Skihochfahrten im Wallis

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Von Hans Hotz.

Mai 1931. Im Mittelland und den Tälern hat sich die Erde bereits mit einem grünen Kleide angetan. Alles neu macht der Mai! Im Saastal möchte man fast umgekehrt sagen: alles muss neu gemacht werden, wenn der Mai ins Land zieht. Hier haben die schweren Lawinenzüge mit ihren Schnee- und Schuttmassen vielerorts das Strässchen bedeckt und die Stützmauern eingerissen. Weite Strecken müssen ganz neu gemacht werden.

« Soeben wollte ich die Hoteltüre schliessen », meint der freundliche Portier im Hotel Glacier zu Saas-Fee. Es ist bald 10 Uhr, und schon leuchten die Sterne über den Bergriesen der Mischabelkette.

Die Sonne steht hoch am Himmel, als wir Abschied von dem in dieser Jahreszeit noch stillen, verlassenen Dorf nehmen. Schwer bepackt streben wir dem Feegletscher zu, erreichen die Schneegrenze und nehmen mit dem bekannten Seufzer der Erleichterung die Bretter vom Buckel. Bald vermuten wir Gletscher unter den Füssen und seilen uns an. Unterdessen haben sich die Wolken verdichtet, der Wind pfeift vom Feejoch her in schweren Stössen, und plötzlich peitscht uns der Sturm harte, nasse Schneekörner ins Gesicht, dass das Atmen beschwerlich wird. Wir schützen uns mit den Händen, müssen jedoch trotzdem einige Male stillstehen, weil wir nichts mehr sehen und im Nebel leicht die Richtung verlieren könnten. Dieser erste « Gruss aus den Bergen » verzieht sich nach einer Viertelstunde wieder, und wir streben erleichtert dem nun sichtbar gewordenen Egginerjoch zu.

Es lebe die Kameradschaft unter Gleichgesinnten! Aber wenn um Gottes Willen nur niemand in der Hütte ist! Die Britanniahütte hat die Freundlichkeit, leer zu sein. Nun können wir uns breit machen, uns gemütlich einrichten, den Segen der Proviantkörbe voll ausnützen und unsere durchnässten Kleider trocknen. Es beginnt das gemütliche Hüttenleben, dass sich nun während mancher Tage ziemlich gleichförmig und doch immer wieder anders vollzieht. Was wird gekocht? Nachdem jeder seine Meinung gesagt hat, entscheidet der Küchenchef nach Gutdünken und unter Berücksichtigung der vorhandenen Vorräte. Gedörrte Äpfel und Aprikosen geben zu keinen Diskussionen mehr Anlass; denn es gilt der Grundsatz, dass solche allabendlich gekocht werden. Wir pflegen gut zu leben und rechtfertigen unsere reichlichen Mahlzeiten damit, dass grosse körperliche Anstrengungen im Hochgebirge auch der nötigen kulinarischen Unterlage bedürfen. Kaum ziehen die ersten Rauchschwaden gemütlich durch die Hütte, ruft schon die Pflicht zur Revision der Ausrüstung. Es sei mir gestattet, zu unserer Ausrüstung ein Wort zu sagen.

Dieselbe war bis auf einen Gegenstand die übliche. Dieser eine Gegenstand waren die zusammenlegbaren Ski. Diese werden wohl in Alpinisten- und Skifahrerkreisen grossem Interesse begegnen, so dass darüber einiges gesagt werden soll. Unsere Ski sind eine Spezialkonstruktion unter Verwendung des italienischen Patentes « Freyrie ». Sie wurden von der Skifabrik Attenhofer in Zürich aufs beste nach unseren Angaben in verschiedenen Grossen in Hickoryholz ausgeführt. Es war uns dabei darum zu tun, Länge und Breite so auszugleichen, dass ein guter Fahrski, der zugleich leicht im Rucksack verpackt werden kann und nicht allzu schwer ist, entstand. Der so konstruierte Ski besteht aus zwei ungefähr gleich langen Stücken, welche unter dem Fuss zusammenkommen. Ich kann hier natürlich nicht die ganze Klapp-einrichtung in allen Details erklären, sondern kann nur versichern, dass der Ski absolut stabil ist und ein Versagen, Biegen oder Brechen nicht wahrscheinlicher ist als bei gewöhnlichen guten Turenski. Es ist auch, wie die Erfahrung gezeigt hat, nicht zu befürchten, dass sich an der Stelle, wo die beiden Stücke zusammenkommen, Eis bildet oder dass eine nennenswerte Bremswirkung entstehen würde. Ein Paar dieser Bretter haben wir, bevor wir uns damit ins Hochgebirge wagten, am Pizol ausprobiert und damit auch Quersprünge über Schneegwächten im weichen Frühlingsschnee ausgeführt. Bei jener Gelegenheit konnten wir auch feststellen, dass die durchschnittlich 7,5 cm breiten und etwa 1,90 m langen Bretter nur um ein ganz Geringes weniger schnell fahren als 2,30 m lange gewöhnliche Hickoryski. Um für alle Schneeverhältnisse gewappnet zu sein und gleichzeitig die Abnützung zu vermindern, liessen wir die in Skifahrerkreisen ja bereits gut bekannten schrauben-losen Messingkanten anbringen. Wie oft haben wir doch in den folgenden zwei Wochen ihr Loblied gesungen!

Der Morgen des 31. Mai zeigt einen nur leicht bewölkten Himmel. Voll guter Hoffnung fahren wir den Steilhang hinunter zum Gletscher, seilen uns an und ziehen gemütlich eine gleichmässige Spur über den Hohlaubgletscher und den Allalingletscher hinauf zum Allalinpass. Da oben werden wir auf eine so ungemütliche Art empfangen, dass unsere Rimpfischhornabsichten im dicken Nebel, der uns umhüllt, untergehen und durch den aufkommenden kalten Wind vollends weggefegt werden. Angeseilt, fahren wir gleich wie wir gekommen sind wieder hinunter, im dicken Nebel unsere schon stark verblasene Spur suchend. Wenn auch die Spalten hier nicht sehr häufig und noch gut zugedeckt sind, müssen wir doch, da wir nur eine Zweierpartie sind, recht vorsichtig sein. Campell als bewährter Slalomfahrer fährt hinten und gibt sich alle Mühe, das Seil straff zu halten. Seit recht langer Zeit haben wir diese Kunst nicht mehr geübt, aber es geht noch leidlich für den Anfang. In der Hütte angelangt, erwarten wir ungeduldig die Ankunft unserer Freunde Kaspar Escher und Hans Gyr. Verschneit und frierend kommen sie endlich mit schweren Säcken. Die Sohmfelle werden mit Universalwachs sorgfältig präpariert und auf die Ski geklebt. Tag für Tag haben wir diese klebrige Arbeit sorgfältig ausgeführt mit dem Erfolg, dass keinem von uns während 14 Tagen jemals ein Fell sich vom Ski gelöst hätte.

R in ip tisch hörn, 4203 m.

Klarer, blendender Mondschein weckt uns am Morgen des 1. Juli. Hell erleuchtet ist der Steilhang, der zum Hohlaubgletscher hinunterführt. Leichter Pulverschnee liegt auf dem Harst. Vier flinke Skifahrer machen zuerst einige steile Kehren und fahren im Schuss zum Gletscher hinunter. Scharf werfen unsere Körper ihre Schatten auf den hell erleuchteten Pulverschnee.Von Punkt 3150 müssen wir nochmals ein kleines Stück abfahren, um dann langsam ansteigend dem Allalinpass zuzustreben. Schon treffen die ersten Sonnenstrahlen die Berggipfel. Immer noch glänzt silbern der Mond, als wollte er seine Welt der Sonne nicht überlassen. Doch seine Stunde hat geschlagen; die Märchenlandschaft, die uns umgeben hat, ist Wirklichkeit geworden. Vom Pass blicken wir hinauf zu dem den steilen Firngrat krönenden Gendarm, der kühn aus dem Nordgrat des Rimpfischhorns herausragt. Gerne hätten wir unsere Bretter hinüber getragen, um auf der anderen Seite hinunterzufahren, doch scheint uns das Unternehmen bei dieser Jahreszeit im Hinblick auf die Schwierigkeit und die Länge des Grates zu gewagt. Wir wählen deshalb die normale Route.

In der windgeschützten Mulde auf der Westseite des Berges liegt prächtiger Pulverschnee. Steil schwingt sich der letzte Hang hinauf zum Nordwestgrat, von wo man einen überwältigenden Ausblick auf die Monte-Rosa-Gruppe hat. Die weissen besonnten Gipfel ragen mächtig in das dunkle Blau eines strahlenden Frühlingshimmels. Nur von Osten drückt eine massige Wolke die Ostwand des Monte Rosa hinauf. Schon scheint es, als ob sie von den höchsten Gipfeln Besitz ergreifen könnte, als der Wind auffrischt und sie wieder zurückdrängt. Schon steht das Nordend wieder frei und gegen seine Ostabstürze wütet und brandet die besiegte Wolke.

Wir legen die Ski unter die ersten Felsen, ziehen die Steigeisen an und streben dem Gipfel zu. Wir nehmen das äusserste Couloir, welches südlich des Vorgipfels endet. Dort kommen wir nicht mehr weiter, gehen etwas zurück, von wo uns dann einige Vorsicht erheischende Quergänge durch die kalte vereiste Felswand auf den rechten Weg zum Vorgipfel führen, über welchen man in wenigen Minuten den höchsten Punkt erreicht. Kühl bläst ein stetiger Südwestwind über den keinen Schutz bietenden Gipfel, und ein hartnäckiges Nebelchen setzt sich gerade ob unseren Köpfen vor die Sonne. Wir rüsten zum Abstieg.

Wie gleiten doch die Bretter herrlich durch den staubigen leichten Pulverschnee. Die Gletschermulde ist gefahrlos; wir fahren ohne Seil. Auf dem Allalinpass, den wir leicht ansteigend wieder überschreiten, liegt Windharst, ebenso auf der anderen Seite. Doch wir haben unsere Spur von heute morgen und kommen unangeseilt schnell vorwärts. Der erste schöne Tag liegt schon hinter uns.

Allalinhorn, 4034 in.

Eine hartnäckige Wolke hat ausgerechnet den Gipfel des Allalinhorns zu ihrem Standort auserkoren. Manchmal breitet sie sich aus und sendet uns dicke Nebelschwaden hinunter auf den Feegletscher, so dass wir manchmal keine drei Meter weit mehr sehen können. Gewaltige durchgehende Spalten verwehren den Aufstieg zum Feejoch. Steil schwingt sich der Hang hinauf zur grössten Querspalte. Der Pulverschnee liegt hier sehr dick und massig, so dass wir es nicht mehr wagen können, den Hang mit den Ski anzuschneiden; denn die Gefahr eines Abrutsches ist evident. Wir schnallen ab und stampfen uns in der Fallirne hinauf, mühsam bis über die Knie einsinkend. Die Spalte ist ausgefüllt, doch bildet der obere Rand eine mehr wie 10 m hohe senkrechte Eiswand. Ganz rechts scheint eine Umgehung möglich, doch müssen wir dort wieder durch recht steile unsichere Hänge. Im Feejoch stecken wir unsere Bretter ein, die Schmalseite gegen den Wind. Mit Pickel und Steigeisen steigen wir den hartgeblasenen Rücken zum Gipfel hinauf, wo die Wolke unterdessen einem kalten Wind Platz gemacht hat. Wir bedauern, die Ski nicht bis hinauf getragen zu haben; denn man könnte sehr wohl die Abfahrt gleich auf dem Gipfel beginnen. Bis unter der grossen Spalte fahren wir angeseilt. Escher und Gyr sind freundliche Kameraden! Sie bleiben angeseilt und fahren voraus, während Campell und ich das Vergnügen haben, in ihrer Spur unangeseilt im hochwinterlichen Pulverschnee zu schwelgen.

Vom Allalinpass zum Âlphubel, 4207 m.

Der Stand unseres Trainings hat sich inzwischen merklich gebessert. Wir sind nun begierig, die praktische Anwendungsmöglichkeit der zusammenlegbaren Ski auf kombinierten Fahrten zu erproben. Wir haben nur drei Paar zusammenlegbare Bretter. Ein Paar ist noch in Zermatt, da es von unseren Kameraden unmittelbar vorher im Berner Oberland gebraucht worden ist. Gyr hat seine langen Bretter mitgenommen und kommt deshalb für eine Überschreitung nicht in Frage. Kaspar Escher verzichtet ebenfalls gerne auf das Vergnügen, seine etwas zu schwer geratenen Bretter stundenlang auf dem Buckel zu schleppen. So teilen wir die Partie: Campell und ich gedenken über den Südwestgrat zum Allalinhorn und über dieses und die Feeköpfe zum Alphubeljoch zu traversieren. Dort wollen wir mit Escher und Gyr zusammentreffen, welche direkt über den Feegletscher aufsteigen wollen. Gemeinsam soll es dann über den Südostgrat ( Nollen ) auf den Alphubel gehen. Campell und ich erhalten Handicap. Seufzend winden sich die beiden andern aus den warmen Decken, als wir schon eilig den Steilhang zum Gletscher hinunterfahren.

Auf dem Allalinpass ziehen wir einen grossen Bogen nach rechts um den Südwestgrat und einen von diesem nach Westen sich hinunterziehenden Felssporn herum. Von hier führt ein steiler Firnhang zum Grat hinauf, womit man die ersten Grattürme umgangen hat. Dieser Hang wird immer steiler und härter. Die scharfen Messingkanten greifen nur noch schwach. 20 Meter weiter unten winkt freundlich einladend ein.Bergschrund. Vorsichtig gewinnen wir Tritt für Tritt. Bald stehen wir auf der ersten deutlichen Grateinsattelung. Szenenwechsel! Das erstemal auf dieser Fahrt klappen wir die Bretter zusammen. Die Klebfelle kann man dabei ruhig auf den Ski belassen. Damit das klebrige Wachs nicht den ganzen Sack verschmiert, legen wir alte Lumpen um die betreffende Stelle. Campell benützt zweckmässig einen Damenstrumpf! Übers Kreuz stecken wir die Hölzer in die Säcke und binden sie oben mit der Ruck- sackschnur zusammen. Die langen Stöcke werden mit den Tellern durch einen Lederriemen unten am Rucksackriemen und oben ebenfalls mit der Rucksackschnur angebunden. So stecken die Bretter tief und fest im Sack, und das Gewicht zieht nach unten und baumelt nicht seitlich und nicht nach hinten.

Nach einigen Meter schwingt sich der Grat steil auf und drängt uns in die Südostwand. Sie ist in schlechtem Zustand. Nur mit Mühe kommen wir um eine mit glasigem Eis überzogene Ecke. Wieder aufwärts strebend, durchstampfen wir ein steiles mit tiefem schlechtem Schnee ausgefülltes Couloir. Um den Grat wieder an jener Stelle, wo er eine Firnhaube trägt, zu gewinnen, müssen wir uns vorsichtig gebückt unter der Gwächte durch-schleichen. Wir betreten den Grat, durchstampfen den pulvrigen Kamm und lösen erwartungsgemäss ein Schneebrett. Wir stehen sicher auf dem Grat und können gemütlich zuschauen, wie es donnernd und stäubend die Südostwand hinunterstürzt.

Obwohl der Führer gegenteilig lautet, umgehen wir die nächsten Grattürme rechts in leichten Felsen. Dann ist der Weg zum Gipfel frei. Dort oben blicken wir in einen strahlenden Frühlingstag hinein. Keine Wolke steht am Himmel, und unser staunendes Auge schweift von der Dauphiné und dem Mont Blanc über sämtliche Gipfel der Schweizerberge bis tief in die österreichischen Alpen hinein. Doch ebenso gerne freuen wir uns an dem Anblick der grünen Wiesen in den tiefen Tälern. Blauer Dunst hegt dort unten. Matt glänzend ragen die deutlich sichtbaren oberitalienischen Seen daraus hervor. Heute leben wir einen Tag, dessen Pracht unauslöschlich in unserer Erinnerung weiterleuchten wird.

Im Feejoch gönnen wir uns die erste halbstündige Rast. Wir blicken zu den uns gänzlich unbekannten Feeköpfen hinüber und sind überzeugt, keine allzugrossen Schwierigkeiten anzutreffen. Die Tatsachen entsprechen unseren Erwartungen. Die Feeköpfe bieten eine hübsche anregende Gratkletterei. Nur einmal werden wir in die Ostseite abgedrängt, wo dann allerdings die Verhältnisse gute Sicherung erheischen. In einer knappen Stunde erreichen wir das Alphubeljoch, wo Escher und Gyr bereits eingetroffen sind und uns entgegenkommen und gerne wissen möchten, wie unsere Tur sich bis jetzt gestaltet hat. Doch auch sie müssen Auskunft geben, und sie erzählen, dass der Gletscher hinauf zum Feejoch stark zerschrundet sei, so dass wir über ihre Spur noch dankbar sein werden.

Wir diskutieren den weiteren Aufstieg. Der Südostgrat des Alphubel ist durchwegs Firngrat. Auf halber Höhe schwingt er sich steil auf und bildet den sogenannten « Nollen », der heute etwas ungemütlich blau aussieht. Aus der Nähe betrachtet, erscheint er schon harmloser. Wir lassen die Säcke und Bretter zurück und gehen mit Steigeisen und Pickel zum Angriff über. Campell schlägt Stufen voraus, macht sehr grosse Tritte, so dass ich immer dazwischen eine neue Stufe schlage. Kaspar und Gyr bessern aus und ergänzen die noch etwas zu hoch geratenen Tritte. So teilen wir uns in die Arbeit. Während einer guten Stunde klirren vier Pickel, und die gelösten Eissplitter springen in grossen Bogen hinunter zum Wandgletscher. Ausrutschen ist hier nicht gestattet. Die ersten Stufen, die wir machen, lassen noch etwas zu wünschen übrig. Doch bald haben wir es wieder los, den Pickel richtig zu führen und keine unnötigen oder ungezielten Schläge mehr zu machen. Weiter oben geht das Eis in Firn über, die Steilheit nimmt ab, und die Steigeisen greifen wieder. Wir kommen auf schlechten Schnee, hohl klingt es, wenn wir auftreten — Schneebrettgefahr! Wir warnen die hinter uns nachkommenden Freunde und durcheilen in der Fallirne die gefährdete Zone. Nochmals belohnt uns eine unermesslich schöne Fernsicht für unsere vom Stufenschlagen steif gewordenen Arme. Eigentlich wollten wir ursprünglich für den Abstieg die gewöhnliche Ostroute wählen, doch bei näherer Prüfung der Schneeverhältnisse ergibt sich, dass wir lieber wieder die Eiswand hinunter gehen als in dem von der heissen Mittagssonne aufgeweichten tiefen Schnee jene erste steile Stufe durchschreiten zu müssen, wo mit einem Abrutsch unbedingt gerechnet werden müsste. Dank unserer vielen und grossen Stufen gestaltet sich der Abstieg über den Nollen besser als wir vermutet haben. Leider sind die Stufen mit hinunter gerutschtem Schnee ausgefüllt und müssen daher zuerst wieder ans Tageslicht gescharrt werden.

Kaspar Escher und Gyr sind wieder liebenswürdige Bergkameraden; sie seilen sich an und fahren voraus, sich immer peinlich an ihre am Morgen so kunstvoll angelegte Spur haltend. Campell und ich haben wieder das Vergnügen, unangeseilt ihnen folgen zu können. Der Schnee auf dem Feegletscher ist unter aller Kritik. Trotz Bruch- und Windharst darf man auf einem Gletscher das Gleichgewicht nie verlieren. Es erfordert unter diesen Verhältnissen einige Anstrengung, durch den reichlich mit Spalten gesegneten Gletscher durchzukommen. Recht froh sind wir, als wir nach diesem strengen, aber um so schöneren Tag wieder gemütlich in der Hütte sitzen.

Strahlhorn, 4191 m.

Wieder ziehen wir durch mondscheinüberflutetes Märchenland an den Südwänden des Allalinhornmassivs vorbei und unter dem Bollwerk der in wenigen mächtigen Steilstufen hinunterstürzenden Ostwand des Rimpfischhorns durch hinauf zum Adlerpass, wo uns die ersten wärmenden Sonnenstrahlen einen prächtigen Tag verkünden und uns zur ersten Rast einladen. Wir lassen zurück, was wir entbehren können, und ziehen, mit den Ski an den Füssen, die vordere Partie angeseilt, über den anfangs steilen, dann breiter und flacher werdenden Rücken des Strahlhorns zum Gipfel. Wenige Minuten unter diesem lassen wir die Bretter zurück. Die Fernsicht ist heute wieder von ungeahnter Pracht. Kaspar will die tausend Gipfel alle mit Namen nennen. In edlem Wettstreit möchte jeder mit seinen geographischen Kenntnissen auftrumpfen. Campell hat dabei oft etwas Pech mit seinen Voten, besonders dann, wenn er widersprechen möchte. Lebhafte Diskussionen entstehen, bis wir endlich merken, dass wir vor lauter Bäumen den Wald respektive vor lauter Gipfeln die Schönheit der Alpenwelt nicht mehr sehen. Immer wieder kehrt der Blick staunend zurück zu der un- mittelbar vor uns sich auftürmenden Ostwand des Monte Rosa: wahrlich ein verlockendes turistisches Ziel.

Bald zwei Stunden sitzen wir schon an der warmen Sonne bei absoluter Windstille und empfinden das Glück des Augenblicks, wo alle Gedanken nur dem ungehemmten, sorglosen Geniessen hingegeben sind.

In anstrengender Fahrt über widerspenstigen Windharst erreichen wir den Adlerpass, wo die frechen Dohlen unterdessen vergeblich unsere beschwerten Habseligkeiten zu durchstöbern versuchten. Laut protestieren sie mit heiseren Stimmen gegen die Störung.

Matt glänzen die unter uns liegenden Adler- und Findelengletscher. Sulzschnee! Wir seilen an. Diesmal benützen Campell und ich die Gelegenheit, uns zu revanchieren. Es ist uns ein Vergnügen, die erste Spur durch den weichen Schnee zu ziehen. Den ersten Steilhang nehmen wir in grossem Bogen von links nach rechts. Auf der äussersten rechten Seite umgehen wir die Spalten. Auf idealem Frühlingsschnee hinterlassen wir matt glänzende Spuren. Das Seilfahren geht schon recht gut. Zwanzig Meter Seil liegen zwischen uns, immer gespannt, und doch fahren wir flüssig und schieben sogar, wo der Gletscher ungefährlich wird, kleine Schussfahrten ein. Den Gletscherbruch beim Strahlknubel umgehen wir ganz rechts. Die Passage wird eng. Slalomtechnik findet hier praktische Anwendung. Den Findelengletscher überqueren wir schief nach links, bewundern dabei das imponierende, isoliert in den Himmel hineinragende Matterhorn, suchen in der linken Randmoräne den letzten Schnee, werden jedoch wieder auf den Gletscher gedrängt und fahren das letzte Stück mit unseren Metallkanten auf dem blanken Eis des aperen Gletschers, leisten uns dabei noch einige Kehren und landen glücklich unweit des Grünsees. Nach einem gemütlichen Spaziergang zur Riffelalp fährt uns die Bahn nach siebentägiger Unterbrechung wieder hinunter in die zivilisierte Welt.

Zumsteinspitze, 4573 m — Signalkuppe, 4561 m.

Kaspar Escher hat zweifellos das gute Recht, am meisten erleichtert auf-zuseufzen, als wir unsere bis zur Belastungsgrenze beladenen Säcke auf den Tisch der geräumigen Betempshütte stellen. Gerade ist der Akademische Skiklub Stuttgart am Aufbruch, denn er zieht morgen wieder zu Tal. Freundlich macht man uns Platz und lässt uns sogar noch Proviant zurück, über den wir später dann sehr froh waren.

Am Morgen des 6. Juni legen wir unweit der Hütte unsere Ski an die Füsse und steigen im Dunkeln ohne Laterne, den eingefrorenen Spuren folgend, über das untere Plattje hinauf bis zu dem Punkte, wo die Moräne verschwindet. Den ersten Bruch des Grenzgletschers umgehen wir rechts auf der Lyskamm-seite. Noch trifft kein Sonnenstrahl die Nordwand des Lyskamms, und doch kracht es schon in den Eisbrüchen. Eisblöcke stürzen hernieder und zerschellen zu Staub. Als uns der Bruch unter diese Wand drängt, beschleunigen wir unsere Schritte und halten, sobald wir können wieder der Gletschermitte, zu. Wir halten wieder stark nach links, überwinden die folgende Steilstufe, um bei etwa 3900 m Höhe wieder die gleichmässig ansteigende Mulde zu erreichen. Plötzlich bannt ein dumpfes Krachen unsere Schritte. Obwohl wir genau wissen, dass wir hier keiner Gefahr ausgesetzt sind, horchen wir gespannt mit angehaltenem Atem nach dem bereits verklingenden Tosen. Wir blicken zurück und sehen zu unserem grössten Erstaunen, wie sich am Fuss des Lyskamms eine immer dicker werdende weisse Wolke bildet und unter dem Echo des verhallenden Donners langsam sich ausbreitend über den Grenzgletscher hinüber zum Monte-Rosa-Gletscher zieht. Unwillkürlich denken wir an jene Eislawine vom Kangchendzönga, welche der Kameramann so glänzend im Bilde festgehalten hat. Jetzt glauben wir, dass jene Eislawine eine solche Wirkung haben konnte. Wir werden nicht unterlassen, im Abstieg zu prüfen, ob die Eislawine unsere Spur gekreuzt hat.

Im Colle Gnifetti stecken wir die Bretter ein, lassen den Sack liegen und gewinnen über leichte Felsen nach insgesamt 4% Stunden den Gipfel der Zumsteinspitze, wo uns der unfreundliche Wettergott in Nebel hüllt. Eine halbe Stunde später stehen wir auf der Signalkuppe und inspizieren die dort auf 4561 m ü. M. stehende Capanna Regina Margherita, da diese Hütte für unsere späteren Pläne eine nicht unwesentliche Rolle spielen wird. Wir finden sie recht behaglich und in einem guten Zustand. Wieder stecken wir in dickem Nebel, dazu heult kräftig der Gratwind. Eine Stunde lang warten wir, doch umsonst. Um sicherer zu sein, stecken wir die Bretter in den Sack und gehen mit den Steigeisen. Es kostet uns Anstrengung, die Orientierung nicht zu verlieren. Auf etwa 4000 m wird der Nebel lichter, wir können die Ski anziehen. Wir finden unsere Spuren wieder und fahren unangeseilt. Als wir den Bruch in schnellem Tempo durchfahren, können wir zu unserer Freude konstatieren, dass keine Eisschollen sie zugedeckt haben. Um 1 % Uhr stehen wir schon wieder bei der Hütte.

Über Castor, 4230 m, und Pollux, 4094 m.

Schon ist es heller Tag, als wir am anderen Morgen den unteren Bruch des Zwillingsgletschers in Angriff nehmen. Gyr und Kaspar sind uns vorausgeeilt. Wir sehen, wie sie oben im steiler werdenden Hang die Bretter abschnallen müssen. Daraufhin wenden wir eine bereits schon früher als vorteilhaft erkannte Methode an: die Steigeisen werden über die Seehundsfelle unter der Bindung des Skis befestigt. Für den Aufstieg auf den Castor bei dem heutigen harten Schnee erweist sich diese Kombination als äusserst vorteilhaft. Es macht uns grossen Spass, durch die Spalten und Seraks einen Weg zu suchen. Wir werden bald stark nach links abgedrängt. Eine schmale, doch hart gefrorene Brücke führt uns über einen gähnenden Schlund. Noch zwei, drei Klippen müssen umgangen werden, dann ist der Weg plötzlich offen. Auf der ersten Gletschermulde treffen wir wieder auf unsere Kameraden, sie haben einen anderen Durchschlupf durch die Schrunde gefunden. Ob einem runden Buckel angelangt, stehen wir plötzlich vor einem gewaltigen unüberbrückten Schrund, der sich scheinbar durch den ganzen Gletscher zieht. Wieder werden wir gegen die Lyskammseite abgedrängt. Ganz links zeigt sich ein sicherer VIII8 Durchgang, doch sträuben wir uns dagegen, unter die eisbehangenen Wände des Lyskamms zu gehen, zu oft haben wir in den letzten Tagen die Eisschläge donnernd hinunterstürzen sehen. Schliesslich findet sich noch eine andere, weniger gefährdete Stelle. Die nächste, wohl fast 20 m breite Spalte ist so ausgefüllt, dass die beiden Wände einen stumpfen Winkel bilden, so dass man sie durchschreiten kann. Nur der obere Rand hält uns auf. Wir müssen abschnallen. Von sechs Händen geschoben, erkämpft sich der erste die Steilstufe. Kräftig zieht er am Seil, bis alle oben stehen. Nun müssen wir doch noch durch die eisschlaggefährdete Zone. Im Eilschritt durchrennen wir sie, die Blöcke einer alten Lawine umgehend.

Der weitere Aufstieg ist gegeben. Statt die Gletschermulde bis zum Grat zu verfolgen, benützen wir zweckmässig eine Spalte der Nordostflanke des Castors, um auf ihrem unteren Rand eine kleine Mulde und durch sie wenige Minuten unter dem Gipfel den Grat zu betreten. Nach 4% Stunden stehen wir bei prächtigem Sonnenschein auf dem Castor. Die Ski sind immer noch an unseren Füssen. Campell und ich versuchen noch, unter dem abschätzigen Kommentar Eschers, auf dem scharfen Firngrat, die Gratschneide zwischen den Beinen und um unser Gleichgewicht kämpfend, mit den Ski zum Schweizergipfel hinüber zu traversieren. Drüben hält uns Kaspar Escher einen Vortrag über die Grenzen sportlicher Höchstleistungen und den Anfang alpinen Blödsinns! Seine Ansicht hat entschieden viel für sich, doch hat sie vorläufig nur die gute Wirkung, eine humorvolle Stimmung zu schaffen.

Den Abstieg beginnen wir beim Westgrat, queren dann in die Flanke hinaus, die unten ihre Steilheit mindert, so dass die Bretter wieder in Funktion treten können. Noch machen wir einige steile Kehren, dann schiessen wir in grossem Bogen etwas unterhalb der Zwillingspasshöhe in die Südflanke des PoUux. In wenigen Minuten sind wir am Fusse des Südwestgrates. An verschiedenen Punkten des Südwestgrates respektive der Westflanke rücken wir, das Seil vorerst noch über die Schulter gelegt, dem Gipfel des Pollux zu Leibe. Ich halte mich an den eigentlichen Grat, Campell steigt zuerst durch ein Schneecouloir auf und trifft mich weiter oben, während Gyr und Escher noch weiter westlich einen direkteren Aufstieg durch steile Couloirs versuchen. Jene Kehlen werden jedoch immer eisiger, so dass sie schliesslich doch noch gegen unseren Grat ausweichen müssen. Wir treffen uns alle wieder vor dem deutlichen Kamin mit dem eingeklemmten Block und seilen an. Viel Schnee liegt noch in diesen schattigen Löchern, darunter kommt leider auch noch Eis zum Vorschein. Ein fast senkrechtes, gutgriffiges Felswändchen führt schliesslich zur mächtigen Firnhaube des Pollux.

Wieder auf dem gleichen Rückwege am Fuss des Pollux angelangt, stellt sich uns die Frage: Sollen wir plangemäss noch über Breithornplateau und Breithorn gehen, oder sollen wir in Anbetracht des dicken Nebels einen kürzeren Rückweg wählen? Da wir damit rechnen müssen, auf dem weitläufigen und gefährlichen Glacier de Verra den durch keinen markanten Punkt gekennzeichneten flachen Breithornpass zu verfehlen, tasten wir uns zum Schwarztor durch. Wenn nur auf dem Schwärzegletscher kein Nebel liegt! Es wäre wohl fast unmöglich durch jene Schrunde dann einen Ausweg zu finden. Je tiefer wir kommen, desto lichter wird der Nebel, der über das Schwarztor drückt. Wir halten uns leicht nach rechts. Gyr und Kaspar überlassen Campell und mir die Führung. Wir ergeifen gerne die Gelegenheit, uns für jene prächtigen Pulverschnee-Abfahrten zu revanchieren! Während ich in langsamer Fahrt die beste Route zu finden suche, fährt Campell, den Pickel in der Hand, mit sicher geführten Stemmchristianias ( gelegentlich leisten wir uns auch einen « gescherten » ) am anderen Ende des straff gespannten Seiles. Nach Überwindung einiger Spalten durchfahren wir in flüssigem Tempo eine kurze spaltenlose Mulde. Schon glauben wir, durch ein Ausweichen nach rechts eventuell das ganze Problem umgehen zu können. Doch als meine Skispitzen plötzlich in die Luft ragen und ich mich nach vorn neigen muss, um über senkrechte Eiswände in eine schaurige Schlucht zu blicken, da erkennen wir bald, dass wir falsch spekuliert haben. Die Gletschermulde geht in eine Spitze aus, wo sie von beiden Seiten mit Spaltenreihen eingerahmt ist. Wir halten auf diesen Punkt zu und befinden uns plötzlich im steilen Gletscherbruch. Der sulzige Schnee erlaubt glücklicherweise korrektes Seilfahren. Linkerhand hilft uns ein unter einem hohen Serak sich durchziehendes Band aus der ersten Verlegenheit. In der Fallirne kommen wir wieder etwa 20 m weiter. Hier läuft durch alle Querspalten hindurch eine Längsspalte gerade in der Fallrichtung des Gletschers. Wir sollten eigentlich nach rechts hinaus, doch dieser Schrund versperrt uns den Weg. Da entdecken wir eine deutliche Hasenspur! Wo der durchkommt, sollten wir auch einen Durchschlupf finden. Doch eh'wir seiner Spur folgen, raten, was dieser Hase ausgerechnet in dieser eisigen Einöde gesucht haben mag. Einer meint, er könne das nicht verstehen, Hasen hätten doch keine verdrängten Komplexe! Die Spur führt senkrecht hinunter, scheinbar gerade ins schlimmste Labyrinth. Doch plötzlich erkennen wir die Lösung. An einer Stelle lässt sich die leidige Längsspalte überschreiten, doch müssen wir drüben auf schmalem Band steil aufwärts im Treppenschritt die vorher innegehabte Höhe wieder gewinnen. Jetzt können wir endlich scharf nach rechts abbiegen und über flache Passagen unter senkrechten Seraks durch den Bruch verlassen. Bald verschwindet das Seil im Sack, und in schneidiger Fahrt auf prächtigem Sulzschnee erreichen wir die sogenannte « Schwärze ». Geschickt führt uns Kaspar von Schneefleck zu Schneefleck. Zum freudigen Abschluss des Tages führt Campell noch schnell an einer von ihm übersehenen faulen Stelle, als Schlusspunkt einer rassigen Schussfahrt, einen Salto mortale alpino vor, und unter dem Kommentar der schadenfrohen Nichtrennfahrer sucht er seine zerstreuten Sachen wieder zusammen. In gemütlichem Tempo überqueren wir den Gornergletscher, und mit dem festen Entschluss, trotz einer eventuell strahlenden Sonne morgen einen Ruhetag einzuschieben, klettern wir auf dem steilen Moränenweg zur Hütte empor.

Ruhetag 1 Kaspar Escher verlässt uns leider. Nun sind wir noch eine Dreierpartie. Wir benützen die Zeit, um unsere Ausrüstung aufs peinlichste zu revidieren. Vor dem Schlafengehen binden wir noch die Steigeisen unter die Bretter. Diesmal unterlegen wir aber Papier und Karton, da uns die Eisen Löcher in die schönen neuen Felle geschabt haben.

Die erste Überschreitung vom Nordend zum Breithorn

mit Ski.

Wir haben uns ein weites Ziel gesteckt. Die ganze mächtige Monte-Rosa-Gruppe wollen wir dem Höhenkamm nach über sämtliche Gipfel vom Nordend bis zum Breithorn traversieren. Ursprünglich planten wir, von der Gandegghütte aus beim Breithorn anzufangen und womöglich bis zum Nordend zu gelangen, wobei wir ein Biwak auf dem Silbersattel in Rechnung setzten, für den Fall, dass der Abstieg zur Betempshütte wegen der Dunkelheit nicht mehr ausgeführt werden könnte. Dieses Projekt konnte deswegen nicht in Wirklichkeit umgesetzt werden, weil es für eine führerlose Partie unmöglich war, vom Eigentümer der Gandegghütte den Schlüssel zu erhalten. So haben wir uns denn entschlossen, die ganze Sache umzudrehen, und von der Betempshütte aus beim Nordend anzufangen, wobei wir in der Capanna Regina Margherita zu übernachten gedachten, da wir es für unmöglich hielten, sämtliche Gipfel zu überschreiten und gleichentags in eine Hütte zu gelangen, da auch die Theodulhütte noch geschlossen war.

Um Mitternacht reisst uns grausam der Wecker aus dem Schlaf. Wir stürzen ans Fenster und schauen erfreut in einen schwarzblauen, sternenübersäten Himmel. Eine Stunde später klappern die Bretter und greifen girrend die Steigeisen in den steinhart gefrorenen Schnee. Schon streben wir in raschem Tempo der Satteldole zu, als wir plötzlich in dickem Nebel stehen, derweil uns der Wind um die Ohren pfeift und von Westen die Wolken im Sturmschritt nahen. Innerhalb kaum zwei Stunden hat sich das Wetter gänzlich verändert. Schon jetzt hören wir, wie weiter oben der Sturm über die Gräte des Monte Rosa tost und heult. Gyr meint zwar, es handle sich sich nur um das Zahnrad der Gornergratbahn, was jedoch in klarem Widerspruch mit dem Fahrplan steht. Kein Wetter für unsere Fahrt! Frierend nehmen wir die Steigeisen ab und reissen die Felle von den Ski. An ein Verreiben des Wachses denkt trotz kaltem Pulverschnee niemand, doch laufen die Bretter auch so nicht schlecht. Weiter unten kommen wir wieder auf Harst. Die Steilstufe vom oberen auf das untere Platt je ist so glasig hart, dass wir uns fast entschliessen, die Steigeisen anzuschnallen. Doch die Messingkanten greifen gerade noch genügend, so dass wir, seitlich rutschend, unter grosser Anstrengung durch Schmelzrinnen und eingefrorene Spuren glücklich den Steilhang überwinden. Unsere Bretter haben ihre Feuerprobe bestanden. In der zur Hütte hinunter führenden Mulde leisten wir uns noch eine kleine Hetzjagd. Campell fährt voraus und dreht mit grosser Geschicklichkeit an den unmöglichsten Stellen um die aus dem Schnee herausragenden Felsen herum. Wir heften uns an seine Skienden, so dass es zugeht wie im Film. Um 630 Uhr stehen wir schon wieder in der Hütte. Wenn auch dieser zweite Ruhetag unfreiwillig ist, so ist er doch recht willkommen.

Als wir um Mitternacht zum zweitenmal kritisch den Himmel prüfen, ziehen wieder die W°lken in schneller Bahn von Westen heran. Wir legen uns nochmals hin und schlafen tief und köstlich, bis wir durch den hellen Tag und den inzwischen blau gewordenen Himmel aufgeweckt werden. Um 515 Uhr, reichlich spät, verlassen wir die Hütte und steigen in raschem Tempo durch die bereits bekannte Gegend hinauf zur Satteidole. Der Eisbruch, der den Weg zum Silbersattel versperrt, lässt sich in der Mitte durch romantische Passagen überwinden. Den Silbersattel, 4490 m, erreichen wir nach 3s/4 Stunden um 9 Uhr. Eigentlich hätten wir um 4 Uhr hier sein sollen. Wir schnallen ab, binden die Steigeisen an die Füsse, packen die Bretter kunstgerecht in die Säcke, lassen alles liegen und wenden uns dem vergwächteten Firngrat, der zum Felsgipfel des Nordend führt, zu. Schon im Silbersattel hat ein beissend kalter Wind geblasen, auf dem Grat aber bläst er so stark, dass wir unsere Worte nicht mehr hören können.

Wärmende Sonnenstrahlen beleuchten die Ostwand des Monte Rosa. Die Westseite des Berges liegt im Schatten, und über sie heult der Sturm empor zum Grat. Hier entsteht ein grosser Temperaturwechsel. Die durch die Sonnenstrahlung erwärmte Luft steigt auf der Ostseite empor, kommt beim Grat in den kalten Wind, so dass dort dauernd Nebel entsteht, der jedoch immer wieder vom Wind nach Osten getrieben wird. Die linke Hand vor dem Gesicht, in der rechten den Pickel, steigen wir zum Nordend, 4612 m, dem schönsten Gipfel der Monte-Rosa-Gruppe empor.

Bald stehen wir wieder im Silbersattel und beraten. Vor uns steigt eine steile, etwa 150 m hohe Felswand zum Grate empor, welcher in westöstlicher Richtung über Dufourspitze und Grenzgipfel führt. Gerade über uns führt ein eingeschnittenes Couloir auf den Grat zwischen den beiden Gipfeln. Nach dem Führer soll es einen leichteren Aufstieg weiter westlich von links auf den Grenzgipfel geben, doch scheint er uns deshalb nicht ratsam, weil wir eine steile Firnrinne, welche unten in eine zur Ostwand hinunterweisende Kehle ausmündet, traversieren müssten. Wie leicht könnte uns hier der Sturm aus dem Gleichgewicht werfen, und ein geringes Ausgleiten brächte hier den sicheren Sturz über 1000 m hohe Wände. Im Couloir dagegen herrscht Windstille. Eine steile Schneekehle bringt uns zu einer glatten Platte, die uns nach rechts drängt. Doch wir müssen wieder ins Couloir hinein. Wir kommen zu einer äusserst schwierigen Stelle. Wir müssen die steile, griffarme Platte nach rechts aufwärts durchklettern. Sie ist mit glasigem Eis fast ganz überzogen. Campell lässt seinen Sack zurück und versucht, das Eis wegzuschlagen. Langsam kommen wenige Griffe und kleine Tritte zum Vorschein. Campell verschwindet bald, so dass wir nicht mehr sehen können, wie er vorwärts kommt. Langsam läuft das ordentlich gesicherte Seil durch unsere Hände. Schon sind unsere Finger steif gefroren, als wir endlich nachkommen können. Gyr nimmt seinen Sack und unsere beiden Pickel. Ich folge mit zwei Säcken. Für solche Zwecke sind die Bretter nun doch etwas zu schwer! Es ist unmöglich, beide Säcke auf den Buckel zu laden. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den zweiten Sack in die eine Hand zu nehmen und vor mich her zu schieben. Es ist mir heute noch nicht klar, wie es mir gelungen ist, mit der ganzen Ware, ohne ins Seil zu stürzen, zu Gyr hinauf zu gelangen. Oben angekommen, sehe ich zu meiner Beruhigung, dass Campell mit einem Mauerhaken eine 100 %ige Sicherung hergestellt hat. Nochmals überwinden wir eine heikle Seillänge, dann führt uns ein kleines Firngrätchen hinauf zum Kamm. Wir lassen die Säcke zurück und stehen fünf Minuten später auf der Dufourspitze, 4638 m. Wir schauen auf die Uhr und können kaum glauben, dass uns dieser kurze Aufstieg fast 2 y2 Stunden gekostet hat. Bei guten Verhältnissen dürfte man für dieses Couloir kaum mehr als eine Stunde benötigen. Eine Viertelstunde später machen wir die erste wohlverdiente Rast auf dem Grenzgipfel. Es ist 1 Uhr vorbei. Seit acht Stunden haben wir nichts mehr gegessen.

Eine hübsche Kletterei auf verschneitem Grat vermittelt den Weg nach Süden hinunter zum Grenzsattel. Nur eine einzige, etwas plattige Stelle erheischt Vorsicht. Im Grenzsattel hängt eine gewaltige Gwächte über die Ostwand hinaus. Hier bläst der Sturm wieder in unverminderter Stärke, und der Nebel drängt sich über den Grat und hüllt uns ein. Wir eilen über den sehr steilen* mit Felsen durchbrochenen Firngrat zur Zumsteinspitze, 4573 m. Mehr Schwierigkeiten haben wir hier erwartet und sind erfreut, als wir schon um 3 Uhr auf dem uns bereits bekannten Gipfel stehen. Wir haben für heute gewonnenes Spiel und erlauben uns deshalb eine kleine Rast. In gemütlichem Tempo durchschlendern wir den Colle Gnifetti und öffnen um 4 Uhr die Türe der Capanna Regina Margherita.

Zu unserer grossen Freude finden wir unter dem Herd ein hübsches Häufchen trockenes Brennholz. Zwei Tage vorher haben die Topographen hier oben gehaust und dieses Holz zurückgelassen. Kann man sich eine romantischere Hütte als diese auf 4561 m am äussersten Rande der unermesslichen Monte-Rosa-Ostwand stehende Margheritahütte denken? Fast Tag und Nacht heult der Sturm um ihr Dach und ihre Wände, und schon oft wollte er die Vermessene zur Strafe für ihren trotzigen Widerstand über die Eiswände schleudern. Es ist ihm bis heute nicht gelungen. Wir blicken zum Fenster hinaus und schauen begeistert weit, weit hinunter, wo die Gletscherbäche von allen Seiten zusammenfliessen und in der Sonne glitzernd durch die immer grüner werdenden Wiesen nach Macugnaga hinunterfliessen. Bevor wir uns schlafen legen — es ist unterdessen Nacht geworden — blicken wir nochmals zum Hüttenfenster hinaus. Draussen hat sich alles verändert. Kein Nebel hängt mehr an den Gräten, und der Wind sendet nur noch selten einen gehässigen Stoss gegen die Hüttenwand. Berge und Täler liegen schon im Dunkeln. Tief unten, wie in einer anderen Welt, tauchen winzige Lichter auf. Alles erscheint unwirklich und märchenhaft; die Dunkelheit verwischt den Sinn für die Entfernung.

Man könne auf dieser Höhe nicht mehr schlafen, haben wir allenthalben sagen hören. Man schläft sogar viel zu gut auf 4500 m Höhe! Das beweist die Tatsache, dass wir trotz unserem geladenen Tagesprogramm erst um 520 Uhr die Hütte verlassen l Die Ski im Sack überschreiten wir schnellen Schrittes die Signalkuppe, behandeln Parrotspitze, 4463 m, und Ludwigshöhe, 4344 m, als kleine Graterhebungen, lassen ohne stille zu stehen die Säcke fallen und stampfen zum Schwarzhorn, 4324 m, hinauf. Anderthalb Stunden haben diese drei Viertausender in Anspruch genommen. In Anbetracht dieser Tatsache nennen wir sie nur noch die « billigen Viertausender ». Wieder am Fusse des Schwarzhorns angelangt, legen wir die Bretter an die Füsse, lassen uns angeseilt und fahren rasch an den Fuss der weit südöstlich zurück, bereits ganz in Italien liegenden Vincentpyramide, 4215 m, die wir nicht auslassen wollen und welche wir dank unserer Metallkanten bis auf den Gipfel mit den Ski ersteigen können. Fünf Minuten lang gestatten wir uns den Genuss, in die unmittelbar vor uns sich auftürmende Ostwand zu blicken, um zum letztenmal auf dieser Fahrt ihren gewaltigen Aufbau zu bestaunen.

Als wir uns dem Lysjoch zuwenden, sehen wir eine Zweierpartie langsam zum Lyskamm hinaufstampfen. Wir lassen sie ruhig ziehen und machen unsere erste Rast, welche wir zugleich dazu benützen, die Bretter wieder einzupacken. Um 9 Uhr brechen wir auf. In kürzester Zeit holen wir die vordere Partie ein. Zu unserem grössten Erstaunen und noch grösserer Freude ist der eine von ihnen André Roch, welcher natürlich nur deshalb so langsam ging, weil er uns aufholen lassen wollte, wusste er doch, dass wir in der Gegend sein müssen. Soeben ist er von Amerika zurückgekehrt, und wir treffen ihn nun ausgerechnet auf dem Lyskamm! Trotz unserer grossen Freude dauert die Begrüssung nicht allzulange, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.

Wir eilen weiter. Ohne Halt überschreiten wir den Lyskamm-Ostgipfel, 4538 m. Der Grat ist in recht gutem Zustand. Die Gwächten sind klein, doch bläst schon seit dem frühen Morgen ein starker Wind, dessen Stösse oft kräftig an unseren aus dem Sack ragenden Brettern und Stöcken rütteln und uns nur allzugerne auf dem scharfen Grat aus dem Gleichgewicht bringen möchten. Trotzdem wir uns keine Rast erlauben können, blicken wir oft im Gehen nach Süden ins blaue Italien. Von dort leuchtet uns sattes Wiesengrün entgegen, während wir sonst von allen Seiten von Fels und Eis umgeben sind und rechts unter uns mächtige Gletscherströme zu Tale fliessen. Dieser Gegensatz bildet den hohen landschaftlichen Reiz unserer Fahrt und gibt ihr das besondere Gepräge. Genau 2% Stunden haben wir für die Überschreitung des ganzen Lyskamm vom Lysjoch zum Felikjoch, 4068 m, gebraucht.

Nun haben wir schon einen schönen Teil hinter uns, fühlen uns jedoch zu einer Rast noch nicht berechtigt, können wir doch etwas verschnaufen, während wir die Bretter auspacken und an die Füsse schnallen. Eine lange rasche Fahrt bringt uns an den Fuss des Castor, 4230 m, dessen Überschreitung sich ganz ähnlich wie das erstemal gestaltet. Wieder fahren wir im Schuss zur Südflanke des Pollux hinüber und steigen den Südwestgrat durch jenen interessanten Kamin hinauf. Vom Gipfel des Pollux, 4094 m, haben wir bei prächtigem Wetter einen guten Überblick über den nun einzuschlagenden Weg. Wir sehen die zahlreichen Spalten des Glacier de Verra, auf welchem die Route immer genau mit der Richtung der Spalten läuft. Hier kann einem nur die allergrösste Vorsicht vor schlimmen Erfahrungen bewahren. Am Fusse des Pollux machen wir die zweite Rast des heutigen Tages. Dann steigen wir, das Schwarztor rechts liegen lassend, über jene Steilstufe zum Glacier de Verra empor. Die Sonne brennt mit itaüenischer Hitze auf die Köpfe und will uns diesen langen Aufstieg noch recht sauer machen. Vom Breithornpass halten wir direkt auf den Bergschrund zu, stecken die Bretter ein und steigen das letzte Stück noch mit den Steigeisen an den Füssen zum Gipfel empor. Um %7 Uhr empfangen uns die letzten Strahlen der hinter den Bergen versinkenden Sonne auf dem letzten Gipfel unserer Fahrt, dem Breithorn, 4171 m.

Wenn unser Herz in dieser Stunde höher schlägt, so ist es nicht wegen der dünnen Luft, an die wir uns schon lange gewöhnt haben, sondern es ist die Freude über ein erreichtes, weit gestecktes Ziel. Einen letzten langen Blick werfen wir noch auf die von der Abendsonne vergoldete Spitze des Nordend, dann eilen wir hinunter zu unseren Ski. Schon hegt hier alles im Schatten; grauweiss und kalt schauen uns die Berge an. Gerne nehmen wir Abschied von ihnen. Im Schuss fahren wir über den leicht angefrorenen Schnee des Breithornplateaus. Um Zeit zu gewinnen, fahren wir ohne Seil. Vorsichtig in flüssiger Fahrt stemmen wir den Steilhang beim kleinen Matterhorn hinunter, wissen wir doch, dass hier kürzlich einer erstklassigen Partie ein tragisches Unglück zugestossen ist. Wir sehen die geschlossenen Theodul-und Gandegghütten. Wir kommen plötzlich in tiefen, faulen Schnee, was uns veranlasst, anzuseilen, um uns von dem Gefühl der Unsicherheit, welches das unverhoffte Durchsacken verursacht, zu befreien. Auf teils bereits aperem Gletscher queren wir von der linken Seite hinüber zu jenem Punkt, wo Gorner- und Theodulgletscher zusammenfliessen.

Schon schleicht die Dunkelheit stetig das Tal herauf, als wir um 8 y2 Uhr unsere Ski über die Unke Randmoräne des Breithorngletschers tragen und den 5 km langen Marsch über den Gornergletscher zur Betempshütte antreten. Auch unsere sonst so glänzend schön gewesene Fahrt muss ein dickes Ende haben I Dieser Marsch über den Gornergletscher verlangt von uns noch einen Aufwand an Kraft, der in keinem Verhältnis steht zu dem, was heute die höchsten Gipfel von uns gefordert haben. Nur kurz will ich dem Leser begreiflich machen, wie dies kam. Kaum haben wir die vom Klein Triftje, 2709 m, hinunterfliessende Moröne überquert, sind die letzten von den weissen Bergen reflektierten Lichtstrahlen einer stockdunklen, mondlosen Nacht gewichen. Wir müssen die Laterne anzünden, und dazu, um uns vor Überraschungen zu schützen, binde ich mich mit Campell ans Seil. Grosse Stücke des Gletschers sind hartes aperes Eis, so dass wir dauernd ausgleiten oder mühsam kanten müssen. So geht es auf und nieder, ohne dass wir die Bretter ausziehen können, da wieder Strecken mit weichem Schnee dazwischen liegen. Unzählige Gletscherbäche fliessen durch gänzlich durchnässten Schnee. Sogar mit den Ski versinken wir darin oft bis über die Schuhe, denn in der Dunkelheit lässt sich schlechterdings nicht immer die beste Stelle finden. Dazu versperren gewaltige, entsetzlich schmutzige Moränen den Weg und zwingen uns sogar, gelegentlich die Bretter zu tragen. Mehr als 2 % Stunden lang tappen wir im schwankenden Licht der Laterne durch diese Hölle von Moränen, Gletscherbächen, blankem Eis, eingefrorenen spitzen Steinen und weichem nassen Schnee zu den Randspalten unter der Betempshütte, 2802 m. Mit etwas Geschicklichkeit und etwas Glück finden wir den richtigen Weg. Wir können die lichtlose Hütte nicht sehen. Sogar das kleine Moränenweglein finden wir. Letzter Aufstieg!

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