol schuf: den Berg. » Nach einer kurzen Rast steigen wir im Mondschein nach der Scioretta-scharte ab. Auf der Nordseite liegt Schnee, und wir sind froh über die Schuhe, welche wir wegen der sperrigen Säcke bei der Kletterei oft verwünschten. In der Scharte angelangt, bereitet uns der Berg eine neue Überraschung: das Sciorettacouloir, welches wir für den Abstieg benutzen wollen, ist vollständig vereist und liegt zudem im Mond schatten. Unter diesen Verhältnissen bleibt der Abstieg bei Nacht ausgeschlossen. Von der Scharte aus soll auch eine Kletterroute durch die Sciorettawand existieren, welche von einigen Partien schon im Abstieg mit Kletterschuhen ausgeführt wurde. Auch auf diese Variante verzichten wir, denn die Wand steht im Mondschatten wie ein schwarzes Gespenst vor uns. Vom Klettern in unbekanntem Gelände bei Nacht versprechen wir uns nichts Gutes. Was uns noch bleibt ist — ein Biwak etwas östlich unterhalb der Scharte. Auf einer horizontalen Granitplatte strecken wir, eng zusammenliegend, unsere müden Glieder. Aber der kostbare Schlafsack liegt in der Hütte. Wir haben daher alle Unannehmlichkeiten des unfreiwilligen Biwaks durchzukosten. Taghell erleuchtet der Mond die Landschaft. Die vom Castello und Cantun abfallenden Gletscher locken zur Mondscheinskifahrt. Lichtmüde presse ich mich in eine Höhle tiefer in den Berg hinein. Aber auch hier leuchtet mir der Stein gespensterhaft entgegen, es müssen phosphoreszierende Flechten sein. Mit abwechselndem Zähnegeklapper vergeht die Nacht. Erst gegen 8 Uhr sind wir nach kurzem Morgenturnen, welches die steifen Glieder wirksam erweckt, startbereit. Teils kletternd, teils schneestampfend und mit dem Kletterhammer eishackend, gewinnen wir im Sciorettacouloir rasch Tiefe. Die steile Stelle an der Gabelung des Couloirs seilen wir in 2 x 30 m Längen ab und queren dabei in der letzten Etappe den mit Wassereis überronnenen Kännel. Auch der unterste Eishang, der eine gefährliche Neuschneeauflage erhalten hat, verlangt noch volle Aufmerksamkeit. Zur gegenseitigen Sicherung benützen wir in beiden Händen lange Mauerhaken. Endlich sind die Blockhalden erreicht. Im Laufschritt eilen wir der Sciorahütte zu.

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