Sonogno, die oberste Talgemeinde im Verzascatal

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Von Max Gschwend

Mit 2 KarlenskizzenBasel ) Wir sind bei Gordola, kurz vor Locamo, aus der heissen Magadinoebene auf schmaler Strasse durch die sonnendurchglühten Rebberge hinaufgestiegen. Nun haben wir die Höhe des Talausganges über der tiefen Mündungsschlucht, welche die senkrecht gestellten Gneisschichten durchbricht, erreicht und schreiten in den kühlen Schatten des steilen Berghanges hinein. Tief unten SONOGNO, DIE OBERSTE TALGEMEINDE IM VERZASCATAL rauschen die seltsam grünen Wasser der Verzasca. Hie und da hallen die Axtschläge von Holzhackern aus den Buschwäldern. Langsam steigt der schäumende Bergbach zur Strasse hinauf, auf der wir jetzt in das offenere Tal gelangt sind. An den Hängen kleben die kleinen grauen Häuschen, deren weissumrandete Fenster wie Augen auf die blauschimmernden Berge des Sottoceneri hinausschauen.

An kleinen, enggescharten Haufendörfchen vorüber, durch grünende Wiesen, an krüppelhaften, vielästigen Baumstöcken vorbei, durch das gedämpfte Licht in hochstämmigen Tannenwäldern und mächtigen Buchenbeständen, aber immer begleitet vom rauschenden Wildwasser, sind wir an romantischen Seitentälern vorbei vor das letzte Dörflein des Verzascatales gelangt.

Sonogno. Auf einer kleinen Terrasse, herausgeschnitten aus dem Kon-fluenzschuttkegel, geschützt vor den wildrauschenden Wassern der Verzasca und des Redortabaches, haben sich die Häuschen zusammengedrängt.

Einfache, schmucklose, graue Steinhäuser mit ebenso grauen Gneis-plattendächern stehen kunterbunt durcheinander, nur wenig Platz für die winkligen, engen Gässlein freilassend.

Die Siedlung reicht weit ins Mittelalter zurück. Schon 1411 wird Senogio, wie es damals noch hiess, erwähnt. Doch liegen seine Ursprünge sicher noch viel ferner. Die Kirche muss um 1400 herum gebaut worden sein, wie die Wandmalereien beweisen. Sie war eine Gründung der altehrwürdigen Mutterkirche zu Muralto. Doch nun verlieren sich die Ursprünge im Dunkel früherer Zeiten. Wohl lassen alte Reste keltischen Sprachgutes und somatische Eigentümlichkeiten der Bewohner darauf schliessen, dass während der Völkerwanderung und wohl schon früher keltische und vielleicht auch germanische Stämme sich in das geschützte Bergtal zurückgezogen haben. Noch auf viel grösseres Alter deuten die ursprünglichen Verhältnisse im Hausbau und in den noch heute benützten Geräten. Steintöpfe aus Lavezstein wie auch Öllampen sind zum Teil noch heute im Gebrauch. Auch die uralten Holztesseln fanden sich im Tal, neben eigenartigen Fackeln aus Birkenrinde.

Erst spät erhalten wir schriftliche Kunde vom Tal und seinen Bewohnern durch Reisende, welche das wegen seiner Unwegsamkeit und Raubtiere berüchtigte Tal besuchten. 1785 reiste Karl Viktor von Bonstetten durch den Tessin und besuchte auch das ganze Verzascatal. Seine Schilderungen über Leben und Gebräuche lassen sich mit wenig Unterschieden auch noch auf die heutige Zeit anwenden. 1835 beschrieb Stefano Franscini das Tal, 1849 Luigi Lavizzari. Doch erst gegen Ende 1800 begannen systematischere Untersuchungen durch Studer, Franzoni, Rolle, denen dann ins 20. Jahrhundert hinein mehrere andere folgten.

Überraschend für uns Fremde ist der Eindruck, den die Häuser auf uns machen. Vom als Stall benützten Höhlenraum bis zu den von italienischem Stil beeinflussten Villen finden sich alle Zwischenstufen der Hausentwicklung. Allerdings herrscht in überwiegender Mehrheit noch der sehr primitive Bau der Rauchküche im einräumigen Haus vor.

SONOGNO, DIE OBERSTE TALGEMEINDE IM VERZASCATAL Die Abgeschlossenheit des Tales wird am besten durch folgende Tatsache illustriert: Unterhalb Vogorno, wo die tiefe Schlucht des Portabaches seit alten Zeiten nur durch eine schmale Brücke überwunden werden konnte, befand sich eine starke Türe, die von den Verzascern bei Kriegszeiten oder Krankheiten, wie dem Wüten der Pest im Piano, verriegelt wurde und so den einzigen Zugang zum Tal sperrte.

Um 1875 wurde die erste fahrbare Strasse von Gordola aus ins Tal gebaut, welche bis nach Sonogno führte. Damit begannen die Leute in nähere und intensivere Berührung mit der Aussenwelt zu kommen. Doch war diese Verkehrserschliessung schon zu spät, um die überaus grosse Auswanderung nach Übersee, besonders Kalifornien, aufzuhalten. Noch heute leben mehr Sonogner in Kalifornien als im Heimatdorf, das nach der Zählung von 1941 160 Einwohner besitzt.

Charakteristisch und viele Eigenarten der Sonogner erklärend ist das Problem der Wanderung, der periodischen, saisongebundenen, sowie der dauernden Abwanderung. Die stärkste Auswanderung geschah in den Jahren vor 1870, wo die Bevölkerungszahl in wenigen Jahren sehr stark zurückging. Daneben finden wir hier ähnliche Verhältnisse, wie sie von verschiedenen Seitentälern des Wallis bekannt sind. Der Wirtschaftsbereich der Sonogner erstreckt sich im wesentlichen über drei verschiedene Zonen: die Magadinoebene, das Dorf mit den Maiensässen und die Alpen.

Unten in der Magadinoebene besitzen sie an den flankierenden Talhängen am Ausgang des Verzascatales ihre Rebberge in 200-400 m Höhe und oft in der Ebene noch Maisäcker. Um diese bewirtschaften zu können, verfügen sie über Wohnhäuser mit den nötigen Ställen und Speichern in einer der Siedlungen im Piano, so in Gordola, Tenero, Gacciuolo; sogar bis Cadenazzo und San Antonino dringen sie vor.

Der zweite Wirtschaftsbereich in ca. 900 m Höhe umfasst die Talsiedlung selbst, den « Paese », wie sie es nennen, mit den « Monti » ( Maiensässe ). Das ist die eigentliche Heimat. Hier wird die Winterfütterung für das Vieh gewonnen, aus dem Wald holt man die Laubstreue, Bau- und Brennholz. Äcker und kleine Gärten liefern den nötigen Unterhalt. Vom Wasser getriebene Mühlen zermahlen das selbstgebaute Getreide, das im Dorfbackofen familienweise zu runden Broten gebacken wird. Das von den steilen Hängen heruntergeschwemmte Erdreich ermöglicht in den Talsohlen die Anlage von Kulturen. Denn die durchschnittliche Niederschlagsmenge von ca. 160 cm fällt meist in kurzen, aber heftigen Güssen. Die Monti bevorzugen an den Steilhängen glazial herausgearbeitete Terrassen oder ziehen sich auf Moränen-untergrund in die beiden Seitentäler, die bei Sonogno sich gabeln, das Vigornesso und das Redortatal. Diese Zone weist auch die grösste Waldbedeckung auf. Zwar ist der Hochwald, wie wir ihn kennen, selten vorhanden. Immer ist er stark gemischt mit Niederholz und Gestrüpp. Das Vorherrschende aber ist der Buschwald, sowohl als Auenwald den Bächen entlang als auf Schuttkegeln und an den von einer gering mächtigen Verwitterungsdecke überlagerten Berghängen. Haselnuss, Birken, Kirschen, Ahorne und andere Holzarten wiegen in niederen Lagen vor, während im Gürtel gegen die Alpen SONOGNO, DIE OBERSTE TALGEMEINDE IM VERZASCATAL

V. Maggia

ÎN

V. Verzasca

Sonogno Gemeindegrenze gemeinsam mit der Gemeinde Frasco gangbare Pässe 6012 BRB 3. 10. 1939 zu Erlen und Alpenrosen den Hauptanteil bilden. Buchen, bis über 1500 m, und darüber Lärchen treten bestandbildend auf.

Am höchsten liegen die Alpen als dritter Wirtschaftsbereich von 1500 m ( Alpe Mugaglia ) bis 2300 m ( Alpe Barone ). Sie dehnen sich meist über der auffälligen Trogschulter aus, wo die steilen Hänge sich zurückneigen und einer sanfteren Mittelgebirgslaridschaft Platz machen. Karmulden und Terrassen, alte Zungenbecken oder die hochgelegenen Trogschlüsse der Täler sind die bevorzugten Stellen, wo sich die Alpweiden ausbreiten. Doch steigen Ziegen und Schafe, sich selbst überlassen, noch weit darüber hinaus. Die Verarbeitung von Milch in Käse und Butter, weniger auch Zieger, « ricotta » genannt, spielt hier die Hauptrolle. Was hier gewonnen wird, liefert neben dem Mais aus dem Piano und den Kastanien, welche die Sonogner meist vom Monte Ceneri holen müssen, die Nahrung für das ganze Jahr.

Zwischen diesen drei Wirtschaftsgebieten wandern die Leute ständig hin und her. Der grösste Teil der Wanderungen vollzieht sich allerdings zwischen dem Piano Magadino und dem Paese. Wohl leben ständig Leute in Sonogno, doch schwankt ihre Zahl zwischen 20 im September/Oktober, wo sich der grössere Teil der Bevölkerung im Piano oder noch auf den Monti befindet, und 140 Einwohnern im April und Mai. Im Vorfrühling sind die SONOGNO, DIE OBERSTE TALGEMEINDE IM VERZASCATAL MG.

Gemeinde Sonogno Hochwald: Buschwald fahrbare Strasse $ ständig bewohnt Monti benützt © Monti unbenutzt = Alp benütztAlp nur noch selten benützt Hill Alp unbenutzt 6012 BRB 3. 10. 1939 meisten Arbeiten im Paese oder dann schon im Piano in den Reben auszuführen. Im April kehren die Leute ins Dorf zurück und bleiben dort auch im Mai. Äcker und Gärten müssen in Ordnung gebracht werden. Im Juni beginnen sie auf die Monti zu steigen, während andere wieder in den Piano hinunter müssen, um dort nach den Reben zu sehen und das Heu einzubringen. Kaum ist dies vollendet, so ist die Heuernte auf den Monti fällig. Im Juli und August steigt das Vieh auf die Alpen hinauf, während im Piano die Ernte der Ackerfrüchte begonnen hat. Aufs neue werden die Monti im September bezogen, wo man dem Vieh die gewonnenen Vorräte verfüttert und so lange bleibt, als die Witterung es gestattet. Meist im Oktober findet man sich wieder im Paese, doch hat nun schon die Reblese im Piano begonnen, so dass erst im November die Leute langsam wieder ins Paese zurückkehren.

So verzettelt der Wirtschaftsbereich an und für sich schon ist, so stark oder noch stärker ist die Güterzersplitterung der einzelnen Familien. Die Erbgesetze und die grosse Zahl von Kindern hatten im Laufe der Zeit zur Folge, dass die Grundstücke fortwährend zerkleinert wurden. Wiesen und Äckerlein von wenigen Quadratmetern Fläche werden naturgemäss nur noch bebaut und gepflegt, wenn sie in der Nähe der Siedlungen liegen. Wir können uns leicht vorstellen, welchen Kraft- und Zeitaufwand diese Wirtschaft ver-

mil

langt und wie unrentabel sie trotz aller Intensität bleiben muss. Der Wohnsitz an verschiedenen Orten hat zur Folge, dass keiner richtig eingerichtet ist; überall ist er schmucklos, überaus einfach, oft sogar mangelhaft und schlecht. Die Familien, die sozusagen möglichst viele Kinder haben müssen, da ihnen die Mittel fehlen, Knechte zu dingen, um die weit auseinander liegenden Grundstücke zu bearbeiten, sind fast das ganze Jahr hindurch auseinandergerissen und nur während kurzen Wochen zusammen Eine grosse Arbeit lastet auf den Frauen und Töchtern. Schwerwiegend machen sich die Wanderungen, die primitiven Häuser und das Fehlen jeglicher bequemer Einrichtungen auf die hygienischen Verhältnisse bemerkbar. Dazu kommt, dass die Leute den Arzt meist erst dann rufen, wenn es fast zu spät ist und alle Hausmittelchen versagt haben.

Zu diesen Schwierigkeiten, welche zum Teil in charakterlichen und traditionellen Verhältnissen wurzeln, kommen noch jene, die in der Natur des Tales liegen: Hochwasser, starke Abspülung der Hänge, Muren, Lawinen, Waldbrände, zunehmende Vergandung von Weiden und Kulturland und ähnliche. Es fehlen heute die Hände, welche das Kulturland richtig ausnützen; noch mehr fehlen sie, wenn es gilt, den Kampf gegen die Naturkräfte selbst aufzunehmen. Nur eine rationeller betriebene Wirtschaft kann die Bevölkerung lebensfähig erhalten. Der Ertrag der Landwirtschaft und Viehzucht, welche besonders die Aufzucht von Kälbern, die im ganzen Tessin berühmt sind, bevorzugt, genügt gerade zum Leben. Das aber auch nur, weil die Ver-zascer von Natur aus genügsam und anspruchslos sind.

Ein eigenartiges Völklein ist es, das hier im abgeschlossenen Alpental, in das erst in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts Telephon und Elektrizität eingedrungen sind, sein Leben fristet. Das kleine Gemeinwesen ist patriarchalisch organisiert. An der Versammlung hat der Familienälteste die Stimme abzugeben. Die einzelnen Familien halten gut zusammen, aber gerade deshalb stehen sie auch heute noch bei der unwirtschaftlichen Familienalpung und finden sich nur mit Mühe in gemeinsamen Betrieben.

Das landschaftlich überaus reizvolle Tal mit seinen von allen Seiten herunterstürzenden Stufenwasserfällen bietet auch bei unsäglicher Anstrengung und gewaltiger Ausdauer seiner Bewohner diesen kaum das Notwendigste zum Leben. Gross ist die Gefahr, dass eine Kulturfläche nach der andern verlorengeht, weil die Leute fehlen, sie zu bewirtschaften. Alte Sitten und Gebräuche sind dem Untergang geweiht, weil sie nicht die Kraft haben, neben dem Neuen, das in das Tal eindringt, sich zu behaupten. Ein Stück alten Volkstums in eigenartiger Erhaltung, altes Kulturland, das mühsam den Alpen abgerungen worden ist, droht wieder zu verschwinden, weil die Existenzbedingungen seiner Bewohner unhaltbar geworden sind.

IUI

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