Sentiero dell'amicizia

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Walter Gloor, Zürich

Wenn man die Siebzig überschritten hat, seit der Jugendzeit stets gerne kletterte und auch Eistouren nicht verschmähte, schaut man sich unwillkürlich nach neuen, angemessenen Möglichkeiten um, sofern man sich nicht schon früher mit solchen Gedanken befasste. Haben überdies Ehrgeiz und einseitiges Leistungsdenken nie eine ausschlaggebende Rolle gespielt, kann der neuen Situation gelassen begegnet werden. Andere, neue Möglichkeiten für Touren und Wanderungen eröffnen sich, erweitern den Horizont und vertiefen die Freude auch an kleinen und kleinsten Dingen in der Natur, welche früher oft übersehen wurden.

Die oberste Bucht des Gardasees wird überragt vom Felsmassiv der Rocchetta. Gegenüber erhebt sich der Monte Baldo, Botanikern und Geologen gleichermassen ein Begriff. Im steilen Wald, etwas mehr als 500 Meter über Riva, befindet sich die ( Capanna Barbara ) der SAT, Società Alpinisti del Trentino, ein unbe-wirtschaftetes Hüttchen ohne Unterkunftsmöglichkeit. An Wochenenden aber treffen sich die Clubkameraden hier oben, und ihr Landwein mundet köstlich. Bald hat man den Wald verlassen, und frei wird die Sicht auf dem Weg über die ( Ferrata ) zur Cima SAT. Teilweise mit Seilen gesicherte Bänderführen an die senkrechten Wände heran. Da wäre also die erste der zahlreichen Eisenleitern, doch zuerst eine kurze Rast. Der Blick schweift hinunter zum glitzernden See, wo in der Bucht von Torbole die Windsurfer sich mit ihren bunten Segeln tummeln. Ein Deltasegler schwebt, kaum merklich an Höhe verlierend vorbei, aus der Vogelschau erscheint die Altstadt von Riva wie ein Mosaik. Den alten Bergsteiger beschleicht ein seltsames Gefühl, wenn er in die sonnenwarmen Sprossen greift. Allmählich aber beruhigt sich sein Gewissen, und Spass an diesem ( Jubiläumsweg der Freundschaft ) kommt auf. Kurze Kletterstellen wechseln ab, führen hin zur längsten Leiter, deren Ende anfänglich nicht abzusehen ist und die sich in der Bläue des Himmels verliert. Einmal frei und ungesichert über senkrechte Wände aufsteigen zu können, welch ein neues, ungewohntes Gefühl! Auch auf diese Weise kann man nach Erreichen des Zieles Genugtuung empfinden, das Glück des Unterwegsseins zu stets wieder neuen Erfahrungen.

Der Rückweg über das schmale Weglein der Normalroute ist gesäumt von seltenen Blumen. Vor dem letzten Stück des Abstiegs noch ein Schluck bei den fröhlich tafelnden Trentinern; es ist heiss geworden. Die Gassen und Strassen von Riva sind wie ausgestorben, die Stadt döst in der Mittagshitze.

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