Spaghetti Robiei

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Von Richard Haller

( S.A.C. Zofingen ) 0 — erschrecken Sie nicht. Es handelt sich hier nicht um ein neues Teigwarenfabrikat mit soundsoviel Eierersatz-Zusatz, sondern es ist einfach eine kleine Bergsteigeranekdote aus den Tessiner Alpen.

Den ganzen Tag über hatten wir gegen ziemlich heftigen Wind anzukämpfen, der feine, leichte Schneeflocken vor sich hertrieb und damit jene Stimmung schuf, die ernstlich an den Winter mahnt. Es ist ein eigenartiges Bergsteigen im Spätherbst, wenn sich die Natur bereits dem Winter ergeben hat. Die graugelben Gräser wanken steif im Winde, die kleinen Wasserpfützen blinken wie Spiegelein, um klirrend einzubrechen, wenn der schwere Schuh des Wanderers darauf tritt. Der Boden entbehrt jeder Wärme, und die weissen Flocken haben es leicht, sich zu einer einheitlichen Decke zu ver- einigen. Der erste Schnee wirkt doppelt kalt auf Körper und Seele, die noch von Sonne träumt. Trotzdem — es ist eine schöne Zeit in unsern Bergen, wenn alle Zacken und Gipfel weiss überzuckert im ersten Winterkleide stehen, wenn graue Wolken ziehen und eisige Stille herrscht. Wie klein ist da der Mensch, wie einsam. Hier hörst du deinen eigenen Herzschlag.

Zu ebensolcher Zeit überquerten wir die Bocchetta della Froda, um nach der Basodinohütte abzusteigen. Wir freuten uns doppelt auf das Knistern am Herdfeuer, auf die warme Geborgenheit in der windumbrausten Unterkunft. Mit diesem Vorgefühl der kommenden Freuden wurde uns der Abstieg leicht, besonders noch, weil Alfredo in seiner humorvollen Art von seiner Grenzbesetzungszeit Erinnerungen zum besten gab.

Als die Dämmerung die kommende Nacht anzeigte und die Sicht nur noch auf die nächstliegenden Felsblöcke freiliess, schritten wir über das Brücklein der wildschäumenden Bavona der Hütte zu. Doch Grenzhütten haben ihre Tücken. Obwohl die Schweizerflagge ob dem Dache sich kaum noch an der Stange halten konnte und knatternd mit dem Winde eilte, war keine Spur von einem Wart zu sichten. Geschlossen. Bewundernd, doch missmutig starrten wir auf das bronzene Sicherheitsschloss, auf die starken Türbeschläge, die dem ganzen Eingang etwas Vornehmes gaben, uns aber sichtlich nur Ärger und Missmut abrangen. Wenn Alfredo flucht, dann flucht er richtig. Seine sonst so gutmütigen Augen kommen in ein Rollen, das nicht mehr aufzuhalten ist. Ja — so standen wir wie Bettler vor einem reichen Haus, um doch nicht eingelassen zu werden. Schade um die ganze Vorfreude, dahin der trauliche Hüttenhock mit qualmendem Stumpen und heissem Tee. Und wir hatten doch extra in Peccia Spaghetti und ein Büchslein rote Tomatenpüree gekauft!

Doch Bergsteiger wissen nicht nur Gefahren zu trotzen und schwere Rucksäcke zu schleppen, sie finden sich auch in Situationen zurecht, die nicht im Programm vorgesehen sind. So wanderten wir denn ein Stück Weges aufwärts, wo auf flachem, magerem Alpboden, umspühlt von einem Seiten- arm der Bavona, ungefähr ein Dutzend Hütten verlassen stehen. Sie sind aus Stein erbaut, einige davon aber wieder eingestürzt, und heissen Alpe Robiei. Ihr Anblick erweckte bei uns doch frohes Erwarten. Vor der grössten legten wir unsere Säcke auf eine Platte, die einem Gletschertische glich, und sondierten den Eingang. Auch hier war das sonst wackelnde Türchen mit einem Riesenschloss versperrt, das allen Druck- und Stemmversuchen standhielt. Grosser Kriegsrat, Prüfung des Gewissens, ob wir zur Einbrecherzunft absteigen oder eine Nacht schlotternd und schnupfenholend in offenem Stalle zubringen sollten. Wie wir so beratend standen, wehte der kalte Nachtwind mir eine einzelne Schneeflocke ins Gesicht, gerade an die Stelle, die am weitesten vor in die Welt guckt. Und wie Kleinigkeiten manchmal im Leben Anstoss zu grossen Entscheidungen sein können, so war das kalte Pünktlein, das sich zu einem Tropfen verwandelt hatte, dann die Ursache, warum Giovannis Taschenmessersäge einige Minuten später in dem krummen Türpfosten krächzte. Nachdem wir also die Konstruktion des Schlosses mit unsern Lampen ganz « einbrecherisch vom Fach » studiert hatten, fand der ingeniöse Alfredo sofort die verwundbarste Stelle, wo ohne grossen Schaden ein Loch herausgesägt werden konnte. Während wir so einbrecherten, trösteten wir einander über unser Tun hinweg — wir sprachen von Schadenmelden und -bezahlen, ja sogar gut bezahlen, nur nicht frieren draussen und — ohne Spaghetti bleiben.

Mit Freudengebrüll wurde nach vollbrachter Tat die Hütte betreten. Dann erwartungsvoll die erste Entdeckerfahrt unternommen, um nützliche Küchengeräte zusammenzutragen. Und was wir alles fanden! Es war wenig, aber wir kamen uns im « eigenen Heim » als Krösuse vor. In der Ecke neben dem Eingang war die Feuerstelle der Sennen mit dem drehbaren Gestell zum Aufhängen des Kessis. Die raffinierte Verstellvorrichtung wurde nur von Giovanni verstanden. Um die Herdecke herum war eine schmale, unbequeme Bank gezimmert; auf dem Boden lagen einige Melkerstühle, mit denen man, trotz ständigem Balancieren, doch hie und da am Boden sass. Der Holzvorrat war reichlich und die Pritsche mit wenigen Halmen Bergheu als Lagerstatt gerade lang genug, die müden Glieder zu strecken. Alfredo, der Glückspilz, war Entdecker einer hohen schmalen Konfitürenbüchse, die er strahlend uns entgegenhielt. Als jeder dann die Nase in die noch vorhandene Flüssigkeit gesteckt und seine eigenen Schlüsse über den Inhalt gezogen hatte, kamen wir doch notgedrungen überein, den einzigen Gegenstand, der küchenhafte Eigenschaft aufwies, sauber zu waschen und in Gebrauch zu nehmen. Als später nach der Reinigung der Boden glänzte wie reines Trompetengold, hätte kein Mensch vermutet, dass wir den frühern Inhalt als Kälbertrank oder Massagewasser für das Vieh oder noch Schlimmeres diagnostiziert hatten.

Giovanni, der sonst im zivilen Leben Handel nach aller Herren Länder treibt, sich in der Zwischenzeit mit chemischen Versuchen über Haarwasch-mittel und anderen Präparaten plagt, entwickelte erstaunliche, praktische Fähigkeiten als Heizer. Wahrlich — wenn man ihn auf seinem Melkerstuhle sitzen sah, die langen Beine bis zur Achsel angezogen, mit Kennermiene die einzelnen Späne im Feuer verteilend, dachte man an Winnetou.

SPAGHETTI ROBIEI Während die Flammen züngelnd zur Decke stiegen und spielend Lichtstreifen nach dieser oder jener Ecke warfen, herrschte andächtige Stille — jene Stille, die so beglückt und nur am knisternden Feuer aufkommt. Die kleine Hütte auf Robiei wurde so zu einem Tempel des Insichgehens, zu einem Erlebnis unvergesslicher Freundschaftsstunden.

Erst als in unserm « Küchentopf » das Wasser zu sirren begann, das heimelige Summen der übersprudelnden Bläschen den Raum wie mit Musik erfüllte, kam die Pflicht, für leibliche Genüsse zu sorgen. Wie ein priesterlicher Akt vollzog sich das Versenken der schon etwas beschädigten Spaghetti in das dampfende Wasser, dem eine Handvoll Salz die Würze gab. Nun gab 's Küchenarbeit übergenug. Alfredo schnitzte sich aus einer Schindel eine Gabel, Giovanni schnetzelte Käsbröcklein und rieb sich dazwischen die tränenden Augen, die vom Zerkleinern der Zwiebel ihre Schleusen öffneten. Unterdessen hatte ich alle Mühe, meine sprudelnde Spaghettimasse in Schach zu halten, umzurühren, mit Salz nachzudoppeln und immer wieder nach der Weichheit zu sondieren. Und — o Götter — der Moment kam, wo das kochende Wasser als milchiggraue Flüssigkeit vor der Hütte abgeschüttet werden konnte, eine Prozedur, die allerhand Geschicklichkeit erforderte, um die aalglatten Dinger zurückzuhalten. Dann wurde die Butter, die bereits fünf Tage ein Rucksackdasein geführt hatte, dazugegeben, Giovannis Käse und Zwiebeln beigemischt und als Gipfel vom Ganzen das Büchschen Püree darunter-gemengt, das der Masse einen wundervollen farbigen Anstrich gab. Hei, wie herrschte da Freude, wie glänzten die Augen, wie schnalzten die Zungen. Ein Göttermahl. Als der erste Hunger gestillt war, versicherte jeder, noch nie solche Qualität gegessen zu haben. Wir durften das ja ruhig laut sagen, unsere Frauen waren ennet dem Gotthard in weiter Ferne.

Spät in der Nacht, während meine Kameraden schliefen und ich sin-nierend das Feuer unterhielt, den springenden Funken nachschaute, den züngelnden Flammen folgte, kam mir so richtig zum Bewusstsein, wie wenig es eigentlich brauche, um glücklich zu sein. Denn wir waren heute — alle drei — ob unsern Spaghetti glückliche Kinder, wir Männer, die alle drei im Leben ihr Bündel Sorge zu tragen haben. Und es wurde mir klar an jenem Feuer, dass zum richtig Glücklichsein man nur verstehen muss, jedem Ding die Freudenseiten abzugewinnen, dass man viele solcher Lichtpunkte im Leben ganz in sich aufnehmen muss, um es reich werden zu lassen. Da hätte ich meine beiden Freunde, die auf der harten Pritsche schliefen, dankbar umarmen mögen.

Am frühen Morgen, der sich durch feuchtes Frösteln den Rücken auf und ab bemerkbar machte, noch ehe das Zwielicht des werdenden Tages durch die Mauerritzen drang, war schon reger Betrieb in der kleinen Hütte. Nach einem gekochten Kräutertee wurde die Konfitürenbüchse wieder ihrer unbestimmten Zukunft übergeben und der Feuerplatz in Ordnung gebracht. Das Heu musste nicht geschüttelt werden, denn es war zu wenig; die Mehrheit der Halme klebte an den Kleidern. Schwieriger gestaltete sich das Ver-machen des ausgesägten Loches im Türpfosten. Doch da machten sich wieder Alfredos Hobelbankkurskenntnisse in wunderbarer Weise bezahlt. Er schnitzte ein Klötzlein, genau ins Loch passend, suchte nach Nägeln, die verrostet überall in den Hütten zu finden sind, und zimmerte den Balken ganz. Darüber wurde ein Türbeschlag einer der verfallenden Hütten genagelt. Stolz durfte Alfredo von jedem Fachmann ein günstiges Urteil seines Werkes erwarten. Um aber dem Ganzen die richtige, ehrwürdige Patina des Alters zu geben, verrieb darauf Giovanni noch ein Stück von dem, was die talwärts gezogenen Kühe liegen gelassen hatten.

Als wir kurz nach dem Aufbruch wieder an der verschlossenen Basodinohütte vorbeimarschierten, wollte keiner, sie wäre am vergangenen Abend offen gewesen. Dann zogen wir drei glücklich in den werdenden Tag hinein, der verschneiten Cristallina zu.

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