Strömungen im Skilauf

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Von Christian Rubi

( Wengen ) Die illustrierte Zeitschrift « Die Woche » veröffentlichte am 15. August eine grössere Bilderserie, in der Cesare Maestri seine auf Sensation eingestellte Klettertechnik in zahlreichen Varianten demonstriert. Das « phänomenale » Können der « Spinne der Dolomiten » besteht im Herumpendeln in Strickleitern, die mit Hilfe von Mauerhaken und Karabinern an überhängenden Felswänden befestigt werden. Das zum Schausport gewordene hilfsmittel-technische Bergsteigen wird hier auf die Spitze getrieben. « Die Arbeit ist überaus ermüdend. Maestri weiss, wie sehr Müdigkeit die Gefahren erhöht. Deshalb ruht er sich häufig aus, wobei er Arme und Beine in die Leitern verschlingt »... und an einen syrischen Säulenheiligen des 5. Jahrhunderts nach Christi Geburt erinnert. Dem vernünftigen, für die Volksgesundheit wertvollen Bergsteigen und Bergwandern wird durch die Propagierung derartiger Klettermethoden sicher kein Dienst erwiesen.

Eine ähnliche Entwicklung wie in der « extremen Richtung » des Alpinismus tritt heute im Skilauf in Erscheinung, der vielerorts zu einem ausgesprochenen Demonstrationssport zu werden droht. Dieser wird durch einen fanatischen Verfechter in einer Reportage in der eingangs erwähnten Illustrierten vom 11. April 1955 mit allen Mitteln einer irreführenden Werbung befürwortet, während der international anerkannte Tourenskilauf, der dank seiner Einfachheit und leichten Erlernbarkeit in den letzten zwei Jahrzehnten eine riesige Ausbreitung erfahren hat, restlos abgelehnt wird. Verlangt wird dagegen eine durch den modernen Rennsport planmässig entwickelte Sondertechnik, die in einem Spezialtyp des Slaloms unter dem eisernen Zwang willkürlich eingerammter Flaggenstangen und der elektrischen Zeitmessung entstanden ist. Die Technik ist gekennzeichnet durch die Verwendung einer Gegendrehung der Schultern zur Schwungauslösung sowie ein ausgeprägtes Vor-drehen der ganzen bogeninneren Körperseite beim Passieren der Innenstange des Slalom-tors; dabei wird der Körper in den Hüften meistens auffallend stark abgeknickt. Vorlage und Tiefentlastung im Schwung sind verpönt, weil die Rücklage tempofördernd wirkt und offenbar die Abschaffung der Vertikalbewegung im Skilauf angestrebt wird. Vier an derselben Stelle aufgenommene Slalombilder von je zwei Österreichern und Schweizern sollen die Richtigkeit der skizzierten Technik und deren vorteilhafte Verwendbarkeit im allgemeinen Tourenskilauf beweisen. Praktisch zeigen sie nichts anderes als die Körperhaltung, die dem Wettkämpfer gestattet, in maximaler Geschwindigkeit auf dem denkbar kürzesten Weg an Slalomstangen oder anderen Hindernissen vorbeizurasen. Grund-, Ausgangs- und Hauptprinzip des gesamten Skilaufs ist nach der Auffassung des einseitigen Theoretikers die Gegenverschraubung des Oberkörpers. Die angepriesene Fahrart eignet sich zum bekannten Schnell- und Kurzschwingen in der Fallirne des Hanges und ganz besonders in « Slalomvertikalen = Mehrzahl ». In Österreich wird sie treffend als « Wedelschau » bezeichnet, der Engländer sagt « to tail-wag » und der Franzose « godiller ». Bunt gekleidete, « horizontlose » Skigaukler der Übungswiesen, die zur Stammkundschaft der Skilifte gehören, bedienen sich mit Vorliebe des durch unzählige Nebenbewegungen und Gestikulationen begleiteten Kurzschwingens, um die Aufmerksamkeit der bekannten Wiesenrutscher auf ihre wichtige Person zu lenken.

Wir glauben, dass es weder angezeigt noch vorteilhaft ist, den allgemeinen Gebrauchs-und Tourenskilauf nach einer einseitig entwickelten Spezialtechnik eines bestimmten Wett-kampfsektors auszurichten. Die Schwungauslösung spielt beim Skifahren, wenn wir dieses als Ganzes betrachten und nicht bloss nach der Geschwindigkeit beurteilen, keine ausschlaggebende Rolle. Das trifft um so mehr zu, als das Schwingen durch die modernen Ski-modelle auffallend stark erleichtert wird. Um das Publikumsinteresse für seine Theorie zu mobilisieren, wählte der Verfechter des Gegenschulterschwingens in der ihm für seine Zwecke zur Verfügung gestellten « Illustrierten » den aufsehenerregenden Titel: « Die schweizerische Skischultechnik und die schweren Beinbrüche... » - Weiter unten hiess es: «... bedeuten eine ernste Schädigung des Patienten, die nicht selten zu Invalidität und gar zum Tode führt... » Das klingt ganz nach fahrlässiger Tötung! « Die Woche » mit Schauerbildern von zersplitterten Knochen soll sehr gut verkauft worden sein! Weil die in sämtlichen Schweizer Skischulen gelehrte Grundtechnik mit dem heutigen Tourenskilauf breitester Volkskreise in jeder Hinsicht identisch ist, liegt uns sehr daran, zur Beruhigung der Tourenfahrer und Alpinisten festzustellen, dass in den Skischulen während der letzten vier Winter durchschnittlich auf 7024 Stunden Unterricht ein Knochenbruch registriert wurde, wobei die gefährlichen Torsionsbrüche nicht etwa die Regel, sondern eher die Ausnahme bildeten. Der sich als grosser Skipionier ausgebende Einsender der « Woche » behauptet, Hauptschuld an den allermeisten Rotationsfrakturen sei die im heutigen Tourenskilauf bei der Schwungauslösung zur Anwendung gelangende Körperdrehung im Sinne des Schwunges; durch die Schulterverschraubung in der Gegenrichtung lasse sich die Gefahr fast restlos beheben. Abgesehen von der Tatsache, dass dieser Auffassung ein offensichtlicher Irrtum oder eine unartige Verdrehung zugrunde liegt, ist allbekannt, dass sich die meisten Unfälle bei über- setztem, unkontrolliertem Tempo auf Schussfahrten und nicht beim Schwingen ereignen. Für den Rennläufer erweist sich bekanntlich das Training auf schnellen Strecken am gefährlichsten. Im temporegulierenden Slalom, wo fast ununterbrochen geschwungen wird, ist das Unfallrisiko äusserst gering. Die Konstruktion von Kausalzusammenhängen zwischen der Schwungauslösung und den Beinbrüchen beruht auf gänzlich falschen Beobachtungen und Voraussetzungen. Die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung, die über eine ausgedehnte langjährige Erfahrung verfügt, teilt diese Auffassung.

Anlässlich der Skiausbildung in einem Bergführerkurs ist uns wieder einmal so recht zum Bewusstsein gekommen, dass sich der überzüchtete Rennsport in mancher Beziehung meilenweit vom Tourenskilauf entfernt hat. Es sind zwei grundverschiedene Dinge, sich auf steilem Gletscher angeseilt mit vollem Rucksack durch ein gefährliches Spaltenlabyrinth hindurchzuwinden oder auf künstlich hergerichteter Eisbahn mit Spezialski unter den Sperberaugen von fünfzig Torwarten an hundert Slalomstangen vorbeizuflitzen. Im gegenwärtigen Zeitpunkt und Entwicklungsstadium ist eine Standortbestimmung unerlässlich. Renntraining und allgemeiner Skiunterricht streben verschiedenen Zielen zu. Der letztere vermittelt eine möglichst einfache praktisch verwendbare Gebrauchstechnik, die sich ohne allzugrossen Zeitaufwand erlernen lässt. Sie umfasst das elementare natürliche Gehen in der Ebene und am Hang, das Fahren in der Fallinie und schräg zu dieser, das Bremsen durch Abrutschen und Stemmen, das Umtreten während der Fahrt, den Stemmbogen, Parallel- und Stemmkristiania sowie etwa noch den Gelände- und Drehsprung.

Beim Gehkapitel legen wir besonderes Gewicht auf einen natürlich ausgeführten Gleitschritt, der dem Schüler das nötige Gleichgewicht und die ersten Fahrelemente vermittelt. Bei der Wahl der Körperhaltung beim Fahren stützen wir uns auf die sehr reaktionsfähige, wenig ermüdende, aufrechte Gewohnheitsstellung des Menschen beim Gehen und Herumstehen im täglichen Leben. Weil der wesentliche Bestandteil des alpinen Skilaufs natürlicherweise aus dem Fahren besteht, messen wir der Skiausbildung in diesem Unterrichtssektor eine ausserordentlich grosse Bedeutung bei. Fahren und nochmals Fahren! Wir gewöhnen den Schüler an den Ski und dessen maximale Beherrschung, an die Überwindung des falschen Instinkts, der den Körper in beständige Hang- oder Rücklage zwingen möchte, an relativ grosse Geschwindigkeiten, an die Erhaltung des Gleichgewichts in schwierigem Gelände und misslichen Schneeverhältnissen. In der Schrägfahrt kommen mit dem vorgeführten oberen Ski auch die gleichseitige Hüfte und Schulter leicht nach vorn, was den Schüler vor der « Hanglage » bewahrt. Nebst der technischen wird hier gleichzeitig einer methodischen Forderung Genüge getan. Das seitliche Abrutschen in derselben Stellung, das unserseits als wichtigste und kräfteökonomisch wertvollste Bremsart betrachtet wird, bildet eine unerlässliche Vorstufe zum Kristiania. Beim Stemmen ist alles vorzukehren, um die Lockerheit des Körpers zu erhalten und jede Verkrampfung zu vermeiden. Das einseitige Stemmen findet in erster Linie Verwendung zur Auslösung des Stemmbogens und Stemmkristianias. Meistens ist es von Vorteil, den ersteren an die Stelle des letzteren treten zu lassen. Jeder als Kristiania beendete Schwung ermüdet weniger als die bis zuletzt durchgehaltene Stemmstellung. An der Vorlage müssen wir nicht nur aus technischen, sondern ebensosehr aus methodischen und psychologischen Gründen festhalten. Ohne Vorlageschulung kommen wir nie zu einer natürlichen und restlos bequemen Fahrhaltung, die uns davor bewahrt, unter äusserster Beanspruchung der Beinmuskulator in Rücklage beständig in den Bindungs-backen zu hängen. Die Erlernung der Vorlage wird durch ein angemessenes Tiefgehen in vielen Fällen erleichtert. Beim Befahren von Bodenwellen und Mulden ist die Vertikalbewegung unerlässlich. Sie bildet einen integrierenden Bestandteil der Skitechnik. Die tiefe Stellung gelangt nur in besonderen Fällen und nie während langer Dauer zur Anwendung. Übertreibungen sind wie bei der Vorlage höchstens zu Ausbildungszwecken zu tolerieren.

Der Touren- und Pistenfahrer kann seine Route nach eigenem Ermessen wählen. Ist er ein guter und vernünftiger Taktiker, so entschliesst er sich für den Weg des geringsten Widerstandes; er zieht seine Spur lieber durch das freie Gelände als durch dichten Wald, er vermeidet allzu gefährliche Schussfahrten, weicht Hindernissen aus, kümmert sich nicht um die Stoppuhr, schwingt mit Vorliebe auf Bodenwellen und auf der Innenseite von Hohl-wegen, hält gelegentlich an, um zu verschnaufen und auszuruhen. Vielleicht liegt ihm besonders daran, technisch sauber und sturzfrei zu fahren, während er sich um die im Wettkampfsport so wichtigen Sekundenbruchteile wenig kümmert. Auf der Kandahar-, Fis-und Olympiastrecke verschreibt er sich nicht etwa der klassischen Linie; je nach Veranlagung legt er sich einen Riesenslalom zurecht, um die ihm passende Geschwindigkeit nicht zu überschreiten. Die teilweise verschiedenartige Zielsetzung im Wettkampf und allgemeinen Skilauf hat den Nichtrennfahrer veranlasst, von der Erlernung einer einzig und allein auf Tempo gerichteten Technik abzusehen.

Warum hat man sich entschlossen, im elementaren und allgemeinen Unterricht das System der Normalrotation und nicht die Gegenschulterschraubung oder beides zu lehren und zur Anwendung zu bringen? Die Stoffwahl erfolgte logisch überlegt nach den Kriterien der praktischen Verwendbarkeit, der Einfachheit und der möglichst mühelosen und leichten Erlernung. Bei der Schwungeinleitung durch Normalrotation des Oberkörpers dreht sich die ganze « Maschine Mensch-Ski » im Sinne der auszuführenden Richtungsänderung. Das ist natürlich und psychologisch bedeutend verständlicher und einleuchtender als das dem Schwung entgegengesetzte, eher ruckhafte Abdrehen der Schultern mit dem Kopf oder zwischen diesem und den Hüften, welches unruhiger wirkt, weit mehr Einzelbewegungen erfordert und uns deshalb auch leichter aus dem Gleichgewicht bringt, bis wir, was lange nicht jedermann möglich ist, auf einer sehr hohen Stufe des Könnens angelangt sind. Die Rotation ist eine Gesamt- oder Totalbewegung des Oberkörpers, die mit oder ohne « Ausholen » ausgeführt und unter Berücksichtigung der Schneewiderstände beliebig dosiert werden kann. Das « Totale » ist also nicht identisch mit Umfang oder Intensität der Drehbewegung, die zur Schwungsauslösung im Gebrauchsskilauf unter allen Umständen schnell genug ist, weniger ruckhaft auf die Beinknochen einwirkt und offensichtliche Vorteile aufweist, weshalb sie sozusagen durch alle Skischulen der Alpenländer übernommen wurde.

Wir schliessen unsere Betrachtung in der Hoffnung, dass der Skilauf sich als vernünftig betriebener, gesunder und finanziell erschwinglicher Volkssport weiter entwickle und seinem Zweck nicht durch einseitige Theoretiker, Akrobaten und ein Übermass mechanischer Transportmittel entfremdet werde. Die Propagierung des vor- und hochalpinen Skilaufs ist heute nötiger denn je.

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