Steinschlag von unten — im Sturm am Fitz Roy (Patagonien)

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Mike Schwitter, Oberwil ( AG )

Klimatische Verhältnisse Bei der ersten Umsegelung des Kap Horn, am untersten Zipfel Südamerikas, entdeckte Charles Darwin 1835 einen markanten Granitturm südlich des patagonischen Inlandeises und nannte ihn Mt. Fitz Roy. Das Massiv, zu dem dieser auffällige Berg gehört, liegt im Herzen von Patagonien auf der Höhe des 50. südlichen Breitengrades und ist somit von der geographischen Breite her mit Frankfurt vergleichbar. Da sich auf der Südhalbkugel jedoch in diesen Bereichen keine weiteren, hindernden Landmassen befinden, hat das Wettergeschehen freien Lauf, und die Luft kann sich über den Meeren reichlich mit Feuchtigkeit sättigen. Das riesige Inlandeis zeugt von den reichlichen Niederschlägen in diesem Gebiet. Östlich wird es u.a. vom Fitz-Roy-Massiv und dessen über 1000 Meter hohen Granittürmen begrenzt. Für Alpinisten bildet hier das Wetter die grösste objektive Gefahr. Während der heftigen Stürme kann der gefürchtete Westwind in den Felsscharten eine Geschwindigkeit von über 200 km/h erreichen. Die feuchte, aber auch reine Luft weist wenig Kri-stallisationskeime auf. Deshalb befinden sich oft Wassertröpfchen, die trotz starker Unterkühlung ( unter 0° C ) nicht gefrieren, sogenannte ( super cooled water droplets ), in den Wolken. Für den Alpinisten schaffen sie eine grosse Gefahr, denn beim Kontakt mit einer festen Oberfläche gefrieren diese Wassertröpfchen, wodurch eine ganze Granitwand innert Minuten von einer Eisschicht überzogen wird. Auf dieselbe Art bilden sich auch die riesigen Eispilze an den Gipfeln der patagonischen Türme.

Selbst in den Gutwetterphasen flaut der Wind nicht ab. Es ist dann jedoch nicht mehr ein Westwind, sondern ein Gradientwind, der durch den grossen Temperaturunterschied zwischen Inlandeis und Pampa erzeugt wird.

Ein Teil Besteigungsgeschichte Lionel Terray, der unumstrittene französische Extremalpinist, bezwang zusammen mit Guido Magnone nach umständlichem Anmarsch und mit der Unterstützung von sechs weiteren Alpinisten als erster am 2. Februar 1952 den 3441 Meter hohen Hauptgipfel des Fitz Roy. Diese Erstbesteigung forderte wegen der extremen Witterungsbedingungen von den Alpinisten physisch und psychisch das Äusserste.

Heute ist der Nationalpark, in dem diese begehrten Gipfel liegen, weit besser zu erreichen als zur Zeit der Erstbegeher. Ein täglicher Pendelbus von Kalafate zum argentinischen Grenzdorf El Chalten im Nationalpark befördert Touristen bis zu einem Punkt, von dem aus die Basislager in zweistündigem Marsch zu erreichen sind. In der Hosteria von El Chalten treffe ich unerwartet auf den Tömi Ulrich aus Interlaken. Vor wenigen Tagen glückte ihm zusammen mit seinem Partner Georg Hödle die erste Fitz-Roy-Begehung der Saison 1988/89. Tömi vermittelt deshalb auch gleich den Eindruck eines Patagonien-kenners. Und besonders als ich ihm von meinem Plan einer Neutour über den direkten, 1400 Meter hohen Ostpfeiler des Fitz Roy erzähle, mustert er mich kritisch und mit einigen Zweifeln in den Augen.

Patagonische Pampa, Laubwälder und Felstürme:

von links nach rechts: Cerro Torre, Torre Egger, Cerro Stanhardt, Ag. Bifida, Ag. Saint-Exupéry, Ag. Innominata, Ag. Poincenot, Cerro Fitz Roy, Pta Val de Biois, Ag. Mermoz, Ag. Guillaumet Wetterprobleme Den Dezember verbringe ich mit meinem Partner Sani, einem waschechten Bayern, und Steve, einem ruhigen Amerikaner, in einer Holzhütte im Basislager. Das Wetter hat uns festgenagelt. Die Moral sinkt und führt bald zu einem Wandel in unserer Weltanschauung. Wir warten auf gutes Wetter, aber erhoffen doch schlechtes, denn wir fürchten uns vor dem, was auf uns zukommt.

Anfang Januar bessern sich die Verhältnisse, und wir steigen zum Paso Superior auf. Dort bauen wir geräumige Eishöhlen und errichten so ein erstes Hochlager. Das Gebiet um den Pass gehört dem Kondor. Diese riesigen Neuwelt-Geier haben eine Flügelspanne von etwa drei Metern und werden oft über 10 kg schwer. An windstillen Tagen gleiten sie hoch über den Gletschern, und oft hört man, wie die Luft singt, wenn sie schnell durch ihr schwarzes Gefieder strömt.

Das Wetter ist gut, und endlich haben wir eine Chance, unser Können zu zeigen. Dieses ist aber inzwischen stark eingerostet, und uns fehlt jeglicher Biss, weshalb wir am riesigen Ostpfeiler buchstäblich . Um dennoch einen gewissen Nutzen aus der Endphase dieser stabilen Wetterlage ziehen zu können, beschliessen wir kurzfristig, einen Nachbargipfel, die Aguja Poincenot, zu besteigen. Kurz vor Ausbruch eines Sturms erreichen wir den Gipfel und ziehen uns dann so rasch wie möglich wieder ins Basislager zurück. Dort sitzen wir einmal mehr für drei Wochen fest und schauen den beinahe horizontal einfallenden Regenböen zu. Die alten Füchse sind sich einig: In diesem Jahr sind die Bedingungen besonders schlecht zum Klettern. Ende Januar ziehen alle Expeditionen erfolglos ab. Es bleiben mir die Abschiedsworte von Hans Kammerlander in Erinnerung:

Der Kondor ( Vultur Gry-phus ) ist der eigentliche ( Einheimische ) der Feisund Eisregionen Patagoniens. Dieser Neuwelt-Geier hat eine Flügelspannweite von ca.3 m und wiegt bis zu 10 kg.

blöder Berg !) Auch der Sani muss zurück zur Eisenbahn, und Steve ist schon lange verschwunden. Nun bin ich allein.

Am Fitz Roy An einem windigen Tag kreuzt ein Japaner im Basislager auf. Makoto und ich sind in kurzer Zeit eine Seilschaft. Wir wollen den Gipfel des Fitz Roy auf dem einfachsten Weg errei- chen, auf dem der Franzosen-Argentinier-Führe. Uns erwarten 10 Seillängen im kombinierten Gelände, 1 Stunde , 20 Seillängen Freikletterei mit Passagen im oberen siebten Schwierigkeitsgrad und ein Gipfeleisfeld. Ohne auf gutes Wetter zu warten, beschliessen wir, sofort zu starten.

In den folgenden vierzehn Tagen versuchen wir insgesamt achtmal, den Gipfel zu erreichen. Einmal werden wir 100 Meter unter dem höchsten Punkt im Gipfeleisfeld vom Höhensturm zum Rückzug gezwungen. Dabei klettern wir bei immer schlechter werdenden Bedingungen, und jeder ( Misserfolg ) steigert in uns die fixe Idee, uns noch näher an den abweisenden Fitz Roy heranwagen zu müssen. Am 14. Februar sind wir auf alles vorbereitet. Dies soll unser letzter Versuch sein. Wir sind bereit, alles zu geben. Das Wetter ist unerwartet gut- Sternenhimmel! Die Eisverhältnisse im Zustiegscouloir lassen aber zu wünschen übrig. Wir klettern dennoch seilfrei im bis zu 90 Grad steilen Eis. Wir kennen jeden Griff, jede Rinne und kommen souverän voran. Vor Tagesanbruch befinden wir uns bereits am Südsporn. In Wandmitte verschlechtert sich jedoch das Wetter, und der Wind nimmt zu. Dunkle Wolken fetzen am Gipfelgrat vorbei und reissen furchterregende Grimassen an der Leeseite.Verbissen klettern wir den Wolken 179 entgegen und erreichen den Pfeilerkopf in einem unglaublichen Sturm. Nebel jagt mit ungeheurer Geschwindigkeit an uns vorbei. Ein Loch öffnet sich im Nebel, und Wolken rasen vorbei. Wir sind in einem Flugzeug. Nein, auf seinem Flügel! Wir haben uns entschieden, jetzt oder nie! Vom Wahnsinn umzingelt, klettern wir weiter. Im fauchenden Höhensturm durchsteigen wir das Gipfeleisfeld. Ein Sonnenstrahl erleuchtet den Nebel über dem Gipfel und lässt einen grossen Lichtbogen entstehen. Wir sind oben! Unsere Freude verdrängt den Ernst unserer Lage für einen Augenblick. Los, weg hier! Der Wind brüllt nun mit nahezu 200 km/h in unsere Ohren. Kopfgrosse Felsbrocken werden vom Gipfelgrat weggeschleudert und verschwinden horizontal in den Wolken. Wir kämpfen um unsere Haut und drohen weggefegt zu werden. Ein Abseilen scheint undenkbar und ein Biwak unmöglich. Am Pfeilerkopf wird die Situation unberechenbar: Ich seile ab, doch die Seile verkrangeln sich zu einem riesigen Eisball. Ich kämpfe während 45 Minuten gegen den Sturm, um das Seil unter Kontrolle zu bringen und einige Meter aus dem Eisball freizubekommen.

Anschliessend lasse ich Makoto mit Hilfe des Abseilachters hinunter, der sich jedoch im vereisten Doppelseil verklemmt. Ich lenke um zur Halbmastwurfsicherung. Der Wind spielt mit dem Japaner wie mit einem Stück Papier. Plötzlich wird er von einer Böe erfasst und einige Meter hochgeschleudert, gleichzeitig Steinschlag von unten, dann ist die Böe bei mir! Makoto stürzt wieder ins Seil. Er weiss, was er zu tun hat, und hängt beim Runterlas-sen Zwischensicherungen ein, um nicht mehr so stark herumgeworfen zu werden. Nachdem er den Stand erreicht hat, seile ich am gespannten Seil ohne Probleme ab. Unsere Freude ist aber nur von kurzer Dauer. Beim Abziehen verhängen sich die Stricke. Die Wand ist mittlerweile von einer dünnen Eisschicht überzogen. An ein Hochklettern ist nicht zu denken. Ich muss das Seil 20 Seillängen über dem Gletscher abschlagen! Mit den restlichen 25 Metern geht es weiter, über ei- nen grossen Überhang hinunter, doch das Seil reicht nicht bis aufs Band. Wieder hinauf? Keine Chancen an diesem vereisten Strang. Ich hänge am verknoteten Seilende. Da, ein Riss unter dem Überhang, doch ich kann ihn nicht erreichen. Es hat mich schon immer interessiert, wie es einmal mit mir zu Ende gehen würde. Der Tod spielt mit - ein dumpfes Gefühl. Ich bin von Eis überzogen und vom Wind zerfetzt, geschlagen, aus der Traum...

Eine brüllende Böe erfasst mich von unten. Eis, Felsen und Nebel jagen vorbei. Ich werde gepackt und unter den Überhang geschleudert. Gerade noch vemag ich eine Hand in einem eisbepflasterten Riss zu verklemmen. Schnell ein Friend! Ein Blick auf meinen Mate-rialgurt lässt mich nur noch einige Eisknollen erkennen. Da, dieser Eispilz muss der 3er-Friend sein. Doch kein Karabinerschnapper lässt sich mehr öffnen. Ich verliere den Halt und stürze ins Seil. Mit Schrecken erblicke ich meinen Partner einige Meter über mir. Er glaubte, ich hätte Stand gefunden, und hatte mit Abseilen begonnen. Nun hängen wir beide in der Luft.

Der des Guarda Park Photo Mike Schwiller Weiter rechts finde ich einen feinen Riss im Überhang. Der Kampf geht weiter. Es gelingt mir nach mehreren Versuchen, mich unter den Überhang zu arbeiten und den Haarriss zu erreichen. Ich schlage einen Messerhaken, und kurz darauf hängen wir beide daran. Nun gilt es, das Seil abzuziehen! Wir haben keine Wahl und können nur hoffen, dass dieser lausige, nach oben geschlagene Haken unser Körpergewicht zu halten vermag. Wir ziehen das Seil ab. Unsere Pupillen weiten sich. Er hält!

Von hier aus ist das Band leicht zu erreichen, wenn nur keine neue Böe kommt. Wenig später ist auch dies überstanden, und wir gelangen auf die Leeseite des Fitz Roy. Die Windverhältnisse sind hier wesentlich besser. Ich finde ein altes Fixseil, dessen Mantel an mehreren Stellen stark beschädigt ist, und verknüpfe es mit unserem Seilrest. So ausgerüstet, seilen wir über den Rest der Route ab.

21 Stunden nach unserem Aufbruch erreichen wir wieder unsere Eishöhle. Unsere Freude hält sich in Grenzen, wissen wir doch, dass wir nur ganz knapp davongekommen sind.

Erfolg und Scheitern liegen in Patagonien oft zu nahe beisammen. Deshalb ist für mich jeder erfolgreich, den nicht das ( Ungetüm ), der Fitz Roy, gefressen hat.

Inhalt 181 Beat Affentranger, Kriens/Aberdeen ( GB ) in Grossbritannien 188 Nathalie und Claude Remy, Vers l' Eglise Manolo - ein Klettergenie?

196 Konrad Klotz, Zürich Die Firnfahrt Herausgeber Redaktion Schweizer Alpen-Club, Zentralkomitee; Helvetiaplatz 4, 3005 Bern, Telefon 031/433611, Telefax 031/446063.

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Erscheinungsweise Monatsbulletin in der zweiten Monatshälfte, Quartalsheft in der zweiten Hälfte des letzten Quartalsmonats.

Umschlagbild:

Eisformation auf dem Steinlimmigletscher Photo: Robert Bosch, Wallisellen 210 Jean Sesiano, Genf Ruwenzori, die Mondberge 220 Markus Aellen, Zürich Die Gletscher der Schweizer Alpen im Jahr 1988/89 Preis Abonnementspreise ( Nichtmitglieder ) für Monatsbulletin und Quartalsheft zusammen ( separates Abonnement nicht möglich ): Schweiz, jährlich Fr. 42., Ausland, jährlich Fr. 58..

Quartalsheft einzeln für SAC-Mitglieder Fr. 7., für Nichtmitglieder Fr. 10.; Monatsbulletin Fr. 2..

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Beglaubigte Auflage: 71 176 Exemplare.

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